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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
Nr. 33.
Kenntnis von Zerwürfnissen unter den Genossen des Kreises Alsfeld. Es beauftragte den Ge⸗ nossen Orb⸗Offenbach, die Verhältnisse dort an Ort und Stelle zu prüfen. Diese Prüfung ergab ganz unhaltbare Zustände und veranlaßte das Landes⸗Komitee, auf Aenderung zu dringen. Der Sekretär ist der Sache näher getreten und die Aenderung ist in die Wege geleitet.
Nach Erwähnung der Darmstädter Nach⸗ wahl schließt der Bericht: Das abgelaufene Jahr war ein arbeitsretches und für die Landesorganisation, wie insbesondere durch die um 23,6 Prozent gestiegene Mitgliederzahl ge⸗ zeigt wird, ein recht erfolgreiches Jahr!
Der Rechnungsabschluß balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 23 698 12, bei einem Kassenbestand von 747304 Mk. Für das Parteisekretariat wurden 3355 Mk. aufge⸗ wendet; die Landkalender kosteten 1862 Mark.
Das Sekretariat.
Aus dem Berichte des Parteisekretärs Ge⸗ 1 95 Dr. David sei folgendes hervorge⸗ oben:
Nachdem zu Beginn des September 1905 das Parteisekretariat in's Leben getreten war, galt es zunächst, die Einrichtungsarbeiten zu erledigen. Dabet wurden, soweit es zweckmäßig erschien, die Einrichtungen des Parteisekretariats für Hessen⸗Nassau zum Vorbild genommen. Am 1. Oktober siedelte der Parteisekretär, gemäß dem Beschluß der Alzeyer Landeskonferenz, nach Offenbach a. M., Bahnhofstr. 39, über.
Während der Monate Oktober und November konzentrierte sich die Tätigkeit des Sekretärs auf die Vorbereitung und Durchführung des Wahlkampfes zum hessischen Land⸗ tag. In 10 Wahlkreisen trat die Partei mit eigenen Wahlmännern und Kandidaten auf den Plan. In diesen Bezirken wurde im Auftrag der Landesorganisation ein umfassendes Flug⸗ blatt mit angefügtem Landtagsprogramm ver⸗ breitet und 29 Versammlungen mit den Refe⸗ renten David, Orb und Ulrich abgehalten. Weitere zahlreiche Versammlungen wurden von den Kandidaten und lokalen Kräften abgehalten. Es gelang, die beiden alten Bezirke: Isenburg⸗ Langen und Groß⸗Gerau mit glänzenden Mehr⸗ heiten zu behaupten. Der Berzirk Pfung⸗ stadt⸗Eberstadt wurde nen erobert. Der Bericht macht im Weiteren Mitteilungen über die Arbeiten des Sekretärs zur Erlangung einer Statistik über die Parteiorganisation. Er klagt darüber, daß die Fragebogen nicht mit ber wünschenswerten Pünktlichkeit einge⸗ gangen sind. Nach dem erhaltenen Matertal umfaßt die Gesamtorganisation 171 Ortsvereine mit 13772 Mitgliedern, das sind 20 Prozent
der bei der Hauptwahl im Jahre 1903 abge⸗
gebenen sozlaldemokratischen Stimmen(1903: 68 834). Das ist für ein ganzes Land mit vielen rein landwirtschaftlichen Bezirken kein ungünstiges Berhältnis.
Im Laufe der Berichtszeit wurden insgesamt 43 neue Organisationen gegründet, 6 davon entfallen auf den Kreis Gießen, 15 auf Fried⸗ berg. An Abonnenten der Parteipresse wurden 17473 ermittelt. In dieser Beziehung müsse es bedeutend besser werden. Die Genossen dürfen sich nicht verhehlen, daß Vereins mitglieder, die nicht eine vertiefende politische Bildung durch unsere Presse erhalten, keine zuverlässigen Mitkämpfer sein können. Es muß aller wärts mit aller Energie darauf hingearbeit werden, daß die nächstjährige Statistik dieses Mißver⸗ hältnis zwischen Mitgliederstand und Abonnenten⸗ stand nirgends mehr aufweist.
Bei der Beteiligung an mehreren Kreis⸗ konferenzen hat der Sekretär die Ueberzeugung gewonnen, daß die innere Organisation der Kreise eine einheitlichere Struktur gewinnen müßte. Mit der Durchführung einer Bezirks⸗ einteilung sieht es in einigen Kreisen noch sehr mangelhaft aus und es herrschen weitgehende Verschiedenheiten in der Gestaltung der Bezirke wie in den Bestimmungen über die Aufgaben der Bezirksobmänner, ihre Rechte im Kreisvor⸗ stand usw. Eine einheitlichere innere Gliede⸗ rung der Kreisorganisationen durchzuführen, ist als eine der nächsten Aufgaben an⸗ zusehen. Eine Konferenz der Kreisvorsitzenden
mit dem Parteisekretär und dem Landeskomitee müßte sich mit der Frage eines einheitlichen Kreisorganisationsstatuts befassen. Nur auf diesem Wege kann es erreicht werden, daß die guten Erfahrungen, die man in einzelnen Kreisen mit bestimmten Einrichtungen gemacht hat, auch für 11 übrigen Kreise alsbald nutzbar gemacht werden.
Schließlich beschäftigte sich der Parteisekretär noch mit der Frage, wie ein geschulter Stab von politischen Referenten für den Bezirk zu beschaffen sei. Auf die in der Parteipresse ergangene Aufforderung hin meldeten sich 45 großenteils jüngere Parteigenossen aus allen Teilen des Landes. Es wird nun beabsichtigt, an den vier Sonntagen im Oktober, Vor⸗ und Nachmittags, an zwei Hauptorten einen Refe⸗ rentenkursus für Anfänger abzuhalten. Es gilt nach allen Richtungen unsere Vorbereitungen zu treffen, um für die Reichstagswahlen von 1908 in jeder Hinsicht gerüstet zu sein. SD———
Non Nah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
— Zentrale oder lokale Partei⸗ blätter? Auf der Friedberger Kreiskonferenz am Sonntag vor 8 Tagen hat man sich sehr ausgiebig über die hessischen Preßverhältnisse unterhalten. In einer beschlossenen Resolution „wünscht die Konferenz der Frage einer Ver⸗ schmelzung der für uns in Betracht kommenden Organe zu einem Zentralorgan für Hessen bezw. Hessen⸗Nassau näher zu treten und dies bei der hessischen Landeskonferenz zu beantragen.“ Der hier ausgesprochene Gedanke ist schon alt. Vor etwa 12—15 Jahren wollte man die „Volksstimme“ zu einem Zentralblatt ausge⸗ stalten und einige andere Parteiorgane in ihr aufgehen lassen, der Plan wurde aber— glück⸗ licherweise— nicht verwirklicht und sehr bald wieder aufgegeben. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Zentralblätter für größere Bezirke nicht zweckmäßig sind, sondern daß mit lokalen Or⸗ ganen in jeder Beziehung besser gewirkt werden kann, und diese auch verhältnismäßig größere Verbreitung erzielen. Warum das so ist, wollen wir hier nicht weiter auseinandersetzen; Tatsache ist aber, daß die Genossen in Thüringen, Westfalen, Bayern ꝛc. dieselbe Erfahrung machten und Lokalblätter schufen. Merkwürdig genug bleibt ja, daß die Friedberger Konferenz sich„einstimmig“ für einen unzweck⸗ mäßigen und veralteten Vorschlag aussprach, auf den die Landeskonferenz in keiner Weise eingehen kann und wird.— In der Debatte kamen mehrere Redner auch auf die Gießener
Verhältnisse zu sprechen. Busold meinte nach
dem Berichte der„Volksstimme“:„In Ober⸗ hessen habe man mit einem nur hessischen Tage⸗ blatt keinen Erfolg. Selbst in Gießen fehlen Vorbedingungen.“ Wir achten die Meinung unseres Freundes Busold sehr; doch wird er wohl auch den Gießener Genossen die richtige Beurteilung ihrer Verhältnisse zutrauen und die Freundlichkeit haben, ihnen die Entscheidung darüber zu überlassen.
— Im Wahlverein erstattete der Vor⸗ stand am Samstag in der Generalversammlung Bericht über seine Tätigkeit. Danach hat im letzten Jahre die Mitgliederzahl erfreulich zu. genommen und beträgt jetzt 221. Das ist natürlich immer noch verhältnismäßig wenig;
viele Parteigenossen stehen der politischen Orga⸗
nisation leider noch fern. Daher muß noch viel Arbeit geleistet werden, denn wenn wir unsere Sache vorwärts bringen wollen, müssen wir über starke Organisattonen verfügen. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 344.95 Mark und eine Ausgabe von 228.07 Mark auf, es verbleibt demnach ein Kassenbestand von 116.88 Mark. Bei der Vorstandswahl wurden folgende Genossen gewählt: Volz, 1. Vor⸗ sttzender, Schupp, Kassterer, Fourier, Schrift⸗ führer, Franz und Schmidt, Beisttzer.— Hierauf wurden die Beratungsgegenstände der Landeskonferenz besprochen, wobei man sich fast allgemein gegen die vom Landeskomitee beantragte Beitragsregelung aussprach. Man wollte es bei dem bisherigen Beitrag und seiner
Verteilung belassen wissen. Als Delegierte wurden Bock und Noll gewählt. Schließlich wur de beschlossen, am 2. Sept. eine Lassalle⸗ feier in Klein⸗Linden abzuhalten.
r. Zum Streik in der Gail'schen Dampfziegelei. Den kurzen Mitteilungen über den Stand des Streiks in voriger Nummer sei noch einiges hinzugefügt. Was zunächst die Forderungen der Arbeiter betrifft, so sind dies folgende. Es werden verlangt: 1. für Arbeiter von 16—18 Jahren 20 Pfg., nach halbjähriger Tätigkeit 25 Pfg. die Stunde; 2. für Arbeiter von 18 20 9 5 26 Pfg., nach halbjähriger Tätigkeit 30 Pfg. die Stunde; 3. für alle Arbeiter über 20 Jahren 29 Pfg., nach halbjähriger Tätigkeit 34 Pfg. die Stunde. Arbeiter, die über 5 Jahre im Betriebe tätig sind, sollen für je 5 Jahre 1 Pfg. Stundenlohn mehr erhalten, seither bekamen diese/ Pfg. mehr. Für die Ofenarbeiter wird eine Erhöhung der Akkordsätze um 15 Prozent unter Wegfall der seither gezahlten 5 Prozent vom Jahres⸗ lohn, welche zu Weihnachten in Form eines Geschenks ausbezahlt wurden, verlangt. Für Ueberstunden werden 10 Prozent, für Sonntags⸗ arbeit 50 Prozent und für Nachtarbeit 25 Pro⸗ zent Zuschlag verlangt. Dies sind im Wesent⸗ lichen die Forderungen. Hiernach kann jeder Verständige leicht beurteilen ob die Forderungen übertrieben sind. Bei einigem guten Willen wäre es Herrn Gail gewiß möglich, die be⸗ scheidenen Forderungen zu bewilligen. Sein Millionen⸗Vermögen dürfte dadurch nicht in Gefahr gebracht werden. Wie bei allen Streiks sich die Liebediener des Unternehmertums als treue Schildknappen erweisen, so auch bei diesem Streik. Einige Fälle dieser Art können wir hier anführen. So leisten die bei Gail be⸗ schäftigten Proletarier von der Feder jeden Tag Streikarbeit. Die Streikenden finden es vergnüglich, wie die Herren sich als Karren⸗ schieber betätigen. Die Antreiber oder Aufseher, wie man sie nennt, legen gegen die Streikenden eine unverständliche Wut an den Tag. Einer von ihnen, Schäfer, sagte zu einigen Bauern in Hausen, wenn die Streikenden wieder bei ihm in Arbeit kämen, müßten sie arbeiten, daß ihnen das Blut unter den Nägeln vorkäme! Dieser Herr meint vielleicht wie ein afrikanischer Sklavenvogt mit den Leuten umspringen zu können, doch seine Macht wird wohl auch noch ihre Grenzen finden. Die Streikenden müssen dafür sorgen, daß solcher Uebermut und Dünkel abgekühlt wird..
— Die Tabakarbeiter haben fast in ganz Deutschland eine Aufbesserung ihrer kärglichen Löhne durchgesetzt, in Gießen dagegen geben die Herren Fabri⸗ kanten auf diesbezügliche Vorstellungen ihrer Arbeiter noch nicht mal eine Antwort. Und da sollen die Ar⸗ beiter nicht„unzufrieden“ werden?— Der Gieß. Anz. brachte am Dienstag über den Streik bei der Firma Kehl u. Gustine in Hanau eine durchaus unwahre Mit⸗ teilung, die er nicht berichtigte, trotzdem von der Leitung des Tabakarb.⸗Verb. sofort eine Berichtigung eingeschickt wurde. Der Streik bei dieser Firma wurde nach 5 wöchiger Dauer zu Gunsten der Arbeiter entschieden.
Aus dem Rreise gießen.
r. In der Bezirkskonferenz, die am Sonntag (5. Aug.) in Trohe für die Orte Wieseck, Rödgen, Trohe und Alten⸗Buseck stattfand, kam der Vorsitzende zunächst auf verschiedene Beschlüsse der vorjährigen Konferenz zurück, die nicht mit der wünschenswerten Pünktlichkeit durchgeführt wurden und hofft, daß es diesmal in dieser Hinsicht besser würde. Alsdann wurden verschiedene Anträge zur Landeskonferenz besprochen und ein solcher betr.:„Abhaltung der nächsten Landeskonferenz in nächster Nähe Gießens“ angenommen. Als Delegierter zur Landeskonferenz wurde Genosse Muhl-⸗Alten⸗Buseck gewählt. Unter Verschiedenem wurde beschlossen, es Großen⸗Buseck anheim zu stellen, dem Bezirk beizutreten. Außerdem wurde ein neues Regulativ in der Delegation zur Bezirkskonferenz beschlossen und gewünscht, daß die⸗ selbe öfters stattfinden solle. Nachdem Alten⸗Buseck wieder zum Vorort bestimmt und die alte Bezirksleitung einstimmig wiedergewählt war, wurde die gutbesuchte Konferenz mit einem Appell des Vorsitzenden und einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen.
L. Eine imposante Turnerversammlung fand am vergangenen Samstag im Saale des Gastwirs Wacker in Wieseck statt, in welcher Bezirksvertreter Noll⸗Gießen über:„Feinde der Arbeiterturnbewegung referierte. Das sehr belfällig aufgenommene Referat 991 einen Ueberblick über den Wert des Turnens für die


