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Mitteldeutsche Sountaas⸗geituna.
* Nr. 7.
herzog für die Sache gewinnen, der in dem in Frage kommenden Stadtteil ebenfalls Grund⸗ stücke besitzt. Deshalb begab sich eine Deputation zu demselben, zu der auch Cramer gehörte.
Nach dem Bericht im Offenbacher Abendblatt verteidigte sich Cramer nicht besonders geschickt. Auf die frühere Bemerkung des Offenbacher Partetorgans, daß Cramer doch für das Pro; jekt in erster Linie im Volke hätte Stimmung machen und dann in der Stadtvertretung hätte wirken sollen, bemerkte er:„Wenn ich damit zu Ihnen gekommen wäre, hätten Sie mich zur Türe hinausgeworfen.“ Nun, wenn's so ist, dann finden wir es doppelt und dreifach bedenklich, wenn er ein so wenig volkstümliches Projekt durch höheren Einfluß durchzudrücken versuchte. Wir haben uns noch über manche andere seiner Ausführungen gewundert, so zum Beispiel darüber, daß er die Begegnung und Unterhaltung Ulrichs mit dem Großherzog, die vor einigen Jahren auf dem parlamenta⸗ rischen Abend stattfand, in gleiche Linie mit seinem Hofgang stellt. Hier befindet er sich doch in einem sehr bedauerlichen Irrtum. Es scheint fast, als hätte er dieses Argument der bürger⸗ lichen Presse entnommen. So ist noch manches andere, was uns an dem Verhalten Cramers auffällig erscheint. Wir geben gerne zu, daß er die besten Absichten verfolgte; sind aber doch der Meinung, daß er die ganze Affaire im Interesse der Partei hätte vermeiden sollen und müssen. Die Kritik, welche die Parteipresse an Cramers Verhalten übte, war durchaus nicht unberechtigt.— Kaum war die Mandatsnieder⸗ legung Cramers bekannt geworden, hatte die bürgerliche Presse schon die Kandidaten für die Neuwahl bei der Hand und es wurden auch der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Fulda und Pfarrer Kor ell als Freisinniger genannt. Mit dem Letzteren scheint's seine Richtigkeit zu haben; über die sozialdemokratische Kandidatur wird aber natürlich erst eine Wahl⸗ kreiskonferenz zu entscheiden haben. Dr. Ful da hat übrigens bereits abgelehnt. Bei der letzten Wahl siegten wir im ersten Wahlgange mit 14144 gegen 13400 gegnerische Stimmen. Hoffentlich fällt uns der Sieg auch diesmal wieder zu.
Gießener Angelegenheiten.
— Der städtische Verwaltungs⸗ bericht für 1904 ist kürzlich erschtenen. Es ist ein umfangreiches Buch von 170 Seiten und bietet ein klares Bild über alle Zweige der Verwaltung. Das Rechnungsjahr schließt etwas günstiger als das vorhergehende ab; in der Betriebsrechnung steht der Einnahme von 1958 798 Mk. eine Aus gabe von 1795 449 Mk. gegenüber. Die Vermögensrechnung verzeichnet eine Einnahme von 2255599 Mk., eine Aus⸗ gabe von 1335 150 Mk. Das Gesamtvermögen der Stadt beträgt 17209 115 Mk., ihm stehen 11.258 952 Mk. Schulden gegenüber. Demnach bleibt ein Vermögensüberschuß von 5 950 163 Mk. Stiftungsgelder befinden sich außerdem noch 79174 Mk. in städtischer Verwaltung.
— Hungern soll das Volk! Seit längerer Zeit schon befindet sich in dem Fried⸗ berger Bauernbündlerblatte folgende fettgedruckte Aufforderung an die Bauern:
„Landwirte! Schränkt Eure Milch⸗ produktion oufs Aeußerste ein! Liefert nicht mehr, sondern lieber weniger als bisher! Wer nur eine Kanne weniger liefert, hilft da⸗ durch zur Festigkeit der Pretise.“
Es sollen also die Preise noch mehr in dle Höhe getrieben werden. Würde der Aufforde⸗ rung allgemein entsprochen, so müßte das selbst⸗ verständlich zu einer Verschlechterung der Lebens⸗ haltung des Volkes und besonders der Kinder⸗ ernährung führen. Das ist die christliche Nächsten⸗ liebe und die Volksfreundlichkeit der Bauern⸗ bündler⸗Agitatoren! Mit Recht wendet sich das Gießener Amtsblatt gegen eine solche volksverderbliche Politik, Uebrigens liegt die Einschränkung der Milchproduktion keineswegs im Interesse der Bauern, schädigt sie vielmehr.
1. Dem Sanitätsverein in Gießen — Verein zur Beschaffung ärztlicher Hilfe— der zum größten Teil aus Arbeitern und Klein
handwertern besteht, ist von Seiten der Vertragsärzte gekündigt worden, weil das Honorar pro Jahr mit 7 Mark zu niedrig sei. Gefordert wird ein solches von 12 Mark pro anno. Der Verein, der jahrelang für obige gering bemittelten Kreise, die zum größten Teil nicht krankenversicherungspflichtig sind, wohl⸗ tuend gewirkt hat, wird sich wohl infolgedessen auflösen, da die Beitragsleistung bedeutend ge⸗ steigert werden muß.
Nun ein anderes Bild:
Die vor ca. Jahresfrist wider den Willen der Arbeiter gegründete Betrtebskrankenkasse Winn zu Gießen hat ihren Vertrags⸗ ärzten gekündigt, weil das Honorar zu hoch ist, und sie infolgedessen mit ihren Bei⸗ trägen nicht auskommt. Die Winn'schen Ar⸗ beiter waren früher in der Ortskrankenkasse und fühlten sich als Mitglieder derselben wohl, während man dieses z. Zt. in ihrer Eigenschaft als Mitglieder der Betriebskrankenkasse nicht sagen kann. Die Winn'sche Kasse wurde ohne allen Anlaß in's Leben gerufen. Da derartige Zersplitterungen hemmend auf die Sozialgesetz⸗ gebung wirken, und nicht nur allein die Arbeiter, sondern auch die Aerzte im höchsten Grade schädigen können, so werden alle Neugründungen von Seiten der Aerzte anders behandelt, als die alten Kassen.
Aus diesem Grunde dürfte ses für die Ar⸗ beiterschaft und auch für die Mitglieder der Ortskrankenkasse von Bedeutung sein, demnächst zu erfahren, wie diese beiden Kündigungen aus⸗ laufen. Denn es dürfte doch ein ziemlich starkes Stück sein, wenn man einer alten Kasse— die wohl gewissen Anspruch auf Existenzberech⸗ tigung hat— kündigt, um bedeutend höhere Honorare zu erlangen, während man ander— seits von einer Kasse— die gelinde ausgedrückt ganz unnötig ins Leben gerufen wurde— ge⸗ kündigt erhält, behufs Reduzierung des Honorars.
— Im Wahlverein wurde am Samstag zu⸗ nächst zur Kreiskonferenz Stellung genommen, zu der fünf Delegierte gewählt wurden. Vorher wurden ver⸗ schied ene Anträge zur Konferenz beschlossen. Einer der⸗ selben wün scht, daß die Wahlen zum Parteitag künftig⸗ hin nicht mehr von der Konferenz, sondern von der Gesamtheit der Parteigenossen gewählt werden soll.— Im Verschiedenen wurde die in der vorigen Nummer abgedruckte, auf das Verhalten der Tanzordner beim Gewerkschaftsfest bezüglich, bemängelt. Die Tanzordner hätten vielmehr ihre Pflicht erfüllt.— Weiter wurde beschlossen, anläßlich der 50. Wiederkehr des Todes⸗ tages von Heinrich Heine(17. Februar) einen Vor⸗ trag über diesen beim Volke so beliebten Dichter halten zu lassen.
— Volksunterhaltungsabend. Zum ersten Male in Gießen wurde am Sonn⸗ tag ein Volksunterhaltungsabend, veranstaltet vom Ausschuß für Volksvorlesung, im Saale des Turnvereins abgehalten. Das Unternehmen ist entschieden gelungen und man darf wohl sagen, daß keiner der zahlreichen Besucher un⸗ befriedigt fortgegangen ist. Herr Dr. Strecker⸗ Bad⸗Nauheim leitete die Vorführung von Licht⸗ bildern aus Wilh. Busch's Werken mit einem kurzen Vortrag über dessen Lebenslauf und Kunst ein. Mik großem Beifall wurden diese Darbietungen aufgenommen. Ebenso der Vor⸗ trag über Hans Sachs. Hieran schloß sich die Aufführung zweier Sachs'schen Fastnachtsspiele, die von den Mitgliedern der hiestgen akademi⸗ schen Gruppe des Dürerbundes in prächtiger Weise zur Darstellung gebracht wurden. Allen Mitwirkenden gebührt vollste Anerkennung. Die Arbeiter hätten allerdings noch zahlreicher vertreten sein können; hier wurde ihnen etwas Gutes geboten.— Bei den Volks vorle⸗ sungen hält Herr Pfarrer Fuchs⸗Rüssels⸗ heim jetzt seine Vorträge über Ethik. Der letzte am Mittwoch war wieder recht gut besucht und die interessanten Darlegungen fanden eine auf⸗ merksame Zuhörerschaft.
— Der Lesehalleverein hält am Frei⸗ tag, den 23. Februar, seine Generalversammlung im Café Ebel ab, worauf hiermit noch besonders hingewiesen sei.
H. N. Karnevalistische Damen⸗ sitzung. Die„Freie Turnerschaft“ Gießen, deren Veranstaltungen sich von jeher infolge der Fülle des dort Gebotenen eines zahlreichen » Besuches seitens der Arbeiterschaft zu erfreuen
hatten, veranstaltet am Samstag, den 24. Febr., in den Räumen des Lenz'schen Felsenkellers eine große karnevalistische Damen⸗ sitzung mit Ball. Nach dem uns vor⸗ liegenden, geschickt gruppierten, reichhaltigen Programm, steht allen Freunden eines gesunden urwüchstgen Humors, ein echt närrischer Abend in Aussicht. Wir wünschen deshalb der Freien Turnerschaft, die ihr Können bei jeder Gelegen⸗ heit in den Dienst der Allgemeinheit stellt, ein vollbesetztes Haus. Näheres siehe Inserat in heutiger Nummer. 5
Aus dem Kreise gießen.
— Ueber die Steuervorlagen spricht nächste Woche in einer Anzahl Tabakarbeiter⸗ versammlungen Frau Kiesel⸗Berlin. Jeder⸗ mann hat in den Versammlungen, deren Besuch wir empfehlen, Zutritt.
— Landtagsabgeordneter Köhler⸗Langs⸗ dorf hat gegen das Urteil der Gießener Strafkammer, durch welches er wegen Beleidigung des Staatsanwalts Reuß und des Medizinalrats Haberkorn zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, Revision angemeldet, für die am 17. Mai vor dem Reichsgericht Termin ansteht. Die Beleidigungen hatte sich Köhler bekanntlich aus Anlaß der Eberstädter Kindsmordaffaire zu schulden kommen lassen.
r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozial⸗ demokratische Mahlverein hielt am Sonntag seine Generalversammlung ab, die einen besseren Besuch von Seiten der Genossen hätte aufweisen können. Der Vor⸗ sitzende Häuser gab den Jahresbericht. Aus demselben ging folgendes hervor: Mitgliederversammlungen fanden 23, Vorstandsfitzungen 6 und öffentliche Versammlungen 4 statt. Die Maifeier wurde in imposanter Weise be⸗ gangen. Am Kreisfest beteiligten sich die Genossen zahl⸗ reich. Der Agitationskalender wurde von Steinberg aus in 8 Orten verbreitet. Stand der Parteipresse ist folgender: 65 Abonnenten hat die Mitteldeutsche Sonn⸗ tags⸗Zeitung, 3 die Frankfurter Volksstimme, Außer⸗ dem wird noch andere Parteiliteratur gelesen. Der Mitgliederstand ist stabil geblieben. Den Kassenbericht gab Genosse Schmandt. Derselbe schließt mit einem Ueberschuß von 26 Mk. ab. Die Wahl des Vorstandes ergab die Wiederwahl der Mehrheit des seitherigen Vor⸗ standes. Zum Punkt Kreiskonferenz wurde den Dele⸗ gierten aufgegeben, auf derselben für bessere Ausgestaltung unserer Presse einzutreten. Zur Konferenz wurden die Genossen Häuser und Haas als Delegierte gewählt.
— Heuchelheim. Der Arbeiter- Bildungsverein feiert Samstag, den 17. Februar, sein diesjähriges Winterfest im Saale des Herrn A. Rinn. Es wird erwartet, daß sich die Parteigenossen recht zahlreich be⸗ teiligen; für gute Unterhaltung ist bestens gesorgt.
— Bei der Holzversteigerung in Reiß⸗ kirchen ging es neulich lustig zu. Es wurde dabei viel Bier vertilgt, es gab animierte Stimmung, schließ⸗ lich auch noch Differenzen. Man sah Gemeinderats⸗ mitglieder herumstolpern und auch sonst in einer Ver⸗ fassung, die wahrlich kein gutes Beispiel für die übrigen Gemeindeangehörigen abzugeben geeignet ist.. Die Arbeiter sollten bei der nächsten Wahl mal ein wenig mit eingreifen und Ordnung schaffen.
— In Blofeld fand am Sonntag vor 8 Tagen eine gut besuchte öffentliche Versammlung statt. Redakteur Vetters⸗Gießen sprach über die neuen Steuervorlagen, sowie über das indirekte Steuersystem und die Anschau⸗ ungen, welche die Sozialdemokratie in dieser Beziehung wie überhaupt vertritt. Die Ausführungen des Redners wurden beifällig aufgenommen, An den Vortrag schloß sich eine Diskusston, in der auch Herr Lehrer Hildebrand aus Gettenau mehrere Einwendungen machte. Unter anderem meinte er, es sei ihm unverständlich, daß Ar⸗ beiter gegen die Flottenvermehrung wären; wenn mehr Schiffe gebaut würden, gäbe es doch mehr Arbeit. Vetters widerlegte diese Ansicht, die von manchen Leuten gehegt werde, als total unrichtig. Damit, daß Arbeiter beschäftigt würden, sei es allein nicht getan, es komme darauf an, daß die Arbeitsleistung nutzbringend für die Gesamtheit sei. Außerdem müsse vornehmlich die arbeitende Bevölkerung dle Kosten der Flottenpolitik in Form von indirekten Steuern tragen, welche die not⸗ wendigsten Lebensmittel verteuern und somit die Lebens⸗ haltung des Volkes verschlechtern, während doch nur ein
Bruchteil der Arbeiterschaft im Schiffsbau beschäftigt
wird.— Die Versammlung verlief überhaupt sehr an⸗ regend. Demnächst soll ein Wahlverein für Blofeld, Bisses, Bingenheim und Leidhecken gegründet werden.
Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen.
d. Die antisemitische Siegesfeier. Zur Feier ih res Sieges bei der Landtagswahl veranstalteten die Antisemiten am 2, Dezember v. Is. ein Zechgelage in Oberwöllstadt. Die Festlichkeit nahm aber ein böses Ende; als man eine Zeit lang getrunken hatte, ging


