Ausgabe 
12.8.1906
 
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Seite 4.

WMitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Untersuchung eingeleitet, weil sie, wie unser dortiges Parteiblatt, dieVolkszeitung, kürz⸗ lich berichtet hatte, säumige Schulkinder des Morgens statt sie von der elterlichen Wohnung aus direkt zur Schule zu führen, zuerst auf den betr. Polizeibezirk transportiert und dort körperlich gezüchtigt bezw. mißhandelt haben. Auch in der letzten Sitzung des Schul- vorstandes kamen diese Fälle zur Sprache, worauf der Herr Oberbürgermeister die ange⸗ führte Untersuchung ankündigte.

Gießener Angelegenheiten.

In der letzten Stadtverordneten⸗ Sitzung teilte der Oberbürgermeister mit, daß das Ministerium für Schulangelegenheiten er⸗ klärt habe, es sei außer Stande, der Stadt Gießen die unbedingt nötigen Schulverwalter zu überweisen. Der Oberbürgermeister bemerkte dazu, dieser Mangel an Volksschullehrern sei hoffentlich nur vorübergehend, denn man könne sich doch nicht denken, daß der hessische Staat nicht in der Lage sei, die nötigen Lehrkräfte für die Volksschule zu beschaffen. Das wäre allerdings sehr auffällig und bedauerlich zugleich und müßte noch zu schlimmeren Folgen führen, als sie jetzt schon an der Volksschule bestehen.

Zur Gewerkschaftsversammlung schreibt ein Gewerkschaftler: Auf der Tages⸗ ordnung der am nächsten Sonntag stattfindenden Gewerkschaftsversammlung steht auch dieSaal⸗ frage verzeichnet. Es ist ein Erfordernis, daß die Vorsteher aller Arbetterorganisationen in dieser Versammlung erscheinen; denn es ist eine Schande, daß den Arbeitern in derfreigesinnten Stadt Gießen kein größeres Lokal zur Ver⸗ fügung steht, in dem sie ihre Angelegenheiten besprechen können. Anderwärts hat der Gast⸗ wirteverein es mit Erfolg fertig gebracht, daß der Militärboykott nur an solchen Tagen gilt, an dem in den betr. Lokalen eine Versammlung oder Arbeiter⸗Festlichkeit stattfindet. Hier küm⸗ mert sich der Gastwirteverein nicht das Geringste um diesen Mißstand. Bei größeren Volks⸗ festen steht man Zivil⸗ und Militärbehörden einträchtig in Ehrenwagen fahren, die wohl auch von Arbeitern mitbezahlt werden, sollte nicht auch in diesem Punkte eine freundschaft⸗ liche Einigung möglich sein, wenn unsere libe⸗ ralen Stadtväter sich darum bemühten? Wir fürchten, daß der gute Glaube des Gewerk⸗ schaftlers in diesem Falle schmählich zu schanden werden wird. Die Arbeiter müssen sich selbst helfen und sie können es, wenn sie nur wollen. Wir verweisen deshalb auf das in Nr. 23 der Mitteldeutschen Sonntags ⸗Zeitung von uns Gesagte: Meidet die Säle, die uns zu Versammlungen verweigert werden!

Die Grün dung eines sozial⸗ demokratischen Frauenvereins wurde in einer am Dienstag stattgefundenen, von etwa 30 Frauen besuchten Versammlung voll⸗ zogen. Frau Dr. Michels⸗Marburg erörterte vorher in einem kurzen Vortrage die Frage, warum sich die Frauen um Politik bekümmern müßten. Sie wies darauf hin, daß heute die bekannten schönen Redensarten und alte über⸗ lieferte Ansichten über die Aufgabe der Frau, die in den Haushalt gehöre ꝛc., keine Berech⸗ tigung mehr hätten. Die Frau habe im Gegen⸗ teil ein ebenso großes Interesse an der Gesetz⸗ gebung und der Gestaltung der öffentlichen An⸗ gelegenheiten als der Mann. Sie erinnerte an den Zolltarif, der tief in ihre häuslichen Verhältnssse eingreife, ferner an die Rechtlosig⸗ keit der Frau auf politischem und rechtlichem Gebiete. Man denke nur an die Dienstboten⸗ ordnung! Deshalb müsse sich auch die Frau politisch betätigen und ihre Rechte zu er⸗ kämpfen suchen. Nach dem beifällig aufge⸗ nommenen Vortrage wurde beschlossen, einen Frauenverein zu gründen. Der Beitrag wurde auf 10 Pfg. monatlich festgesetzt und ferner beschlossen, allmonatlich eine Versammlung ab⸗ zuhalten. Weiter wurde ein Vorstand von 5 Personen gewählt. Möge jede verständige Frau dazu beitragen, daß der Verein sich kräftig entwickele!

Die letzte Wahlvereins versammlung war außerordentlich interessant. Genosse Dr. Michels hielt ein gut durchdachtes Reserat über den politischen

Ma ssenstreik, an das sich eine lebhafte Diskussion anschloß, in der auch ein Russe und ein Engländerßdas Wort ergriffen. Auf die Darlegungen Michels kommen wir noch eingehender zurück. In der Versammlung diesen Samstag steht in erster Linie die Landeskonferenz auf der Tagesordnug.

Die städtischen Arbeiter hielten am Montag eine Versammlung ab, die beschloß, eine Eingabe an die Stadtverwaltung zu richten, in der verlangt wird, allen über ein Jahr in städtischen Diensten stehenden Arbeitern alljährlich mindestens 14 Tage Ferien zu gewähren. Weiter wird ersucht, der soztalpolitische Ausschuß der Stadtverordneten wolle das Nähere über diese Frage mit dem Arbeiterausschuß verhandeln.

r. Der Streik der Ziegeleiarbeiter bei Gail dauert unverändert fort. Obwohl einige von den Strei⸗ kenden Verräter an sich selbst und an ihren Kollegen geworden sind, herrscht bei den noch im Ausstande befind⸗ lichen dieselbe zuversichtliche Stimmung, wie zu Anfang der Bewegung. Von den Streikenden sind bis jetzt 130 anderweitig in Arbeit untergebracht. Es bleiben nur etwa 35 zu unterstützen. Die Absicht, die Verbands⸗ kasse zu schwächen, was bei allen Streiks die Unternehmer so gerne möchten, ist vei diesem Streik nicht durchzuführen. Läßt sich Herr Gail nicht bald zu Unterhandlungen mit den Streikenden herbei, so dürfte er so bald seine alten geschulten Arbeiter so schnell nicht wieder bekommen. Alle Arbeiter werden ersucht, den Zuzug streng fern zu halten.

Freidenker⸗Vereinigung Gießen. Nächster Vereinsabend am Freitag, den 17. August 1906, abends 8 ¼ Uhr, im Vereins⸗ lokal Hotel Einhorn. Gäste ohne Weiteres willkommen.

Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen.

k, Gebrochene Ordnungsstützen. Aus Röd⸗ gen bei Bad⸗Nauheim brachte dieser Tage unser Offen⸗ bacher Parteiblatt folgende Mitteilung: In der Privat⸗ klage des Maurermeisters und zum Beigeordneten ernannten Georg Hensel gegen den Lehrer Fleisch⸗ hauer, wegen Beleidigung, beschloß das Schöffengericht zu Bad⸗Nauheim nach kurzer Verhandlung, die Akten der Staatsauwaltschaft Gießen einzusenden, die eine Unter⸗ suchung gegen Hensel wegen wiederholten Be⸗ trug es einleiten soll. Er wird beschuldigt, seit Jahren an der Gemeinde betrügerische Manipulationen geübt zu haben und dürfte diese Sache wohl noch mehrere Ordnungsstützen in Mitleidenschaft ziehen. Anzeige beim Kreisamt Friedberg wurde schon im Mai d. J. über etliche Fälle dieser Sorte von dem Vorsitzenden des Soztal⸗ demokratischen Wahlvereins gemacht, doch war bis jetzt die Sache noch nicht in Fluß gekommen. Dieser Hensel wurde am 2. Juli zum Beigeorbneten vom Kreisamt Friedberg, nachdem ein Genosse von den Bürgern ge⸗ wählt worden war, die Bestätigung aber nicht erhalten hatte, weil er sich als Sozialdemokrat bekannte, ernannt.

Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach.

a. Beigeordnetenwahl in Alsfeld. Am Montag wurde in Alsfeld die Wahl eines 2. Beigeordneten vorgenommen, deren Aus⸗ gang von einigem Interesse ist. Bereits vor zwei Monaten war dafür ein Kan⸗ didat in den Blättern genannt worden, der aber in Bürgerkreisen nicht auf besondere Sym⸗ pathien stieß, weil er dem sogenannten Kasino⸗ ring angehörte, der ohnehin die ganze Gemeinde⸗ vertretung beherrscht. In letzter Stunde wurde in der Person des Herrn Karl Weitz ein Kan⸗ didat aus Bürgerkreisen in Vorschlag gebracht, der auch die Unterstützung unserer Parteigenossen fand und der infolgedessen auch mit 173 gegen 137 Stimmen gewählt wurde. Wäre von sozialdemokratischer Seite ein Kandidat aufge⸗ stellt worden, so wäre natürlich an die Wahl Weitz nicht zu denken gewesen. Die Bürger⸗ meister: Wahl steht ebenfalls in einiger Zeit bevor. Da der bisherige Bürgermeister wegen hohen Alters eine Wiederwahl ablehnen wird, sind schon mehrere Personen in Vorschlag ge⸗ bracht worden. Unsere Parteigenossen werden zu dieser Wahl noch Stellung nehmen.

Aus dem Nreise Wetzlar.

Die egyptische Augenkrankheit ist unter kroatischen Arbeitern, die an der Kanalisation in Nieder⸗ girmes beschäftigt waren, ausgebrochen. In der Sießener Klinik wurde die Aufnahme der Erkrankten verweigert, man erklärte dort, daß man schon genug solcher Kranke habe. Sie befinden sich im Wetzlarer Krankenhause. So werden ansteckende Krankheiten durch die fremden Lohnstlaven eingeschleppt, die patriotische deutsche Unter⸗

nehmer aus dem Auslande importtert haben, vielfach

nur deshalb, um ste gegen die deutschen Arbeiter als a

Konkurrenz auszuspielen. In der Sophienhütte sind

ebenfalls eine Anzahl Kroaten beschäftigt, die furchtbar

unsauber sein sollen.

w. Ihr erstes Stiftungsfest feierte am Sonn⸗ tag die Zahlstelle Wetzlar des Metallarbeiterverbandes in den Räumen des GasthausesZur Glocke, Die gut besuchte und bestens verlaufene Feier wurde mit dem Vortrage des Arbeiterbundesliedes durch den voll⸗ zählig erschienenen GesangvereinVorwärts ⸗Lollar er⸗ öffnet. Hierauf hielt Koll. Ziegler aus Frankfurt einen beifällig aufgenommenen Vortrag über die Notwendigkeit der Organisation. Daran reihten sich noch verschiedene Vorträge der Sänger, die leider schon um 8 Uhr die Heimreise antreten mußten. Allgemein wurden die ge⸗ sanglichen Leistungen des unter Leitung des Herrn Di⸗ rigenten Kümmel stehenden Vereins anerkannt. Am Abend fanden sich noch eine große Anzahl Kollegen und Freunde des Verbandes zusammen und vergnügten sich bis Mitternacht mit geselliger Unterhaltung. Die Ver⸗ anstaltung zeigte, daß auch hier unsere Sache vorwärts schreitet. Zwei Ordnungshüter bewachten uns den ganzen Tag. Sie werden mit der Ueberzeugung nach Hause gegangen sein, daß ihre Anwesenheit gänzlich überflüssig war.

Launsbach. Mitglieder der Freien Turnerschaft entgegnen auf die Bemerkungen des Lahntal⸗Dünsberg⸗ Turnerbundes in voriger Nummer: Der Dünsberg⸗ Turnerbund will seine politische Neutralität damit be⸗ weisen, daß er die Einladungen zu seinem Feste an alle hiesigen Vereine habe ergehen lassen. Doch es stellte sich bet dem am 8. Juli abgehaltenen Bundesfeste heraus, daß er dieselben Zwecke, wie die Deutsche Turnerschaft verfolgt. Weiter sei klargestellt, daß der Betreffende, der dem Gendarmen auf die Uebertretung des Tanzver⸗ bots aufmerksam machte, nur gerechte und gleichmäßige Behandlung aller Wirte erreichen, keineswegs dem Turn⸗ verein oder sonst jemandem Strafe verschaffen wollte. Herr Gastwirt Komp hat schon viele Strafen dieser Art bezahlen müssen, was bei einem anderen Wirte nicht der Fall gewesen ist.

g. Die Freie Turnerschaft Launs bach hielt am Sonntag in der Gartenwirtschaft Komp ihr erstes Abturnen ab. Die Veranstaltung erfreute sich eines sehr guten Zuspruches, obwohl die Lahntal⸗Dünsberg⸗ Turner in ihrer politischen Neutralität die Festlichkeit der Freien Turnerschaft nicht besuchten, sondern sich ge⸗ schlossen an einer anderen Veranstaltung in Wißmar beteiligten. Die turnerischen Aufführungen(Stab- übungen ꝛc.) fanden den ungeteilten Beifall der Zuschauer. Abends fand Tanz und Pyramidenbau statt, welch letztere sehr gut ausgeführt wurde. Die Festlichkeit verlief sehr ruhig, trotz des starken Polizeiaufgebots. Dies war jedoch in Wißmar nicht der Fall, dort ent⸗ stand sogar eine Schlägerei mit der Polizei. Hier kann man wieder sehen, daß die Arbeiterfeste immer ruhig und einig verlaufen.

Westerwald und Anterlahn.

n Zur Maurerbewegung in Weilburg. Am Sonntag fand in Niedershausen eine gut be⸗ suchte Maurerversammlung statt, in welcher der Gau⸗ leiter Hüttmann⸗Frankfurt über die Ursachen und den Verlauf der Maurer⸗Bewegung in Weilburg und Umgebung sprach. Er wies auf die gesteigerten An⸗ forderungen hin, die infolge der hohen Lebens mittelpreise an den Arbeiter gestellt werden und es sei selbstverständ⸗ lich, daß dieser ein paar Pfennige mehr Lohn zu er⸗ reichen suchen müsse, wenn er nicht einer erheblichen Verschlechterung seiner Lage ruhig zusehen wolle. Redner geißelte ferner das Verhalten der Polizei, die in durch⸗ aus ungesetzlicher Weise vorging und Streikposten ver⸗ haftete. Damit stellt sie sich auf die Seite des Unter⸗ nehmertums, verteidigt dessen Interessen gegen die durch⸗ aus berechtigten der Arbeiter. Folgende Resolution ge⸗ langte zur Annahme: 5

Die heute in Niedershausen tagende Versammlung der streikenden Maurer erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Sie halten an den maß⸗ vollen Forderungen, die sie an die Unternehmer in Weil⸗ burg und Umgegend gestellt haben, unbedingt fest und verpflichten sich, nicht eher zu ruhen und vom Kampf zurückzutreten, bis der geforderte Stundenlohn und die Regulierung der Arbeitszeit neben den sonstigen Forde⸗ rungen erfüllt sind.

Im Anschluß an die Maurer⸗Versammlung sprach Genosse Habicht⸗ Frankfurt in öffentliche Volksver⸗ sammlung über die heutigen politischen Verhältnisse. Er wies zunächst auf den Gegensatz hin, der schon in der Lebensweise eines reichen Mannes und eines Arbeiters zutage tritt. Dann führte er die ungeheuren Summen vor, die für Militarismus, Panzerkähne, Kolonien ꝛc. zum größten Teile zwecklos verausgabt würden. Die Ausführungen Habichts wurden sehr beifällig aufge⸗ nommen.

Innungsherrlichkeit. Den Beispielen vieler andern Orte folgend, hat auch die Glaser⸗ und Schreiner⸗

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