Ausgabe 
16.9.1906
 
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Nr. 37.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

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nommen wird, muß es doch auf schlechte Be⸗ schaffenheit schließzen lassen, wenn die Sohlen oft nach acht Tagen, in Einzelfällen nach zwei bis drei Tagen durchgelaufen waren. Der betreffende Bericht, dessen Abschrift in Windhuk bei den Akten liegt, ist seinerzeit an das Oberkommando der Schutztruppe, bei dem auh der Major Fischer beschäftigt war, abgegangen. Man hat aber nie etwas von den Folgen dieses Berichts gehört. Woran mag das liegen? Die vielfach schlechte Qualität der teueren Tippelskirchschen Lieferungen ist in der Kolonie Gegenstand allgemeiner Klage. Das ist ja bald wie bei den Russen, die im türkischen Kriege die Soldaten mit Schuhwerk aus Pappdeckel ausstaffiert hatten! Die Reichsregierung wäre schließlich besser daran gewesen, wenn stie die Kriegsausrüstung bei Schmoller oder einem andern der vielangefein⸗ hätte Warenhäuser oderRamschbazare gekauft ätte!

Agrarisch⸗konservative Handwerker⸗ freundlichkeit.

Daß es mit der angeblichen Handwerker⸗ freundlichkeit der Agrarier Schwindel ist, zeigt sich wieder einmal im schönsten Lichte in einer Notiz derKorrespondenz des Bundes der Landwirte, die geradezu auf eine Bäcker⸗ hetze gerichtet ist. Wegen der hohen Fleisch⸗ preise haben die Agrarier die Metzger denunziert. Wird das Brot teurer, so müssen die Bäcker⸗ meister herhalten. Das hat den Konservativen vor nunmehr 28 Jahren woran dieBerl. Volksztg. erinnert Fürst Bismarck vorge⸗ macht, der damals besonders den Berliner Bäckerweistern vorwarf, sie wollten zu schnell Hausbesitzer werden; darum nähmen sie mög⸗ lichst viel Geld für möglichst kleine Backware. So beschuldigt die neueste Nummer derKorre⸗ spondenz des Bundes der Landwirte die Ber⸗ liner Bäckermeister, daß nur ste allein an der Teurung der Backwaren schuld seien. Auf diese Weise will das agrarische Organ die Tatsache hinwegtäuschen, daß die agrarische Zoll⸗ und Liebesgabenpolitik die Hauptursache der Lebens⸗ miltelverteurung ist.

Gescheitelte und Geschorene.

Kürzlich hatten die Seelenhirten von der evangelischen Richtung in Dresden ihren Tag. Von großer Bedeutung sind ihre Ver⸗ handlungen und Beschlüsse gerade nicht. Die Vertreter der Kirche suchen eben nach Mitteln, der mehr und mehr um sich greifenden Kirchen⸗ flucht zu begegnen. Sie können sich der Er⸗ kenntnis nicht verschließen, daß die Kirche bei den Massen immer mehr an Boden verliert; höchstens gelingt es der katholischen Kirche noch, größere Massen gehorsamer Schäflein unter ihrer Obhut zu halten. Auch über ihre Stel⸗ lung zur Sozialdemokratie verhandelten die Herren Pfarrer, wozu ihnen derFall Korell Veranlassung gab, der im Anschluß an die Darmstädter Wahl spielte. Ganz einig war man allerdings nicht. Ein Pfarrer Arper hatte den Mut, es für verfehlt zu halten, einen Be⸗ schluß gegen die Sozialdemokratie zu fassen. Ein solcher Beschluß werde den sozialdemo⸗ kratischen Führern willkommene Gelegenheit bieten, offen gegen die Kirche und den Pfarr⸗ staud vorzugehen. Arper ahnte also, daß allein die Kirche die Leidtragende sein wird, wenn Pfarrer Arm in Arm mit den Wanderaposteln des Reichsverbandes marschieren. Pfarrer Wahl aus Langen kanzelte aber seinen Bruder in Cheisto in unsanften Tönen ab. Der Fall Korell ist dem Manne zu kitzlich,da er für die öffentliche Meinung nicht genügend geklärt sei. Wahl meinte aber, daß die Geistlichen nicht das Machtbewußtsein der Sozialdemokratie stärken dürften, die die religtösen wie sittlichen Grundlagen unseres christlichen Volkslebens tat sächlich zu zerstören sucht. Und ein Lizentiat Schäfer aus Remscheid gab folgende Weisheit von sich: Der Geistliche sei verpflichtet, das Zukunftsparadies der Sozialdemo⸗ kraten als Unsinndas es doch sei zu bezeichnen. Für was er seinParadies hält, von

dem er seinen Gläubigen predigt, sagte er nicht.

Es gibt Leute, die darüber eigene Ansichten

haben. Kurz, es wurde dort bei den Ge⸗ scheitelten gerade so gegen die Sozialdemokratie gewettert, wie vor Kurzem in Essen bei den Geschorenen, auf dem Katholikentage. Lassen wir die Herren. Beiden wird es nicht gelingen unsere Bewegung niederzukämpfen.

Die sozialdemokratische Gräfin.

Die englische sozialdemokratische Federation hielt am Dienstag vor 8 Tagen in London eine große Versammlung ab, in der die Gräfin Warwick sprach. Sie unterstützte eine Reso⸗ lution, in der es hieß, daß eine unabhängige Arbeiterpartei notwendigerweise den Sozialismus zur Basis haben müsse. Die Gräfin kam dabei auch auf ihre eigene Person zu sprechen. Sie sagte, daß ste von ihrer eigenen Klasse wegen ihres politischen Standpunktes viele Angriffe zu erdulden habe, was ihr aber am meisten weh tue, das sei das Mißtrauen, das ihr aus den Reihen derjenigen entgegengebracht werde, denen ste ehrliche und treue Kameradschaft biete. Vielleicht, so meinte sie, würden ihre sozialisti⸗ schen Freunde mit weniger Mißtrauen zu ihr blicken, wenn sie erst den Ernst ihrer Absichten und Grundsätze bewiesen habe. Darin mag die gräfliche Genossin Recht haben.

Kleine politische Nachrichten.

Zur Ersatzwahl in Döbeln haben die Frei⸗ sinnigen beschlossen, den Stadtverordneten Lehrer Beck aus Dresden aufzustellen. So ist's also nichts mit dem gemeinsamen bürgerlichen Kandidaten.

Aus dem Lande des Ochsenkopfes. Die Regierungen der beiden mecklenburgischen Großherzog⸗ tümer verboten die Abhaltung des sozialdemokratischen Parteitages für die beiden Mecklenburg auf Mecklen⸗ burger Gebiet. Der Parteitag findet deshalb in Lübeck statt. Unsere Bewegung aufzuhalten, wird selbst den Gewaltigen in Mecklenburg nicht gelingen.

Die Jungliberalen hielten am Sonntag in Hannover einen Delegiertentag ab. Man diskutierte lebhaft über das allgemeine Wahlrecht, gegen das sich eine ganze Reihe Redner erklärten! Der junge Liberalismus taugt so wenig wie der alte!

Soziales.

Kinderausbeutung in der Landwirt⸗ schaft. Ueber himmelschreiende Ausnützung von Dienstkindern in landwirtschaftlichen Betrieben läßt sich derSchwarzwälder Bote, ein der nationalliberalen Partei nahestehendes weilver⸗ breitetes württembergisches Blatt, von einem Lehrer berichten. Der Lehrer beobachtete, wie eines Tages ein sonst ordentlicher Schüler sich nur mit Mühe wach erhielt und nach kurzer Zeit einschltief. Der Lehrer ging der Sache gewissenhaft auf den Grund und gelangte durch Umfrage bei den Bauern zu folgendem Ergebnis: Der 11 Jahre alte Knabe mußte um ½3 Uhr in der Frühe aus dem Bette; Feterabend gab tes erst wieder nachts 1½11 Uhr! Es war also dieser nicht sehr entwickelte Knabe volle 20 Stunden im strengen Erntedienst. Der Lehrer konstatiert dann weiter, daß bei allen übrigen Dienstbuben die Verhältnisse ganz gleich liegen, erklärt unter solchen Umständen die Schule außerstande, Entsprechendes zu leisten, und be⸗ dauert das Fehlen einer gesetzlichen Handhabe, um solchen himmelschreienden Zustän den begegnen zu können. Zum Schluß meint der Lehrer dann:Der muß hart werden! hört man oft den Unverstand reden. Ja, diese bedauerns⸗ werten Dienstbuben werden sohart, daß ste mit 17 Jahren steif und krüppelig, mit 40 Jahren aber Greise sind. Und der Schauplatz dieser schandbaren, durch einen unverdächtigen Zeugen festgestellten Ausbeutung ist das fromme katholische Oberschwaben, die Domäne der großen Zentrumspolitiker Gröber, Erzberger u. a. Während man die schönen Worte des christlichen Welterl ösers:Lasset die Kindlein zu mir kommen heuchlerisch zwischen den Zähnen murmelt, saugt man eben diesen Kindern Mark und Herzblut aus dem Leibe und zerstört ihnen rücksichtslos die sonnige Jugendfreude.

Revolution in Rußland. In der sibirischen Eiswüste.

In einem Bezirk des Kreises Kolymsk Gakutengebiet in Sibirien) haben vor einigen Monaten sämtliche Tschuktschen, welche die ein⸗ heimische Bevölkerung des Bezirks bildeten, auf einmal Selbstmord begangen. Ihre Renntiere nämlich waren zugrunde gegangen; sie hatten keinen andern Ausweg als den Tod.

Unter solchen Tschuktschen und den stamm⸗ verwandten Jukagiren hat auch der Schriftsteller Tann als politischer Verschickter gelebt. Da geschah es zum Beispiel, daß zwei Jukagiren⸗ familien, von Hunger getrieben, zuerst ihre Kinder und dann einander aufgegessen haben. Ein Knabe ist durch Zufall diesem Schicksal entgangen. Seine Erzählungen waren entsetzenerregend. Am längsten hatte eine alte Frau gelebt; vor dem Tode wurde ste wahn⸗ sinnig und starb mit einem Stück Menschenfleisch in der Hand; so wurde sie später von vorüber⸗ ziehenden Nomaden aufgefunden bei einem ausgegangenen Feuerstoß, vor den Resten ihres entsetzlichen Essens, war sie erfroren. Einige Jahre später ist das ganze zahlreiche Geschlecht, zu dem diese Jukagiren gehörten, des Hungers gestorben. In den früheren Jahrhunderten lebten diese wilden Völker inmitten der rauhen Natur, ohne zugrunde zu gehen. Aber die Raubwirtschaft des Zarismus, die Streifzüge der Kosaken, die die Pelztiere ausrotteten, die Steuern, die Exekutionen, die Ausbeutung der Urbevölkerung dies alles brachte die Ur⸗ stämme zu einem chronischen Hungertod. Es kommen dahin Auswürfe der russischen Bureau⸗ kratie als Machthaber, Isprawniks, Kosaken⸗ offiztere, Polizisten, Popen, deren Lieblings- beschäftigung Saufen ist. In diese Polarhölle werden schon 25 Jahre langUnzuverlässige ohne Gerichtsurteil verschickt. In Kolymsk lebte Taun Jahre lang. Ein ähnlicher Verbannungsort ist Turuchansk am Jenissej, wohin jetzt Parvus und Deutsch trans- porttert werden.

Die Verschickten leben nicht besser als die Einheimischen; sie sterben an Hunger und Kälte. Wir waren über 50 Personen stark, erzählt Tann,wir hatten ein halbzerfallenes Haus als Zufluchtsstätte; wir hatten russische Winter⸗ pelze, Schafsfellmützen, gestrickte Handschuhe an; mit solchen Kleidungssachen war es sogar schwer gewesen, bis Kolymsk zu gelangen, ohne zu erfrteren. Wenn wir einen Feuerstoß erreichten, steckten wir die Hände ins Feuer hinein und heulten vor Schmerz, bis unsere Hände auf⸗ lauten. Ewiger Hunger herrschte. Roggen⸗ mehl kostete 40 Kopeken(90 Pfg.) pro Pfund, und die Verschickten hatten Schulden statt Geld. Wir aßen verfaulten Fisch, gefrornes Fleisch, rohe gefrorne Fische; es war aber von allem viel zu wenig, die Portionen waren winzig klein.O Gott, wie haben wir gehungert! ruft Tann aus.Am meisten hungerten wir im Frühling. Alle Lebensmittel sind aufge⸗ gessen worden, es gibt kein Fleisch, Fisch ist beinahe zu Ende, Fett ist nicht mehr da. Alle hungern, sogar der Isprawnik und die Popen. Die Hunde fallen vol Schwäche; die einen krepieren vor Hunger, die andern fressen ihre Leiber. Ich riß einmal das Leder von der Tür weg, und zwei Tage lang kochten wir davon Suppe. Wir suchten uns schwarze Klumpen verfaulten Mehls zusammen, die aus Speichern herausgeworfen waren, und machten davon Kuchen.

In solchen Polarhöllen quält der Zarismus die Besten des russischen Volkes, die für bessere Zustände in ihrem Vaterlande kämpften, zu Tode und auch Parvus und Deutsch werden dort schmachten müssen. Man sollte doch meinen, es hätte den Genossen gelingen müssen, die beiden zu befreien!

Eine neue Judeumetzelet hat in Siedlcee, einer Stadt in Russisch⸗Polen, statt⸗ gefunden. Am Samstag waren zwei Soldaten in der Nähe eines Schnaps⸗Monopolladeus er⸗ schossen worden. Darauf umzingelten sofort zahlreiche Infanteriepatrouillen die Häuser, aus denen die Schüsse gefallen waren, und gaben mehrere Salven ab. Gleichzeitig begannen

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