Ausgabe 
13.5.1906
 
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Nr. 19.

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Mitteldeutsche Sounags⸗Zeitung.

Seite 3.

den Ziffern von 1902 gewannen die Radi⸗ kalen undSozialistisch⸗Radikalen über 250 000 Stimmen und die Sozialisten über 270000 Stimmen. Die Progressisten verloren 270000 Stimmen. Unsere Parteigenossen haben dem⸗ nach recht gut abgeschnitten.

Revolution in Nußtland. Wieder ein Gerichteter. Ein Bomben⸗

angriff wurde am Sonntag auf den Gouverneur

Dübassow von Moskau gerade vor seinem Palais ausgeführt. Der Gouverneur wurde am Fuße verwundet, sein Adjutant und eine Schildwache wurden getötet. Einige Per⸗ sonen aus dem Publikum wurden verwundet. Der Attentäter, der ebenfalls umgekommen sein soll, trug Offiziersuniform.

Inder Schwarzenmeerflotte gärt es wieder. Aus Sewastopol habe die Moskauer Polizei Nachrichten erhalten, wonach unter den Matrosen von neuem Unruhen ausgebrochen sind. Unter den Flottenmannschaften findet die Agi⸗ tationsliteratur der sozialistischen und revolutionären Parteien kolossale Verbreitung.

Der Priester Gapon ist nach ziemlich bestimmt lautenden Nachrichten doch hinge⸗ richtet worden. Petersburger Blätter ver⸗ öffentlichen das Protokoll des Arbeiterge⸗ richts, das Gapon zum Tode verur⸗ teilt hat. Darin sind die Gründe der Ver⸗ urteilung angegeben. Es wurde Gapon nach⸗ gewiesen, daß er Polizeispitzeldienste leistete und dafür von der Regierung viel Geld erhtelt. Außerdem hat er aber auch noch Geld unter⸗ schlagen, das ihm für die Sache der Arbeiter übergeben worden war. Letzteres hat er selbst eingestanden. Das Protokoll schließt:

Georg Gapon ist ein Verräter, Agent provocateur und hat Arbeitergeld unterschlagen, er hat das Andenken und die Ehre der am 22. Januar 1905 gefallenen Genossen geschändet. Georg Gapon ist zum Tode verurteilt. Dieser Spruch ist ausgeführt worden.

Wir sind Gegner der Todesstrafe; sind auch der Meinung, daß es noch andere Mittel ge⸗ geben haben müßte, den Verräter unschädlich zu machen. Aber andererseits muß zugegeben werden, daß die Situation, in der sich die Revolutionäre befinden, solches Vorgehen not⸗ wendig machen.

Das Ministerium Witte hat abgedankt und Goremykin ist sein Nachfolger geworden und man kann hier sagen, daß nichts besseres nachkommt.

Nachträgliches zur Maifeier.

Der Maitag zeitigt in diesem Jahre Folgen in größerem Umfange als in früheren Jahren und das beweist schon für sich, daß diesmal allgemeiner gefeiert wurde. Nun üben die Unsernehmer Rach e. Eine kleinliche und törichte Rache. Die Arbeiter haben sich erkühnt, gegen den Willen der Unternehmer einen Festtag zu begehen, nun wollen diese zeigen, daß sie noch dieHerren im Hause sind und sperren aus. Sie erreichen damit das Gegenteil von dem, was sie bezwecken wollen. Je größer dieStrafe ist, das heißt je länger die Aussperrung währt, um so begehrenswerter und erkämpfenswerter wird den Arbeitern der Weltfeiertag. Es ist das größte Lob für die deutschen Arbeiter, daß alle Erfolge, die sie erzielt und alle Fortschritte, die sie gemacht haben, ihnen nicht mühelos, als reife Frucht in den Schoß gefallen sind, sondern daß sie mit Opfermut und Entbehrungen er⸗ kämpft werden mußten. So auch der erste Mai. Die inszenierten Aussperrungen werden nicht im mindesten hindern, daß die nächste Maffeter noch imposanter wird. N

In Berlin sind in den Betrieben der Metallindustriellen rund 16 000 ausgesperrt. Auf dem Bureau des Holzarbeiterverbandes hatten sich 1663 Mitglieder als ausgesperrt angemeldet. Die Holzarbeiter, Zimmerer, Maurer ꝛc. wurden nur einen Tag ausgesperrt. In Hamburg hat das Reederprotzentum, durch den Widerstand

der Seeleute erbost, das Signal zur Aussperrung gegeben. Die Gesamtzahl der in den Werft und Hafenbetrieben Ausgesperrten wird auf zirka 10000 geschätzt, darunter etwa 4000 Metall- arbeiter, die auf zehn Tage ausgesperrt sind.

Aussperrungen wurden ferner in Hannover, Leipzig, Gotha, Breslau und anderwärts vor⸗ genommen. Anderseits sind aber auch Er⸗ folge zu verzeichnen. In Berlin bewilligte ein größeres Geschäft den Achtstundentag.

Ein Maifeiernder als Lebensretter.

Der viel verlästerten Maifeier hat eine Bürger⸗ familie in Nürnberg die Rettung ihres Kindes vom Tode zu verdanken. Am 1. Mat vor⸗ mittags ging ein Matfeiernder über die Wöhrder Wiese, um sich ins Versammlungslokal zu be⸗ geben, als er plötzlich ein Kind in die Pegnitz stürzen und mit den Wellen forttreiben sah. Ohne Besinnen sprang er dem Kleinen nach, rettete ihn und verbrachte ihn zu seinen Eltern, um dann sofort wieder zu verschwinden. Den Eltern des geretteten Knaben gelang es erst nach umfangreichen Nachforschungen, den be⸗ scheidenen Retter ausfindig zu machen, der mit zu den wegen der Maifeter Ausgesperrten gehörte. Sie sandten ihm 100 Mk.für einen neuen Anzug. Wenn der Vater des Kindes schon mit seinen Klassengenossen über die Mai⸗ feier geschimpft hat, so wird er es wohl in Zu⸗ kunft nicht mehr tun, denn ihr hat er die Er⸗ haltung seines Kindes zu verdanken.

Revolver weglassen!

In Magdeburg hielt man es auf einem Polizeirevier für nötig, angesichts der Mai⸗ feier Revolver⸗Schießübungen zu veranstalten. Dabei schoß der Schutzmann Hecht seinem Kollegen Schmidt eine Revolverkugel in die Brust. Der Verletzte wurde in hoffnungslosem Zustande in das Krankenhaus gebracht, wo er nach kurzer Zeit star b. Sollte dieser für den Schutzmann und feine Hinterbliebenen traurige Fall bewirken, daß man von Polizeiseite gegen die Arbeiter wenigerSchneide entwickelt, so hätte er wenigstens etwas Gutes gehabt. Wir glauben aber nicht daran.

Von Nah und Lern.

Hessisches.

Der hessische Staat als Arbeit⸗ geber. Vor Kurzem teilte unser Mainzer Parteiblatt die unerhörte Tatsache mit, daß der Vater Staat den Arbeitern den ohnehin sauer verdienten kärglichen Lohn wochen⸗ lang schuldig bleibt! Sind da in Raun⸗ heim eine Anzahl Arbeiter, die während der Wintermonate in den Domauialwaldungen mit Holzschlag beschäftigt waren. Diese Arbeiter haben heute, nach 11 Wochen, ihren Lohn noch nicht bekommen! Sollte man das für möglich halten? Aber es ist so! Als ein Arbeiter den Großh. Oberförster einmal ange⸗ legentlich an den rückständigen Lohn erinnerte, stellte dieser großmütig in Ausstcht, daßdie Sache demnächst geregelt werden solle. Das ist eigentlich schon mehr wie Großmut, das ist Seelengröße! Was würde wohl mit einem Prlvatunternehmer geschehen, fragt mit Recht unser Mainzer Parteiblatt, von dem die Ar⸗ beiter nach einem Vierteljahre noch nicht einmal ihren verdienten Lohn bekommen könnten. Jeden⸗ falls würden hier die staatlichen Organe alsbald einschreiten. Aber der Staat selbst kann sich ja über Gesetz und Moral hinweg⸗ setzen. Nebenbei bemerkt soll diese Art der nachträglichen Lohnzahlung bet den Großh. Oberförstereien ganz gang und gäbe sein. Vielleicht ist aber der Staat den Arbeitern gegenüber gleich rücksichtsvoll wie diese gegen ihn und stundet die Steuerzahlung?

Unsere Abgeordneten im Landtage werden jedenfalls Veranlassung nehmen, diesen Fall im Landtage zur Sprache zu bringen, wie ste es sich stets angelegen sein ließen, für Auf⸗ besserung der jämmerlichen Löhne der beim Staate beschäftigten Arbeiter einzutreten.

Gießener Angelegenheiten.

Eine Frauenversammlung findet nächsten Dienstag, den 15. Mat, im Saale Lony's Bierkeller statt. Schon lange war eine solche geplant, aber jetzt erst ist es dem Wahlverein gelungen, eine Rednerin dafür in der Person der Frau Zietz⸗Hamburg zu ge⸗ winnen, die gegenwärtig im Agitation⸗bezirke Frankfurt eine Reihe Versammlungen abhält. Genossin Zietz ist als tüchtige, eindrucksvolle Rednerin bekannt. Neulich erst sprach sie in Launsbach und wer ste dort gehört hat, lobte die Klarheit und Gediegenheit ihrer Ausfüh⸗ rungen. Wir brauchen wohl nicht weiter zu zahlreichem Besuch aufzufordern; es versteht sich das von selbst, besonders müssen aber die Frauen anwesend sein. Die Versammlung soll spätestens 9 Uhr beginnen, damit ste frühzeitig wieder geschlossen werden kann. Die verheirateten Genossen müssen mit dafür sorgen, daß ihre Frauen in die Versammlung gehen, lieber sollen die Männer einmal zu Hause bleiben, wenn Kinder überwacht werden müssen. Darum auf in die Versammlung!

Satte Spießer und rückständige Tröpfe sagen zwar:Die Frau gehört ins Haus! Ist den Besitzenden und Herrschenden schon ein Gräuel, daß sich der männliche Teil der Arbeiterklasse politisch betätigt, so entrüsten sie sich noch viel⸗ mehr, wenn die Frauen in den öffentlichen Angelegenheiten mitreden wollen. Das findet diegute Gesellschaft unschicklich, unpassend, unweiblich. Die Frauen der arbeitenden

lasse sollen als Dienstmädchen und Fabrik⸗ sklaven geduldig die Rolle der Arbeststiere spielen, während diejenigen der besitzenden Klasse zu Salondamen und Zierpuppen erzogen werden. Aber Rechte soll die Frau nicht haben; überall wird ste unterdrückt. Einzig die Soztal⸗ demokratie trat bisher grundsätzlich für die vollständige Gleichberechtigung der Frau auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ein.

Mit Recht wird oft über die Gleichgültigkeit der Frauen gegenüber unserer Bewegung geklagt. Aber ist diese nicht ganz erklärlich? Sobald das Mädchen aus der Schule ist, wird es in den Dienst gespannt und melstens kümmert sich Niemand mehr um seine weitere geistige und sonstige Ausbildung; höchstens suchen die Muckergesellschaften sie für ihre Zwecke einzu⸗ fangen, um den jungen Dingern das Hirn noch vollends zu verkleistern, ihnen noch mehr Unterwürfigkeit und Sklavensinn einzuimpfen. Und die verheiratete Arbeiterfrau ist Tag für Tag, Jahr ein und aus in der Hausarbeit angespannt; die Beschäftigung am Kochherd, Wartung der Kinder, Reinigung des Haus⸗ halts ꝛc. lassen ihr kaum eine Minute übrig. Wo soll da die nötige Einsicht und das Ver⸗ ständnis für unsere Befreiungsbewegung her⸗ kommen? Wie viele Frauen gibt es daher noch, die jeden Groschen für weggeworfen halten, den der Mann für Besserung seiner Lage aufwendet. Es ist klar, daß dadurch unsere Bewegung gehindert wird und außerdem ist dieses Unverstäudnis die Ursache vieler ehe⸗ licher Zwistigkeiten.

Darum muß die Frauenwelt auf⸗ geklärt werden! In den letzten Jahren sind ja bedeutende Fortschritte nach dieser Richtung hin gemacht worden; die soztaldemo⸗ kratische Frauenorgantsation ist mächtig empor⸗ geblüht. DieGleichheit, das trefflich geleitete und sehr belehrende Frauenblatt, erscheint jetzt in 37000 Exemplaren! Im Verhältnis zu der großen Zahl der Arbeiterfrauen sind die Erfolge aber immer noch als gering zu be⸗ zeichnen. Es muß besser vorwärts gehen und auch Gießen darf nicht zurückstehen! Gegen den vielfach hervortretenden kleinstädtischen, rückstän⸗ digen Geist muß angekämpft werden! Unsere Genossen, die Gewerkschafter, alle denkenden Arbeiter haben die Pflicht, an der Förderung der Frauenbewegung mitzuarbeiten, die unserer Sache einen starken Rückhalt zu geben geeignet ist.

In der Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung am Donnerstag(3. Mai) kam die famose Abschätzung des Geländes an der Klärbeckenanlage durch die Sachverständigen⸗ Kommission wieder zur Sprache. Der Ober⸗