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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
von sehr wenigen begriffen und blieb ein Stück Papier, daß keine große Einwirkung auf die Entwicklung der Dinge hatte. Die Revolution aber, die das Kommunsstische Manifest ankündigte, die trat bald, wenige Wochen nach seinem Er⸗ scheinen, wirklich ein: die Februarrevolution in Paris, und sofort machten sich Marx und Engels auf, nach Paris zu gehen, und die Brüsseler Poltzei half nach durch eine Bedroh⸗ ung mit der Ausweisung. (Fortsetzung folgt.)
Von Nah und Lern.
Hessisches.
— Die Wahlbeweg ung im Darm⸗ städter Kreise sst im vollen Gange. Zahlreiche Versammlungen werden von unserer Seite ab⸗ gehalten und sind noch geplant, in welchen unsere Genossen aus dem ale Landtage sowie auch die Reichstagsabg. Stücklen und Ledebour u. a. als Redner auftreten. Nach dem Verlauf der Versammlungen und der Stimmung der Bevölke⸗ rung zu urteilen— was allerdings kein sicherer Maßstab ist— dürfte die Sozialdemokratie wiederum als Sieger aus dem Kampfe hervor⸗ gehen, zumal sich der nationalliberale Dr. Stein als Wahlrechtsfeind und Reaktionär auf allen Gebieten entpuppt.
Gießener Angelegenheiten.
— Fröhliche Ostern! Nach dem un⸗ freundlichen Wetter der letzten Wochen atmet die Menschheit auf, wenn nun endlich der viel⸗ besungene schwermütig erwartete Frühling mit prächtigem Wetter einzog. Hoffentlich hält es sich auch über die Feiertage, damit wenigstens auch der vielgeplagte Arbeiter sich einmal im Freien ergehen und der erwachenden Natur freuen kann. Sonst kann er und die Seinen sich doch nicht viel leisten. Die Preise für die notwendigsten Lebensmittel sind kaum noch er⸗ schwinglich und zwingen die arbeitende Klasse zu dürftigster Lebenshaltung und fast gänzlichem Verzicht auf allen Lebensgenuß. In Gießen kommt dazu noch der Hausherr und steigert die Wohnungsmiete, von wegen der Kanali⸗ sationskosten! Ueberall will man vom Arbeits. mann mehr haben, geben will ihm niemand mehr! Er muß immer wieder den Kampf auf⸗ nehmen für Besserung seiner Lage, für Fort⸗ schritt, Kultur, Freiheit und Gerechtigkeit! Ju fester Hoffnung auf Sieg in diesem Kampfe be⸗ grüßen wir das Frühltugsfest mit dem Dichter:
Und dräut der Winter noch so sehr Mit grimmigen Geberden—
So fürchten wir uns nicht so sehr Es muß doch Frühling werden!
— In der Wahlvereinsversammlung am Samstag, die recht gut besucht war, stand der Bericht unserer Stadtverordneten auf der Tagesordnung. Vor Eintritt in dieselbe ehrte die Versammlung den ver⸗ storbenen Genossen Meister durch Erheben von den Sitzen.— Genosse Krumm ergriff hierauf das Wort und ging zunächst auf die Oktroifrage ein. Die Geldbedürfnisse der Stadt waren stark gewachsen, wes⸗ hasb man 100000 Mt. aus dem Oktroi herausschlagen wolte. Im Einzelnen wurden unerhörte Sätze verlangt und es war erklärlich, daß eine große Erregung in den Kreisen der Konsumenten und Gewerbetreibenden Platz griff, die diese Steuer in der Hauptsache tragen müssen. Die Vorlage wurde glücklich zu Fall gebracht, wenn auch mit geringer Mehrheit. Viele Stadtverwaltungen haben die Hoffnung, daß die Bestimmung im Zolltarif⸗ gesetz, daß 1910 in allen deutschen Städten die Ver⸗ brauchssteuern abgeschafft werden sollen, nicht zur Durch⸗ führung gelangen werde. Desto mehr müssen wir den Kampf dagegen führen.— Die Beerdigungskssten versuchten wir herabzumindern, was aber vorläufig noch nicht gelang. Von der Bürtzermeisterei wurde erklärt, daß man hierin erst Erfahrungen sammeln wolle. Hier find diese Kosten höher als anderwärts; eine Ermäßi⸗ gung muß unbedingt angestrebt werden.— Für das Theater stimmten wir, obwohl wir wußten, daß es teurer würde, als es vorher hieß. Durch die pri⸗ vaten Sammlungen kamen überraschend hohe Beträge zusammen, dadurch wurde die Zustimmung erleichtert. Uebrigens bringt ein Theater der Stadt auch mancherlei Vorteile.— Bei Errichtung einer lñandwirtschaftl. Winterschule wollten die Agrarier der Stadt eine solche Menge Lasten aufhalsen, daß wir auf das Institut verzichteten.— Für Zuschüsse zu Nebenbahnbauten waren
„Uebernahme der Sandgruben
wir, weil dadurch Verkehr nach der Stadt gezogen wird. Dagegen waren wir nicht für den Neubau der höheren Mädchenschule.— 30 000 Mk, wurden für das Uni⸗ versttätsfest bewilligt. Orbig sei nicht dafür gewesen, er (Krumm) meinte aber, daß die Stadt in diesem Falle wohl etwas leisten müsse. 20 000 Mk. davon sollen übrigens für Stipendien angelegt werden.— Wir haben ferner angeregt, die Wertzuwachssteuer sobald als möglich einzuführen, die hier ebenfalls be⸗ deutende Erträge liefern dürfte. Wichtig war ferner die und Stein⸗ brüͤche in städtische Regie. Diese Maßnahme hat sich sehr gut bewährt.— Die Kanalisationsar⸗ beiten haben trotz des Konkurses der Firma Jäger und Rumpf ihren Fortgang genommen und die Stadt hat keine Verluste erlitten. Die Risse in dem Kanal wären nicht so schlimm, als in der Oeffentlichkeit ge⸗ glaubt wurde.— Ueber die Errichtung eines Fisch⸗ marktes hörte man vielfach Klagen, namentlich von den Händlern, trotzdem habe er seinen Nutzen gehabt, auch für diese selber und es sollte der Versuch damit im stärkeren Maße wiederholt werden.— Die Löhne der städtischen Arbeiter wurden erhöht. Zwar nicht um viel, doch ist wenigstens etwas erreicht worden. — Verschiedenes Gelände wurde von der Stadt er⸗ worben. An die bedeutendst« Erwerbung, die Aktien⸗ brauerei, knüpfte sich eine unliebsame Debatte. Er (Redner) sei dafür gewesen, den Kauf rückgängig zu machen, trotzdem es kein schlechtes Geschäft für die Stadt sein mag. Aber man soll das Geschäft ablehnen, wenn derartige Manipulationen gemacht werden, von denen man noch nicht weiß, wer sie anregte.— Der Vorteil städtischen Betriebs zeigt sich beim Elektrizitäts⸗ werk, und beim Gas⸗ und Wasserwerk. Ersteres hat sich recht gut entwickelt; es kounte 40000 Mk. zur Schuldentilgung verwenden. Auch das Gaswerk konnte 24000 Mt. abgeben, und die Befürchtungen, die mit der Errichtung des Elektrizitätswerkes für das Gaswerk auftauchten, erwlesen sich als grundlos.— Bei Sub⸗ misstonen ist es schwer, ein taugliches und gerechtes System zu finden. Es gibt da stets Haken. Der Gemeinde stehen die organisierten Unternehmer als Gegner gegenüber und versuchen, wie in Mainz, der Stadt die Preise zu diktieren. Anderseitz hat oft die Vergebung an die Mindestfordernden Bedenken. Schwierig ist auch die Frage der Kostendeckung für die Kanalisation. Hier muß gesucht werden, Hausbesitzer wie Mleter in gerechter Weise heranzuziehen. Bei der letzten Etats⸗ beratung brachten wir u. a. zur Sprache, daß Leute bel der Freibank kaufen, die es nicht nötig hätten Man sollte in erster Linie Minderbemittelte berücksichtigen und auch größere Quantitäten an eine Person nicht ab⸗ geben. Auch bei Geländeverkäufen sind manche Miß⸗ stände zu verzeichnen, die besonders darin bestehen, daß für Gelände, das die Stadt braucht, von den Sach⸗ verständigen enorme Preise festgesetzt werden. Krumm schloß seine betfällig aufgenommenen Ausführungen mit der Bemerkung, daß bei der geringen Vertretung unserer Partei im Stadtparlament nicht mehr von dem erreicht werden konnte, was die sozlaldemokratische Kommunal⸗ politik fordert. Orbig ging hierauf auf verschiede ne Dinge im Schulwesen ein und betonte, daß der Schul⸗ vorstand wenig Einfluß auf das Schulwesen, zum Teil auch auf die Einrichtungen selbst besitze. Es kommen manche Dinge vor, die zu beanstanden selen; unser Volks⸗ schulwesen sei im Allgemeinen noch keineswegs ideal.— Vor Kurzem habe z. B. der Verleger der„Neuesten Nachrichten“ Kaiserbilder in der Schule verkauft und Lehrer hätten verschiedentlich Kinder zum Kauf dieser Bilder veranlaßt! Das sei entschieden ungehörig. Wir treten dafür ein, daß Lehrmittel und den bedürftigen Kindern auch Frühstück gegeben werde und auf solche Weise macht man den Eltern wieder unnötige Ausgaben. Für die Volksschule werde herzlich wenig geleistet. Eine neue Volksschule sei notwendiger gewesen als die höhere Mädchenschule; die Baracken sind zweifellos ungenügend, ja gesundheitsschädlich. Bezüglich der Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter sei zu bemerken, daß die Arbeiter selber sich mehr um ihre eigenen Interessen bekümmern und nicht sich einzig auf die zwei soztaldemokratischen Vertreter verlassen sollten. Sie sollen kämpfen, nicht betteln. Die Beamten wollen stets mehr haben, den Arbeitern will man nichts geben. Es ist auch die Zahl der Beamten in den letzten Jahren bedeutend vermehrt worden. An diese Berichte schloß sich eine längere Diskussion, an der sich Fourier, Vetters, Beckmann, Groh u. a. beteiligten, auf deren Einzelheiten wir jetzt aber nicht eingehen können.— In später Stunde brachte Genosse Keßler den Artikel Krumm's in voriger Nr. über die Konsumvereine zur Sprache und bedauerte die darin enthaltenen Angriffe auf die Konsumvereinsbeweg⸗ ung. Es entspann sich auch darüber eine lange Dis⸗ kussion, in der Krumm seinen in dem Artikel dargelegten Standpunkt vertrat, der indessen von keinem andern Redner geteilt wurde.
— Ihre silberne Hochzeit feiern am 16. April unser Freund und Parteigenosse Buchdrucker Michael Keßler und Frau Magdalena. Zu
dlesem seln n Ehrentage dem allgemein, besonders aber
in Partei⸗ und Gewerkschaftskreisen geachteten und be⸗ liebten Paare unseren herzlichsten Glückwunschl Möge es ihm vergönnt sein, noch viele glückliche Jahre Seite an Seite durchs Leben zu wandeln! Während der langen 25 Jahre hat sich Freund„Adebar“ bei Keßlers nicht sehen lassen und es erscheint deshalb keine Nachkommenschaft in der Reihe der Gratulanten. Desto mehr haben sie sich durch ihr freundliches und zuvor⸗ kommendes Wesen viele Freunde erworben, in deren Namen wir wohl die besten Wünsche aussprechen dürfen.
o- Die freie Turnerschaft Gießen macht in letzter Zeit recht erfreuliche Fortschritte. Die Mitgliederzahl von 200 ist bald erreicht und auch die kürzlich gegründete Damenriege entwickelt sich zur Zufriedenheit. Aber trotzdem steht diese Mitgliederzahl in keinem Verhältnis zu der organisterten Arbeiterschaft Gießens und der Umgegend. Die Frkftr.„Volksst.“ brachte kürzlich einen sehr beachtenswerten Artikel über den Arbetterturnerbund, in dem sie u. A. aus führte:„Leider haben immer noch sehr viele aufgeklärte Arbeiter den richtigen Wert des Turnens für dle Gesundheit nicht erkannt.
Keiner sollte sagen, ich kann nicht turnen, oder
man lacht mich aus. Turnen, wie es die Ge⸗ sundheit verlangt, kann jeder, und im Arbeiter⸗ turnverein ist jeder unter seinesgleichen. Die⸗ jenigen, die da glauben, nach getaner Arbeit müde zu sein, erhalten durch Turnen neue Stärkung der Muskeln“.— Soweit genanntes Blatt. Wir haben dem Gesagten nichts mehr hinzuzufügen, richten vielmehr an alle organi⸗ sierten Arbeiter, namentlich aber an die jüngeren unter ihnen das dringende Ersuchen, sich der Freien Turnerschaft anzuschließen. Beitritts
erklärungen nimmt A. Lenz, Steinweg, gern
entgegen.
— Der Tapeziererstreik ist am
Sonntag beigelegt worden und die Arbeit wurde am Montag allerwärts wieder aufgenommen. Was von den Arbeitern erreicht wurde, ist aller ⸗ dings nicht viel. Die wöchentliche d wurde auf 59 Stunden festgesetzt und die Löhne etwas erhöht. In einigen Geschästen bestand schon vorher die 9½½ stündige Arbeitszeit, in diesen wurde ebenfalls die längere Arbeitszeit eingeführt! Dem hätten die Gehilfen unbe⸗ dingt widerstreben sollen; in den Geschäften mit kürzerer Arbeitszeit mußte diese unbedingt bei⸗ behalten werden. Andererseits handelten die Arbeiter richtig, wenn sie einen Kampf abbrachen, der nicht viel Aussichten auf größere Erfolge bot.
— Die Steinarbeiter Gießens waren, wie wir bereits vor kurzem berichteten, mit einer Lohn⸗ forderung an ihre Arbeitgeber herangetreten. Es wurde bei 9stündiger Arbeitszeit ein Stundenlohn von 85 Pfg. für ausgelernte, 50 und 55 Pfg. für ältere Arbelter gefordert. Die Arbeitgeber zeigten wenig Entgegen ⸗ kommen; nur vier bewilligten, während zwei die Forde⸗ rung zurückwiesen. Bei drei werden noch Unterhand⸗ lungen gepflogen. Das Hauptgewicht legen die Arbeiter mit Recht auf die Beseitigung der Akkordarbeit. In dieser Beziehung zeigt sich besonders Herr Kling in Wieseck recht unzugänglich, weshalb von den zwei dort beschäftigten Steinmetzen der eine die Arbeit einstellte, während der andere noch nicht begriffen zu haben scheint, daß gerade in seinem Berufe Alkordarbeit Mordarbeit ist.
k. Eine öffentl. Metallarbeiter Versammlung findet Donnerstag, 12. April abends 6¼ Uhr in Lonys Bierkeller statt. Der vom Metallarbeiter⸗Verband nen angestellte Be⸗ zirisleiter für Gießen⸗Wetzlar⸗Lollar Kollege Fuhrmann⸗Gießen wurd sprechen über: „Die Kämpfe in der Metallindustrie und was lehren uns dieselben.“
— Dre Schneider unternehmen am 2.
Feiertag einen Ausflug nach der Rindsmühle. Treffpunkt 7 Uhr morgens bei der kath. Kirche. Freunde sind dazu eingeladen!
aus dem Nreise Alsfeld-Cauterbach.
at. Alsfeld. Die Kreiskonferen: für den Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach, die am 1. April im Stadtpark an wurde, war schlecht besucht. Bemerkenswerte Beschlüsse wurden nicht gefaßt.— uncmag, prend Genosse Dr. Michels im nämlichen okale einer gut besuchten Versammlung über die 1 litische Lage. Reduer besprach die Wahlreg 5 demonstration vom 21. Januar und ihre Wir⸗
kungen, die Kolonial- und Flottenpolltik un


