Ausgabe 
18.2.1906
 
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Nr. 7.

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Giessen, den 18. Februar 1906.

13. Jahrgang.

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Airchenplatz 11. Schloßgasse.

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DieNotleidenden.

Wie alljährlich im Februar haben auch am Sonntag die Landwirtsbündler, dienotleiden⸗ den Landwirte, im Zirkus Busch in Berlin ihre Parade abgehalten. Und dort treten aller⸗ dings Leute auf, die sich sehen lassen können. Not steht man ihnen nicht an, mit feinen Fuchs⸗ und Biberpelzen bekleidet, bevölkern sie die Logen und Ränge des großen Theaters, wirk⸗ liche Bauern sind nur in geringer Zahl an⸗ wesend. Bei den Verhandlungen sind jetzt nicht mehr die scharfen Worte, wie in früheren Jahren zu hören. Es ist ja noch gar nicht so lange her, als diese junkerlichen Vertreter der Landwirtschaft der Regierung drohten, zur Sozialdemokratie überzugehen, wenn sie der Sandwirtschaft, das heißt, den Junkern, nicht durch Wucherzölle die Taschen füllen wolle. Dem Gebot kam die Regierung nach und jetzt find die Agrarier zufrieden, sie sprechen der Regierung ihren Dank aus. Sie schimpfen nicht mehr auf die Regierung, sondern nur noch auf die Sozialdemokratie und die Juden. Und das ist ja billig und ungefährlich. Von welcher Qualität die Reden sind, davon hier eine Probe ben derjenigen des Bundesvorsitzenden Wangen⸗

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Ich muß hier eine Vergeßlichkeit des Direktors Roesicke nachholen. Er hat ein Hoch ausgebracht auf die deutschen Fürsten und den Kaiser. Vergessen hat er die freien Städte. Es erscheint wie ein Treppenwitz der Geschichte, daß die wenigen republikanischen Gebilde, bie wir in Deutschland haben, die ersten find, die sich ge⸗ zwungen sehen, gegenüber dem Ansturm der revo⸗ lutionären Partei ein Wahlrecht in ihren Staaten zu schaffen, das sie vor der Sozial⸗ demokratie schützt. Wir können den alten hanse⸗ atischen Mut nur bewundern, der nicht gewillt ist, seine errungene Position aufzugeben.(Lebhafter Beifall.) Wir wollen wünschen, daß auch in anderen Staaten, die der Sozialdemokratie entgegenkommen wollen, recht⸗ zeitig die Erkenntnis von dem verkehrten Wege sich Bahn brechen wird. Der Reichskanzler hat zur Einigung der bürgerlichen Parteien gegenüber der Sozial- demokratie aufgefordert. Da tun wir mit. Hoffentlich sehen aber auch die Arbeiter ein, daß ihr Heil nicht von denen kommt, die mühsam die Unzufriedenheit aufrecht erhalten, sondern von denen, die ihnen dauernde lohnende Arbeit im deutschen Vaterlande geben können.

Den Hamburger Wahlrechtsräubern wird von den Junkerbündlern volle Anerkennung für ihre Schandtaten gezollt, obwohl sonst die Agrarter erbitterte Feinde der Kaufleute sind. Geht's aber gegen das arbeitende Volk, so sind sie sofort einig! Nebenbei ist es bezeichnend, daß z. B. die hessischen Bündler nicht wagen, Bas das allgemeine Wahlrecht aufzutreten.

sie aber keine Freunde davon sind, wissen wir längst; ste denken sicher ebenso, wie ihre Bundesbrüder im Zirkus Busch redeten. Uns stört im Uebrigen der oft wiederholte Kampfes⸗ ruf der Junkerbündler weiter nicht. Mögen ste schimpfen, wie sie es stets getan. Wir kennen ihre volksfeindlichen Bestrebungen zur Genüge und das gesamte Volk wird noch dar⸗ über zur Erkenntnis kommen, wenn sich die verderblichen Wirkungen des Zollwuchers noch deutlicher zeigen. Im Interesse des gesamten Volkes bekämpft die Sozialdemokratie diese Politik der Ausbeutung und Entrechtung und sie rechnet sich dies zur Ehre an!

Aus dem Reichstage.

In den letzten Tagen wurde im Reichstage der Etat des Reichs amts des Innern beraten. Hierbei kommt das ganze Gebiet der Sozialpolitik zur Erörterung; eine Reihe wichtiger Fragen, von besonderem Interesse für die arbeitende Vevölkerung. Leider können wir nicht mit der Ausführlichkeit, die wünschenswert wäre, auf diese Debatten eingehen, wir müssen uns auf Hervorhebung des Wichtigsten be⸗ schränken. Von den Reichsboten wird diesen Dingen allerdings sehr wenig Interesse entgegen⸗ gebracht. Die Besetzung des hohen Hauses ist schwächer als bei jedem anderen Verhandlungs⸗ gegenstande und selbstverständlich fehlen die Vertreter der notleidenden Junker, ebenso als diejenigen der Industrie⸗Kapitalisten. Nur ein⸗ zelne Wortführer dieser Edlen sind anwesend, die ihre Aufgabe, die Sozialdemokratie herunter⸗ zureißen und zu beschimpfen, nach Kräften zu erfüllen suchen. Was dabei unserer Partei alles in die Schuhe geschoben, der Arbeiterschaft nachgesagt wird, sträubt das Haar aller ver⸗ nünftigen Leute, ist so unglaublich und unstinnig, daß man eine ernsthafte Widerlegung für un⸗ nötig erachtet. Im Kampfe gegen die Sozial⸗ demokratie findet aber auch das dümmste Zeug Glauben. Deshalb ist es geboten, wenigstens das Hauptsächlichste dessen, mit dem unsere Geuossen die törichten Angriffe der Gegner zurückwiesen, unseru Lesern mitzuteilen, die es möglicherweise in der Agitation gebrauchen können.

Am Dienstag(6. Februar) hatte Graf Posadowsky eine längere Rede gehalten, in der er die sozialpolitische Gesetzgebung in Deutsch⸗ land gegen verschiedene Angriffe in Schutz nahm und die sozialdemokratischen Forderungen be⸗ kämpfen zu müssen glaubte.

Genosse Hué antwortete ihm sehr eingehend und deutlich. Er führte u. a. aus: Wir sind stets so objektiv gewesen, anzuerkennen, daß die deutsche Verstcherungsgesetzgebung, deren Grund⸗ prinzip übrigens schon vor 25 Jahren Bebel vorgezeichnet hat, vor der ausländischen mancher⸗ lei Vorzüge aufweist. Aber deshalb kann man uns doch nicht das Recht bestreiten wollen, i m einzelnen Kritik zu üben. Auch die Agra⸗ rier erklären sich ja übrigens mit dem ihnen gewährten Schutz nicht zufrieden. Warum sollen wir bessere Kinder sein als ste? Haben wir doch viel mehr Grund und viel mehr Recht zur Unzufriedenheit! Gegen den Terrorismus, der von Mitgliedern der freten Gewerkschaften verübt wird, sind wir Gewerk⸗ schaftsführer stets in der schärfsten Weise auf⸗ getreten. Mitglieder, die sich wirklich terroristische Handlungen zuschulden kommen ließen, wurden auf Grund der Verbandsstatuten ausgeschlossen, weil ste die Ehre und das Ansehen des Ver- bandes schädigen. Aber mindestens eben⸗ soviel Fälle von Terrorismus kommen zwi⸗ schen den christlichen Gewerkschaften und den katholischen Fachvereinen vor. Ganz von Ter⸗ rorismus schweigen sollten aber die Natio- nalliberalen. Ich erinnere nur an die Erfahrungen mit dem Terrorismus der Unter⸗ nehmerkartelle gegen Händler, Konsumenten und Konkurrenten und an die Zustände in Saarabien. Herr Dr. Mugdan hat sich hier als Schirmherr der Hirsch⸗Dunkerschen Gewerk⸗

vereine aufgespielt. Aber die Düsseldorfer Richtung innerhalb der Gewerkvereine hat ihn und seine Freunde ganz energisch abge⸗ schüttelt.

Graf Posadowsky sprach vorhin so schön und interessant von den Vorzügen einer geistig entwickelten Arbeiterschaft. Besonders gefreut hat mich, daß er die Blüte der deutschen In⸗ dustrie in erster Reihe doch auf die Arbeiter ich schließe die Kopfarbeiter mit ein zurückführte. Aber bei den Millionen Ar⸗ beitern in Hütten, Hochöfen, Walzwerken und onstigen Betrieben der Stahl⸗ und Eisen⸗ udustrie hat die Sozialpolitik noch ein großes unbekanntes Land neu zu entdecken, dessen Be⸗ ackerung zunächst einmal vorgenommen werden muß, ehe man soviel von unserer Sozialpolitik pricht. In dieser ganzen Debatte ist eben⸗ owenig wie im Vorjahr auch nur ein Wort über sie gesprochen worden. Vorschriften über die Arbeitszeit der Eisen⸗ und Stahlarbeiter, das Sanitätswesen, über ihre Teilnahme an der Unfallverhütung bestehen überhaupt nicht, und soweit einzelne Verordnungen erlassen sind, kümmern sich die Unternehmer nirgends darum. Das Eisen, neben der Kohle eines der wesent⸗ lichsten Grundlagen unserer Industrie, wird noch immer in uubeschränkter Arbeitszeit be⸗ arbeitet. Die Schlosser und Dreher in den Werkstätten arbeiten im allgemeinen zehn Stunden, in den kleineren, weitab von der Heerstraße liegenden Betrieben aber auch 12, 13 und 15 Stunden. Das ist eine unerhörte Schmutzkonkurrenz, die die Reichsregierung als unlauteren Wettbewerb entschieden bekämpfen solle, schon damit die Arbeitgeber, die die nötige Humanität besttzen, nicht länger gehindert werden, zu tun, was Verstand und Gemüt ihnen gebieten. Die Feuerarbeiter aber an den Martins⸗, Bessemer⸗ und Siemensöfen, die zur Winterszeit in einer Temperatur von über 40 Grad, im Sommer in der reinsten Hölle arbeiten, müssen Tag für Tag unausgesetzt 12 Stunden tätig sein. Nicht genug damit; wo nicht Doppelschichten eingeführt sind, müssen ste 13, 14, 16, 18 Stunden arbeiten, bis ihnen die Haut vom Gesicht heruntergebrannt und die blaue Farbe aus ihren Blusen vom Schweiß weggewaschen ist. Nicht die geringste Verord⸗ nung beschränkt die Ueberstu nden. In der grau⸗ samsten Weise werden in vielen Eisen⸗ und Stahlwerken täglich zwei bis fünf Stunden Ueberschicht gemacht. Die Sonnabendsschicht dauert in einer ganzen Anzahl von Werken 24 Stunden in der Gluthitze, ohne jede Pause; eine unerhörte Grausamkeit! In den Eisen⸗ hüttenwerken in Thale im Harz werden monat⸗ lich 30 bis 36 Schichten à 12 Stunden gemacht. Bei Hösch in Dortmund, deren Direktor zugleich der der UnglücksgrubeBorussta ist, hat ein Arbeiter im Monat Februar vergangenen Jahres 42 Schichten à 12 Stunden gemacht, von den 696 Stunden im Monat 505 bei der Arbeit im Werke zugebracht. Wie kann man als fühlender Mensch angesichts solcher Zustände mit unserer Sozialpolitik zufrieden sein, Herr Staatssekretär?

Der Staatssekretär hat von dem Aufschwung der deutschen Industrie gesprochen. Dieser ist in der Tat enorm. Die Roheisenproduktion, die gewissermaßen einen Wertmesser für die