Ausgabe 
15.7.1906
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sonuntags⸗ Zeitung:

Nr. 28.

kann aus den Andeutungen seine Schlüsse ziehen. Der Oberkirchenrat kann zu dieser Sache nicht wie zur Korellaffäre sich äußern, wohl aber kann und muß es die Steuerverwaltung tun. Steuerhinterziehung wird übrigens mit Strafe bedroht, man hat aber nichts von einem Straf⸗ verfahren gehört. Nun kann es freilich vor⸗ kommen, daß dergute Glaube einem Hinter⸗ zieher zugute gerechnet und er nur zur Nach⸗ zahlung herangeholt wird. Immerhin würde die Steuerbehörde wohl auch in solchem Falle die Akten zur selbständigen Prüfung der Justiz⸗ behörde überreichen. Von Seiten der Regie⸗ rung wird man sich wohl darüber äußern müssen.

Gießener Angelegenheiten.

Ueber denFall Korell äußerte sich kürzlich auch Herr Pfarrer Schlosser in einer Zuschrift an denGieß. Anz. Darin wehrte sich der Pfarrer entschieden gegen die Ansicht des Amtsblattes, daß die Kirche eine staatserhaltende Aufgabe habe und setzt seine gegenteilige Meinung in längeren Aus⸗ führungen auseinander. Was er sagt, ist vom wahren religiösen Standpunkte aus vollkommen zutreffend; einen solchen Standpunkt nehmen aber die Ordnungsblätter nicht ein, nach ihnen hat die Kirche die Aufgabe, für Aufrechterhaltung der heutigen Ordnung und des kapttalistischen Staates zu wirken, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen als gottgewollte Einrichtung zu erklären. Natürlich! Zu was brauchen denn sonst die BestitzendenReligion, wenn ihre Diener den Ausgebeuteten und Unterdrückten nicht Zufriedenheit und Ergebung in ihr hartes, unabänderliches Schicksal predigen? Unzufrieden⸗ heit zu säen und zuhetzen, dafür sind die Sozialdemokraten da, die mit Stumpf und Stiel auszurotten der Pfarrer als seine heilige Pflicht erachten muß. So, im Sinne des Amts⸗ blattes fassen aber tatsächlich die Mehrheit der Geistlichen ihr Amt auf; nur wenige teilen die von Schlosser vertretenen vernünftigen An⸗ sichten, viel mehr fühlen sie sich meistens als Stützen der heutigen Ordnung und Wortführer der be⸗ sitzenden Klassen und deshalb wendet sich die arbeitende und besitzlose Bevölkerung mehr und mehr von der Kirche ab. Und zur allgemeinen Flucht aus der Kirche trägt das famose Urteil des Oberkonsistoriums gegen den Pfarrer Korell nicht wenig bei.

In der Stadtverordneten⸗ Sitzung am Donnerstag teilte Beigeordneter Curschmann zunächst mit, daß gegen die Be⸗ merkungen eines Staatsanwalts Beschwerde erhoben worden sei, die dieser gelegentlich einer Gerichtsverhandlung über eine Strafsache wegen Uebertretung der Feldpoltzeigesetze gemacht hatte. Diese Bemerkungen gingen dahin, daß die Feld⸗ schützen nicht zu viele Anzeigen erstatten sollten, in denen eine Verurteilung nicht erfolgen könne, die also grundlos seien. Der Beigeordnete be⸗ dauerte, daß ein Staatsanwalt derartiges gesagt, das die Bevölkerung zu der Meinung bringen müsse, daß ste von dem Feldschutzpersonal chika⸗ niert würde. Er führte die Zahl der Anzeigen und Verurteilungen wegen solcher Delikte aus den letzten Jahren an, woraus hervorging, daß nur in sehr wenig Fällen Freisprechung erfolgt sei. Diesen Ausführungen wurde zwar von verschiedenen Seiten zugestimmt, doch wir meinen, der betr. Staatsanwalt hat in diesem Falle doch nicht so ganz unrecht gehabt. Die Zahl der erfolgten Verurteilungen will nicht viel beweisen, denn es können sich unter Verurteilten noch viele Unschuldige befinden. Uns sind schon viele derartige Fälle mitgeteilt worden, in denen die Schuld des Bestraften mindestens zweifelhaft war. Dann gab es wieder eine lange Debatte über die Volksschul verhält⸗ nisse. Oberbürgermeister Mecum nahm Bezug auf eine in der vorhergegangenen Sitzung von Dr. Ebel gemachte Bemerkung über die Ueber⸗ füllung verschiedener Volksschulklassen und legte eine umfangreiche statistische Aufstellung vor, die beweise, daß das Volksschulwesen in Gießen sich stets verbessert habe und nicht schlechter als in anderen hessischen Städten sei. Der Vor⸗ wurf Dr. Ebels sei also unbegründet. Dieser erklärte, daß er doch keinen Vorwurf gegen die Stadtverordneten oder den Schulvorstand er⸗

hoben habe. Kirch meint, das sei doch ge⸗ schehen. Krumm bemerkt, man solle doch nicht so zimperlich sein. Ebel habe die 5 Klassen erwähnt, in denen Ueberfüllung herrscht; damit sei niemanden ein Vorwurf gemacht. Kirch: Ebels Rede sei zum Fenster hinaus gehalten worden, um den kleineren Leuten zu sagen, daß für die armen Kinder nicht so, wie für die besseren gesorgt würde.(Krumm: Das ist auch so!) Die weitere Debatte gestaltete sich ziemlich erregt; unter anderem beschwert sich Herr Schmall über denTon Krumm's und wüuscht, daß der Oberbürgermeister künftigenergisch dreinfahren möge! Krumm lehnte es mit Recht ab, über denTon Lehren entgegen zu nehmen. Wenn auf bestehende Mißstände hingewiesen wird, so ist damit nicht gesagt, daß der Schulvorstand oder sonst jemand daran schuld sei. Im übrigen sollten sich die Herren nur den Ton vor Augen halten, den sie gegen die Sozialdemokratie anzuschlagen be⸗ liebten! Nachdem noch Herr Sch mall seine absolute Unempfindlichkeit gegenüber etwaiger abfälliger Preßkritik festgestellt hatte, schloß die lange, lebhafte und überflüssige Debatte und man ging zur Tagesordnung über. Was davon noch von Wichtigkeit ist, nächste Nr.

Auf dem Sängerfestplatze hat es am Dienstag in der Frühe noch eine blutige Schlägerei abgesetzt. Zwischen einer Anzahl Festbesucher, meistens Studenten, die die Nacht hindurch gezecht hatten, kam ez zu Streit und Lärm. Schutzleute suchten Ruhe zu stiften, stießen aber dabei auf Widerstand, wurden auch, wie mitgeteilt wird, tätlich angegriffen. Die Schutzleute schlugen mit blanker Waffe zu und mehrere Studenten wurden verletzt.

Im Wahlverein wird diesen Samstag den 14. Juli, den Jahrestag der Erstürmung der Bastille ein kurzer Vortrag über dieses weltgeschichtliche Er⸗ eignis gehalten werden. An zweiter Stelle der Tages⸗ ordnung steht die Kreiskonferenz und die Wahlen der Delegierten dazu. Die Mitglieder wollen deshalb recht zahlreich und pünktlich erscheinen.

Freie Turnerschaft. Zur Teilnahme an dem 10jährigen Stiftungsfest des Arbeitergesangvereins Sängerkranz Wieseck werden die Turngenossen ersucht, sich Sonntag den 15. d. Mts. mittags 12 Uhr im Vereinslokal(Rest. Pfau, Neustadt) einzufinden. Ab⸗ marsch punkt 12 Uhr.

Aus dem Nreise gießen.

n. Wieseck. Der Wahlvereinsvorstand ersucht die Parteigenossen, sich am Sonntag Nachmittag punkt 2 Uhr bei Wacker einzufinden. Die Wahlvereinsversamm⸗ lung findet nicht diesen Sonntag, sondern erst den nächten, am 21. Juli, statt. Dazu ist vollzähliges Erscheinen wegen wichtiger Tagesordnung notwendig.

Aus Alten⸗Buseck schreibt man uns: ck. Sonn⸗ tag, den 22. Juli, feiert der hiesige Kriegerverein, an⸗ läßlich der Verleihung der Kaiserschleife, ein Fest. Man sollte nun annehmen, daß dieses Ereignis die hiesige Arbeiterschaft kalt lassen würde. Doch weit gefehlt. Unter den mit einer Einladung Beglückten befindet sich auch der Arbeitergesangverein Germania, Mit⸗ glied des Arbeiter⸗Sängerbundes, und der Turnverein, welcher der Freien Turnerschaft angehört. Beiden Vereinen gehören eine beträchtliche Anzahl, dem Gesang⸗ verein ungefähr die Hälfte, Mitglieder des sozialdemo⸗ kratischen Wahlvereins an, aber fast alle zählen sie sich zur sozialdemokratischen Partei. Man hätte nun erwarten sollen, daß diese auf dem Boden der modernen Arbeiter⸗ bewegung stehen wollenden Arbeiter, dieses Ansinnen ruhig zurückgewiesen hätten. Doch nein! So weit geht das Klassenbewußtsein der guten Leute nicht. In ge⸗ heimer Abstimmung beschlossen beide Vereine mit über⸗ großer Majorität, sich an dem Kriegerfest zu beteiligen. Den Gipfel der Selbstverhöhnung erklomm aher der Gesangverein. Er beschloß, solche Mitglieder, die ihre sozialdemokratische Ueberzeugung nicht über Bord werfen, und dem Feste fern bleiben wollen, mit 1 Mk. zu be⸗ strafen. Wenn wir nun die Ereignisse der letzten Zeit an uns vorüberziehen lassen: die Hinmordung unserer russischen Brüder, den blutigen russisch⸗japanischen Krieg, das vergossene Arbeiterblut und die abgehauene Arbeiter⸗ hand in Breslau, die Mißhandlung unserer Soldaten in deutschen Kasernen und die inhaltsschweren Worte, welche einst an deutsche Soldaten gerichtet wurden: selbst auf Vater, Mutter und Bruder zu schießen, dann über⸗ kommt einem ein eigenartiges Gefühl, wenn man sehen muß, wie politisch und gewerkschaftlich organisterte Ar⸗ beiter, dem Militarismus, der einzigen Stütze unserer ka pitalistischen Gesellschaft, solche Ovationen darbringen. Hoffen wir, daß doch noch das Schamgefühl der sozial⸗ demokratischen Arbeiter erwacht, und sie diesem Feste fern bleiben.

Der Gemeinderechner Zimmer in Bisses⸗ wurde vorige Woche verhaftet. Es wird ihm zur Last gelegt, Gemeindegelder in der Höhe von 3000 Mk. unterschlagen zu haben. Das Manko suchte er durch fälschliche Bucheintragungen zu verdecken. Die Kontrolle scheint auch nicht mit der nötigen Gründlichkeit ausgeübt worden zu sein.

Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen.

V. Wegen Milchpantscherei wurde der Milch⸗ händler Philipp Wiegand von Niederdorfelden vom Frankfurter Schöffengericht nur mit 50 Mk. Geld⸗ strafe belegt, obwohl er schon öfters gewässerte Milch verkauft hat und deshalb schon einmal vorbestraft i st. Am 10. April hat ein Schutzmann in Frankfurt wieder eine Flüssigkeit bei ihm beschlagnahmt, bei der auf 100 Teile Milch 18 Teile Wasser kamen. Wahrscheinlich ist die Milch aber schon vom Produzenten ge⸗ wässert worden, denn die Proben, die sich Wiegand einige Tage später von seinem Lieferanten in einer ver⸗ stegelten Flasche schicken ließ, wiesen denselben Prozentsatz Wasser auf. Deshalb nahm das Frankfurter Schöffen⸗ gericht nochmals Fahrlässigkeit an, sodaß Wiegand mit obiger Strafe davonkommt.

Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach.

g. Volksversammlung in Alsfeld. Am Samstag fand im Saale zumDeutschen Haus eine gut besuchte Versammlung statt, in der Genosse Dr. David über:Wichtige Fragen der Reichs politik sprach. Redner erntete stürmischen Beifall. Nachdem in der Diskussion Herr Bücking über die lokalen Schulverhältnisse gesprochen hatte, schloß der Vorsitzende, Genosse Karl Orbig, die öffentliche Versammlung mit einer Aufforderung zur regen Mitarbeit in der Organi⸗ sation. In der sich anschließenden Besprechung der Parteigenossen wurden zirka 20 Neuaufnahmen gemacht. Das Ergebnis des regen Meinungsaustausches war der allseitige feste Entschluß, von jetzt ab mit aller Kraft den weiteren Ausbau der Organisation zu betreiben, damit die Partei auch in Alsseld zu einem Machtfaktor werde. Am 29. Juli soll eine Kreiskonferenz stattfinden, um auch die Kreisorganisation neu zu beleben.

W. Alsfeld. Die freie Turnerschaft feiert am Sonntag, den 22. Juli, ihr Sommerfest in dem großen, schattigen Garten desStadtpark. Das Fest zu einem wahren Volksfeste zu gestalten, ist der Verein und das Komitee seit langem bemüht. Neben turnerischen Aufführungen, Konzert und Preisschießen werden Volks⸗ belustigungen aller Art geboten werden. Abends werde. Pyramiden bei bengalischer Beleuchtung gestellt und der ganze Garten mit Lamplons erleuchtet. An die Freunde und dle Arbeiterschaft Alsfelds, sowie an alle Vereine

des 3. Bezirks ergeht die Bitte, sich recht zahlreich an

diesem Feste zu beteiligen, das unsere Sache fördern helfen und den Teilnehmern einmal ein paar Stunden Erholung verschaffen sol.

Heinzerling Nr. II. In Decken bach bei Homberg a. d. O, ist die Sparkasse nebst dem(länd⸗ lichen) Konsumverein verkracht. Der Zusammenbruch ist auf die Lotterwirtschaft und auf Unterschlagungen des vor einiger Zeit verstorbenen Leiters der beiden Instltute zurückzuführen. Es wurde ein Fehlbetrag von etwa 90000 Mark festgestellt. Fast jeder Ortseinwohner ist bei der Affaire in Mitleidenschaft gezogen. Was würde es in den Ordnungsblättern für ein Lärmen geben, wenn Sozialdemokraten an der Verwaltung dieses Konsum⸗ vereins beteiligt wären! So handelt es sich aber um einen ländlichen Konsumverein, eine Gründung der Landwirtsbündler. Die antisemitischen Konsumvereins⸗ töter, die Henningsen und Comp., sollten diesen Fall ihren Akten einverleiben!

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Seht die Bürgerliste nach! Vom 15. bis 30. Juli liegt auf dem Rathause, Zimmer Nr 2, die Liste der stimmfähigen Bürger zur allgemeinen Ein⸗ sicht auf. Einwendungen gegen ihre Richtigkeit können während dieser Zeit erhoben werden. Unsern Partei⸗ freunden, soweit sie wahlberechtigt find, sei dringend empfohlen, sich zu überzeugen, ob ihr Name in der Liste eingetragen ist, andernfalls verlieren sie ihr Wahlrecht!

p. Bureaukratismus. Vor dem Schöffen⸗ gericht stand am Freitag der Schneidermeister Glaßner aus Schwalbach, der gegen einen Strafbefehl Wider⸗ spruch erhoben hatte. Dieser Strafbefehl war ihm zu⸗ diktiert worden, weil er ohne Erlaubnis eine Ueber⸗ brückung über den Straßengraben vor seinem Hause an⸗ gelegt hatte! Das Gericht konnte sich nicht von der Strafbarkeit der Handlung des Angeklagten überzeugen und sprach ihn frei. Es ist ein starkes Stück, daß ein Mensch deshalb überhaupt vor Gericht kommen kann und dieseStraftat näher zu erklären. Wie überall, so sind auch im Landkreis Wetzlar die Provin⸗ zial⸗, Kreis⸗ und Landstraßen an beiden Seiten mit einem Wassergraben versehen, und wo die Straßen durch Land⸗

gemeinden führen, werden auch die Wassergräben mit- 9

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