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Nitteldentsche Seuntags⸗Zeuung.
ne. 7.
Von Nah und Lern.
Die„nützlichsten Elemente des Staates.
In Nürnberg wurde vor einigen Wochen eine ältere Witwe in ihrer Wohnung ermordet und beraubt. Als Täter sind jetzt die Arbeiter Bodechtel, Weißkopf und Kreuzer überführt worden. Die Namen Bodechtel und Kreuzer erinnern an einen Streik, der im Sommer 1904 im Betriebe der Fränkischen Schuhfabriken ausgebrochen war. Die Firma hatte damals alles aufgeboten, um ihren Betrieb mit Hülfe von Arbeitswilligen fortsetzen zu können, und die Polizei zur Unterstützung herangezogen, damit ihr die geangelten Raußreißer nicht wieder weggefischt würden. Damals traten auch die beiden Mörder als Streik⸗ brecher auf und sie bepahmen sich besonders agressiv gegen die Streikenden, wodurch sie bei der Betriebsleitung gewaltig im Ansehen 575 Von ähnlicher Qualität ist auch sonst vielfach das Menschenmaterial, das gegen die berechtigte Forderungen geltend machenden ehrlichen Ar⸗ beiter abgespielt wird.
Kaisersgeburtstagsfeier mit Keilerei.
In Göttingen nahm die Kaisersgeburts⸗ tagsfeier der 4. Kompagnie des 82. Infanterie⸗ Regiments einen schlimmen Ausgang. Eine Anzahl Couleur⸗Studenten suchte sich in das betreffende Vergnügungslokal Einlaß zu ver⸗ schaffen. Zwischen ihnen und Unteroffizieren und Mannschaften kam s zu einer Schlägerei, wobei einige Studenten schwere Verletzungen davontrugen. Der Kompagnie⸗Feldwebel Karl Scheele, der Familienvater ist, war hierbei in erheblicher Weise beteiligt. Seiner verantwort⸗ lichen Vernehmung hat sich Scheele dadurch entzogen, daß er Selbstmord beging, indem er sich mit seinem Dienstgewehr erschoß.
Ein habgieriger Bauer.
Aus gemeiner Habgier bezog der reiche Bauer Josef Seufert aus Kleinsteinack, B.⸗A. Schweinfurt, von dem Wasenmeister Schüßler das Fleisch verendeter Schweine, das verscharrt werden sollte, verwendete es teils in seiner Familie und verkaufte sogar davon. Die Strafkammer Schweinfurt ver⸗ urteilte ihn zu vier Monaten, den Schüßler zu sechs Wochen Gefängnis.— Was mögen bet dem Bauer die Dienstboten zu essen bekommen?
Erinnerung aus Krähwinkels Schreckens tagen.
Wir, Bürgermeister und Senat, Wir haben folgendes Mandat Stadtväterlichst an alle Klassen Der treuen Bürgerschaft erlassen:
„Ausländer, Fremde, sind es meist, Die unter uns gesät den Geist Der Rebellion. Dergleichen Sünder, Gottlob! sind selten Candeskinder.
5 Auch Gottesleugner sind es meist; Wer sich von seinem Gotte reißt, Wird endlich auch abtrünnig werden Von seinen irdischen Behörden.
Der Gbrigkeit gehorchen, ist Die erste Pflicht für Jud' und Christ, Es schließe jeder seine Bude Sobald es dunkelt, Christ und Jude.
Wo ihrer drei beisammenstehn, Da soll man auseinandergehn. Des Nachts soll niemand auf den Gassen Sich ohne Leuchte sehen lassen.
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Es lief're seine Waffen aus Ein jeder in dem Gildenhaus; Auch Munition von jeder Sorte Wird deponiert am selben Orte.
Wer auf der Straße räsoniert, Wird unverzüglich füsiliert; Das Räsonieren durch Geberden Soll gleichfalls hart bestrafet werden.
Vertrauet eurem Magistrat, Der fromm und liebend schützt den Staat Durch huldreich hochwohlweises Walten; Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.“
Heinrich Heine.
Gesellenfahrten.
Eine Weih nachtsgeschichte von Philipp Scheideman u 8 Nachdr. verb. (Fortsetzung.)
Glückliche Wochen durchlebten wir. Wir sahen uns fast täglich. Sobald der Alte im Dienst war, schlich ich dem kleinen Häuschen zu. Das Unglück schreitet schnell. Mein Schwieger⸗ vater, der Putz, mußte zu einer Gerichtsver⸗ handlung nach Altona und zwar am selben Sonnabend, an dem Abends ein Gesangverein sein Stiftungsfest abhalten wollte. Das schien uns eine göttliche Gelegenheit, auch einmal mit einander zu tanzen. Daß der Alte am Sonn⸗ abend nicht zurückkehren konnte, stand fest, und daß er den schrecklichen Nachtzug benützen könnte, hielten wir vollkommen ausgeschlossen.
Na ja. Also wir amüsterten uns vorzüg⸗ lich. Liesbeth kannten alle, mich kannten bereits viele und Gustav und andere fidele Brüder waren schockweise vertreten. Es ging alles sehr gut bis um Mitternacht. Da machte sich der Uebermut geltend. Und Liesbeths Bruder wäre in der Tat ein brillantes Original für den Max oder den Moritz gewesen. Wir gingen also los. Und da müssen wir ab und zu ein wenig stark gehustet haben, denn es gingen ver⸗ schiedene Laternen aus und in der dann ein⸗ getretenen Dunkelheit sind werkwürdigerweise einige Firmenschilder verwechselt worden. Aber wir konnten wirklich nichts dafür, daß die Schilder just alle nach einer Schablone gemacht waren. Wir wollten blos mal nachsehen, welches Schild am schönsten bemalt war und da haben wir sie in der Dunkelheit vertauscht. Herrgott, haben die Philister am andern Tage einen Lärm gemacht, daß bei dem Apotheker Hansen das Schild des Trödlers Petersen „Hier werden Lumpen und Knochen gekauft“ und das Schild des ersteren beim Hansen hing! Und daß des Pferdeschlächters Christensen Schild am Sonntag morgen bei dem Zahntechniker Jakobsen und des letzteren Firmentafel bei dem Konditor Clausen hing, war doch auch schließlich kein Unglück.
Das dümmste war, daß es nach Mitternacht so entsetzlich fror. Und da die verdammte über mannsgroße, fast voll gefüllte Regentonne bei Müller Jessen, an vie wir nur einmal ganz, ganz leise zu fünft angetippt hatten, gleich um⸗ fel, so daß die enge Gasse, die an der Mühle vorbeiführte, überschwemmt wurde, war es kein Wunder, daß sich bald eine glatte Eisbahn bildete. Glatteis im Mühlenweg.
Na ja, wie es dann so geht. Während wir vergnügt singend
Jetzt ziehn wir mit Gesang
In ein anderes Restorang— unsere kleine Entdeckungsreise machten nach Lokalen, in denen noch ein stelfer Grog zu haben sei, war es dem alten Dierksen in den Sinn gekommen, gerade in dieser sternklaren und hundekalten Nacht die Rückreise anzutreten. Da er an der Mühle vorbei mußte, rutschte er natürlich aus und fiel mit dem Körperteil, mit dem man sich gewöhnlich auf Stühle, Bänke oder Kanapees setzt, auf die Eisbahn. Da er schon verärgert von Altona abgereist, noch ver⸗ ärgerter in Elbeck angekommen war, geriet er sozusagen aus dem Häuschen und, wie uns später der Müller erzählt hat, ist er fuchsteufelswild geworden, als ihm von der Mühle heraus von dem Müllerburschen, der den Nachtdienst hatte und dem gestrengen Polizeier fluchend auf der Straße sttzen sah, zugerufen wurde:
„Sie haben wohl einen zu viel getrunken,
Herr a Guan u. n 8 Der Empfang den mein Schatz dahe tell ward, war nich 115 Pappe. Abel als nächsten Tag der gestrenge Herr Putz von der verärgerten Frau Nachbarin, die keinerlei Kunst⸗ verständnis besaß und deshalb das Ständchen
nicht zu würdigen wußte, das wir ihr gebracht
hatten, erfuhr, daß sein Töchterlein nicht nur mit Bruder Hermann, sondern auch in Be⸗ gleitung des„netten“ Gottlieb Schulze heim⸗
gekommen war, da wollte er schier bersten vor
Entsetzen. 5
Und dann traf es den Alten Schlag auf Schlag. Seit einigen Wochen wäre kein Mensch mehr seiner Nachtruhe sicher, klagte die halbe Stadt. Es würden Schilder vertauscht, Regentonnen ausgegossen, Katzenmustken ge⸗ bracht und die Polizei nicht auf dem Posten. In der verflossenen Nacht habe man bestimmt einen langen fremden Menschen, der nicht platt snakte, beobachtet, wie er Laternen ausgedreht und Schilder vertauscht habe——
Der Alte raste. Kein Zweifel, der Gott⸗ lieb Schulze ist's gewisen!„Dieser fremde Hallunke! Und meine Tochter läßt sich mit dem Menschen ein!“
Liesbeth erhielt strengen Befehl, nie wieder mit dem Vagabonden zu reden oder auch nur einen Blick zu wechseln. Zunächst sollte ste vierzehn Tage lang das Haus nicht verlassen! Also Stubenarrest in aller Form. Aber Her⸗ mann stand uns bei. Er wußte uns zu⸗ sammen zu bringen, so daß wir uns aussprechen konnten.
Das stand fest: vom Alten war kein Nach⸗ geben zu erwarten. Seitdem er herausgebracht hatt, daß Gustav und ich— ich war natürlich von Gustav verführt worden!— am letzten Montag Abend den Nachtwächter Lorensen an die Bank festgebanden hatten, auf der er einge⸗ schlafen war, war jede Aussicht auf Versöhnung verschwunden. Der Alte hatte bestimmt aus⸗ gesprochen, daß er Liesbeth zu Verwandten in die Lüneburger Haide schicken wollte, wenn ste sich unterstehen sollte, mit dem fremden Menschen auch nur die leiseste Verbindung wieder anzu⸗
knüpfen. (Fortsetzung folgt.)
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Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
140(Fortsetzung.)
Daß Taubermann dieses freundliche An⸗ erbieten machte, erscheint weniger sonderbar, wenn man weiß, daß aus einem gewissen Schamgefühl seine Rechnung an jedem Quartal zuerst bezahlt wurde und der Krämer daher weniger die finanzielle Lage des Mannes kannte, den er zu seinem Mieter machen wollte. Aber dieser sah sofort ein, daß dasselbe Scham⸗ gefühl ihn nötigen würde, die Miete richtig zu bezahlen und er beschränkte sich daher auf die Erwiderung, daß er eine kleinere Wohnung annehmen wolle.
„Noch kleiner? Aber lieber Gott, Ihre Jungen werden immer größer; wie wollen Sie das denn einrichten?“
„Ich bin nicht reich, Herr Taubermann,“ entgegnete der Beamte mit traurigem Lächeln.
„Nicht reich? Nun, man braucht eben nicht reich zu sein, um zweihundert Taler zu ver⸗ wohnen und weil Sie es sind, gehe ich sofort noch dreißig Taler herunter.“
Werner schüttelte wieder mit demselben traurigen Lächeln den Kopf.„Nein, nein, so viel darf ich nicht verwohnen. Ich bin nur ein einfacher Beamter.“
„Gerade die Herren Beamten erhalten jedes Quartal ihr Geld und brauchen nie zu fürchten, daß Ihnen schlechte Schuldner durchgehen, oder Spekulationen mißglücken. Ihnen kann nicht geschehen, was mir vergangene Woche passtert ist, als für zweitausend Taler Ware, die nicht verstchert war, zu Grunde ging.
„Zweitausend Taler!“ wiederholte der Be⸗
amte] Soviel betrug ungefähr sein Gehalt in
drei Jahren.
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