Ausgabe 
19.8.1906
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 33.

unterließe, seine Tätigkeit in irgend einer Form auf politischem Gebiete fortzusetzen, würde sich damit selbst zum ständigen Mißerfolge verur⸗ teilen, weil seine Gegner, schlauer als er, seinem wirtschaftlichen Bemühen unübersteigbare Schranken der Rechtsordnung entgegenstellen würden. Es gibt Interessenverbände, die sich in der politischen Fortsetzung ihrer Tätigkeit nicht ausschließlich auf eine bestimmte Partei stützen wollen. Zu ihnen gehören der Bund der Landwirte und die verschiedenen industriellen Unternehmerverbände; von ihnen zu sagen, daß siekeine Parteipolitik treiben, ist nur in dem Sinne richtig, daß sie die Vertretung ihrer politischen Interessen nicht einer einzelnen Partei anvertrauen. Ihr Streben geht dahin, altüber⸗ kommene Parteigebilde zu einer Grundbesitzer⸗ oder Unternehmerpartei zusammenzuschweißen. In diesem Sinne treiben auch sieParteipolitik. Als Vertreter e Klasse haben sie ja auch Aussicht, bei mehr als einer bürgerlichen Partei Unterstützung zu finden.

Dagegen vertritt die Arbeitergewerkschaft die wirtschaftlichen Interessen der ausgebeuteten und unterdrückten Klasse. Die bestehende Rechts⸗ ordnung, auf deren Boden sie ihre Tätigkeit zu entfalten gezwungen ist, ist auf die Interessen ihrer wirtschaftlichen Gegner zugeschnitten. Als Gewerkschaft vermag sie nichts zu jener ein⸗ schneidenden Aenderung der Rechtsordnung bei⸗ zutragen, deren ste bedarf, um ihren Kampf mit steigendem Erfolge weiter fortzuführen. Aber ein einziger Akt der Gesetzgebung kann schwebende Fragen zu ihren Gunsten lösen, um deren Entscheidung jahrzehntelang in opfervollem Kampfe gerungen worden ist. Auf der anderen Seite ist ihren Gegnern selbst jenes Maß der Freiheit zu groß, das ihnen von der bestehenden Rechtsordnung zugeteilt ist; gegen die Versuche, es zu beschränken, ist Verteidigung wieder nur auf politischem Boden möglich. Solcher Angriff und solche Verteidigung im Interesse des wirt⸗ schaftlichen Kampfes der Arbeiter kann aber nur von einer Partei erfolgreich geübt werden, die das Gesamtinteresse des Proletariats mit zielbewußter Energie vertritt.

Der Klassenkampf des Proletariats kann also nur geführt werden durch Gewerkschaft und Partei, durch die ständige Wechselwirkung wirtschaftlicher und politischer Kämpfe. Das Verhältnis beider Zweige der Arbeiterbewegung kann nur immer enger werden, je mehr sich der Klassenkampf seinem Ziele nähert, die Wirt⸗ schaft völlig der proletarischen Politik zu unterwerfen. In allen Entschei⸗ dungsschlachten müssen sich Partei und Gewerkschaft zusammenfinden. Beider Aufgaben enden nur mit dem Ende der kapitalistischen Wirtschaft, der Aufhebung der Klassenunterschiede, beider Interesse ist es, ihre Funktion restlos zu erfüllen und das Endziel der gesamten proletarischen Bewegung zu er⸗ reichen. So notwendig, auch oh ne polizeiliche Bevormundung, die Arbeitsteklung zwischen beiden ist, so notwendig ist, auch trotz polizei⸗ licher Bevormundung, das ständige Aneinander⸗ anpassen und die schließliche Ar beitsver⸗ einigung beider. Der Weg der Gewerkschaft geht also nicht immer weiter von der Partei weg, sondern immer näher zur Partei hin.

Eine Gewerkschaft kann nichtneutral sein in dem Sinne, daß sie sich zu allen Fragen der Politik gleichgiltig verhielte; denn das hieße für sie sich zu ihren eigenen Existenz⸗ bedingungen neutral verhalten. Sie kann auch nicht den verschiedenen politischen Parteien gegenüber neutral sein; denn sie kann die Parteien, die ihr die Erfüllung ihrer Auf⸗ gaben erschweren, nicht gleichstellen mit anderen Parteien, die ihr ihre Tätigkeit erleichtern. Sie, die für die Gleichberechtigung der Arbeiterschaft und des Unternehmertums im Fabrikbetriebe kämpft, die den Arbeitnehmer lehrt, als Gleich⸗ berechtigten und sich gleich Fühlenden mit dem Arbeitgeber zu verhandeln, kann nicht gleiches Wohlwollen hegen für Parteien, die auf poli⸗ tischem Gebiete den Grundsatz der Gleichheit vertreten, und andere Parteien die das alte Prinzip der Untertänigkeit in irgend einer Form zu erhalten oder durchzuführen suchen. Da⸗ rum muß es immer die Aufgabe der Gewerk⸗

schaften sein, ihre Mitglieder die politischen Freunde und die politischen Gegner der Arbeiter⸗ gewerkschaften kennen zu lernen.

Der Begriff der politischen Neutralität, auf die gewerkschaftliche Tätigkeit angewendet, kann also nur so verstanden werden, daß die Gewerk⸗ schaft erstens die Grenzen, die ihr durch die notwendige Arbeitsteilung zwischen ihr und der Partei gesetzt sind, respektiert, und daß ste zweitens die Aufnahme von Mitgliedern nicht abhängig macht von deren politischem Bekenntnis. Denn die Pflichten des Gewerkschafters sind andere als die des Parteimannes. Der Ge⸗ werkschafter verpflichtet sich zu einem bestimmten Handeln, das im nächstliegenden Interesse der Arbeiter notwendig ist, und kann zu diesem wirtschaftlichen Handeln auch durch eine gewisse wirtschaftliche Pression angehalten werden. Pflicht des Parteimannes dagegen ist es, poli⸗ tische Ueberzeugungen zu vertreten und zu propa⸗ gieren, und zur Erfüllung dieser Pflicht kann ihn nur freiester Entschluß, nicht wirtschaftlicher Zwang bestimmen. Die Gewerkschaft kann und muß tolerant sein gegenüber abweichenden poli⸗ tischen Ueberzeugungen ihrer Mitglieder in diesem Sinne übt ste Neutralität, denn ste kann Ueberzeugung nur wieder mit Ueberzeugung, nicht aber mit den Mitteln gewerkschaftlicher Disziplin bekämpfen ste kann aber nicht tolerant sein gegenüber Handlungen, die ihre wirt⸗ schaftlichen Absichten durchkreuzen. Nicht der Christliche, nicht derFreistunige, sondern der Disziplin⸗ und Streikbrecher ist ihr Feind.

Politische NRundschau. Gießen, den 16. August 1906.

Hungersnotpreise.

Fortwährend befinden sich die Preise der notwendigen Lebensmittel im Steigen. Besonders die Fleischpreise sind für wentger Bemittelte fast unerschwinglich geworden; sie verzeichnen im Monat Juli eine weitere Steigerung. Nach derStatist. Korresp. stellten sich die Preise pro Kilogramm in Pfennigen:

Rind⸗ Rind⸗ Schweine- Kalb⸗Hammel⸗

fleisch fleisch fleisch fleisch fleisch Speck 1. Sorte 2. Sorte

Juli 1906 1, ee s i e ,,,. Juli 1905 150 12 15, 152 150 170

Es ist danach nur bei Speck ein Rückgang um 1 Pfennig gegen den Juni eingetreten, während auch Speck gegen das Vorjahr noch um 13 Pfennig gestiegen ist. Alle Fleischsorten zeigen eine Zunahme, die bei Schweinefleisch 5 Pfennig gegen den Vormonat ausmacht. Selbst Hammelfleisch ist wieder gestiegen. Trotz⸗ dem werden gewisse Kreise fortfahren, die Fleisch⸗ not zu bestreiten und das baldige Ende der Teuerung zu prophezeien.

Neue Massenmord⸗Instrumente.

Ein neues Schnellfeuergeschütz ge⸗ langt bei der deutschen Marine zur Einfüh⸗ rung. Die bisher auf den kleinen Kreuzern als Anti⸗Torpedowaffe und auch zur arttlle⸗ ristischen Armierung der Torpedoboote benutzte 5 Zentimeter⸗Schnellfeuerkanone von 40 Kalibern Rohrlänge wird in Zukunft durch die 5,2 Zenti⸗ meter⸗Schnellfeuerkanone von 55 Kalibern Rohr⸗ länge ersetzt werden. Auch das viel benutzte 3,7 Zentimeter⸗Maschinengeschütz kommt mehr und mehr in Wegfall. Es wird gerühmt, die Tragfähigkeit des neuen Geschützes sei erheblich größer und die Zielstcherheit wesentlich besser. Selbstverständlich verursacht die Einführung der neuen Kanone wieder ungeheure Kosten. Und bald wird eine noch bessere aufkommen und 11075 Millionen kosten, die dem Volke abgepreßt werden.

Die reiche Kauonenkönigin und hohe Herren.

DasBochumer Volksblatt erzählte dieser Tage folgende Begebenheit:

Vor einigen Tagen kam die Frau Krupp hei Gelegenheit eines Besuches der Kolonie Altenhof in das Häuschen eines Penstonärs.

Es entspann sich dann zwischen der Frau Krupp

und der Frau des Penstonärs, nachdem man über das Wetter geplaudert hatte, nachfolgendes Zwiegespräch:

Pensionärsfrau: Frau Krupp, was sind Sie aber doch reich!

Frau Krupp: Denken Sie, es wäre denn so gewaltig, wie man annimmt?

Penstonärsfrau: O ja, Sie haben doch soviel Einkünfte.

Frau Krupp: Liebe Frau, der beste Brunnen läßt sich ausschöpfen, wenn hohe Herren kommen und schöpfen. Was mögen das für hohe Herren sein, die

diesen gutgefüllten Brunnen ausschöpfen können?

Wie Staatsgelder verpulvert werden.

Für die Entsendung eines Kammerjägers nach Samoa hat Gouverneur Dr. Solf einen Reichszuschuß von nicht weniger als 12 000 Mk. bewilligt. Wie das Berl. Tagebl. jetzt behauptet, ist der nach der fernen Kolonie für eine außer⸗ ordentlich hohe Summe entsandteExperte zum Studium der Rattenplage ein Berliner, ein Herr Rittershofer, der in der Reichshauptstadt ein chemisches Laboratorium und eine Kammer⸗ jägerei unterhält. Also ausgerechnet von Berlin aus mußte man sich einenExperten für Rattenvernichtung kommen lassen! Sollte es, so fragt das Blatt mit Recht, nicht möglich gewesen sein, aus Sidney oder Adelaide(Austra⸗ lien), wo doch auch eine Rattenplage besteht und zweifelsohne erfahrene Kammerjäger vor⸗ handen sein werden, eine geeignete Persönlichkeit herbeizuholen?

Wahlrechtsraub⸗Pläue.

Im Verlage der Gehestiftung in Dresden

ist eine Flugschrift von Petermann erschienen, die an Stelle des allgemeinen Wahlrechts ein berufsständisches setzen will, wie es von den Konservativen und den Stöckerleuten ver⸗ langt wird. Dieses berufsständische Wahlrecht würde dann natürlich so ausgestaltet werden, daß die Masse der Lohnarbeiter in eine Minori⸗ lätsgruppe zusammengepreßt und denbesitzenden und gebildeten Ständen, vornehmlich den Junkern, auf ewig die Herrschaft über den Staat gesichert würde. Die Schrift des Herrn Petermann wird daher auch bereits imTag von dem konservativen Junker Dietrich v. Oertzen sehr sympathisch besprochen. Herr v. Oertzen ist kein Unmensch; er will gnädigst noch die Reichstagswahlen von 1908 abwarten. Sollten die Kerls bis dahin Räson annehmen und statt der roten Umstürzler lauter ostelbische Ritter⸗ gutsbesitzer wählen, so soll dem Reichstags⸗ wahlrecht noch Pardon gegeben und alles ver⸗ ziehen und vergessen sein. Wenn aber die Sozialdemokratie weiter zunimmt bis zu einem Punkt, daß keine Regierung länger mit dem von ihr beherrschten Reichstag regieren kann, dann muß eben das Vaterland gegen die Partei gerettet und die Verfassung geändert werden. Wie die Verfassung nach den Wünschen des Herrn Dietrich v. Oertzen geändert werden kann, wenn nicht er, sondern die Sozialdemo⸗ kratie den Reichstag beherrscht, verrät er leider nicht; man muß sich an Herrn v. Oldenburgs Rede überKrummstock und Säbel ertunern, um die Lösung des Rätsels zu finden. Herr Oertzen fordert ganz einfach zum gewalt⸗ samen Umsturz auf, und weun er diese Aufforderung im gegebenen Augenblick wieder⸗ holt, so wird man ihn dafür, streng nach dem Gesetz verfahrend, ins Zuchthaus stecken müssen. Im Uebrigen wird schon die Soztaldemo⸗ kratie dafür sorgen, daß die Bäume der Wahl⸗ rechtsräuber nicht in den Himmel wachsen.

Die klagenden Reichsverbändler.

Der berühmte Sozialtstenvernichtungsver⸗ band hat den Redakteur und Verleger des sozialdemokratischen Norddeutschen Volksblattes in Bant wegen Beleidigung verklagt. Diese finden die Reichsverbändler in einem Artikel des genannten Blattes, in dem u. a. gesagt war, daß der Reichsverband nicht daran denke, sachlich gegen die Sozialdemokratie zu kämpfen, sondern sie hinterrücks mit den gemeinsten Mitteln überfalle. Der Beweis für diese Be⸗