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Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 15.
Sozialdemokratie zur Befreiung der Arbeit erhebt. Lauter Protest gegen die heutige Gesellschaftsordnung soll am 1. Mai erhoben werden! Und niemals hatte das werk⸗ tätige Volk mehr Anlaß dazu, als in diesem Jahre. Durch die neuen Handelsverträge ist die Lebenshaltung der Arbeiter so gefährdet, daß er kaum mehr imstande ist, seine Familie zu ernähren, die Unstcherheit seiner Existenz nimmt in erschreckendem Maße zu. Statt den deutschen Arbeitern auf ihren millionenfach er⸗ hobenen Wunsch, mehr politische Rechte zu geben, plant man neue Attentate auf die ohnehin dürftigen Freiheiten.
Deshalb, Genossen, agitiert überall für eine würdige Feier des ersten Mai!
Politische Rundschau.
Gießen, den 12. April 1906.
5 Heinrich Meister f
DDD
Wie in voriger Nummer kurz mitgeteilt wurde, ist unser alter Parteigenosse Heinrich Meister, der langjährige Vertreter der Stadt Hannover im Reichstage, am Donnerstag, den 5. April, in Hannover verstorben. Mit ihm ist wieder einer der ältesten und verdientesten unserer Vorkämpfer dahingegangen. Seinen näheren Freunden kam der Tod des alten Kameraden nicht überraschend. Er litt schon seit längerer Zeit an einer Herzverfettung und es gelang diesmal der ärztlichen Kunst nicht, ihn am Leben zu erhalten. Ein Zufall be⸗ schleunigte, wie mitgeteilt wird, seinen Tod. Er wurde, als er sich in den letzten Tagen in Berlin aufhielt, nachts 3 Uhr durch ein drin⸗ gendes Telegramm aus dem Schlafe geweckt. Er vermutete, von seiner Familie eine schlimme Nachricht zu erhalten; als er die Depesche ent⸗ faltete, enthielt sie eine auf die Zigarettensteuer bezugnehmende ganz gleichgiltige Nachricht aus Interessentenkreisen. Diese plötzliche Störung in der Nacht hat das Leiden unseres Genossen derart verschlimmert, daß er nach Hause reisen und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte, aber umsonst.
Heinrich Meister wurde am 2. Oktober 1842 zu Hildesheim geboren, er erlernte die Zigarren⸗ macherei, mit zweiundzwanzig Jahren trat er in Hannover dem 1865 von Fritzsche gegründeten Allgemeinen deutschen Zigarrenarbeiterverein bei, in dem er bald eine leitende Stellung ein⸗ nahm. Mährend Fritzsche Vorsitzender war, präsidierte Meister dem Ausschuß dieser in früheren Jahren schon verhältulsmäßig stark entwickelten Gewerkschaftsorganisation. Das Sozialistengesetz vernichtete nicht allein die politische, sondern auch die gewerkschaftliche Arbeiterorganisation. Wie so viele Gewerk⸗ schaftler, wurde auch Meister durch die Bis⸗ marck'sche Drangsalterungspolitik mehr und mehr in die politische Bewegung gedrängt. Im Oktober 1884 erlebte die Welt bei den Reichstagswahlen die Ueberraschung, daß 24 Sozialdemokraten gewählt wurden; unter ihnen befand sich auch Heinrich Meister als Vertreter des 8. hannoverschen Wahlkreises. Im Grunde verdankte Meister seinen erbitterten Gegnern, den Nationalliberalen, das erste Reichstags⸗ mandat. Er hatte bei der Hauptwahl 8839 Stimmen erhalten, der Welfe 8939, der Natio⸗ nalliberale 4890, der Freisinnige 956. Es war die Zeit, wo die„Kölnische Zeitung“ erklärte, ein Sozialdemokrat sei ein kleineres Uebel als ein anderer Reichsfeind und der Magdeburger Polizeipräsident unter der Devise Zuckerbrot und Peitsche ähnliche Austichten aussprach. Meister wurde gewählt und behauptete auch bei allen späteren Wahlen das Mandat.
Nach dem Fall des Sozialistengesetzes be⸗ kleidete Meister das wichtige Amt ded Vor⸗ sitzenden der Kontrollkommission. Als solcher hatte er viel mit den Streitigkeiten der Partei- genossen untereinander zu tun, welche der
Kontrollkommisston zur Beurteilung resp. Schlich⸗
tung überwiesen waren. Da mußte er oft diesen oder jenen Genossen persönlich anfassen, doch er tat es in einer Weise, daß keine persönliche Animosttät gegen ihn zurückblieb. Im Reichs⸗ tage trat der Verstorbene selten im Plenum hervor: dafür arbeitete er umso eifriger in den Kommissionen; jahrelang gehörte er dem wich⸗ tigsten Ausschusse des Parlaments, seiner Bud⸗ getkommisston neben Bebel und Singer an. Am Sonntag erfolgte die Bestattung des teuren Toten in seinem Heimatsorte Hannover unter massenhafter Beteiligung der Arbeiterschaft. Im Ballhofsaale fand die Trauerfeier statt. Aus allen Teilen des Reiches waren prächtige Kranzspenden sowie aus den näher gelegenen Orten Delegationen eingetroffen. Der geräumige Saal war bei weitem nicht im Stande, die Massen der Leidtragenden aufzunehmen. Nach⸗ dem die Sänger das ergreifende Lied:„Ein Sohn des Volkes“ vorgetragen, ergriff Froh me das Wort, um in schwungvoller Rede das Charakterbild des Toten zu zeichnen. Singer widmete ihm im Namen des Parteivorstandes und der Reichstagsfraktion ergreifende Abschieds⸗ worte. Für die Partei, für die darbende Mensch⸗ heit habe Meister außerordentlich viel getan,
namentlich unter dem Druck des Sozialisten⸗ gesetzes, und als es galt, die widerstrettenden Für die herrlichen Siege
Kämpfer zu vereinen. in Hannover gebühre ausschlteßlich dem braven Heinrich Meister die Palme.„Not und Kummer, Sorge und Elend“ sind die Seiten seines Lebens beschrieben. Aber auch Seiten reicher Freude, reicher Erfolge fanden sich darunter, und diese Seiten waren der einzige Lohn, der einzige Dank, den er erstrebte. Unser Dank, den wir ihm über das Grab hinaus darbringen, bestehe darin, daß wir in seinem Sinne weiter streiten, in seinem Geiste weiter kämpfen. Ein Trauer⸗ lied schloß die Feier. Nun setzte sich der Leichen⸗ zug in Bewegung. Viele Tausende gaben unserm Vorkämpfer das letzte Geleite, Zehntausende von Menschen bildeten auf dem lange Wege zum Friedhöfe Spalier. Dort angekommen,
wird der Tote unter den Klängen des Barden⸗ chors in's Grab gesenkt, auf dem sich bald die 0 i Majestätsbeleidigungsmanse des trunksüchtigen
Massen der Kranzspenden auftürmen.
So hat sich das Grab geschlossen über einen der Aeltesten, Besten aus unsern Reihen, einen jederzeit treuen und opfermutigen Vorkämpfer. Meisters Name, der mit der Parteigeschichte eng verknüpft ist, wird in der Partei nie ver⸗ gessen werden, wir werden sein Andenken in hohen Ehren halten.
Die ewige Marokko⸗Konferenz
ist am Samstag nun endlich geschlossen worden und die Beschlüsse wurden unterzeichnet. Die Diplomaten haben Algeciras verlassen und Eu⸗ ropa hat Ruh! Die Vertreter von Amerika erklärten, an Marokko kein Interesse zu haben und sonst keine Verpflichtung für die Durch⸗ führung der Beschlüsse übernehmen zu können. Die Hauptbeteiligten, die Vertreter Marokkos, lehnten die Unterzeichnung ab. Besonders im⸗ ponierend ist dieser Schluß der mit so viel Geräusch in Szene gesetzten Konferenz wirk⸗ lich nicht. 197 Millionen neuer Steuern,
das ist das Resultat der eifrigen Arbeit iu der Steuerkommission, soweit sich der Ertrag der neuen Steuern im voraus einigermaßen richtig abschätzen läßt. Zu hoch ist die Schätzung stcher nicht, denn der Regierung muß ja daran liegen, recht viel herauszuschlagen, um wenigstens für einige Zeit aus dem permanenten Reichsdalles herauszukommen. Lange wird es wohl nicht dauern, denn weder der Land⸗ noch der Wasser⸗ milttarismus werden Ruhe geben und bald wieder mit neuen neuen gewaltigen Ansprüchen kommen. Das wird um so eher geschehen, je mehr beim Reichsschatzsekretär das Geld im Kasten klingt.
Von der deutschen Gerechtigkeit.
Bereits ein Vierteljahr befindet sich unser Genosse Stadtv. Schumann in Bielefeld in Zeugniszwangshaft und wie es scheint, will man diese Haft bis zur äußersten gesetz⸗ lichen Grenze(sechs Monate) ausdehnen, um
Schumann zu zwingen, eine ehrlose Handlung zu begehen und den zu verraten, der ihm über
die dortigen Polizeiverhältnisse Mitteilung machte, die er dann in seiner Etigenschaft als Stadt⸗ verordneter verwendete. Man wird den Genossen Schumann damit nicht mürbe machen, aber das schändliche Instttut der Zeugniszwanghaft wider Leute, die, wenn sie Ehrenmänner bleiben wollen, ihre Gewährsmänner nicht nennen dürfen, vor aller Welt noch weit mehr diskre⸗ ditieren, als es durch andere Fälle ohnehin schon geschehen ist.—
Sechs Jahre Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung! Vor etlichen Wochen wurde der obdachlose 50 Jahre alte Schuhmacher Gustav Schön von der Gör⸗ litzer Strafkammer wegen wiederholter Maje⸗ stätsbeleidigung zu vier Jahren Gefäng⸗ nis verurteilt. Verschiedene Zeitungen äußerten damals die Meinung, daß allem An⸗ schein nach der„Majestätsverbrecher“ ein be⸗ dauernswerter kranker Mensch set, der ins Irrenhaus, aber nicht ins Gefängnis gehöre. Jetzt hört man, daß derselbe Mann sich vor der Sorauer Strafkammer nochmals wegen „Majestätsbeleidigung“ zu verautworten hatte. In diesem Falle handelte es sich darum, daß Schön in einer dicht besetzten Gastwirtschaft in Kromlau in betrunke em Zustande, weil er kein Obdach für die Nacht hatte(0), über den Kaiser ein Schimpfwort sagte, worauf er ergriffen und in Staatspenston nach Görlitz gebracht wurde. Schön ist vielfach vorbestraft, er macht den Eindruck eines völlig unzurech⸗ nungsfähigen Menschen und ist dem Alkohol völlig ergeben. Trotzdem schleppte man den
armen Teufel aus dem Gefängnis auch diesmal
wieder auf die Anklagebank, und die Straf⸗ kammer verhängte eine Zusatzstrafe von zwei Jahren Gefängnis über ihn. Durch das sinnlose Gestammel eines halbverrückten Schuapofreundes soll also die Majestät des deutschen Katsers dermaßen befleckt worden sein, daß deutsche Richter tusgesamt sechs Jahre Gefängnis verhängen zu müssen glaubten! Es ist schwer zu sagen, was verwirrter ist: die
Schuhmachers oder die Irrwege, auf welche die deutsche Justiz durch den Majestätsbeleibi, gungsparagraphen gerät.
Und wieviele Hunderte ehrliche Leute mußten schon dafür monate⸗, jahrelang im Gefängnis büßen, weil sie in der Trunkenheit ein unbe⸗ dachtes Wort ausgesprochen hatten! Daram fort mit den Majestätsbeleidi ungsparagraphen!
Ein deutscher Kulturförderer.
Der Jesko von Puttkamer, der als Gouverneur von Kamerun wegen allerhand un⸗ sauberer Dinge fortgejagt werden mußte, trotz⸗ dem er als„Edelster und Bester“, Sohn eines früheren mächtigen Ministers, gewiß genug Schützer in Regierungskreisen hatte, trieb schon in seiner Jugend allerhand Sachen. Unserem Münchener Parteiblatt wird darüber geschrieben: In seinen fröhlichen Jugendtagen war Jesko erst Bursche des feudalen Leipziger Korps(letzt eingegangen) der Meißner, und tat als solcher später das ebenso feudale weißbestürmerte Korps der Freiburger Hassoborussen auf. Beide Korps waren aber geußtigt— infolge gewisser sehr— unschöner Handlungen— ihm nicht nur das Band zu entziehen, sondern ihn cum infamia(als ehrlos) zu erklu⸗ dieren, ihn für der Ehre vollständig verlustig zu erklären. Man denke, das geschah dem Sohn des allmächtigen Ministers, daraus kann man auf die Handlungen einen Rückschluß ziehen. Vater Puttkamer setzte es daun— nachdem sein Sohn natürlich gänzlich unmöglich für den Staatsdienst durch die Ex⸗ kluston gemacht war— nach vielen Jahren durch, daß die Exkluston in perpetuelle Demission (Ausschluß für immer) umgewandelt ward, wo⸗ mit die Ehre freilich auf das notwendigste ge⸗ geflickt wurde. Im Inlande ging das Dienen noch immer nicht, so wurde der Junge nach Afrika expediert, um dort den Häuptlingen Ju imponteren.— Im März verlieh der König 81 a enberg dem Eblen erst noch einen
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