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Nitteldeutsche Sonntags · Zeitung ·
Fahrkarten 35 Kl: 2. Kl. 1. Kl. vou 60 Pfg. bis 2 Mk. mit Mark—.5—.10—.20 „ mehr als 2—5„„„—.10—.20—.40 J
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Fahrkarten von Straßen⸗ und ähnlichen Bahnen, welche getrennte Wagenklassen nicht führen, sollen wie Fahrkarten 3. Klasse be⸗ handelt werden.
Mittwoch wurde die Automobil- und Tantiemensteuer beschlossen. Für letztere stimmten auch unsere Genossen.
Politische Rundschau. Gießen, den 10. Mai 1906.
Die abgehauene Hand in Breslau.
Der arme Teufel, dem bet der Polizeiattacke in Breslau von einem rasenden„Schutz“ manne die Hand abgehauen wurde, der Bierfüller Biewald, ist Mitglied des Handelshilfs⸗ arbeiter⸗Verbandes und dieser hat den Justizrat Mamroth beauftragt, die Interessen und Schadensersatzansprüche seines zum Krüppel geschlagenen Mitgliedes zu vertreten. Dr. Mam⸗ roth gab in Breslauer Zeitungen eine Dar⸗ stellung des Sachverhalts, aus dem Folgendes hervorgeht: Franz Biewald ist 21 Jahre alt und wird von seiner Wirtin als ein schüchterner, ruhiger, fleißiger und sehr gutherziger Mensch geschildert, der von seinem Arbeitsverdienste seine in Juliusburg lebende Mutter unterstützte. Als er am 19. April von der Arbeit zurück⸗ gekehrt war, holte ihn später sein Arbeitskollege Hartmann aus seiner Wohnung zu einem Spaziergange ab. Beide standen auf der Straße vor seiner Wohnung, als eine Schutzmanns⸗ patrouille herankam. Biewald trat mit den übrigen an der Haustür stehenden Personen in den Hausflur zurück. Ein Hausbewohner machte die Haustür von innen zu. Unmittelbar
darauf wurde ste jedoch durch einige Schutzleute
von außen aufgestoßen, und die Schutz⸗ leute stürmten mit gezogenen Säbeln in das Haus hinein. Biewald und Hart- mann liefen nach der anderen Seite des Haus⸗ flurs. Bevor Biewald jedoch die Treppe er⸗ reicht hatte, erhielt er von einem der Schutzleule von hinten einen Säbelhieb über die Schulter und unmittelbar darauf einen zweiten über den Hinterkopf, so daß ihm das Blut herunterlief. Er hob bittend die Hände und rief dem Schutzmann zu, er solle doch von ihm ablassen, er sei ja ganz unbe⸗ teiligt, er sei Arbeiter bei Mende und wolle nur in seiue Wohnung hinauf. Der Schutzmann machte trotzdem Miene, weiter auf ihn einzuschlagen. Biewald wollte deshalb die Treppe hinauf flüchten. Kaum hatte er aber die ersten Stufen erstiegen, so erhielt er vom Schutzmann von rückwärts einen Säbelhieb, der die linke Hand, mit der er das Treppengeländer erfassen wollte, latt von dem Arm abschlug. Der ent⸗ fett um Hilfe rufende Biewald wurde von der Bäudlersfrau Buchmann, die den Hilferuf ge⸗ hört hatte, in deren Bäudelei(Kramladen) hin⸗ eingenommen, wo ihm der erste notdürftige Verband angelegt wurde. Der Schutzmann war, als Frau Buchmann hinzukam, bereits verschwunden und ist bisher nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln gewesen. Die alsbald herbeigerufene Feuerwehr legte dann dem Verwundeten einen ordentlichen Ver⸗ band an, schaffte ihn nach dem Allerheiligen⸗ Hospital und nahm auch die noch im Hausflur liegende abgeschlagene Hand mit.
Soweit die jedenfalls durchaus objektive Darstellung des Falles durch den Justizrat. Er macht dann weiter noch auf die gesetzlichen Bestimmungen aufmerksam, nach welchen der Verstümmelte Entschädigungsansprüche an die Stadt geltend machen kann.
Ein ebenso großer Skandal aber als die Affaire selbst ist die Tatsache, daß der
schuldige Schutzmann— es soll Nr. 145 ge⸗ wesen sein— noch nicht zur Verantwortung gezogen ist! Für die Polizei müßte doch die Ermittelung des Betreffenden eine Kleinigkeit
sein. Aber die„Ordnungspresse ist im Gegen⸗
teil bemüht, den klar zutage liegenden Sach⸗ verhalt zu verwirren. Es wurde ein plumper Rechtfertigungsschwindel der Breslauer Schutzleute in Szene gesetzt und behauptet, daß dem Biewald die Hand in der Klinik abge⸗ nommen worden sei. Dem Schwindel ist aber durch die Veröffentlichung des Rechtsanwalts Mamroth der Boden entzogen und die Kosaken⸗ presse dürfte mit ihren Rettungsversuchen der Breslauer Schutzmannschaft kein Glück haben. Traurig ist es übrigens, und für unsere Ver⸗ hältnisse bezeichnend, daß der Breslauer Poltzei⸗ prästdent nicht für Ermittelung und Bestrafung des Schuldigen sorgt.
Der Hamburger Schopenstehl⸗Prozeß wurde am Freitag voriger Woche vor dem Hamburger Schwurgericht zu Ende geführt. Angeklagt waren 29 Personen wegen Land⸗ friedensbruch, Plünderung, Diebstahl, Hehleret ꝛc. Wie bekannt, kam es nach den Demonstrations⸗ Versammlungen gegen den Wahlrechtsraub, welche unsere Genossen am 17. Januar veran⸗ stalteten, auf dem„Schopenstehl“, zu Aus⸗ schreitungen. Der„Schopenstehl“ ist eine ver⸗ rufene Straße, die vom polizeilichen Schutz zu dieser Zeit entblößt war, weil die Hamburger Polizeimannschaft überflüssiger Weise in großen Massen aufgeboten wurde, um bei den Wahl⸗ rechtsdemonstrationen die„Ordnung aufrecht zu erhalten.“ Man wollte aus der Affaire einen politischen Prozeß machen und die „Schopenstehler“ der Sozialdemokratie anhängen. Das ist aber gänzlich mißglückt. Wie von Seiten unserer Hamburger Parteigenossen da⸗ mals sofort festgestellt wurde, hat, was übrigens ganz selbstverständlich ist, die Sozialdemokratie damit nicht das Mindeste zu tun. Trotz eifrigen Nachforschens hat die Staatsanwaltschaft nur einen einzigen entdecken können, der politisch organistert war, der aber sonst nicht das ge⸗ ringste politische Verständnis bekundete. Nur ein einziger wußte, um was es sich bei der Protestaktion des 17. Januar eigentlich gehau⸗ delt hatte. Die überwiegende Mehrzahl der Verurteilten hat niemals auch nur das geringste politische Interesse bekundet. Erst einige Stunden nach Beendigung der politischen Demonstration, als das Verbrecher⸗ und Zuhälterviertel von der üblichen Besetzung mit Polizei vollständig entblößt war, als die ganze Hamburger Poltzei zur Rettung der gefährdeten„Ordnung“ auf dem Rathaus platze zusammengezogen war, be⸗ gannen die Plünderungen, an denen die Poltzei alle, die Sozialdemokratie nicht die mindeste Schuld trägt.
Mehr als merkwürdige Ansichten äußerte aber der Staatsanwalt in seiner Anklage⸗ rede. Er sagte u. a.:„Wenn Sie heute be⸗ strafen, sostrafen Ste die nicht Gefaßten mit. Zeigen Ste, meine Herren Geschworenen durch eine strenge Auffassung der Sachlage, daß es Ihnen bitter ernst ist um die Anwen⸗ bung der bestehenden Gesetze; fällen Sie Ihren Spruch so, daß es dem Gerichtshof möglich ist, die Angeklagten mit der ganzen Schwere des Gesetzes zu treffen, damit eine tatsächliche Sühne für die verletzte Ordnung eintritt. Bedenken Sie, daß Furcht das beste Erziehungs⸗ mittel ist. Lassen Sie sich nicht durch Milde dazu verführen, die Angelegenheit uuter einem falschen Gesichtswinkel zu betrachten. Die Angeklagten tragen hier ein so gesittetes Wesen zur Schau, das in diametralem Gegen⸗ satz steht zu ihren Taten. Gleichfalls bitte ich Sie, kein Gewicht auf das gute Leu⸗ mundszeugnis, das vielen Angeklagten ausgestellt wird, und auf die Unbestraft⸗ heit der meisten zu legen.“
Das ist doch wirklich ein starkes Stück. Die Angeklagten sollen also für Taten verur⸗ teilt werden, die sie gar nicht begangen haben. Des Staatsanwalts borsintflutliche, durch die Erfahrung von Jahrhunderten tausendfach widerlegte und auch von der modernen wissen⸗
schaftlichen Kriminalistik längst über Bord ge⸗
worfene These, daß die Verbreitung von Furcht und Schrecken„das beste Erztehungsmittel“ sei,
seine haarsträubende Ansicht, daß auf das ge⸗ sittete Benehmen der Angeklagten, das Fehlen von Vorstrafen bei den meisten von ihnen und
auf das ihnen ausgestellte gute Leumunds⸗
zeugnis nichts zu geben sei: das alles illustriert
den in unsrer Justiz heute gesteuerten Kurs so
drastisch, daß jedes Wort der Kritik überflüssig ist. Verurteilt wurden 9 Angeklagte zu Zuchthaus von 1—3 Jahren, 19 zu Ge⸗ fängnisstrafen von 1 Woche bis zu 1½¼ Jahren. Nur ein Angeklagter wurde freige⸗ sprochen. Die Geschworenen haben also durch⸗ aus keine Milde walten lassen, obwohl sich unter den Angeklagten welche befanden, deren Taten, bei Lichte besehen, sich als ziemlich harmlos herausstellten, nicht schlimmer als die Erzesse der Marburger Studenten vor etwa zwei Jahren.
Fürstliche Silberdiebe.
Der Fürst und die Fürstin Wrede zu Basedow in Mecklenburg werden vom Staats- anwalt wegen Diebstahls verfolgt! Auf die Anzeige des Dieners Glase hin, der früher bei diesen Edelsten in Stellung war, hat eine
Haussuchung im Schlosse stattgefunden, bei der
man in der Silberkammer des Schlosses zahl⸗ reiche silberne Tafelgeräte und Vorräte von Tischwäsche fand, die aus— großen Hotels zu Paris, Berlin und München stammen! Es war so viel an solchem Silber vorhanden, daß es in mehreren Kisten und Körben nach dem Kerichte gebracht werden mußte. Das Parisce Hotel d' Orsay ist am meisten in Mit⸗ leidenschaft gezogen, es wurden aus seinen Be⸗ ständen allein 58 Platten, 9 Saucieren, 11 Gemüseschüsseln, 4 Salzgefäße, 1 Dutzend Milch⸗ und Kaffeekannen, Suppenterrinen und noch andere Kleinigkeiten, wie Messer, Gabeln und Löffel, gefunden. Die übrigen Sachen stammen nach den Zeichen aus dem Palast⸗Hotel und dem Kaiserhof in Berlin und dem Bahyrischen Hof in München. 8
Außerdem hat man aber auch noch Löt⸗ werkzeuge gefunden, die dazu dienten, die Zeichen und Monogramme aus den gestohlenen Geräten zu entfernen! Die fürstliche Diebin, die, wie berichtet wird, an Kleptomanie(Stehl⸗ sucht) leiden soll(natürlich!), treibt sich mit ihrem edlen Gemahl in Spanten auf einer Vergnügungsreise herum.
Die französischen Wahlen
haben am Sonntag stattgefunden. Sie waren diesmal von ganz besonderer Bedeutung; man war gespannt darauf, ob die Polittk der jetzigen linksrepublikanischen Regierung die Billigung des Volkes finden würde. Die Klerikalen und Monarchisten hatten es an Wühlereien und
Hetzereten gegen die Regierung auch nicht fehlen
lassen. Die Pfaffen hetzten die gläubige Be⸗ völkerung auf wegen des Treunungsgesetzes und der Inventuraufnahme in den Kirchen. Trotz⸗ dem hat die republikanische Linke und die Sozialtsten bedeutende Erfolge aufzuweisen und die Wahl charakterisiert sich als ein entschtedener Sieg der Regierung. Von den 588 Wahlkreisen brachten 433 ein endgültiges Resultat, während in 155 Stichwahlen stattfinden müssen. Von den 433 Gewählten gehören 113 der klerikalen Opposition an; 165 sind Radikale und Radikal⸗ Sozialisten, außerdem sind 11 unabhängige und 33 vereinigte Sozialisten gewählt. Von unsern bekannteren Genossen sind gewählt: Jaur es,
Guesde, Vaillant, Sembat, Basly, f
Delvy, Vivian ꝛc. Nach einer vorläufigen Zusammenstellung
haben am Sonntag 8900 000 Wähler abge⸗
stimmt, 800 000 mehr als bei den Wahlen vor 4 Jahren. Davon entftelen auf die Radikalen und„Sozialistisch“ Radikalen 3 100 000, auf die Republikaner der Linken 850 000, auf die unabhängigen Sozialssten 160000, auf die Fenn obe gad 1150000 Gemäßigt⸗Republikaner(Progresststen 0 auf die Kandidaten der klerikalen Aktion 1240000, auf die Konservativen 900 000 und auf die Nationalisten 380 000 Stimmen. Gegenüber


