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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 28.
eine tapfere Rede gegen die Festlegung des Volksschulkonfesstonalismus 9 65 Unter anderm verwies er auf Frankreich, wo der Religlonsunterricht so gut wie ganz aus den Schulen entfernt ist, auf England, wo jetzt dem Unterhaus ein Gesetzentwurf vorliegt, der den konfessionellen Unterricht in der Schule grund⸗ sätzlich h
Herr Kirschner ließ auch in freisinniger Manier die Sozialdemokratie aufmar⸗ schieren und behauptete unsere Partei wolle seit einiger Zeit den Satz:„Religion ist Privat⸗ sache“ aufgeben und statt dessen erklären: „Ebenso wie wir die Staatsordnung bekämpfen, müssen wir, um zu unserem Ziele zu kommen, die Religion bekämpfen.“ Damit hat sich Herr Kirschner gründlick vergaoppiert. Nur darin hat er recht, daß er voraussagte, das Schul⸗ verfassungsgesetz werde der antikirchlichen Bewegung innerhalb der Sozialdemokratie Vorschub leisten. Der religiösen Meinungs- freiheit werden wir auch künftig nicht zu nahe treten; im Gegenteil, weil wir diese Frei⸗ heit hochhalten, werden wir gegen die zwangsmäßige Knechtung der Volks jugend unter die Kirche mobil machen. Das ist nicht ein Kampf gegen, 55155 für die Freiheit, also ein politischer
ampf.
Das beleidigte Dreiklassenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus geht vor Gericht, um die verantwortlichen Redakteure unserer beiden Parteiblätter in Erfurt und Düsseldorf wegen„Beleidigung“ zu ver⸗ klagen. Der Justizminister 0 die Ermächti⸗ gung zur n Verfolgung der beiden Genossen„und der etwa sonst verantwortlichen Personen“ verlangt und auch erhalten. Nur die Freisinnigen und die Polen stimmten gegen diesen in der Parlamentsgeschichte einzig da⸗ stehenden Beschluß. Da die Nationalliberalen mit den beiden konservativen Fraktionen gingen, war eine geschlossene Mehrheit für die Straf⸗ verfolgung vorhanden— was freilich das Zentrum nicht hinderte, gleichfalls mit Rede und Abstimmung für jene neue Methode einzutreten, durch die sich das preußische Parlament fortab die Liebe und Achtung des von ihm„vertretenen“ Volkes sichern will. Kurzum, man hat das hohe Haus Preußens selten noch so einig gesehen, wie an jenem Tage, da es beschloß, unbequeme politische Gegner womöglich in den Kerker zu bringen und das freie Wort mit Paragraphen zu knebeln!
Die Verfassungs reform in Württemberg
ist nun nach langem Hängen und Würgen endlich zu Stande gekommen. Länger als ein 0 7 haben die Beratungen darüber gedauert; in den letzten Monaten hat der Landtag seine ganze Zeit an diesen Gegenstand gewendet. Am Montag erfolgte nun die Schlußabstimmung, in welcher die Reform mit 66 gegen 22 Stimmen des Zentrums angenommen wurde. Durch diese Reform werden die Grundlagen des zurzeit auf dem Gesetz von 1819 beruhenden württembergi⸗ schen Verfassungslebens zwar wesentlich ver⸗ ändert, einen Fortschritt jedoch, der große Lob⸗ reden verdiene, bedeutet die Reform nicht. Wirft man einen Blick auf die langwierigen, von Feilschen und Handeln zwischen beiden Häusern und der Regierung häßlich beeinflußten Ver⸗ handlungen, betrachtet man ferner mit kritischen Augen das schließliche Resultat des harten Kampfes, so vermag in den Herzen der Freunde einer wahrhaft demokratischen und fortschritt⸗ lichen Gestaltung der Verfassung das Gefühl der Freude nicht Platz zu greifen.
Die erste Kammer besteht zurzeit aus 29 Mitgliedern, darunter 23 hochfeudalen, erblichen Gesetzgebern. 6 Mitglieder sind vom König auf Lebenszeit ernannt. Die 93 Mitglieder zählende zweite Kammer setzt sich zusammen aus je einem Vertreter der 63 Oberämter, 7 Abgeordneten der sogenannten„guten Städte“, die seit 1868 aus allgemeinen Wahlen hervor⸗ gehen, 13 Abgeordneten der Ritterschaft, 6 evan⸗ gelischen Generalsuperintendenten(Prälaten), dem Landesbischof, einem Vertreter des Dom⸗
kapitels, dem dienstältesten katholischen Dekan und dem Kanzler der Universttät Tübingen. Künftighin setzt sich die erste Kammer aus 53 Mitgliedern zusammen, 23 Vertretern des Adels, 6 vom König ernannten Mitgliedern, Ver⸗ tretern der Ritterschaft, Kirche ꝛc. Die zweite Kammer zählt 93 Abgeordnete. Für die 6 Vertreter Stuttgarts ist die Verhältniswahl eingeführt, ebenso für 17 sogenannte Ersatzabge⸗ ordnete. Die Art der Wahl hätte, wenn man den sozialdemokratischen Anträgen gefolgt wäre, viel gerechter und zweckmäßiger sein können. Die Verstärkung der ersten Kammer lag der Regierung am meisten am Herzen, und die bürgerlichen Parteien des Landtages waren töricht genug, der ersten Kammer noch mehr aufzwingen zu wollen, als diese selbst begehrte. Noch vor wenigen Tagen wäre die Reform beinahe an dieser superklugen Taktik gescheitert. Man fand aber einen Weg, der das verhütete, und der auch der Sozialdemokratie, die mit dem ganzen Volk ein Interesse an einer möglichst schwachen ersten Kammer hat, die Zustimmung zur ganzen Reform etwas erleichterte. Als einer der empfindlichsten Punkte entpuppte sich von vornherein die Frage der Zusammensetzung der zweiten Kammer. Die Regierung mutete zuerst dem Volke zu, es solle sich mit 75 Ab⸗ geordneten begnügen und auf einen Ersatz für die ausscheidenden Privilegierten überhaupt ver⸗ zichten. Darin fand die Regierung natürlich Unterstützung bei der ersten Kammer, die oben⸗ drein noch Ansprüche in bezug auf das Steuer⸗ bewilligungsrecht stellte. Hierin sind auch er⸗ hebliche Zugeständnisse von der zweiten Kammer gemacht worden, doch gelang es, das Vorrecht der zweiten Kammer beim Ausgabeetat im vollen Umfange aufrechtzuerhalten. Die Sozialdemo⸗ kratie hat der Reform zugestimmt; sie bildete das Zünglein an der Wage. Die Entscheidung ist ihr nicht leicht gefallen; aber sie glaubt, unter dem neuen System besser zum Zuge zu gelangen, und wollte die reine Volkskammer nicht vereiteln. Ueberdies wird unser Ruf nach einer Verfassungsreform im wahrhaft demokra⸗ tischen Sinne nicht verstummen. Die Partei der Arbeit wird nicht ruhen und rasten, um unter anderen Machtverhältnissen ihrer Volks⸗ parole(Abschaffung sämtlicher Privilegien der Geburt und des Standes) zum Siege zu verhelfen.
Sieg in Altena⸗Iserlohn!
Die am Dienstag erfolgte Stich wahl zwischen dem Zentrumskandidaten Klocke und unserm Genossen Haberland endete zu unserer freudigen Ueberraschung mit dem Siege Haberlands. Dieser erhielt 15884 Stimmen, während es der Zentrumsmann nur auf 14068 brachte. Aus dem Resultat ergibt sich, daß ein Teil der Freisinnigen trotz der gegenteiligen Parole ihrer Parteileitungen für unsern Kandi⸗ daten eingetreten ist. Und das mit Recht! Ein wirklich freisinnig und freidenkender Mann wird, wenn er die Wahl zwischen Zentrum und Sozialdemokratie hat, doch nicht für die in jeder Beziehung rückständige, für Lebensmittel⸗ verteuerung und Juukerherrschaft eintretende Pfaffenparkei eintreten! Unser Sieg also als ein Sieg des freiheitlichen Gedankens zu be⸗
rüßen. Ob wir den Kreis bei den nächsten
ahlen halten können, ist allerdings sehr fraglich, denn die gesamten Gegner sind doppelt so stark wie wir.
Anmtisemitischer Bruderkrieg.
Im Wahlkreise Hofgeismar⸗Rinteln, wo am 20. Juli die Ersatzwahl für den Grafen Reventlow stattfindet, tobt gegenwärtig der Wahlkampf ganz gewaltig. Und besonders sind es die beiden anttsemitischen Richtungen, die Liebermänner und Zimmermänner(Deutsch⸗ soziale und„Reformer“), die sich allerhand Liebenswürdigkeiten an den Kopf werfen. Der Bruderzwist kommt natürlich auch in den Preß⸗ organen der beiden Richtungen in Form heftiger und giftiger Polemiken zum Ausdruck. Man muß aber nach dem Anhören der Ergüsse der Disputierenden zu demselben Urteil kommen, wie die Königin in Heine's Disputation sie riechen beide nicht gut!
Augst vor Attentaten.
Dieser Tage wurde eine fürchterliche Atten⸗ tatsgeschichte aus Hamburg berichtet und mit allem Ernst und dem nötigen Entsetzen von den gutgesinnten und königstreuen Blättern weiter verbreitet. Ein friedlicher Bürger namens Rosenberg aus Seattle im Staate Washington (Nordamerika) war nach seiner deutschen Heimat gereist, um hier in Frieden zu er poll Irgend ein Polizeispitzel hatte aber der Polizei mitge⸗ teilt, daß Rosenberg ein Anarchist sei und ein Attentat auf den Kaiser plane. Natürlich wurde er sofort bei seiner Ankunft in Hamburg ver⸗ haftet und einem peinlichen Verhör unterzogen. Es stellte sich aber, nachdem der Mann längere Zeit in Haft gesessen hatte, seine völlige Un⸗
chuld und Harmlosigkeit heraus, so daß man
ihn freilassen müßte. Müßte, sagen wir. Man ließ ihn aber doch nicht frei, weil er noch„verdächtig“ ist!— Die Anarchistenfurcht der Polizei wird für die Bürger geradezu gefährlich.
Der vornebme Sünder bleibt straflos.
Die„Thür. Tribüne“ in Erfurt berichtet: Ein reicher Ziegeleibesitzer in Schmira hat. an dem Stiefkinde eines armen Arbeiters Handlungen begangen, die in Schmira seit einiger Zeit das Tagesgespräch bilden. Der Stiefvater des Mädchens reichte bei der Staats⸗ anwaltschaft Erfurt endlich Anzeige ein, worauf ihm vom Ersten Staatsanwalt, Geheimrat Wippermann, folgendes Schreiben zuging:
„Das Verfahren gegen den Ziegeleibesitzer Heuer in Schmira wegen gewaltsamer Vornahme un⸗ züchtiger Handlungen an Ihrer Stieftochter habe ich eingestellt. Das Mädchen hat nur zu bekunden vermocht, daß Heuer sie einmal herumgezerrt und ihr zuweilen unter die Röcke gegriffen habe, ohne dabei, als sie sich wehrte, Gewalt anzuwenden. Einmal habe er sie, so bekundet sie weiter, trotz ihrem Sträuben geküßt. Diese Aussage rechtfertigt nicht(1) die Annahme, daß Heuer mit Gewalt unzüchtige Handlungen an Ihrer Tochter vorgenommen habe. Soweit tätliche Beleidigung in Frage kommt, fehlt es an dem erforder⸗ lichen Strafantrag, dessen Stellung nicht Ihnen, sondern nur dem Vormund des Mädchens zusteht. Aber auch wenn ein ordnungsmäßiger Strafantrag vorläge, könnte die Aussage Ihrer Stieftochter allein einen zur An⸗ klageerhebung hinreichenden Verdacht gegen Heuer nicht(1) begründen.“
Man sieht, was vornehme Leute mit einem armen Mädchen alles ungestraft vornehmen dürfen. Was würde wohl geschehen sein, wenn umgekehrt ein armer Arbeiter mit dem Mädchen eines reichen Besitzers derartigen Unfug getrieben, ihm unter die Röcke gefaßt und es gewaltsam abgeküßt hätte!
Die Organisation des Zentrums
ist der sogenannte„Volksverein für das katho⸗ lische Deutschland“, der nach Mitteilung unseres Kölner Parteiblattes gegenwärtig eine halbe Million Mitglieder zählt. Die Zentral⸗ stelle des Vereins ist in M.⸗Gladbach, wo anderthalb Dutzend Beamte„Aufklärungsarbeit“ verrichten. Von dort werden die Sudelschriften gegen die Sozialbemokratie und die freien Ge⸗ werkschaften durch Deutschland geschwemmt, dort erhalten jährlich zahlreiche Agitatoren und Ge⸗ werkschaftsführer ihre Ausbildung in jesuttischer Verschlagenheit und heuchlerischem Radikalismus. Für die 1800 000 Wähler, die das Zentrum bei der letzten Reichstagswahl erhielt, ist die Mitgliederzahl von einer halben Mill on be⸗ deutend; allerdings wird die Mitgliedschaft leicht gemacht, der Jahresbeitrag ist eine Mark. In Rheinland und Westfalen hat der Verein im letzten Jahre 38 000 Mitglieder zugenommen, dort steht auch seine Hauptmacht.— Was der Volksverein geworden it, hätte er nicht werden können ohne die Kirche, die treue Helferin des
entrums. Die kirchliche Gemeinde bildet die
rundlage seiner Organisation, der Pfarrvor⸗ steher ist der Organisator, der, Kaplan der Agitator und der Pfarrer der Protektor. In einem Rundschreiben an die Mitglieder einer Kölner Pfarre heißt es, daß gegen den Beitrag von einer Mark jährlich die Vereinshefte kosten · los geliefert werden; außerdem wird jedes Jahr ein feierliches Hochamt für lebende und verstorbene Mitglieder gehalten. Das Zentrum


