Ausgabe 
13.5.1906
 
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Nr. 19.

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Gießen, den 13. Mai 1906.

13. Jahrgang.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Solntags⸗Zeitung.

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Die Darmstädter Wahl.

Die am Freitag voriger Woche im Reichs- tagswahlkreise Darmstadt erfolgte Stichwahl hat mit dem Siege der Sozialdemokratie geendet. Nach den amtlichen Ermittelungen wurde unser

Gonosse Berthold mit 16632 Stimmen

gewählt, sein Gegner, der Mischmasch⸗Kandidat

Rechtsanwalt Dr. Stein brachte nur 15805

Stimmen auf. Die Wahlbetetligung stieg gegen die Hauptwahl um 2800 Stimmen, es gingen also 85 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne. Schon die außerordentlich starke Wahlbeteiligung zeigt, wie heftig in dem Kreise gekämpft wurde, den uns zu entreißen sich die nationalliberal⸗ autisemitisch⸗ultramontane, von dem saubern

Reichsverbande agitatorisch unterstützte Gegner⸗

schaft alle Mühe gab. Es ist ihr nicht gelungen! Siegreich weht wieder das rote Banner über Darmstadt, das der Sprendlinger Wunderdokter Becker herunter holen wollte. Einen sehr schweren Kampf hat die Sozialdemokratie er⸗ folgreich bestanden.

Bei der Hauptwahl am 25. April erhielt Berthold 13801, Dr. Stein 10315, Pfarrer Korell 5808 Stimmen. Für den Reichs⸗ verband⸗Kandidaten brachte die Stichwahl 5700 Stimmen Zuwachs, während unser Kandidat nur 2800 mehr als bei der Hauptwahl erhielt. Was geht daraus hervor? Daß die freisinnigen

Korellwähler, entgegen der von ihrem Wahl⸗

ausschuß ausgegebenen Parole, für den Sozial- demokraten einzutreten, zum weitaus größten Teile, wenn nicht alle, für den Reaktlonär Stein gestimmt haben. Damit ist auch von unserer Seite von Anfang an gerechnet worden, jahrelange Erfahrungen haben uns in der Ueber⸗ Viera befestigt, daß auf denentschiedenen iberalismus im Kampfe Haben die Reaktion absolut kein Verlaß ist. Und die Erfahrung wird immer wieder bestätigt. Mögen immerhin unter den sogenanntenvereinigten Liberalen einige wirkliche Liberale sich befinden, die bei der Entscheidung zwischen reaktlonärem Misch⸗ masch und Sozialdemokratie für letztere ein- treten es sind nur Ausnahmen, die die allgemeine Richtung nicht beeinflussen können. In einzelnen Orten des Darmstädter Wahl⸗ kreises zeigt sich ganz deutlich, daß Stein sämt⸗ liche Korell⸗Stimmen bekommen hat. Lieber wählen sie den schwärzesten Reaktlonär, als daß ste den Mut hätten, für den Sozialdemo⸗ kraten einzutreten. Resultate anderer Orte zeigen allerdings, daß die Liberalen die Parole ihres Wahlausschusses befolgten, und für die Sozialdemokratie stimmten, aber das sind nur wenige. Sicher scheint, daß vier Fünftel für Stein stimmten; und das trotz der schofeln Kampfesweise, die die Reichsverbändler auch den Freisinnigen gegenüber beobachteten, deren Agitatoren sie sogar verprügelten!

So kann die Sozialdemokratie getrost sagen, daß sie den Sieg in Darmstadt aus eigener Kraft erfochten hat. Die 2800 Stimmen, die sie in der Stichwahl mehr aufbrachte, sind zur größten Hälfte eigene Reserven. Wir können mit diesem Resultate sehr zufrieden sein. Der Kampf war gerade in diesem Kreise für uns kein leichter; durch die opferfreudige Tätig- keit unserer Genossen im Kreise war es möglich, die Angriffe der Gegner siegreich abzuschlagen.

Leisten sie weiter zielbewußte, unablässige Partei⸗ arbeit, so ist kein Zweifel, daß bei den allge⸗ meinen Wahlen in zwei Jahren der Kreis zu unserem sicheren Besttzstande gehört.

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Ueber den Ausgang der Wahl erhob sich im bürgerlichen Blätterwalde ein ungeheueres Gezeter. Die von der Drehscheiben-Partei kündigten den Korellianern alle und jede Freundschaft, bezeichneten ste als Verbündete der Sozialdemokratie, wobei sich über unsern Kandidaten eine Flut von Beschimpfungen er⸗ goß. Anderseits gaben stie ihrer Schadenfreude Ausdruck über die Disziplinlosigkeit der Mehr⸗ heit der Korellwähler, die trotz der Aufforde⸗ rung des Wahlausschusses, für den Mann des Kuddelmuddels stimmte. Von konservativer, nationalliberaler und freisinniger Seite wurden dievereinigten Liberalen Verräter an der Sache des Bürgertums gescholten. Diese Preß⸗ äußerungen sind insofern lehrreich, als ste beweisen, daß wirklicher Liberalismus im deutschen Bürgertum heutzutage verpönt ist, und daß der Bürgerliche, dem es mit freiheit⸗ lichen Forderungen und Beseitigung der Miß⸗ stände im Staasswesen ernst ist, die schärfsten, ruppigsten Angriffe von seinen angeblichlibe⸗ ralen Klassengenossen zu erwarten hat. Die freiheitlichen Forderungen zu vertreten, bleibt einzig der Sozialdemokratie überlassen.

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Aus dem Reichstage.

Mit dem vom Zentrum eingebrachten Tole- iin füllte der Reichstag seine Mittwochs ⸗Sitzung aus. Toleranz ist ja ein recht schönes Wort und eine schöne Sache. Es besagt im Allgemeinen, daß die Meinungen und Gefühle, die Ueberzeugungen Aller geduldet werden sollen. Das Zentrum will mit diesem seinen Gesetzentwurfe die Freiheit des religlösen Bekenntuisses und Unterrichts sichern; wenigstens tut es so. Wer aber diese gerade auf religtösem Gebiete unduldsamste Partei kennt, wird sich des Verdachtes nicht erwehren können, daß das Zentrum Absichten hegt und Ziele verfolgt, die sorgfältig verborgen gehalten werden. Dieser Ueberzeugung gab auch Genosse David scharf Ausdruck und vertrat im übrigen den Stand⸗ punkt der Partei in der Frage der Religion. Er erklärte, daß das tonsurierte Pfaffentum ebensowenig von wahrer Freiheit wissen wolle, wie das gescheitelte. Nur die Trennung von Kirche und Staat kann Klarheit, kann wirkliche Freiheit bringen. Immerhin bezeichnet der Toleranzantrag, vorausgesetzt, daß bedeutende Verbesserungen an ihm vorgenommen werden, einen unleugbaren Fortschritt. Aus diesen Er wägungen stimmt unsere Fraktion für ihn. Die Vertreter des Christentums von der andern Sorte, die Stücker und Gesinnungsgenossen, lehnen den Gesetzentwurf ab; sie wollen über⸗ haupt keine Toleranz, well sie Furcht vor der römischen Konkurrenz haben. Genosse Hoffmann illustrlerte an drastischen Beispielen die heute ausgeübte Unduldsamkeit in religiösen Fragen und wies nach, wie behördliche Bevormundung in rigoroser und selbst ungesetzlicher Weise sich geltend mache, um zu verhindern, daß die Kinder dem christlich⸗dogmatischen Unterricht entzogen

werden. Sehr wirksam war, was unser Genosse über das heutige Volksschulelend sagte. Als ihm dabei ein sprachlicher Schnitzer unterlief und die Mehrheit in Gelächter ausbrach, ergriff er die Gelegenheit, den Mehrheitsparteien kräftig und ungeschminkt einmal die Meinung zu sagen, unter dem lebhaften Beifalle unserer Genossen. Den mit ihrer Scheinbildung prahlenden Spöttern wird wohl auf eine Zeit die Lust vergangen leihe sich in dieser Beziehung an Hoffmann zu reiben.

Die Polizeiwillkür und Spitzel schmach

befand sich am Donnerstag auf der Anklage⸗ bank und es setzte für die Bülow⸗Reglerung eine fürchterliche Niederlage ab. Unsere Fraktion hatte eine Interpellation wegen der massenhaften Ausweisungen von Russen aus Berlin und den Vororten eingebracht. Graf Posadowsky erklärte im Namen des Reichskanzlers, daß dieser die Beantwortung der Anfrage ablehne. Trotzdem wurde die Besprechung beschlossen und Genosse Bebel hielt an der Hand eines massenhaften Materials eine wuchtige Anklagerede, deren Eindruck sich auch die Reichsboten nicht entziehen konnten, die sonst mit der Regierung durch dick und dünn gehen. Raummangel zwingt uns, von einer Wiedergabe der von Bebel angeführten Fälle abzustehen; jeder einzelne beleuchtet die in Preußen⸗Deutschland herrschenden Zustände, jeder einzelne gereicht der Berliner Poltzei zur Schande! Man weist Leute aus, die sich in keiner Weise öffentlich oder politisch betätigt hatten, auch nicht unterstützungsbedürftig waren. Das kollste aber ist, daß man einen russischen Kaufmann zu landesverräterischen Diensten gegen sein eigenes Vaterland ver- aulassen wollte. War er dazu bereit, so wäre die Ausweisung unterblieben. Mit dieser Affatre ist Deutschland auf's schwerste vor der ganzen Welt blamiert! Die Redner der übrigen Par⸗ teien mußten die Berechtigung der Bebel'schen Ausführungen anerkennen, wie ihm überhaupt jeder anständige Mensch recht geben muß. Aus⸗ nahme davon machten allerdings der Junker v. Oldenburg und seine antisemitischen Gesinn⸗ ungsverwandten, welche die Polizei-Taten ver⸗ teidigten und im übrigen bewiesen, bis zu welchem Grade der Gestnnungsroheit sie es gebracht haben. Freitag und die übrigen Tage wurde über

die sogenaunte Steuerreform

in zweiter Lesung verhandelt. Zuerst kam die Zigarettensteuer an die Reihe, mit der sich das Haus noch am Samstag und Montag beschäftigte. Sie wurde nach den Kommisstons⸗ beschlüssen angenommen; trotzdem unsere Genossen mit Energie dagegen auftraten. So- mit ist dem Volke wieder eine schwere Last aufgehalst! Die Quittungssteuer wurde abgelehnt. N

Ueber die Fahrkartensteuer

wurde am Dienstag verhandelt und nach den Vorschlägen der Kommisston mit 157 gegen 138 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten außer unsern Genossen noch die Frei⸗ innigen, Volkspartei, Polen und Antisemiten. Die Steuersätze betragen:

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