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Witteldentsche Sonntaas⸗geitung.
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gesamte Judustrie darstellt, ist in neun Jahren von 5½ auf 11 Millionen gestiegen. Dividiert man diese Zahl durch die Zahl der in der be⸗ treffenden Industrie beschäftigten Arbeiter, so erhält man als Resultat, daß im Jahre 1896 für 13000 Mek, von einem einzelnen Arbeiter Werte erzeugt sind, im Jahre 1905 für 17000 Mark. Dem entsprechen aber auch die Divi⸗ denden. Im Jahre 1870 teilten die Berg⸗ werksgesellschaften eine Durchschnittsdividende von 9,24 pt. aus, im Jahre 1900 aber eine solche von 18 pit. und ähnlich ist die Steigerung in der Eisenindustrie. So sehen die„unerträg⸗ lichen Lasten“ unserer Industrie in Wirklichkeit aus. Ich habe 17 der großen und der kleinen Elsen⸗ und Hüttenwerke zusammengestellt und herausgerechnet, daß in 15 Jahren eine Divi⸗ dende von zusammen 72 bis 500 Prozent bezahlt worden ist. Da kann man doch immer⸗ hin mehr für die Arbeiter verlangen, auch wenn man nicht auf dem Standpunkte steht, daß die Arbeiter in erster Linte berücksichtigt werden sollten. Die höchsten Löhne in der Eisen⸗ industrie zahlen die rheinisch⸗westfälischen Werke, nämlich 1346 Mk. Die nordöstlichen zahlen 1066 Mk., die südwestlichen 1140 Mk. und die schlestschen nur 858 Mk. Jahreslohn für den Arbeiter. Die männlichen Eisenarbeiter in Oberschlesten bekamen 1900 930 Mk., 1903 nur 918 Mk. Die schlesischen weiblichen Walzwerkarbeiter erhielten im Jahre 1903 nur 323 Mk. Dagegen ist die schlesische Produktion um 25000 Tonnen gestiegen, während die Arbeiterzahl um 1400 gefallen ist. Da machen Sie sich selber ein Bild von der oberschlestschen Soztalpolitik! Der Tages verdienst der Krupp⸗ schen Arbeiter betrug 1904 4,78 Mk. Dabei sind aber schon alle Ueberstunden als normale Arbeitszeit mit eingerechnet. Es gibt Hunderte und Tausende erwachsene männliche Arbeiter bet Krupp, die täglich nur 3 Mk. verdienen. Es sind allerdings ungelernte Arbeiter, aber auch der ungelernte Arbeiter hat doch wohl das Recht, sich satt zu essen. Und gerade in jenen Gegenden, wo die Eisenindustrie und das Hüttenwesen blüht, sind die Lebensmittelpreise sehr hoch. Aber die Akkordsätze gehen zum Beispiel bei Krupp nicht herauf, sondern her⸗ unter. Der Oberbürgermeister Schmieding von Dortmund hat in einer Petition die Mindestausgaben eines Arbeiters für seine not⸗ wendigsten Bedürfnisse auf 1024 Mk. jährlich berechnet. Aber diesen Lohn erzielt in Deutsch⸗ land nur der geringste Teil der Stahl- und Eisenarbeiter. Da machen sie ein großes Ge⸗ schrei über die Besserung der Gesundsheitsver⸗ hältnisse der Arbeiter!
Der Redner beschäftigt sich noch weiter ein⸗ gehend mit den Arbeiter verhältuissen in der Eisenindustrie und führt ein reiches Zahlen⸗ material über Unfälle ꝛc. vor. Er fordert zum Schluß, daß die Regierung eine Erhebung in der Eisenindustrie veranstalten möge. Ein da⸗ hingehender sozialdemokratischer Antrag wurde am Schlusse der Beratung dieses Kapitels an⸗ genommen.
Die sozialpolitische Debatte wurde am f Donnerstag und Freitag fortgesetzt. An diesem . Tage nahm unser Genosse Fräßdorf(Sachsen) 9 Veranlassung, die neulichen Angriffe des so⸗ 0 genannten„Freisinnigen“ Mugdan auf die 0 Tätigkeit der Sozialdemokraten in den Kranken⸗ kassen entschieden zurückzuweisen. Unter anderem führte er aus:
„Kollege Patzig hat von der Zunahme der Verwaltungskosten bet den Kassen gesprochen. Wir bedauern das selbst, müssen aber darauf hinweisen, daß diese Mehrkosten vielfach eine natürliche Folge der Einführung der Familien⸗ N versicherung sind. Herr Mugdan hat Vorschläge 1 zur Beseitigung der Selbstverwaltung der ö Krankenkassen gemacht. Dabei wird das Ver⸗ hältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in den Krankenkassen immer besser. Ich be⸗ streite durchaus die Behauptung des Herrn Bassermann, daß die in den Krankenkassen sitzenden Arbeitgeber minderwertige Elemente seien. Eine Harmonie in den politischen An⸗ schauungen zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern in den Kraukenkassen wird sich natürlich nie erzielen lassen, aber wir scheiden
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diese Fragen einfach aus und uehmen mit Er⸗ folg das Interesse der Versicherten wahr. Der sächsische Bevollmächtigte wird anerkennen müssen, daß in Sachsen die Regierung nie über die Krankenkassen zu klagen gehabt hat.(Sächs. Bundesbevollmächtigter Dr. Fischer nickt zu⸗ stimmend.) Wir möchten auch die Mitarbeit der Arbeitgeber wegen ihrer Erfahrung in ge⸗ schäftlichen Dingen nicht vermissen. Zu der Selbstverwaltung der Kassen, die Herr Mugdan wünscht, wird er nicht einmal die Zustimmung der Hirsch⸗Dunkerschen Gewerkvereine und der christlichen Gewerkschaften bekommen. Die Partet als solche hat mit der Besetzung der Krankenkassenstellen gar nichts zu tun. Darum kümmern sich nur die Gewerkschaften im Interesse der Arbeiter. Wenn ein Nattonal⸗ liberaler an der Spitze eines Turnvereins steht, so ist das nicht politisch, wenn aber ein Sozial⸗ demokrat an der Spitze einer Krankenkasse steht, so ist das politisch. Ohne die Selbstverwaltung der Kassen wäre die Rente ein Almosen und für ein Almosen bedanken sich die Arbeiter. Nur der Parteifanatismus eines Dr. Mugdan kann behaupten wollen, daß die Krankenkassen⸗ vorstände nichts geschaffen haben. Ich will nur auf die Walderholungsstätten und auf die Einführung der Familienunterstützung hinweisen. Schon Graf Posadowsky hat den falschen Standpunkt zurückgewiesen, daß man Sozial- politik treibt, um Dankbarkeit zu erzielen. In der Politik spielt Dankbarkeit keine Rolle.“
Am Samstag folgte die Besprechung der sozialdemokratischen Interpellation über das Unglück auf der Kohlenzeche„Borussta“. Genosse Bömelburg wies bei Begründung der Anfrage gebührend auf die ungenügenden Schutzmaßregeln hin, wodurch jenes gräßliche Unglück, daß etwa 40 Menschenleben forderte, entstanden ist.
Erst am Dienstag ging die sozialpolitische Debatte zu Ende. Am Montag wies Stadt⸗ hagen die Redereien der Gegner zurück, die stets behaupten, daß ihnen die Versicherungs⸗ gesetze„unerträgliche Lasten“ aufbürdeten, für die Arbeiter dagegen eine große Wohltat be⸗ deuteten. Stadthagen ging ferner auf die An⸗ griffe gegen die Selbstverwaltung in den Kranken⸗ kasseu und das Verhalten der Aerzte ein, denen viele Millionen Mark Arbeitergroschen aus den Krankenkassen zugeflossen seien. Stöcker ergriff an diesem Tage auch das Wort, um das ungeheuerlichste Zeug zu verzapfen. Dieser widerliche Pfaffe erscheint als die personiftzierte Heuchelei und Lüge. Genosse Péus sagte ihm auch, das Herrscherrecht gepaart mit Heuchelei, das Wesen des Pfaffentums ausmache. Tr...... x—.———
Politische Rundschau.
Gießen, den 15. Februar 1906.
Der Kanzler mit dem Rhinozeros⸗Fell.
Vorige Woche tagte der Deutsche Landwirt⸗ schaftstag in Berlin. Wie alljährlich hat auch diesmal der Reichskanzler Bül ow eine Rede bei dem Festmahl gehalten. Dabei sagte der erste Beamte des Reichs folgendes:
„Als ich Botschaftsrat war, vor nun 20 oder 22 Jahren, sagte mir einmal mein da⸗ maliger Chef, der General v. Schweinitz, ein kluger und welterfahrener Mann: Ein Diplomat, sagte er mir, muß einerseits so fein⸗ fühlig sein, daß er es merkt, wenn eine Fliege hinter seinem Rücken durchs Zimmer fliegt; andererseits muß er ein Fell haben, wie ein Rhinozeros. Diese letztere Eigenschaft gegenüber ungerechten An⸗ griffenempfehleichauchallen meinen Kollegen. Wegen der Fleischteuer⸗ ung regnete es ja Angriffe auf mich und auf den Herrn Landwirtschaftsminister, den Land⸗ wirtschaftsminister, von dem ich hoffe, und von dem wir alle hoffen, d a ß sein praktischer Blick und sein Organi⸗ sationstalent der Landwirtschaft noch lan ge an veranwortlicher Stelle erhalten bleiben. Durch solche Angriffe dürfte ich mich nicht abdrängen lassen von meiner Pflicht, von meiner gern erfüllten Pflicht, endlich
Besserung in die ländlichen Verhält⸗ nisse zu bringen, dem Landwirt wieder Mut zu machen und damit dem N gesamten deutschen Vaterland zu nützen.“
Und über die Stellung der Sozialdemo⸗ kratie zur Landwirtschaft gab Bülow folgendes zum Besten:
„Warum, meine Herren, kämpft denn die Sozialdemokratie mit solcher Vorliebe gerade gegen den Bauernstand und seine Interessen? Warum erklärte ihr Breslauer Parteitag, die Sozialdemokratie habe gar keinen Grund für die Erhaltung des Bauernstandes einzutreten, denn das könne nur geschehen, indem man ihn in seinem Besitz be⸗ festige, also in diamentralem Gegensatz zu dem sonstigen Verfahren der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie wolle, so erklärten damals in Breslau ihre Führer, wohl den Kleinbesttzer gewinnen, jedoch nur, indem ste ihn davon überzeuge, daß er als Bestitzer keine Zukunft habe, sondern, daß seine Zukunft die Zukunft des Proletariats sel. Also will die Sozial⸗ demokratie den Besitz des Bauernstandes zer⸗ trümmern; dann kann der Bauer die Ehre haben, sich der Sozialdemo⸗ kratte anschließen und im roten Meere ersaufen. Das ist klar und deut⸗ lich, vom sozialistischen Standpunkt aus auch ganz verständlich.“
Bei allen Teilnehmern des üppigen Fest⸗ mahles fanden die Worte des Kanzlers mit dem Rhinozerosfell begeisterten Beifall. Was er über die Sozialdemokratie und ihr Verhält⸗ nis zu den Bauern sagte, ist alter, schon hun⸗ dertmal widerlegter Kohl. Es muß widerholt festgestellt werden, daß die Sozialdemokratie die Zollpolitik bekämpft hat, die den Klein⸗ besitzer auf dem Lande schädigt, den Großen dagegen noch mehr Uebergewicht verleiht.
Hetze gegen die Sozialdemokratie.
Seitdem vom Reichskanzler in den Parla⸗ menten erklärt wurde, daß„die Gesetze mit aller Strenge gegen die Sozialdemokratie an⸗ gewendet“ werden sollen, geben sich die deutschen Gerichte Mühe im Sinne Bülows zu arbeiten. Es ist jetzt in Deutschland geradezu der weiße Schrecken proklamiert. Unerhörte und früher für unmöglich gehaltene Urtetle werden gegen Sozialdemokraten verhängt aufgrund von An⸗ klagen, die geradezu an den Haaren herbet⸗ gezerrt erscheinen. Wir erinnern an das furcht⸗ bare Urteil egen den Genossen Löbe in Breslau, der wegen eines Zeitungs Artikels, in dem er „zu Gewalttätigkeiten aufgefordert“ haben soll, zu einem Jahre Gefängnis verurteilt wurde. Löbe hat leider auf Zureden seines Verteidigers, des Genossen Heine, keine Revi⸗ sion eingelegt, sondern die Strafe bereits an⸗ getreten. Das war nach unserer Meinung ein Fehler; es ist mindestens fraglich, ob das Reichsgericht das Urteil bestätigt hätte. Dann aber hatte diese Verurteilung doch nicht nur eine jurtistische, sondern eine diese weit über⸗ ragende politische Bedeutung. Mit Recht bemerkt der Vorwärts dazu: Urteile, die so wie dies dem Empfinden des Volkes ins Gesicht schlagen, müssen schon deshalb bis in die höchste Instanz verfolgt werden, um an ihnen als einem Prüfstein dem Volke den Wert unserer Rechtspflege im gauzen Umfange ad oculos zu demonstrieren. Dazu kommt, das die ungeheure Aufregung, die dieses Urteil her⸗ vorgerufen hat, und die starke politische Wirkung 9 055 Aufregung in jeder Instanz neu geweckt wird.
Noch ungeheuerlicher aber als das Bres⸗ lauer Urteil ist das am Montag gegen den Genossen Heinig von der Leipziger Straf⸗ kammer gefällte. Heinig wurde als verantwort⸗ licher Redakteur der„Leipz. Volksztg.“ wegen verschiedener Zeitungsartikel zu der unerhörten Strafe von einem Jahr neun Monaten Gefängnis verurteilt! 5 i
Dieses Urteil wurde gefällt, trotzdem dite Anklage von den Verteidigern dermaßen zer- pflückt wurde, daß kein Stummel von ihr mehr stehen blieb, ihre Haltlosigkeit auf das Ueber⸗ zeugendste dargetan wurde. Aber der Sozial⸗ demokrat mußte gehängt werden. D


