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Seite 6.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung.
Nr. 33.
Von Uah und Lern. Geistliche Leute.
Wegen Falscheides und wegen Betruges wurde der katholische Pfarrer Roth im Revi⸗ sionsverfahren vor der Strafkammer in Mül⸗ hausen(Elsaß) zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung entrollte insofern ein liebliches Bild christlichen Lebens, als sich der Verurteilte und mehrere als Zeugen geladene Geistliche gegenseitig des Meineids bezichtigten.
Unverschämter Agrarier.
In dem Städtchen Friedberg, einer stcheren Domäne des bayerischen Zentrums, wo sich der liebe Herrgott lauter echter Christen erfreut, muß der„irdische“ Richter alle Augenblicke so einen echten Christen wegen gemeiner Lumpereien in Form von Milchfälschungen am Kragen packen. Nun hat so ein echter Christ auf dem Gebiete der Milchfälschung sicher für ganz Deutschland den Rekord erreicht; er hat an Arbeiter- familien für teueres Geld„Milch“ geliefert, die einen Wasserzusatz von 90 pt. aufwies, also nur 10 Teile Milch und 90 Teile Wasser! Und da besaß der unverschämte Kerl noch die Frechheit, um seine Freisprechung zu bitten, „weil ich es nicht so gemeint habe“. Der fromme Betrüger wurde zu 10 Tagen Gefängnis und noch zu 100 Mk. Geldstrafe verurteilt.
Verurteilter Schweinepfaffe.
In Reichenberg(Böhmen) hatte sich der Pfarrer Schlenz aus Christofsgrund wegen des Verbrechens der Schändung und der Ueber⸗ tretung der öffentlichen Sittlichkeit zu verant⸗ worten. Die Verhandlung wurde geheim ge⸗ führt. Schlenz spielte die Rolle der verfolgten Unschuld; er leugnete alles, was aber angestchts der klaren und bestimmten Aussagen der Mäd⸗ chen ganz nutzlos war. Schlenz suchte sich da⸗ durch reinzuwaschen, daß er behauptete, es be⸗ stehe ein„Komplott“ gegen ihn, und zwar ein sozialdemokratisches; er habe sich durch die Verbreitung des Bonifazius⸗Blattes die Feindschaft der Sozialdemokraten zugezogen. Den Kindern seien ihre Aussagen suggertert worden. Diese„suggerierten“ Aussagen waren so bestimmt, daß sich sowohl der Staats⸗ anwalt als auch der Verteidiger veranlaßt sahen, den hartnäckig Leugnenden zu ermahnen, er möge doch ein Geständnis ablegen. Schlenz leugnete jedoch weiter und als garnichts mehr half, trieb er seine freche Verlogenheit soweit, daß er sagte, er könnte ihnen entlastende An⸗ gaben machen, doch er sei durch das— Beicht⸗ siegel gebunden. Natürlich nützte ihn auch diese letzte Ausrede nichts. Er wurde für schuldig erkannt und zu fünfzehn Monaten schwerem Kerker verurteilt.
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Soziales.
Für die Kapitalisten 127 Prozent, für die Arbeiter die Schwind sucht. Im frommen Remagen am Rhein hatten sich 200 Arbeiter des Apollinarisbrunnen dem christlichen Hilfs⸗ und Transportarbeiterverbande angeschlossen. Der Vorsitzende des Verbandes war an die Direktion herangetreten mit einigen Forderungen. Wie er in einer Versammlung in Remagen berichtete, hatte die Direktion es abgelehnt, mit dem Verbande über seine Forde⸗ rungen zugunsten der nichtorganisterten Arbeiter zu verhandeln. Die von der Firma gemachten Zugeständnisse befriedigten die Arbeiter in keiner Weise. Die Füller, die fast alle an der Schwind⸗ sucht sterben, erhalten einen wahren Hungerlohn, trotzdem die Gesellschaft im letzten Jahre 127 Prozent Dividende verteilte gegen 106 Pro⸗ zent in früheren Jahren!
Man unterbandelt nur mit den „eigenen“ Arbeitern und wenn diese kommen, werden sie verprügelt. Bete fast allen Lohn⸗ bewegungen weisen die Unternehmer die Vertreter der Organisation ab mit der Begründung, daß man nur mit„unsern“ Arbeitern verhandeln will. So erging es auch dem Vertreter der Nürnberger Brauerorganisation, als er zwecks Beilegung eines Streiks in einer Brauerei
in Simmerberg im Allgäu bei der Direktion erschien; er wurde abgewiesen mit den Worten: „Wir verhandeln nur mit„unsern eigenen“ Arbeitern. Daraufhin gingen, so wird aus Nürnberg geschrieben,„unsere eigenen“ Arbeiter selbst zum Direktor und dieser packte einen von„seinen“ Arbeitern an den Ohren und mißhandelte ihn derart, daß der Arbeiter an Händen und Gesicht blutete.— Das ist die Geschichte von„unseren eigenen“ Arbeitern.
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5 Unterhaltungs Gel.
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A Sturm und Fehde. Ich sag' es frei und unumwunden: Ich sag' euch Sturm und Fehde an! Hetzt mich mit euren Schergenhunden, Nehmt mir das letzte, schlagt mir tausend Wunden— Ich habe meine Pflicht getan!
Mich schrecken nicht mehr eure Schrecken; Jetzt heißt es bei mir: drauf und dran! Not und Verderben— einerlei wir stecken Die Welt an allen ihren Ecken Mit unsres Sornes Fackeln an! Leon Holly.
In den Kerkern des Zarismus. Von einer russischen Genossin.
Tiefe und undurchdringliche Nacht umgibt sie. Stöhnend erhebt sie sich von dem klebrig nassen Fußboden, macht, mit vorgestreckten Händen vorsichtig tastend, einige Schritte vor⸗ wärts und berührt eine feuchte, kalte Wand. Dann wendet sie sich der entgegengesetzten Richtung zu und ihre Stirn stößt an die eiserne Tür. Aus Furcht, sich noch einmal zu stoßen, kauert ste auf dem Steinboden nieder, dem eine eistge Kälte entströmt. Den schmerzenden Kopf in die Hand gestützt, bemüht ste sich lange ver⸗ geblich, sich zu besinnen, wo sie sich befindet. Die kalte Dunkelheit hat sich wie lähmend um ihr Hirn gelegt. Allmählich kehrt die Erinnerung der letzten Zeit in ihr Gedächtnis zurück. Sie befindet sich in einer Strafzelle des Gefängnisses. Vor zwei Monaten hat man sie unter der An⸗ klage, sozialdemokratische Propaganda getrieben zu haben, hierher gebracht. Jene furchtbare Nacht tritt mit allen ihren Einzelheiten ihr ins Gedächtnis zurück.
Todmüde war sie abends nach Hause ge⸗ kommen, hatte sich zur Ruhe gelegt und war eben eingeschlafen. Da weckte sie der schrille Ton der Glocke, und ehe sie noch Zeit hatte, sich anzukleiden, wurde die Tür aufgebrochen, und im Nu war ihre kleine Stube von Polt⸗ zisten und Gendarmen angefüllt. Im höflichen Ton, der im lächerlichen Widerspruch zu dem räuberisch nächtlichen Ueberfall stand, erklärte ihr der Gendarmerie⸗Oberst, daß er gezwungen sei, bei ihr eine Haussuchung vorzunehmen. Schweigend, mit fest aufeinander gepreßten Lippen sah sie, wie die wilde Horde Schränke, Betten, Tische aufriß, in ihren Büchern und Briefen wühlte, die Photographien ihrer Freunde durcheinanderwarf und jeden Winkel durch⸗ stöberte. Endlich, nach mehrstündigem Suchen erklärte sie der Oberst für verhaftet. Da dringt ein gellender Schrei an ihr Ohr. Vom wüsten Treiben geweckt, war die Mutter herbeigeeilt und stand nun totenblaß an der Tür. Einen Augenblick drohte die Selbstbeherrschung sie zu verlassen, schon wankte ste, doch plötzlich raffte sie sich auf, warf den Kopf zurück und verließ hochaufgerichtet das Zimmer. Im Gefängnis erfuhr sie, daß in derselben Nacht einige hun⸗ dert Personen verhaftet waren.
Seitdem waren nun bereits zwei Monate verflossen. Zwei Monate— in langer qual⸗ voller Ungewißheit. Gestern, am Vorabend des 1. Mat, hatte sie, von überwältigenden Em⸗ pfindungen bewegt, sich auf das Fensterbrett geschwungen, ans Gitter geklammert und mit lauterhobener Stimme die Marseillaise ange⸗
stimmt. Hell und kräftig waren einige Stimmen, an denen sie ihre Freunde erkannte, eingefallen. Der Marseillaise folgte ein andres revolutionäres Lied. Plötzlich fuhr der Schlüssel rasselnd ins Schloß. Die Tür ging auf und— von wacht⸗ habenden Soldaten gefolgt— betrat der Ge⸗ fängnisinspektor die Zelle. Mit wutbebender Stimme erklärte er ihr, daß er sie für ihre un⸗ erhörte Dreistigkeit auf dreimal vierundzwanzig Stunden in Strafarrest setze. Ein verächtliches Lächeln war ihre Antwort. Sie erhob sich, schlug ihr Tuch fester um die Schultern und folgte dem voranschreitenden Aufseher. Eine Tür wurde aufgeschlossen. Eine schmale Treppe führte in gähnende Tiefe. Unwillkürlich stockte ihr Fuß, sogleich aber schüttelte ste die instinktive Furcht ab und stieg langsam die Treppe hinab. Ein eigentümlicher Modergeruch schlug ihr ent⸗ gegen. Endlich hatte sie die letzte Stufe erreicht. Die kleine Blendlaterne des Aufsehers warf einen matten Schein auf einen langen dunklen Gang. Irgendwo wurde eine Tür aufgeschlossen. Kaum hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt— fiel die Tür hinter ihr ins Schloß— sie war allein. Sie machte einige Schritte vor⸗ wärts, fuhr aber, durch den dumpfen Widerhall threr eignen Schritte erschreckt, zusammen. Darauf streckte ste sich, von Furcht und Aufregung töd⸗ lich ermattet, auf den kalten, nassen Steinboden hin und fiel in einen tiefen Schlaf.. Wie lange ste geschlafen, wußte ste nicht, ebensowenig, ob es Nacht oder Tag sei. Tiefe Grabesstille umgab sie. Die eisige Kälte, die vom Fußboden ausging, machte ihre Glteder erschauern. Plötz⸗ lich fuhr ihr ein wahnsinniger Gedanke darch den Kopf: Wie, wenn man ste hierher gebracht, um sie langsam zu Tode zu quälen? Doch in demselben Moment wies sie diesen Gedanken als unsinnig zurück. Nein, nein, das würden ste nicht wagen, ste sind ja zu feig dazu.
Da klingt ein eigentümlich hallender Ton, fast wie ein Wehklagen, an ihr Ohr. Ein freudiger Schreck durchzuckt sie— kein Zweifel, es ist die Melodie der Marseillaise! Genossen, Freunde sind in der Nähe. Also nicht allein!— Sie schluchzt vor Freude, dann beginnt sie zu rufen. Jemand antwortete ihr, es ist wie sie später erfuhr, ein bekannter Arbeiter, den man vor einigen Stunden hierher gebracht, weil er einem auf dem Gefängnishof spazterenden Ge⸗ nossen mit einem roten Tuche gewinkt und„Es lebe der 1. Mai!“ zugerufen hatte. Vom andern Ende des Ganges schallt eine zweite Stimme herüber. Mit Mühe nur kann man si verstehen. Es ist ebenfalls ein Genosse, den man hierher geschleppt hakte. Das Bewußtsein, nicht allein zu sein, Freunde in der Nähe zu wissen, läßt sie ihre Lage erträglicher finden. Fretlich ist es schwer, sich mit ihnen zu ver⸗ ständigen, weil die schwere eiserne Tür den Klang dämpft. Allmählich gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit, ste macht einige Schritte, ohne sich zu stoßen. Unzähligemal geht ste auf und ab, bis ihr der Kopf zn schwindeln beginnt, dann setzt ste sich erschöpft nieder, lehnt den Kopf an die Wand und sitzt so lange, bis die Kälte so empfindlich wird, daß ihr die Zähne aufeinander schlagen. Dann erhebt sie sich, nimmt ihren unterbrochenen Gang wieder auf, bis ste erschöpft zu Erde sinkt. Ste möchte sich wieder erheben, aber ste hat das Gefühl, daß irgend eine bleierne Schwere sie zu Boden drückt. Aus allen Ecken tauchen fratzenhafte Gestalten auf, winken ihr, greifen nach ihr, dringen mit geballten Fäusten auf sie ein. Pur⸗ purnes, brennendes Rot erfüllt ihre Zelle, hüllt ste ein— sie fühlt sich empor gehoben und stürzt mit rasender Geschwindigkeit in jähe Tiefe. Kein Schrei, nur ein dumpfes Stöhnen entringt sich ihren Lippen.—— Die Natur ist gütig.
Als ste nach einiger Zeit aus tiefer Ohn⸗ macht erwacht, empfindet ste einen brennenden Durst. Sie steht auf. Aber eine seltsame Schwäche übermannt sie, ste bricht erschöpft zu⸗ sammen. Leise stöhnend preßt ste den Kopf in beide Hände und verharrt so längere Zeit auf dem Boden zusammengekauert, unfähig etwas zu denken. Abgerissene Bilder, halbver⸗ wischte Eindrücke, Erlebtes und Gesehenes, alles erwacht mit einer Stärke, lebt in ihrer Er⸗ innerung auf, nimmt greifbare schmerzhafte


