Ausgabe 
16.9.1906
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 37.

sitionellen Gesinnung gegenüber der Regierung und dem von ihr vertretenen System. Die Sozialdemokrarie wünscht und ist bereit, dafür zu wirken, daß jede freie Nation über die Mittel verfüge, die zur Herstellung oder Ver⸗ teidigung ihrer Freiheit und Selbständigkeit nach innen und außen notwendig sind. Sie ist aber zugleich der Ueberzeugung, daß die Notwendigkeit solcher Verteidigung nach außen desto geringer werden wird, je mehr sich ihre Ideen bet den zivilisterten Völkern Eingang ver⸗ schaffen. Denn sowie die Anerkennung der Volksrechte nach innen alle Gefahren des ge⸗ waltsamen Umsturzes beseitigt, so bedeutet die Anerkennung aller nationalen Rechte nach außen die Beseitigung der Kriegsgefahr, die nur durch den Interessengegensatz herrschender Klassen genährt wird.

VIII. (Schluß.)

Prinzip und Taktik. Bewegung und Endziel.

Prinzip ist Grundsatz, unverrückbare Richt⸗ linie des Handelns. Parteiprinzipien sind Regeln, die von der Partei nicht verlassen werden können, weil sie selbst das Wesen der Partei ausmachen, die nicht aufgegeben werden können, ohne Aufgabe der Partei. Als Or⸗ ganisation, als Körper, kann eine Partei noch bestehen und ihren Namen behalten, wenn ste ihre Prinzipien verlassen hat, als politischer Begriff ist sie eine andere geworden. Die Prin⸗ zipien der Partei festsetzen heißt also das Wesen der Partei sebst bestimmen. f

Das Prinzip ist demnach nicht gleichbedeu⸗ tend mit dem Programm. Das Programm ist ein zu einem bestimmten Zeitpunkt unter⸗ nommener Versuch, die Prinzipien der Partei zusammenzufassen; die Disziplin fordert von dem Parteigenossen, daß er sein politisches Handeln dem Programm unterwerfe. Kritik aber, die an dem Programm geübt wird, ist noch keine Verleugnung der Prinzipien. Viel⸗ mehr kann sie gerade dem Wunsche entspringen, dieser Prinzipien schärfer zu formulteren. Ohne solche Kritik wären ja zeitgemäße Aenderungen und Läuterungen eines Parteiprogramms un⸗ möglich. Dazu kommt, daß Parteiprogramme wie das sozialdemokratische, nicht bloßPrin⸗ zipien als Grundsätze des politischen Handelns aussprechen, nicht bloß einSollen verkünden, sondern auch wissenschaftliche Urteile über den Stand der Gesellschaft und ihre Evolution aussprechen, also einSein feststellen. Solche Erkenntnisse können durch Erfahrung ergänzt und berichtigt werden, ohne daß dadurch die grundlegenden Regeln des parteipolitischen Handelns berührt zu werden brauchen. Erst wenn diese Berichtigung so tief eingreift, daß die Partei die bisherige Richtung ihres Handelns folgerichtig aufzugeben gezwungen wäre, wenn Grundsätze angefochten werden, die nicht auf⸗ gegeben werden können, ohne daß die Partei begrifflich aufhören müßte zu sein, was sie ist, erst dann kann man sagen, daß die Krttik die Prinzipien der Partei angreift. 1

Es ist daher eine sehr heikle und schwierige Aufgabe, festzustellen, was eigentlich die Prin⸗ zipien einer Partet, in unserem Falle der sozial⸗ demokratischen, sind. Man gerät leicht in die Gefahr, den Begriff zu eng oder zu weit zu fassen. Es kommt auf den Versuch an, der hier gewagt werden soll.

Die Soztaldemokratie will als Staats- form die Demokratie, als Gesellschaftsordnung den Sozialismus. Wir haben bereits gesehen, daß in der Willensvorstellung der Partei beide Demokratie und Sozialismus eine un⸗ trennbare Einheit von Form und Inhalt bilden; wir haben ferner erkannt, daß die Entstehung der soztalistischen(demokratischen) Gesellschaft kein Vorgang unbewußten Werdens, sondern nur eln Akt bewußten Schaffens sein kann. Die Partei muß zu diesem Zwecke als Klassen⸗ partei(weil die Erreichung ihres Ziels im Interesse der proletarischen Klasse liegt), die Klasse der Kapitalisten und Großgrundbesitzer bekämpfen, die an der Erhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung interesstiert sind. Dieser Kampf richtet sich aber nicht gegen einzelne

Menschen, sondern gegen ein Herrschafts⸗ prinzip, dem die Partei ihr sozialdemokra⸗ tisches Freiheitsprinzip entgegengestellt. Zu Handeln in dem Willen, die sozia⸗ listische Gesellschaftsordnung zu er⸗ reichen, ist das Prinzip der Partei.

Die Partei ist ferner der grundlegenden Ueberzeugung, daß jede Veränderung der Staats⸗ und Gesellschaftsordnung, die durch Beschneidung politischer oder wirtschaftlicher Privilegien der herrschenden Klasse nach der Richtung der Demokratie oder des Sozialismus hinführt, dem Interesse der proletarischen Klasse entspricht, deren politische Vertretung sie führt, und daß jebe Aenderung, die die Wirkung hat, die bestehende Ordnung zu befestigen, dem Interesse des Proletariats widerspricht. Es ist hier Prinzip, im erkannten Interesse des Prole⸗ tartats zu handeln; sie kann das nach ihrer grundlegenden Ueberzeugung nicht anders als 1 des Sozialismus und der Demo⸗ ratie.

Die Frage aber, wie eine bestimmte Reform auf den Gang des Klassenkampfes einwirken werde, ist im Einzelfalle schwierig zu entscheiden und hat daher schon oft zu lebhaften Meinungs⸗ kämpfen unter Genossen geführt, die alle das Prinzip der Sozialdemokratie anerkennen. Hier betreten wir bereits die Brücke, die vom Ge⸗ biet des Prinzips auf ein anderes führt, auf das der Taktik.

Taktisch ist jenes Verhalten, das angewendet werden muß, um dem Prinzip Geltung zu ver⸗ schaffen. Das Prinzip bestimmt unser Verhält⸗ nis zum Ganzen der bestehenden Zustände und Einrichtungen, es gilt also, solange dieses Ganze, die kapitalistische Gesellschaftsordnung besteht. Die Taktik aber bestimmt, dem Prinzip ent⸗ sprechend, unser Verhältnis zu den einzelnen räumlich und zeitlich getrennten und mannig⸗ fach verschiedenen wirtschaftlich⸗politischen Er⸗ scheinungen. Um ein Bild zu gebrauchen: Es ist unser Prinzip, den alten Bau abzu⸗ tragen und durch einen neuen zu ersetzen. Die Taktik aber besteht darin, daß wir Hacke, Spaten und Dynamitpatronen richtig anzu⸗ wenden wissen, daß wir das Werkzeug der Zerstörung dort zuerst anwenden, wo die Aus⸗ sicht auf Erfolg am größten ist, und den An⸗ bau so beginnen, daß kein Einsturz droht. Das Prinzip beantwortet die Frage nach dem Was, die Taktik die Frage nach dem Wie.

Soweit eine taktische Handlung nicht dem Willensprinzip der Partei oder den Regeln der Disziplin der demokratischen Unter- ordnung des Handelns unter das Gebot der Partei widerspricht, ist ihre Beurteilung eine reine Frage der Zweckmäßigkeit. Hier entwickeln sich innerhalb der Schranken des Prinzips und der Disziplin nahzu unbe⸗ grenzte Möglichkeiten, die mit dem Orte und der Zeit, den augenblicklichen Erscheinungen und politischen Situattonen, unveränderlich sind. Der Festigkeit des Prinzips entspricht die größte Beweglichkeit der Taktik. Solange das Prinzip nicht beseitigt, nichtin Fleisch und Blut der Partei übergegangen ist, be⸗ steht die Gefahr, daß Handlungen der Partei, die an und für sich zweckmäßig wären, un⸗ zweckmäßig werden dadurch, daß ste fälschlich als symboliche Prinziptenerklärungen erscheinen. Beispielsweise: Stände im Bewußtsein der Proletariermassen nicht das Prinzip des Klassen⸗ kampfes fest, so würde eine Stichwahltaktik, die zur Wahl bestimmter bürgerlicher Kandi⸗ daten auffordert, eine Gefahr für das Prinzip bedeuten. Stünde nicht ebenso das Prinzip der Demokratte fest, so könnte eine Beteiligung an den preußischen Dreiklassenwahlen den An⸗ schein erwecken, als hätte die Partet das Prin⸗ zip der Demokratie aufgegeben. Daraus folgt, daß die Taktik der Partei desto gebundener ist, je schlechter es mit der prinzipiellen Aufklärung bestellt ist, und daß ste desto freier wird, e weiter die prinzipielle Auf⸗

klärung fortschreitet. Um zu dem alten Bei⸗ spiel zurückzukehren: Die Ablehnung jeder Stichwahlhilfe an bürgerliche Kandidaten wirkt lehrhaft im Sinne des Klassenkampfprinzips, das ist ihr unleugbarer Vorteil. Hier wird durch die Tat klar gemacht, daß die Sozial⸗

demokratte in ihrem Wesen von den bürger⸗ lichen Parteien völlig verschieden ist. Diese Ablernung hat aber auch den ebenso unleug⸗ baren Nachteil, daß ste die Klassenkampfstellung unserer Gegner unmittelbar stärkt, den schlimmsten von ihnen zum augenblicklichen Vorteil dient, uns die Möglichkeit nimmt, einen Keil in die Reihe unserer Feinde zu stoßen, sie gegenein⸗ ander auszuspielen und durcheinander zu treiben. Diese Möglichkeit ist aber nur vorhanden, so⸗ bald die Massen hinreichend geschult sind, um zwischen der unverrückbaren Prinzipienstellung der Partei und den wechselnden taktischen Situ⸗ ationen unterscheiden zu können. In der Sicher⸗ heit und Zähigkeit des Willens zum Ziel und in der Fähigkeit, sich auf dem Wege dahin schnell veränderlichen Situationen ebensoschnell anzupassen, besteht die Stärke der Partei.

Das Prinzip ist hilflos ohne Taktik, die Taktik sinnlos ohne Prinzip. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen derBewegung und demEndziel. Dem Endziel verdankt die Bewegung ihre Richtung, ihre Ordnung und ihre Stoßkraft. Aber auch das Endziel wäre ohne die Bewegung nichts als ein bloßer Philosophentraum. Kein System der Politik, das den Namen eines solchen verdient, kann auf diesen in der Zukunft und in der mensch⸗ lichen Vorstellungskraft sicher ruhenden Punkt verzichten, der der praktischen Arbeit ihren Kurs weist. Im System der sozial demokratischen Politik aber ist das Endziel mehr als einun⸗ erreichbares Ideal, denn aus der Erkennt⸗ nis der bestehenden Zustände hat ste die wissen⸗ schaftlich begründete Zuversicht geschöpft, daß es nur einer Reihe taktisch geordneter mensch⸗ lich politischer Willensakte bedarf, um das zu. erreichen, was unserer zeitlich beschränkten Vor⸗ stellung als höchstes und letztes Ziel der Vollen⸗ dung erscheinen muß.

Politische Hundschau.

Gießen, den 13. September 1906.

Schmarotzer.

60 Millionen Mark Tantiemen sollen nach Schätzungen in Fachkrelsen die in Deutschland vorhandenen 5000 Aktiengesell⸗ schaften an rund 20000 Aufsichtsratsmit⸗ glieder jährlich zahlen. Die Frage nach der Gegenleistung beantwortet derDeutsche Oeko⸗ nom in folgender Weise:Die den Aufsichts⸗ ratsmitgliedern vom Gesetz zugewiesene Aufgabe, die Verwaltung der Gesellschaft in allen Teilen zu überwachen, wird nicht erfüllt und kann in größeren Betrieben nicht erfüllt werden, weil der reguläre Betrieb durch eine so eingehende Kontrolle in ganz unzulässiger Weise gestört würde und weil die Inhaber dieser Aufsichts⸗ ratsstellen, und zwar der wichtigsten, zu ein⸗ gehender Kontrolle gar nicht die nötige Zeit neben den Arbeiten ihres Hauptberufes finden können. In der Prapis ist die eee keit des Aufsichtsrates bei allen größeren Gesell⸗ schaften durchaus Neben- und Formsache.

Diese Herren sind Paraftten der schlimmsten und verächtlichsten Art, zumal ihre Tantiemen Blutgeld sind, das der ehrlichen Arbeit ab⸗ gepreßt wird.

Aus dem Kolonialsumpfe.

Schundware von Tippelskirch und Co. Kürzlich brachte derHannoversche An⸗ zeiger einen längeren Artikel, worin mitgeteilt war, daß im Herbst vorigen Jahres eine mili⸗ tärische Kommission, die unter dem Vorsitze eines Oberleutnants in Windhuk in Südwest⸗ afrika zusammengetreten war, um über die Erfahrungen mit den von Tippelskirch gelteferten Uniformen und Lederzeug Bericht zu erstatten, sich sehr abfällig über das Material ausge⸗ sprochen hat. Es heißt darüber:

Das Lederzeug erwies sich als nicht haltbar. Es kam vor, daß Gewehrschuh⸗ riemen und andere Lederbestandtelle nach kurzer Benutzung rissen. Auch die Stiefel trugen sich nicht gut. Selbst wenn man berücksichtigt, daß auf den harten, scharfen Steinen, die in Südafrika häufig sind, das Leder stark mitge⸗