Ausgabe 
14.1.1906
 
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Nr. 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

es glückte. Merkwürdig, daß ich so häufig an die Schwarze in Elbeck dachte. Und als ich den ersten neuen Rock trug und später einen ganzen neuen Anzug jedesmal mußte ich an meine Fechtversuche denken und jedesmal sagte ich mir: jetzt würdest du gewiß auf die lustigen Büglerinnen einen besseren Eindruck machen, besonders auf die Eine.

Es kam der Hochsommer und mit ihm die Kündigungen dutzendweise. Wieder arbeitslos! Peter Löhde, der inzwischen verstorbene Her⸗ bergsvater auf den Kohlhöfen, hatte mich in sein Herz geschlossen. Auf sein Zureden blieb ich, er wollte kreditieren, bis ich neue Arbelts⸗ gelegenheit fände. Ich blieb eine, zwei und schlielich drei Wochen. Und da wurde ich aus Hamburg hinaus geknobelt. Und das kam so.

Wir saßen ziemlich mißmutig bei Löhde am runden Tisch und bliesen Trübsal nach Noten. Wohl ein Dutzend kunstloser Typenfänger. Es war an einem Freitag Nachmittag. Da trat Peter mit einem fremden Herrn zu uns und machte uns die Mitteilung, daß der Buch⸗ druckereibesitzer Jungmüller aus Elbeck nicht nur ein paar Runden spendieren, sondern auch einen von uns engagieren wollte! Na, das wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Die Runden waren bald getrunken, jeden⸗ falls war die Rundenfrage viel schneller erledigt, wie die Engagementsfrage. Einige ältere von uns lehnten es ab, Hamburg zu verlassen. Von den jüngeren waren verschiedene bereit, zu gehen, aber keiner wollte dem anderen vor⸗

greifen. Ausknobeln! Ja, dieser Vorschlag Peters war acceptabel. Ausknobeln! Und ich war Ich warf das höchste

der Beneidens werte! Hausnummer.

Am Sonntag sollte ich nach Elbeck kommen. Ich erhielt einen Vorschuß, von dem ich auch die Reisekosten bestreiten sollte. Natürlich be⸗ gannen wir sofort Abschied zu feiern. Wir feierten Freitags und wir feierten Samstags weiter. Und als ich am Sonntag früh mit neuem Schuß vom braven Peter gen Norden fuhr, da quälten mich nicht nur Fragen wie die: wirst du sie wiedersehen? sondern auch ganz verfluchte Kopfschmerzen.

(Fortsetzung folgt.)

Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.

9)(Fortsetzung.)

Es wäre schwierig gewesen, den Zusammen⸗ hang dieser Versicherung zu enträtseln, aber Malbine war in diesem Augenblicke viel mehr mit der Ueberlegung beschäftigt, daß sie doch wirklich ein sehr gewagten Schritt getan habe.

Es ist nicht leicht einem jungen Mann vorwärts zu helfen, besonders gegenwärtig, wo man überall so schwierige Examina verlangt, die in gar keinem Verhältnis zu der schmalen Besoldung stehen, sagte Morsen und setzte hin⸗ zu, indem er noch ein wenig vorwärts rückte: Und wozu hat ihr Bruder denn Lust?

Ach, zu allem, antwortete Malvine und ste fühlte dabei, wie unverantwortlich albern es dadurch wurde, daß sie gerade Morsens Protektion suchte. Endlich fand ihr Blick den Spiegel und begegnete darin den Augen Morsens, der auch gerade sein Ziel erreicht hatte. Sie sahen einander an, länger als sie selbst wußten, dann schlugen ste beide die Augen nieder und erhoben sie zu gleicher Zeit wieder, so daß ste beide überzeugt waren, das eine habe das andere unaufhörlich betrachtet. Sowohl Malvine wie Morsen gerieten in immer größere Verlegenheit und das Gespräch über Franz war nur noch ein bloser Wechsel von allgemeinen Redensarten ohne bestimmtes Ersuchen und ohne entschiedene Zusage.

Endlich stand Malvine mit der Hoffnung auf, daß Herr Morsen ihren Schritt nicht übel deuten werden, und Morsen erklärte, daß er dem jungen Menschen furthelfen wolle, soviel as in seiner Macht liege. Damit war die Be⸗ ratung abgelaufen, die beide gleich unbefriedigt ließ. Morsen machte sich Vorwürfe, daß er nichts besseres zu sagen gewußt habe, als einige

unbedeutende Redensarten über den Beruf eines jungen Menschen, und Malvine, die nun eine

kleine Probe davon gehabt hatte, was es heiße,

sich dem allgemeinen Nutzen zu widmen, empfand die Mühseligkeit dieser Aufgabe und zugleich die Vergeblichkeit ihres Besuches. Je mehr sie sich an das erinnerte, was sie gesprochen hatten, um so fester war sie überzeugt, daß ste eine Albernheit begangen habe.

Zu Hause angekommen, beschränkte sie sich auf die Mitteilung von dem Hauptinhalte ihres Gesprächs nebst den letzten Worten Morsens, welche, wenn ste auch für Malvbine nur eine ge⸗ wöhnliche Form waren, für die Einbildung ihres Bruders Franz die baldige Aussicht auf eine Stellung eröffneten und für dessen Vater nach seiner Erklärung mehr galten, als tausend Worte von anderen. Er fand es darum auch ausgezeichnet, daß Malvine seinen Plau aus⸗ geführt habe, denn er habe ja immer gesagt, daß man sich nur an Morsen wenden müsse.

Dieser Abend war für die Familie Werner glücklicher, als man anfangs voraussehen konnte. Franz war auf dem Gipfel der Freude; die Mutter befand stch einmal ohne Sorgen für den kommenden Tag und Werner lebte bei dem fröhlichen Geplauder seiner Tochter neu auf, deren ganzes Bestreben darauf ging, den Trüb⸗ sinn, wenn auch nur für kurze Zeit, zu ver⸗ scheuchen und die Hoffnung zu beleben. Hoff⸗ nung war ja das einzige was ste geben konnte Hoffnung und Mut, gegründet auf den Glauben an eine Hand, die Hilfe bringen kann, wenn sich sonst keine Aussicht mehr zeigt. Sie war unerschöpflich in tröstenden Beispielen von Familien, die emporgekommen und reich ge⸗ worden waren. Sie ging mit ihrer Mutter die Haushaltungsrechnungen durch, sprach mit Franz über die einzuschlagende Laufbahn und spornte die jüngeren Kinder zum Fleiße an, und als sie wieder in die Taubermann'sche Wohnung zurückkehrte, war die ganze Familie Werner voll Mut und Hoffnung auf das, was kommen sollte.

Es ist wirklich ein allerkiebstes Gesichtchen, sagte Morsen zu sich selbst, als er am Abend in seinem roten Zimmer allein saß und er warf dabet einen Blick in den Spiegel, worin er ihr Bild gesehen hattewirklich ein Paar hübsche Augen! und wie sie mich aablickte! Site hatte gewiß nicht daran gedacht, daß sie mich im Spiegel sehen könne. Wer hätte denken sollen, daß ich einmal einen solchen Besuch bekommen würde! Vor zwanzig Jahren würde ich mich darüber nicht gewundert haben; ich kann sehen, daß ich alt werde, früher hätte ich auch wohl einen besseren Gegenstand zum Gespräch ge⸗ funden, als den halbgaren Bruder. Wenn ste wiederkommt soll es anders werden! Aber wird ste jemals wiederkommen? Wahrhaftig, salche amtliche Stellung hat doch ihre Vorzüge, wenn sie derartige Besuche bewirkt.

Zum ersten Male seit den letzten Monaten begann Morsen etwas weniger verdrießlich über seine Stellung nachzudenken, aber nach und nach machte diese Stimmung einem Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit Platz, welches endlich so stark wurde, daß er seinen schwarzen Schlafrock auszog, sich ankleidete und mit der verzweifelten Hoffnung in die Stadt ging, sich dort weniger einsam zu fühlen. Er kam in das Kasino und fand dort einen langen ge⸗ deckten Tisch, an dem kein Mensch saß, und als er sich umblickte, bemerkte er nur schläfrige Ge⸗ sichter, welche über langweilige Zeitungen ge⸗ bückt waren und am Billard befanden sich einige junge Leute, die er als Kinder gekannt hatte. Nein, sagte er zu sich selbst, dahin gehöre ich auch nicht. Er verließ das Casino wieder, schlenderte nach Hause und suchte aus Lange⸗ weile sein Bett auf. Am folgenden Morgen standen ihm die Ereignisse des vorigen Tages noch klarer vor der Seele und er fühlte mehr als je seine Einsamkeit. In seinem Zimmer fand er es außergewöhnlich still und unbehag⸗ lich; als er vor dem Spiegel seine Toilette be⸗ endigte, dachte er wieder an die Augen, denen er gestern darin begegnet war und ohne es selbst zu wissen, überlegte er, ob er auch als verheirateter Mann diese Wohnung behalten

lönne. Tor, murmelte er, indem er plötzlich

seine Gedanken unterbrach, wie kann ich an

solche Albernheit denken! Heiraten! Und er

summte ein Lted vor sich hin, kleidete sich voll⸗

ständig an und begab sich auf sein Bureau, wo

er fortwährend nach den vierhundertvierund⸗

vierzig blauen Steinen blickte und die fünfzehn geborstenen mit dem vertrockneten Unkraut eben⸗

falls nicht übersah.

(Fortsetzung folgt.)

n

Splitter.

Hab' ich kein großes Schiff zur Fahrt, Muß ich auf kleinem Kahne treiben;

So werd' ich doch bei gleicher Art

Und unverwandten Sinne bleiben.

1 F. H. Geffken.

* *

Du darfst nicht, lebst du recht, Nach bösen Mäulern fragen; Es lieget nicht an uns,

Was der und jener sagen.

Numoristisches.

Im Dachzimmer. Arzt:Ich lasse Ihnen dieses Pulver hier. Nehmen Sie es sofort nach dem Mittagessen.

Kranker:Es wäre sehr gütig von Ihnen, mir auch das Mittagessen hier zu lassen.

Der arme Zar.

O Gott, mit Rußland ist es aus! Der Hof selbst ist verpöbelt.

Hat doch den arme Nikolaus Ein Großfürst jüngst vermöbelt Die Welt ist schnöde und kommun! Rief da der Zar voll Kummer, Was soll ich mit Verwandten tun Mit solcher Handschuhnummer?

Er wird lange warten müssen! Stöcker erklärte im Reichstage, erwarte auf die Stunde, wo sich die Arbeiter von der Sozialdemokratie abwenden werden. Der Mann ist anspruchsvoll: weil er es auf siebzig Jahre gebracht hat, deshalb meint er, er wüsse ewig leben!

(W. Jak.)

Andere Zeiten! Die Zeiten in Rußland haben sich leider sehr geändert. Vor zweihundert Jahren bestieg Zar Peter der Große mit dem Berliner Abge⸗ sandten dem Kremlturm und sprach:Ich will dir mal zeigen, wie gehorsam meine Leute sind, unt spring da runter! Sofort sprang runter und brach sich den Hals. Heute? Wenn dem Zaren ein fiele zu sagen:Spring da runter! da tut's höchstens der deutsche Botschafter.

(Simpl.)

Feudal. Herr v. X.: Aeh äh! Wozu denn Volkszählung? Is ja Unsinn! Volk zählt ja über⸗ haupt nich!

(Südd. Postill.)

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Geschichtskalender.

14. Januar. 1905 Prof. Ernst Abbs in Jena T. 1887 Puttkamer's Expatriterungsvorlage. 1890 Poligeikommissar Wohlgemuth⸗Mühlhausen pensionirt. (W. war als Spitzel in der Schweiz, wo eranar⸗ chistische Agitation trieb.)

15. 1898 DerVorwärts veröffentlicht Puttkamer's geheimen Streikerlaß betr. Verkümmerung des Koa⸗ litionsrechtes.

16. 1905 Rhein⸗westfäl. Bergarbeiterstreik. 1893 Ende des Bergarbeiterstreiks im Saarrevier. 1865 Proudhon 7.

17. 1793 König Ludwig XVI. von Frankreich wird von der Nationalversammlung zum Tode verurteilt.

18. 1896 Landgerichtsdirektor Brausewelter Berlin, be⸗ rüchtigt durch unerhörte Urteile gegen die Sozial⸗ demokratie, stirbt im Irrenhause.

19. 1874 Hoffmann v. Fallersleben, freigesinnter Dichter F. 1736 James Watt, Erfinder der Dampfmaschine*.

20. 1900 Kohlenarbeiterstreik in Böhmen. 1265 1. Zusammentritt des Hauses der Gemeinen in London.

(& geboren. f gestorben.)