Ausgabe 
16.9.1906
 
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Gießen, den 16. September 1906.

13. Jahrgang.

Redaktion: Mirchenplatz 11. Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeitu

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I

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Für unsere Presse!

Mit dem Wachsen der Arbeiterbewegung ist auch der Leserkreis der Parteizeitungen ununterbrochen gewachsen. Mit Genugtuung können wir daher feststellen, daß unser Bestreben, stets unerschrocken und in aller Rücksichtslostgkeit die Interessen des arbeitenden Volkes zu ver⸗ treten, nicht ohne Erfolg geblieben ist. Doch das bisher erreichte genügt bei weitem noch nicht. Die Zahl der Abonnenten der täglich erscheinenden Arbeiterblätter steht noch immer sehr weit zurück hinter der Zahl der Wählerstimmen, die für die Sozialdemokratie abgegeben wurden. Ja noch schlimmer: zahlreiche gewerkschaftlich orga⸗ nisierte Arbeiter bringen es über sich, die eigene Presse zu vernachlässigen und die volksfeindlichsten Preßerzeugnisse zu unterstützen. Das muß anders werden!

Das kapitalistische Herrentum be⸗ herrscht brutal die Massen des Volkes. Der Kapitalismus vernichtet fortdauernd die kleinen selbständigen Existenzen oder macht ste von seiner Geldmacht völlig abhängig. Der Kapitalismus will uneingeschränkt über die proletarisierten Arbeitermassen, über die Arbeitskraft, über Gesundheit und Leben des Arbeiters gebieten. Der Arbeiter soll nur das eineRecht, die eineFreiheit haben, dem Kapital zeit seines Lebens um niederen Lohn bei möglichst langer und schwerer Arbeit dienstbar zu sein. Wollen die Arbeiter nur einigen größeren Anteil an dem von ihnen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Reichtum für sich in Anspruch nehmen, so ant⸗ wortet die kapitalistische Tyrannis durch ruch⸗ lose Willkür von Maßregelungen und Massenaussperrungen.

Der Staat aber und die Reaktions⸗ parteien unterstützen nicht nur das Herrentum der Unternehmerschaft, ste bürden noch besondere schwere Lasten den unbemittelten Klassen auf. Der Reichstag hat wiederum Hunderte Millionen für vermehrte Kriegsschiffsbauten durchgesetzt, aber die Steuern, durch welche dieherrliche Flotte bezahlt werden soll, werden zum größten Teil herausgepreßt auf Kosten wichtiger Industriezweige und threr Arbeiterschaft, sowie durch skandalöse Ver⸗ teuerungen des Eisenbahn⸗ und Post⸗ verkehrs.

Der Kapitalismus, der alles Hohe erniedrigt und alles Heilige entheiligt, hat auch das e schmählich korrumpiert.

r hat die Presse zum Werkzeug gemacht, die kapitalistische Interessenwirtschaft zu begünstigen und die Volksmasse über sein Tun zu täuschen. Und gerade die sogenannteunpartetische Presse, die in allerlei Färbungen schillert und durch mannigfache Lockmittel die unerfahrenen verführt, ist zur schlimmsten Verderbnis unseres öffent⸗ lichen Lebens geworden.

Es vergeht kein Tag, an dem diese Presse nicht irgend eine Verleumdung der Ar⸗ beiterbewegung oder deren Träger in die Welt setzt! Ja, diese Presse geht augenscheinlich von dem Standpunkt aus: je dümmer und ur teilsloser ihr Lesepublikum. k st, desto ärger kann ste in Lügen über die Sozkaldemokratie auftragen. Die Presse, die elne heillose Angst davor hat, irgend etwas kritisches übermächtige Personen zu bringen, sie greift mit wahrer ier nach

Mitteilungen, die Beschimpfungen und Verleum⸗ dungen von Sozialdemokraten oder Gewerk- schaftsführern enthalten, weil sie weiß, daß Sozialdemokraten es im allgemeinen unter ihrer Mürde halten, die Verleumder vor Gericht zu ziehen. Es offenbart sich bei dieser Sorte Preß⸗ menschen neben der Schlechtigkeit auch noch eine gute Dosts Feigheit. Wann endlich werden die Arbeiter gegen die Lügen der im 25 des Kapitalismus stehenden Presse gefeit ein

Gegen die Uebermacht des Kapitals des kapitalistischen Staates und der kapitalistischen Presse gibt es nur das eine Rettungsmittel: die Organisation der Bedrückten und Ausgeplünderten. Diese Organisation ist aus den wirtschaftlichen Notwendigkeiten er⸗ wachsen und mächtig erstarkt. Sie führt den großen Kampf, der unser ganzes Zeitalter er⸗ füllt, den Kampf um die politische und wirt⸗ schaftliche Befreiung der Arbeiterklasse, um die Herbeiführung einer gerechten Gesellschaftsord⸗ nung! Das Banner dieses Kampfes aber trägt voran die Arbeiter⸗ Zeitung! Darf es da in dieser Zeit des großen Werdens, in dieser Zeit der herrlichen Freiheitskämpfe ringsum in allen Ländern! noch Arbeiter geben, welche einsichtslos Feinde ihrer Klasse und ihrer Interessen, welche die kapitalistische Presse unterstützen? Der Ar⸗ beiter und die Arbeiterfrau, welche dies tun, wüten gegen ihr eigen Fleisch. Sie versündigen sich an der eigenen Zukunft und an ihren Kindern.

Ehrlos und schimpflich ist es für einen Arbeiter, wenn er an Vorteilen und Erfolgen teilnehmen will, die andere erkämpft und wofür ste Opfer gebracht haben. Wer so handelt, wer die arbeiterfeindliche Zeitung durch Abonnement stärkt, übt Verrat an seinen Arbeits⸗ kameraden und am Gemeinwohl! Es gilt, daß auch der bisher Unaufgeklärteste, der vielleicht gedankenlos oder durch kleinliche Gründe geleitet, diesen traurigen Verrat begeht, endlich zur Erkenntuis gelangt.

Wer wagt es denn, in unserer Zeit der Streberei und Kriecherei nach oben hin die Wahrheit zu sagen? Wer beugt sich nicht vor Reichtum und Macht? Wer kritistert unbarm⸗ Nen alle Versündigungen des herrschenden

egiments? Wer steht dem Arbeiter im Lohn⸗ kampfe zur Seite? Wer kämpft euergisch gegen Fleisch⸗ und Brotverteuerung, gegen Wohnungs⸗ wucher und Steuerdruck? Allein die Soztal⸗ demokratie und ihre Zeitung verrichten diese Kulturaufgaben!

Wie verhalten sich die bürgerlichen Zeitungen bei Lohnkämpfen? Ist bei denen, die sich in unserm Verbreitungsbezirke abgespielt haben, auch nur ein einziges gegnerisches Blatt mit auch nur einer Zeile für die Arbeiter eingetreten? Niemals! Wir finden im Gegenteil die Amts⸗ blätter wie die andern stets auf Seiten des Kapitals, des Unternehmertums, stets nehmen ste in einsettiger Weise gegen die Arbeiter Stellung, beschimpfen sie womöglich noch.

Daher muß es Ehrenpflicht für jeden ver⸗ ständigen Arbeiter und für jeden freiheits⸗ liebenden Menschen sein, nur die Zeitung der Partei, die jederzeit für wirtschaftliche und . Befreiung des Volkes gestritten hat, ie sozialdemokratische Zeitung zu unterstützen und in seiner Wohnung zu halten.

Unsere Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung hat in dem Kampfe für Freiheit und Volkswohlfahrt ihre Schuldigkeit stets getan, sie hat stets zu den Bedrückten gestanden! Das wissen ihre Leser. Nun hat jedoch ihr letztes Stündlein bald geschlagen! Ste stirbt aber nicht an Krankheit und Siechtum, sondern ste setzt ihrem Leben freiwillig ein Ziel, um in der

Oberhessischen Volkszeitung eine fröhliche Auferstehung zu feiern. Für das neue Blatt jetzt schon zu arbeiten, ihr die größtmögliche Verbreitung zu verschaffen, sei Aufgabe aller unserer Freunde und Parteigenossen.

Grundbegriffe der Politik).

(Fortsetzung.)

Die Gegenstücke zum Patriotismus und Nationalismus der herrschenden Klassen bilden der Kosmopolitismus und die Inter⸗ nationalität. Der erste entspringt der philosophischen Einsicht des 18. Jahrhunderts, die die Gleichheit der Menschen aller Staaten verkündete, die Menschheit als eine Kulturge⸗ meinschaft auffaßte, und den Weltbürger(Kos⸗ mopoliten) über den Staatsbürger stellte. Die zweite aber, die Internationalität, ist hervor⸗ gegangen aus der tatsächlichen Erkenntnis einer wirtschaftlich⸗gesellschaftlichen Zu sammen⸗ gehörigkeit, die alle Staatsgrenzen über⸗ springt, und aus dem praktischen? edürfnis des proletarischen Klassenkampfes. Der Kampf 1 5 Ausbeutung und Unterdrückung muß inter⸗ ub sein, so wie diese selbst international

nd.

International sein heißt demnach, die angeblich nationalen Interessen herrschender Klassen bekämpfen und für das Interesse des gesamten Proletariats eintreten, das in Wahrheit das gemeinsame Interesse aller Nationen ist. Als Feindin aller chauvinistischen Kriegshetze, aller imperia⸗ listischen Eroberungs⸗ und nationalen Unter⸗ drückungspolitik ist die proletarische Internatio⸗ nale nicht anti national, sondern allnatio⸗ nal. Sie kämpft dafür, daß die Völker aus bloßen Uutertanenschaften herrschender Personen

und Klassen zu wahren, sich selbst regierenden

und selbstbewußten Nationen werden, die alle⸗ samt Glieder einer friedlichen und freien Ge⸗ sellschaft sein sollen.

Dieses Ziel der Völkerdemokratie kann nur im Kampfe mit dem landläufigen Patriotismus und Nationalismus erreicht werden, und dieser Kampf muß um so heftiger sein, je weiter sich dasVaterland undNation von der Aner⸗ kennung demokratischer Grundsätze entfernt halten. Im Streite der Staaten und Natio⸗ nalitäten wird die Internationale daher immer dort zu finden sein, wo die größere Frei- heit oder das bessere nationale Recht ist; denn es ist nicht der Sieg einer Nation, sondern der Sieg aller Völker, um den ste kämpft.

Die parlamentarische Ablehnung des Etats, besonders der milltärischen Forderungen, ent⸗ springt nicht der Absicht,die Nation wehrlos zu machen, sondern ist der Ausdruck der oppo⸗

) Siehe den betr. Artikel in Nr. 28, 29, 30, 31, 32, 38, 34, 35 und 36 der M. S. Ztg.