Ausgabe 
18.2.1906
 
Einzelbild herunterladen

mo;

100. 10

15 0 fl 1 1

. 7.

8. w.

Nitteldeutsche Sounags⸗Zeitung.

Seite 3.

bei wurde Heinig noch zu vier Fünfteln frei⸗

gesprochen. 25 Arttkel stellte der Staats⸗

anwalt unter Anklage, in 20 davon fanden die Richter nichts ungesetzliches. Können sich die gelehrten Richter bei fünf übrigen

Artikeln nicht auch getäuscht haben? Haben

wir doch solche Proben beamteter Juristen⸗ gelehrsamkeit in Preußen staunend und schaudernd miterlebt, wo ein und derselbe Text an einem Orte wegen Hochverrats, am andern wegen Aufreizung, am dritten wegen Verächtlichmachung und am vierten wegen bloßer Beleidigung ver⸗ folgt wurde, bis der possenhafte Wirrwarr ruchbar wurde und das ganze Anklagegebäude zusammenstürzte!

Das Urteil ist ein politischer Schlag gegen das Leipziger Organ der Arbetterklasfe wie dieses mit Recht betont. Man hat den sächsischen Arbeitern ihr Wahlrecht entrissen, man lähmt täglich ihr Versammlungsrecht, jetzt kommt ihre letzte Waffe an die Reihe, das bischen Preß⸗ freiheit, das sie bisher noch genossen haben. Darüber ist heute keine Täuschung mehr möglich; dies Urteil ist ein Sturmsignal, das sich unmittelbar an jeden sächsischen, an jeden deutschen Arbeiter wendet, und ein millionen⸗ faches Echo finden wird.

Es versteht sich, sagt dieLeipz. Volksztg. writer, daß wir gegen die Rechtskraft des gefällten Spruches jedes Mittel anwenden werden, das uns die Rechtssprechung des Klassenstaates bietet. Aber heute schon legen wir unsere Berufung ein an die Leipziger Arbeiter. Sie haben unserer Aufforderung ent⸗ sprochen, und jede neue Anklage, die der Ober⸗ staatsauwalt Böhme gegen die Leipziger Volks⸗ zeitung geschleudert hat, ist eine Werbetrommel gewesen, die ein Bataillon neuer Abonnenten sammelte. Jedoch dies Urteil ist würdig, daß vor ihm die Leipziger Arbeiter durch ein Regiment neuer Abonnenten salutieren. Je stärker die Kolonnen sind, die sie um ihr Blatt zu sammeln wissen, um so ohnmächtiger werden alle Schläge der Gegner an ihm abprallen.

Euch soll etwasgeblasen werden!

In Schwarzburg⸗Rudolstadt findet diesen Freitag die Landtagswahl statt. Für den Fall, daß sie wieder rot ausfällt, hat man Schreckliches angedroht. Es wird näm⸗ lich berichtet:Kommt der alte Landtag mit je acht bürgerlichen und acht sozialdemokratischen Abgeordneten wieder und versagt die Erhöhung der Kameralrente(dasGehalt für den Für sten), dann will der Fürst die Hofkapelle eingehen lassen. Wie wir seinerzeit mit⸗ teilten, wurde der Landtag aufgelöst, weil er es abgelehnt hatte, ein höheres Gehalt für den Fürsten zu bewilligen. Natürlich treten allegutgesinnten Parteien für Erhöhung des fürstlichen Gehaltes ein und ihre Preßorgane hetzen nach Kräften gegen unsere Partei. Diese arbeitet unbeirrt mit der bekannten Rührigleit unter denkbar günstigsten Aussichten. Daß der Reichsverband auch wieder seine schmutzige Agitation entfaltet, braucht nicht erst betont zu werden. Hoffentlich rettet das alles das Land nicht vor dem Schicksal einesroten Landtags!

Die Ersatzwahl in Chemnitz

hat am Dienstag stattgefunden und selbstver⸗ ständlich unserm Genossen Noske den Sieg gebracht. Dieser erhielt 33000 Stimmen, der Kandidat der Ordnungsparteien 10200 und der Freistnnige 9054 Stimmen. Gegen die Wahl von 1903 haben wir einen kleinen Rück⸗ ang zu verzeichnen. Damals erhielt Schippel 4266 Stimmen. Die Gegner insgesamt haben dagegen etwa 2000 Stimmen mehr aufgebracht. Das will aber nichts besagen; es wurden von den Gegnern diesmal auch die riesigsten An⸗ strengungen gemacht.

Schulzustände im Junkerlande.

Wie es im Osten Deutschlands mit der Schulbildung steht, zeigt ein wahres Vorkomm⸗ nis auf einer Zeche bei Castrop. Dort kam ein biederer Ostmärker von 35 Jahren zum Bureau, um Vorschuß zu erheben. Als er die Quittungsunterschrift leisten soll, erklärt er, nicht schreiben zu können. Der erstaunte Be⸗

amte fragte ihn, ob er denn nicht zur Schule gegangen sei. Der Ostmärker verneint dies und führte als Grund an, er habe die Kühe hüten müssen. Der Beamte meint weiter, sein Herr müsse ihn doch zur Schule geschickt haben, da dort auch der Schulzwang besteht. Ganz pfiffig entgegnete der Biedere:Nee, hab' I e Kühe ge⸗ ek,

Die englische Arbeiterpartei

hält gegenwärtig einen Kongreß ab, zu welchem auch die Gewerkschaften Delegterte entsenden. Der Kongreß wird gewissermaßen ein Programm der Partei aufstellen. Es kommen u. a. folgende Punkte zur Beratung: Absolute Unabhängigkeit der Partet im Parla⸗ ment; allgemeines Wahlrecht, auch für Frauen; Einführung des Achtstundentags für alle Industrie; Forderung, daß die in Staats⸗ und Gemeindebetrieben beschäftigten Arbeiter einen Minimallohn von 30 Schilling, die Un⸗ gelernten mindestens 24 Schilling die Woche zu erhalten haben; die Kosten der Sozialreform sollen aufgebracht werden durch Steuern auf Erbschaft, Renten usw.; freier Schulunter⸗ richt, internationale Verständigung, die auf allgemeine Abrüstung hinzielt.

Dieses Programm widerlegt glänzend die Rederei unserer Gegner, daß die englischen Arbeitersich nicht um Politik bekümmern. Sie müssen es ebensogut tun als ihre deuschen Brüder und tun es auch. Die Arbeiter⸗Ab⸗ geordneten im Parlament haben sich konstituiert und zu ihrem Führer den Genossen Keir Hardie gewählt. Sie haben ihre Sitze auf der Seite der Opposition eingenommen.

Revolution in Rußland.

Die zarischen Mörder hausen in ganz Rußland in grauenvollster Weise. Massenhaft werden Menschen ohne jedes Urteil und Gerichts⸗ verfahren hingerichtet und man fragt nicht weiter nach schuldig oder nichtschuldig. Besonders in den Ostseeprovinzen rasen die Schergen. Sollte das Volk sich nicht gegen die Bluthunde aufraffen?

Eine Geheimkanzlei des ermordeten Ministers Plehwe wurde kürzlich entdeckt. Von ihrer Existenz wußten bei Lebzeiten Plehwes nur wenige Personen seiner allernächsten Um⸗ gebung etwas. Und doch waltete in ihr, wie jetzt ermittelt worden ist, eine furchtbare Inqui⸗ sttton. Die unglücklichen Opfer, die da hin⸗ eingerieten, verschwanden spurlos. Zwar wurden die Opfer meist am Leben belassen, aber nte⸗ mand konnte ermitteln, wohin man die so plötzlich verschwundenen Personen geschafft hatte, oder was sonst mit ihnen geschehen war. Da aber die Nachforschungen bezüglich der plötzlich Verschollenen sich im russischen Poltzeideparte⸗ ment immer mehr anhäuften und des öfteren festgestellt wurde, daß bei der Fürsorge um einige irgendwo im hohen Norden des weiten Zarenreiches aufgefundene Verbannte der russt⸗ schen Polizeiverwaltung jegliche Angaben fehlten, ging man der Sache auf den Grund und stleß dabei auf die Geheimkanzlei Plehwes. Bisher ließ sich nicht feststellen, wieviel Personen dieser Inquisitionskammer zum Opfer gefallen sind, denn alles war mit einem undurchdringlichen Schleier nach teuflisch durchdachtem Plan ver⸗ deckt. Die seitens der russischen Staatsanwalt⸗ schaft geführte Untersuchung verspricht in poli⸗ tischer Beziehung äußerst wichtige und für das System Plehwes sehr bezeichnende Einzelheiten zu offenbaren.(Wenn nichts vertuscht wird.)

Ein allgemeiner Bauernauf⸗ stand steht, wie die Köln. Ztg. aus Mos⸗ kau berichtet, demnächst zu erwarten. Der Bauernnotstand treibe die dumpfen Volksmassen mit elementarer Gewalt zur Empörung gegen den grundbesitzenden Adel und die Beamtenschaft. Die irregeführten Volksleidenschaften ließen sich alsdann kaum durch Gewalt unterdrücken. Außerdem bestehe in liberalen konstitutionellen Kreisen die Be⸗ fürchtung, daß die auf Mlilitärgewalt fußende Reaktion die Versprechungen der Kundmachung vom 30. Oktober nicht erfüllen und dadurch

einen erneuten Anstoß zur Rebolution den breiten Volksschichten geben werde. Dabei stehe Rußland gegenwärtig derart enormen Ausgaben gegenüber, daß die Regierung ohne wa auswärtige Anleihen nicht auskommen werde.

Neue Attentate. Der Oberbefehlshaber der Schwarzenmeerflotte, Admiral Tschuknin, wurde am Freitag in seinem Kabinett in Sebastopol von einer unbekannten Frau durch vier Schüsse schwer verwundet. Die Täterin, die, wie angestellte Ermittelungen er⸗ gaben, von Polen in Sebastopel eingetroffen und in einem Hotel abgestiegen war, wurde von der Wache ergriffen, an einen Baum gebunden und erschossen. Ihr Körper ist von 40 Kugeln durchlöchert. Das Befinden des Admirals Tschuknin ist ernst. In War⸗ schau wurde gegen vier Gendarmen eine Bom be geworfen, durch die jene schwer ver⸗ wundet wurden. Der Täter entkam. Die Fenster der umliegenden Häuser wurden zer⸗ trümmert.

von Nah und Fern.

Hessisches.

Heimarbeiterelend in Hessen. Daß auch bei uns in Hessen ebenso traurige Zu⸗ stände bei den Heimarbeitern existieren, wie sie öfters aus Thüringen und dem Erzgebirge mit⸗ geteilt wurden, beweist eine Zuschrift des Ge⸗ nossen Weinschild an das Offenbacher Abend⸗ blatt über das Begräbnis eines Portefeuiller⸗ Heimarbeiters in Heusenstamm. Der Ver⸗ storbene war der Bevollmächtigte des Porte⸗ feuiller⸗Verbandes in Heusenstamm Peter Sperl. Weinschild schreibt darüber:Mir oblag die traurige Pflicht, der Witwe, einer Mutter von fünf Kindern, einige Trostworte zuzusprechen. Zu diesem Zwecke begab ich mich in das Trauerhaus. In einem niedrigen Raume(Dach⸗ stube), zirka zwei Meter lang und eineinhalb Meter breit, die Decke schräg zugehend, stehen zwei Betten, ein Kinderwagen und ein Koch⸗ ofen. In den Betten liegen fünf an Masern erkrankte Kinder. Hier hat der schwindsuchts⸗ kranke Vater bis kurz vor seinem Todefeine Portefeuilleswaren angefertigt. Er starb im Alter von 34 Jahren. Beim Anblick dieses Elends traten mir, der ich mich zu den Hart⸗ herzigen zähle, die Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, waren es Tränen des Mitleids, oder waren es Tränen der verbissenen Wut, die sich hervordrängten, als ich daran dachte, das solch Elend existieren darf, ohne daß alle Arbeiter sich darob empören, und solchen Zu⸗ ständen ein baldiges Ende bereiten. Auch den Pfarrer Landvoigt rührte das Elend der Familie. Er sandte der Witwe einen kleinen Geldbetrag mit der Bedingung, ste solle dafür sorgen, daß bei der Beerdigung kein Kranz mit roter Schleife getragen werde. Das scheint dem Herrn Pfarrer unbegreiflich, daß für diesen Armen die Zugehörigkeit zu der Partei, die sich zur Aufgabe gestellt hat, für die Arbeiter menschenwürdige Zustände zu schaffen, das vielleicht einzige Ideal war, das ihm noch Mut, Kraft und moralischen Halt gab, gegen seine erbärmliche Lage anzukämpfen.

Mandatsniederlegung Cramers. Genosse Cramer in Darmstadt hat sein Reichstagsmandat, sowie auch sein Stadtver⸗ ordnetenmandat niedergelegt. Er hat diesen Schritt getan infolge des Beschlusses einer am Samstag stattgefundenen Parteiversamm⸗ lung in Darmstadt, welche ihm wegen seines Ganges zum Großherzog einen Tadel aussprach. In der Versammlung suchte Cramer sein Ver⸗ halten zu rechtfertigen, doch es fand sich kein einziger Redner, der es in Schutz nahm. Mit allen gegen nur 5 Stimmen wurde die Tadels⸗ resolutlon angenommen. Worum es sich han⸗ delte, haben wir in voriger Nummer kurz mit⸗ geteilt. Cramer gehörte einer Vereinigung an, welche die Errichtung einer Gartenvorstadt in die Wege leiten wollte. Das Projekt wurde besonders von dem Professor Olbrich in Darm⸗ stadt unterstützt und man wollte auch den Groß⸗

1

1