Ausgabe 
15.4.1906
 
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Gießen, den 15. April 1906.

13. Jahrgang.

odaktton: Mechenplatz 11 Ichloßgasse.

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Mitteldeutsche

Mebaktlonsschtß; Hauderztag Nachmittag Mchn.

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1 Juserate Die ö gespalt. Bel mindestens

Auferstehen!

Tag der Erlösung, nahe heran,

Siehe die Völker in Fessel und Bann, Siehe die Wahrheit gefälscht und geächtet, Siehe die Arbeit gedrückt und geknechtet, Siehe die Freiheit im Süchtlingskleid,

Tag der Erlösung, o komm! es ist Seit!

Sinstens, erzählen die Sagen, da hab'

Man die Wahrheit versenkt in ein steinern' Grab, Und dennoch habe sie kühn sich entfaltet,

Habe den mächtigen Felsen zerspaltet,

Und, wie die Sonne das Dunkel durchbricht, Sei sie aufs neue gestiegen zum Licht.

Man feiert dies herrliche Wunder noch heut' Mit Orgeltönen und Glockengeläut',

Doch siehe, der Finsternis Schergen, sie haben Die freie Wahrheit aufs neue begraben,

Sie ward von den Mächtigen gegeißelt, verlacht,

Gekreuzigt und endlich zur Ruhe gebracht.

Wir stehen am Grabe mit düsterem Blick, Mein Engel wälzt heute den Grabstein zurück. Nur durch der Völker vereinigtes Wollen Bringt man den Felsen aufs neue ins Rollen, Wenn an die Arbeit gemeinsam wir gehn, Dann wird die Begrabene wieder erstehn.

Darum, Proletarier, macht Euch bereit, Hur Auferstehung ist endlich die Seit,

Ju lange die Freiheit iin Kerker schen schmachtet, Zu lange die Wahrgeit und Recht schon verachtet,

Stehet zusamme n, sei jeder ein Mann, Dann nahet das Ostern der Freiheit heran. Map Kegel.

Ostergedanken. g

In GoethesFaust finden wir eine Oster⸗ lurch Faust hat sich durch alle Wissenschaften urchstudiert und hat doch schließlich nicht f es

1 wisfen, die Welt in ihrer ganzen Unendlich⸗ it und Ewigkeit zu begrelfen, das ist 190 as

einsehen zu müssen, bringt Faust zunächst zur Verzweiflung, da er irgend ein anderes Ziel seines Lebens bisher überhaupt nicht hatte. Schon hat er

Da vernimmt er Es bricht des

rauch Ehristi Leldensgeschichte als frommes Trauer splel in der Kirche zur it Faust f gebracht Faust so, daß er

funden, was er suchte: Dle Befrledigung, al

dem Gelehrtesten ein unerreichbares Ziel.

Er will Selbstmord begehen. den Gifttrauk in der Hand: Chöre aus der benachbarten Kirche. nach durchwachter Nacht eben der Ta Osterfestes an, wo nach mlttelalterlichem

wird. Dleser Gesang rührt

dem Leben dadurch wieder gewonnen wird.

Nicht, als ob er kirchlichen Eindrücken zu Klar und einfach sagt er viel- mehr:Die Botschaft hör' ich wohl, alleln es Mit der Kirche ist Faust Was 1 hält, ist dleErinnerung mit ihremkind⸗

Sehn⸗

gänglich wäre.

fehlt der Glaube. ebenso fertig, wie es Goethe Na war. All die Jugendlust und

lichen Gefühle.

sucht erwacht wieder in ihm, die vordem in ihm lebte, ehe er zu einem einseltigen trocknen 10 0 0 Wissen hier zum ersten Mal iu ihm entscheldend eine andere innere Macht: eben das Gefühl. Das ist derdunkle Drang, der ihn dann

lehrten geworden war. So tritt neben

durch alle Irrungen des Lebens hindurch schlleß⸗ lich doch auf denrechten Weg führen soll.

Und diesen rechten Weg hat der Dichter sehr fein schon in dem Ostergesaug selbst angedeutet, ohne daß Faust allerdings dessen tieferen Sinn sofort begreift. Es versteht sich von selbst, daß ein Goethescher Ostergesang nichts enthält von den hohl klingenden Phrasen und Aeußerlichkeiten, die sonst wohl von untergeordneten Geistern zu solchen Gelegenheiten gereimt werden. Ueber dieAuferstehung des Flessches⸗ und ähnliche Zumutungen dachte Goethe genau so, wie Rückert singt:

Wenn der Geist sich dem Leib entschwingt, In Cüften seine Tänze schlingt,

Schleicht ihm als heimliches Ungemach

Die Auferstehung des Fleisches nach.

Soll er sich wieder behängen

Mit dem, dem er glücklich entgangen d

Mit dem Fraß von Würmern und Motten Wer wagt es, ihn so zu verspotten!

Dle übrigens auch sehr widerspruchsvoll in den verschledenen Evangelien überlieferte Sage von der Wiederbelebung des toten Christus wird vielmehr rein symbollsch(sinnbildlich) ver⸗ wandt. Da singt erst der Chor der Engel:

Christ ist erstanden!

Freude dem Sterblichen

Den die verderblichen

Schleichenden, erblichen

Mängel umwanden. Die Kirchenlehre von derErbsünde klingt in den Worten au. Aber doch wie anders aus gedrückt und gedeutet! Stellen wir uns unter den schleichenden, erblichen Mängeln der Meusch heit Dummheit, Egoismus, Träghelt, Verzagthelt, überhaupt alles Phlllsterhafte, Ewig Gestrige, stampfstunkg Gewohnhelts⸗ mäßige vor, dann erst wird uns die Strophe ganz lebendig werden!

Bei den Frauen hat die Llebe zu Christt irdischem Tell eine Hauptrolle mitgespielt, sie haben den Menschen verehrt, den Leichnam noch mit Zeichen dieser Verehrung umgeben und so sind sie unn enttäuscht, da ihnen auch dleser Rest bon Liebesbezeugungen unmöglich gemacht ist:

Mit Spezereien

Hatten wir ihm gepflegt, Wir, seine Treuen, Hatten ihm hingelegt; Tücher und Binden Reinlich umwanden wir, Ach, und wir finden Christ nicht mehr hier.

Etwas höher schon liegt die Gedankenwelt der Jünger. Sie denken sich Christus Gott dem Schöpfer und seinerschaffenden Freude jetzt nah, allem ledischen Lelde entrückt. Und so benelden sie ihn;

Hat der Begrabene

Schon sich nach oben, Lebend Erhabene

Herrlich erhoben,

Ist er in Werdelust Schaffender Freude nah Ach an der Erde Brust

Sind wir zum Leide da,

Ließ er die Seinen Schmachtend uns hier zurück,

Ach, wir beneiden, Meister, dein Glück!

Des Dichters Standpunkt aber ist dleses Schmachten nach dem Jenseits, diese gänzliche Nichtachtung des irdischenJammertals, durch⸗ aus nicht. Ebenso, wie Herder melnt:Das Ziel ausschließlich jenselts des Grabes setzen ist dem Menschengeschlecht nicht förderlich, sondern schaͤdlich, so dachte auch Goethe: Das Jen⸗ seits solle man auf sich beruhen lassen und zunächst einmal endlich die Arbeit tun, die in diesem Leben zu erledigen ist. Und mit einer solchen Lobpreisung der Arbelt und des Wirkens in dieser Welt schließt der Oster⸗ gesang ab. Christus ist nicht dem Leibe, sondern dem Geiste nach auferstanden, d. h. sein Gelst lebt fort in denen, die wie er Menschenliebe predigen und betätigen undWonne verheißen, das bedeutet im Goetheschen Sinn gewiß nicht nur die billige Vertröstung auf das Jenselts, sondern das Streben nach hohen Zielen, nach Idealen überhaupt, nachZukunftsstaaten, uber die der Phtlister zu allen Zeiten immer so gern seinen billigen Spott ausgegossen hat und die schließlich doch immer die Wolke bet Tag und die Feuersäule bei Nacht waren, nach denen die Menschhelt in der Wüste des Lebens ihre mühsamen, kampf- und entbehrungsreichen Fortschritte machte. So klingt der Ostergesang aus mit dem Grundgedanken des ganzenFaust, mit der dringenden Empfehlung der energischen Tat. Denn she ist es, die Faust endlich dle lang vergeblich gesuchte innere ee gewährt, die er im ewigen Lernen und Studseren nicht fand, die ihm ein rücksichtsloser stunlicher wie geistiger Genuß des Lebens nicht gab. Erst als ihm das neue schöne Ideal erschetntauf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen, erst als er zur Verwirklichung dieses praktischen weltlichen Zleles die erste Arbeit tut, da kann er sagen, daßer den höchsten Augenblick ge- nießt. Nicht übel spricht mau nach dem allen von GoethesWeltfrömmigkeit und hat seinen Faust dasEvangelium der selbstlosen Tat genannt. Ju diesem Sinne können auch wir fromm sein und Ostern felern, in diesem Sinne lebt auch in uns Christt Geist fort, so sehr auch in äußerlichen Dingen die Apostel unsrer Ideale heute sich von denen jeuer früheren Zelten unter- schelden, in dlesem Sinne stimmen auch wir fröhlich⸗andächtig ein in den Schlußchor der Engel, worin der Dichter zum Schluß seine elgnen Anschauungen zusammenfaßt:

Aus der Verwesung Schooh Reißet von Banden Freudig euch los! Tätig ihn preisenden, Liebe beweisenden, Brüderlich speisenden, Predigend reisenden, Wonne N Euch ist der Meister nah, Euch ist er da!

Nüstet zur Maifeier!

Wleder naht das Fest der Arbelt, der 1. Mal. Trotz vleler Anfeindungen und Maßregelungen hat der Malfeiergedanke mehr denn je Kopf und Herz der werktätlgen Bevölkerung exoberk und bricht sich immer mehr Bahn. Jeder Tag zeigt dem arbeitenden Volke mehr, wie notwendig sein Zusammeuschluß zur Durchführung der Forderungen ist, welche dle knternattonale

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