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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Einst und jetzt! Hunderttausend Abonnenten!
Auf diese enorme Zahl hat es der„Vor ⸗ 9 5185 gel 83 giebt kein Blatt irgend einer politischen Partei, das auch nur die Hälfte dieser Abonnentenziffer aufzuweisen hätte, diese Zahl wird nur von etlichen„partei⸗ losen“ Klatschblättern erreicht. Der agitatorische Eifer unserer Berliner Genossen kommt in der erfreulichen Entwickelung des Zentralorgan zum Ausdruck und das Blatt seldst ist zur Feier des freudigen Ereignisses am Sonntag als Jubiläums⸗Nummer erschienen, mit rotem Titel, roten Randleisten und einer allerdings etwas verunglückten Zeichnung mit der Zahl 100 000. Das Hauptblatt enthält ferner außer einem redaktionellen Artikel, der die Entwickelung unserer Parteipresse besonders in Berlin schtl⸗ dert, Artikel von Kautsky, Singer und Bebel über unsere Presse und weiter Reprodukttonen des Titelblattes der„Berliner Freien Presse“ vom Jahre 1875 und vom Vorläufer des „Vorwärts“, dem„Berliner Volksblatt“ vom Jahre 1884. Das letztere hatte damals ganze 2400 Abonnenten! Aber 1891, als es auf Beschluß des Hallenser Parteitages den Titel „Vorwärts“ erhtelt und zum Zentralorgan er⸗ klärt wurde, zählte es deren bereits 26 000. Es wird bei den ersten Hunderttausend nicht stehen bleiben, denn in der Dreimillionenstadt Berlin und seiner Umgebung sind noch viele Tausende Leser für das Parteiblatt zu ge⸗ winnen und unsere Berliner Parteifreunde werden es an den nötigen Austrengungen nicht fehlen lassen.
Aus der Jubiläums⸗Num mer geben wir den nachstehenden Artikel unseres Genossen Bebel wieder, der für viele unserer Leser, besonders für die jüngeren, viel Interessantes bieten dürfte.
Hunderttausend Abonnenten eines Partei- blattes sind ein Ereignis für die Partei. Wer uns vor 30, 40 Jahren gesagt hätte, daß ein Zentralorgan der Partei einmal einen solchen Abonnentenstand erhalten würde, wäre ange⸗ sehen worden, als sei er nicht recht bei Trost. Hatte doch zu jener Zeit das verbreitetste bürger⸗ liche Blatt keine Abonnentenzahl, die mehr als Drittel von Hunderttausend betrug. Der Unter⸗ schied zwischen einst und jetzt ist also in der Tat gewaltig.
Als im Jahre 1869 die aus dem Allge⸗ meinen Deutschen Arbeiterverein ausgeschiedenen Mitglieder sich mit dem Verband der deutschen Arbeiter vereine zur soztaldemokratischen Arbeiter⸗ partei auf dem Kongreß zu Eisenach vereinigten und das unter Liebknechts Redaktion stehende „Demokratische Wochenblatt“ in Leipzig das Zentralorgan der neuen Partei unter dem Namen der„Der Volksstaat“ wurde, besaß es keine 3000 Abonnenten.
Diese erhöhten sich zwar im Laufe eines Jahres auf nahe an 5000, sie sanken aber unter den Kriegsstürmen des Jahres 1870/1, als der Parteiausschuß in Braunschweig nach Lötzen geschleppt und einige Monate später die Redak⸗ teure des„Volksstaat“, Liebknecht, Hepner und ich, der ich damals Leiter der Expedition des Blattes war, wegen Versuch und Vorbereitung zum Hochverrat in Untersuchungshaft genommen wurden, auf die Hälfte.
Die finanziellen Verhältnisse des Blattes waren sehr unerfreuliche, aber das„Schweine⸗ glück“ war auch schon damals der Partei treu. Der unter der Verwaltung von Ladendorf und Genossen in Zürich bestehende sogenannte Re⸗ volultionsfonds spendete wiederholt einige tausend Franken, die uns die Opfer für das Blatt er⸗ leichterten. Aber Opfer, und zwar schwere, mußte jeder bringen. Liebknecht arbeitete für ein Gehalt, den man heute dem letzten Redakteur eines kleinen Parteiblattes kaum zu bieten wagt. Seine Privatwohnung diente zugleich als Re⸗ daktion. Ich gab meine Wohnung zu Zwecken der Erpedition her, und unter meiner Aufsicht expedierte der längst verstorbene Genosse Rübner das Blatt für eine Entschädigung, die ihn nicht vor dem Hunger schützte. Zum Glück besaß er ein kleines Pribatvermögen, dessen Zinsen er
im Interesse der Sache opferte. Als Hepner
mir im Frühjahr 1871 den Vorschlag machte, eiue Neboktongstube für monatlich drei Taler zu mieten— in der Liebknechtschen Familie stand Zuwachs in Aussicht— betrachtete ich das als eine solche horrende Verschwendung, daß ich mich nur schwer zur Befürwortung dieser Aus⸗ gabe bei dem Parteiausschuß entschloß.
Ju der Tat kostete es Mühe, die ger ingen Gelder aufzubringen. Der weitaus größere Teil der Blätter wurde per Streifband oder Packet versandt, und da unsere Filialexpediteure samt und sonders arme Teufel waren, die dieses Geschäft im„Nebenamt“ versahen, waren ste keine pünktliche Zahler..
Während wir im Winter 1870/71 hinter Schloß und Riegel saßen, sprang Karl Hirsch ein, leitete mit anerkennenswertem Geschick in jener schweren Zeit den„Volksstaat“. Rübner hatte sich bei mir im Hause einquartiert und widmete sich mit ganzer Kraft der Expedition. So gelang es unter Ach und Krach, das Schiff⸗ lein flott zu halten. Natürlich war der Jubel groß, als wir endlich 1871 aus der Unter⸗ suchungshaft entlassen wurden. Jetzt ging es mit verdoppelten Kräften an die Arbeit. Und da die nach dem Friedensschluß einsetzende glänzende Prosperitätsepoche die Stimmung in der Arbeiterwelt aufs höchste hob, gelang es, die Schäden bald wieder wett zu machen, d. h. Partei und Blatt vorwärts zu bringen. Eine zweite bedenkliche Periode schien dem zVolks⸗ staat“ bevorzustehen, als im März 1872 Lieb⸗ knecht und ich wegen Vorbereitung zum Hoch⸗ verrat zu zwei Jahren Festang verurtellt wurden. Damit war der Redaktion ihr geistiges Haupt auf längerer Zeit genommen. Neben Hepner, der das Jahr drauf aus Leipzig ausgewiesen wurde, trat Genosse Blos in die Redaktion ein. Aber auch Liebknechts Feder blieb dem Blatte erhalten. Wir fanden bald Wege und Mittel von Hubertusburg aus, woselbst wir unsere Haft verbüßten, einen Schmuggeldienst zu or⸗ ganssieren, der uns ermöglichte, alles hinaus⸗ zubringen, was wir wünschten. Die Parteige⸗ nossen draußen, die von dieser Organisation keine Ahnung hatten, waren nicht wenig über⸗ rascht, daß der„Volksstaat“ während Liebknechts Haft blieb, was er gewesen, ja, wie viele be⸗ haupteten, sogar besser wurde. Endlich fand im Mai 1875 die Vereinigung sämtlicher Soztal⸗ demokraten Deutschlands in Gotha statt. Der „Volksstaat“ blieb unter dem neuen Namen „Vorwärts“ Zentralorgan der Partei und neben Liebknecht trat Hasenclever in die Redaktion.
Bald zeigte sich aber, daß die Partei so er⸗ starkt war, daß ein dreimal erscheinendes Zen⸗ tralorgan den Bedürfnissen nicht mehr genügte. Die Partei würde immer stärker, aber der Abonnentenstand des„Vorw irts“, der selbst in der günstigsten Zeit unter 8000 geblieben war, nahm langsam aber stetig aber. Es war allmählich, eine ganze Anzahl täglich er⸗ scheinender Lokalblätter entstanden: so in Berlin
Freie Presse), Hamburg⸗Altona, Braunschweig, resden, Chemnitz, Hof, Nürnberg, Offenbach, München.
Da wurde im Oktober 1878 zunächst der weiteren Entwickelung ein Ende bereitet durch die Verhängung des Sozialistengesetzes, dem in Kürze der„Vorwärts“ mit fast sämtlichen Partei- und Gewerkschaftsblättern zum Opfer fiel. Aber auch diese Zeit wurde siegreich über⸗ standen. Das Söozialistengesetz flog in den Orkus und der„Vorwärts“ erstand in neuer Gestalt als„Zentralorgan“ der mittlerweile zur stärksten Partei Deutschlands gewordenen Sozialdemokratie in Berlin. Was seitdem aus ihm geworden ist, das zeigt uns der heutige Tag. Unser aller Aufgabe ist nun, dafür zu arbeiten, daß er nicht nur das größte Blatt der Partei bleibt, sondern auch das gelesenste bürgerliche Blatt au Abonnenten überholt.
Parteifreunde! cg ut nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, die
Mitteldeutschen Sountags⸗Zeitung!
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Dem Schaffenden gehört die Welt! Dem Schaffenden gehört die Welt, Das Leben dem, der es erhält! Wer mit der Arbeit sich betraut, Mit saurem Schweiße Früchte baut, Aus dunklen Tiefen Schätze hebt, Wer hämmert, zimmert, wirkt und webt, Und wer der Welt gewalt'ge Kräfte In seinen Dienst zu stellen weiß; Wer seines Lebens beste Säfte Dem Leben weiht, mit stetem Fleiß, Dess' Schaffensmut beständig schwellt, Den ehret— ihm gehört die Welt! Dem Schaffenden gehört die Welt, Das Leben dem, der es erhält! Wer alle Kraft zusammenrafft, Als Diener hoher Wissenschaft Natur in seine Dienste zwingt, Dem Leben stetig Neues bringt, Wer mutig, unverdrossen ringend Der Wahrheit hehres Banner schwingend, Mit Flammenwort die Wahrheit kündet, Von weiser Denkerstirn ergründet— Wer in den Die st der Kunst sich stellt, Den ehret— ihm gehört die Welt! Dem Schaffende gehört die Welt, Das Leben dem, der es erhält! Wer müßig sitzt und grämlich brütet Und seine Sorgen seufzend hütet, Wer niemals Schaffensmut besessen, Der Welt zu fluchen sich vermessen, Wer nie zum Leben sich bekehret Und grämlich Pessimismus lehret, Den laßt im dumpfen Winkel sitzen. Dem Leben kann er niemals nützen!— Dem Schaffenden gehört die Welt, Das Leben dem, der es erhält!
Frida Karow.
Gesellensahrten. Eine Weih nachtsgeschichte von Philipp Scheidemanu 4 Nachdr. verd.
(Fortsetzung.) 08
Gottlieb, der jetzt singt, wie ein heiserer Nabe; verstcherte ausdrücklich, daß er vor zwanzig Jahren habe besser singen können.
Dann erzählte er weiter: es wurde mir reichlich aufgetragen, Butter, Brot und Käse. Auch ein Grog wurde mir schnell gebraut. Und dann ging eine amüsante Plauderei los. Woher? Wohin! Haben Sie auch einen Schatz?
Und weiter erzählte mir die Schwarze, daß die„Olsch“, die Alte, zu großem Kaffeklatsch sei und daß dann jedesmal sie— die Schwarze — als die verständigste und die gesetzteste die Aufsicht zu führen hätte. Bei dieser Erzählung wollten sich die anderen halb tot lachen. Diese kreuzfidele Hexe die„vernünftigste und gesetzteste“ — das schien mir allerdings auch zum Lachen. Da war im wahren Sinne des Wortes der Bock zum Gärtner gemacht worden.
Die Schwarze— sie wurde Liesbeth genannt — drückte mir schließlich einige Groschen, die ste gesammelt hatte, in die Hand. Ich dankte und machte eine möglichst elegante Verbeugung. „Kommen Sie bald wieder!“ sagte mir meine Wohltäterin zum Abschied.„Das Glück wird mir kaum beschteden sein“, antwortete ich.
Es war mir ganz eigenartig zu Mute, als ich wieder auf der Straße war. Ich hatte wieder in lang entbehrter Atmosphäre geatmet. Aus dem Korridor heraus hörte ich wieder die hellen Mädchenstimmen:
Aber fort muß er wieder, Muß weiter Zeh n!
Gottlieb Schulze stärkte sich durch einen herz⸗ haften Trunk, um dann fortzufahren in seiner Erzählung: i
Mein Entschluß stand fest. Unter allen Um⸗ ständen wollte ich die Walze so bald als möglich beenden. In Hamburg mußte es glücken, Arbeit zu bekommen. Und wirklich


