Ausgabe 
15.7.1906
 
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Nr. 28.

Gießen, den 15. Juli 1906.

13. Jahrgang.

Redaktion: Nirchenplatz 11. Schloßgasse.

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Ein reichsverbändlerischer Jozialisten⸗ vernichter.

In der letzten Nummer derBergarbeiter⸗ zeitung wird das Bild eines der Wanderredner des Reichs⸗Sozialistenverbandes gekennzeichnet. Diese Darstellung zeigt so recht, was für Ele⸗ mente es sind, die jene Gesellschaft im Interesse des Ausbeutertums und der Geldsacksherrschaft gegen die Sozialdemokratie und die Arbeiter⸗ bewegung hetzt. Den interessanten, von sehr kundiger Seite stammenden Angaben entnehmen wir das Folgende:

Gustav Ermert, heute wohlbestallter Generalsekretär des reichstreuen Knappen⸗Ver⸗ eins von Niederschlesten, mit einem Jahres⸗ gehalt von 5000 Mark und Reisespesen, ist noch vor einigen Jahren ein armer Erzberg⸗ mann im Siegerland gewesen. Er hat sich in wenigen Jahrenglänzend eutwickelt, sodaß er heute einer der Hauptwanderredner des

Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozial⸗

demokratte ist, wo er ebenfalls eine zeitlang als Sekretär mit einem Jahresgehalt von 3000 Mark angestellt war. Bei der Reichstags⸗Nach⸗ wahl in Essen war Ermert vom Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie für eine Agitationstour ins Ruhrrevier angekündigt, er⸗ schien aber nicht, weil er jedenfalls einen Zu⸗ sammenstoß mit den Leitern des Bergarbeiker⸗ Verbandes befürchtete, der für ihn nicht ange⸗ nehm sein konnte, aber am Niederrhein hat er damals gewirkt und jetzt wieder bei der Reichs⸗ tagswahl in Hannover. Zur Reichstags.Nach⸗ wahl in Jena⸗Eisenach erschien er ebenfalls, vom Reichsverband entsandt, als Drachentöter auf dem Kampfplatz und verzapfte gegen die Sozialdemokratie die ungeheuerlichsten Gemein⸗ heiten, und als Genosse Leber⸗Jena diese Ge⸗ meinheiten zurückwies, liefEhren ⸗Ermert nach dem Kadi, und Leber wurde wegen Beleidigung des Reichsverbändlers mit 50 Mark bestraft. Auch das Königreich Sachsen und Mitteldeutsch⸗ land hat er schon bereist und die unglaublichsten Räubergeschichten von der Sozialdemokratie und den sozialdemokratischen Gewerkschaften vorge⸗ tragen. Im niederschlesischen Bergarbeiterstreik hat er seine ganze Beredsamkeit in den Dienst der Unternehmer gestellt und die Arbeiter zum Streikbruch und gegen den Bergarbeiter⸗Verband aufzuhetzen versucht, zum Glück ohne Erfolg. Auch diechristlichen Gewerkschaften bekämpft Ermert heute.

Am 1. Oktober 1902 traten aus dem unter R. Breidebachs Leitung stehendenchristlichen Verein der Berg⸗, Hütten⸗ und Metallarbeiter etwa 6000 Mann zum christlichen Gewerkverein unter August Brust über. Diesem Verein ge⸗ hörte Ermert an und war zweifellos eines seiner befähigtsten Mitglieder, weshalb man ihn auch auf Kosten des Gewerkvereins nach M.⸗Glad⸗ bach in die jesuitische Drillanstalt schickte 5 einer der Ersten evangelischer Konfession, die dort alsKämpfer ausgebildet worden sind wo er die erste Weihe für seine Laufbahn erhielt.

Er hat dem Gewerkverein und vor allem seinem

damaligen Beherrscher, auf dessen Veranlassung ihm die Ausbildung wurde, sehr schlecht gedankt.

m dieselbe Zeit ging man auch zur Gründung elnes Konsum⸗Vereins für die stegerländischen

Berg⸗ und Hüttenarbeiter über und Ermert

wurde mit der Leitung dieses Vereins betraut. August Brust erlebte wenig Freude an seinen Siegerländer Untertanen, denn schon auf der General⸗Versammlung des Gewerkvereins 1903 in Dortmund kam es zu Reibereien zwischen den Siegerländern und Brust. Sie protestierten gegen den Zuschuß von 2000 Mark aus der Gewerkvereinskasse für die damals schon banke⸗ rotte KrankenzuschußkasseGlück auf, ebenso protestierten sie gegen die schofle und ruppige Schreibweise desBergknappen gegenüber den freien Gewerkschaften und vor allem dem Ver⸗ bande und schließlich verlangten ste mehr Be⸗ rücksichtigung ihrer lokalen Verhältnisse im Bergknappen. Brust behandelte sie hoch⸗ fahrend und protzig, was zu einer offenen Re⸗ bellton gegen ihn führte, die noch in dem sselben Jahre mit dem Abfall der Stegerländer endete. Diese Rebellion wurde geleitet von Ermert, Will, Schneider und Laus, jedoch war Ermert der geistige Leiter derselben, denn er war es, der in jener für Brust so denkwürdigen Konfe⸗ renz in Betzdorf, Herbst 1903, die Skegerländer derart gegen ihn aufhetzte, daß Brust in einem Geheimzirkular vom 23. November 1903 schrieb: , Und einer drohte sogar, wenn er mich allein hätte, würde er mir das Messer im Leibe herumdrehen. Schönes Gesindel, diese Heuchler, welche sich christliche Arbeiter nennen. DieBergarbeiter⸗Zeitung erzählt dann weiter, daß Ermert ihr unaufgefordert Material geschtckt hat, daß sie gegen Brust und die Christlichen verwenden konnte. Als Genosse Leimpeters Ermert 1903 in Eiserfeld aufsuchte, wurde L. von dem heutigen Scozialistenfresser Ermert aufs freundschaftlichste aufgenommen und bewirtet. Bei dieser Gelegenheit sagte Ermert, daß er dieBergarbeiter⸗Zeitung mit Vorliebe lese und die Bestrebungen des Ver⸗ bandes im vollen Umfange anerkenne. Zur Sozialdemokratie dürfe er sich aus wirtschaft⸗ lichen Rücksichten nicht bekennen, auch wäre er noch nicht Sozialdemokrat, da er noch nicht Gelegenheit und Zeit gehabt hätte, sich dem Studium der Parteiliteratur zu widmen, aber sympathisteren tue er mit der Sozialdemokratie und ihre Tätigkeit im Reichstage fände seine Anerkennung. So handelte und sprach der Sekretär des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie noch vor drei Jahren. Durch die Streitigkeiten mit Brust hatte auch der unter Leitung Ermerts stehende Kon⸗ sumyerein sehr zu leiden und geriet in Zahlungs⸗ schwierigkeiten. Deshalb wandte sich der heutige Reichsverbändler Ermert in einem Schreiben am 8. April 1904 an den sozialdemokra⸗ tischen Verband um ein Darlehn von 20000 Mark. Würde das Darlehn gewährt, schrieb er, würde das zur Förderung unseres und auch ihres Verbandes bedeutend beitragen, oder mit anderen Worten, es sollte zur Ver⸗ schmelzung der 8 40 mit dem Verbande führen. Das Darlehn mußten wir ablehnen, und damit war die Ermert'scheFreundschaft dann auch zu Ende. Im September 1904legte Ermert die Leitung des von ihm geschaffenen Konsum⸗

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Vereins plötzlichnieder. Mehrfach hatte er seine Befugnisse überschritten und lebte mit seinen Kollegen in ständiger Feindschaft, suchte einige hinauszubeißen, bis er selbsthinausgebissen wurde. An die Lieferungsfirma Wallbrecht⸗ Düsseldorf hatte er das Ersuchen gestellt, ihm von den bezogenen Waren Provisionen zu ge⸗ währen, dann wollte er der Firma alle Auf⸗ träge zukommen lassen. Der Idealismus des Konsumvereinsleiters undchristlich⸗sozialen Arbeitervertreters lief nach Provision. Der Reisende der Firma teilte dem Aufsichtsrat dieses Ansinnen Ermerts mit, worauf eine lange Nacht⸗ Sitzung stattfand, deren Resultat war, daß Ermert am anderen Morgen die Schlüssel ab⸗ gab und die Stätte seiner Tätigkeit verließ. Auf Protektion Stöckers wurde er dann als Sekretär des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie mit 3000 Murk Jahresgehalt angestellt und zog als Wanderredner mit Stöcker⸗Ware und M.⸗Gladbacher Zitaten zur Vernichtung der Arbeiterpartei und Bewegung durchs Land der Gottesfurcht und frommen Sitte. Später ver⸗ schafften seine Freunde ihm eine noch bessere Stellung beim Fürsten Pleß, wo er jetztkönigs⸗ treue Meinung auf fürstlichen Wunsch macht und nebenbei mit der alten Ware noch weiter auf Reisen geht und mit pfäffischer Demagogie die schändlichsten Gemeinheiten mit überlegter und ausgeklügelter Raffinesse gegen die Arbeiter⸗ partei und die freien Gewerkschaften sowie ein⸗ zelne leitende Personen schleudert. ä

politische Rundschau.

Gießen, den 12. Juli 1906.

Die Verpfaffung der preußischen Volksschule.

Das sogenannteVolksschulunterhaltungs⸗ gesetz ist am 7. Juli vom Dreiklassenhanse, wie auch dem Junkerparlament a ngenommen worden. Mit diesem Gesetze soll die pfäffische Reaktion befestigt, die freie geistige Entwickelung des Volkes gehindert und dieses gewissermaßen in eine geistige Dunkelkammer gesperrt werden. Das Schlimmste an dem Gesetz ist die Au s⸗ lieferung der Volksschule an den Konfessionaltsmus. Klerikalismus und Orthodoxie triumphierten. Er stimme für das Gesetz, weil es dasKleinod der Konfesstons⸗ schule sicher stelle, erklärte im Herrenhause ein Vertreter der ktrchlichen Orthodoxie, der Generalsuperintendent Faber, und ein Vertreter der politischen Orthodoxie, Junker von Man⸗ teuffel:Besonders befriedigt seien seine Freunde über die Festlegung der konfesstonellen Volks⸗ schule. Es sei fraglich, ob dieser Erfolg zu erreichen sein würde, wenn die Konservativen jetzt nicht zugreifen. Noch vergnügter ist das Zentrum, und daß die Nattonalltberalen ihm diesen Triumph bereitet haben, ist einer der vielen Geniestreiche, womit diese groß⸗ mäuligen, tolpatschigen Widersacher des Ultra⸗ montanismus demselben immer mit Taten in den Sattel geholfen haben, während sie jahr⸗ aus jahrein über dessen wachsenden Einfluß und Macht platonische Jeremiaden anstimmen.

Der Berliner Oberbürgermeister Kirschner im Herrenhaus noch in den letzten Tagen

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