Ausgabe 
12.8.1906
 
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Nr. 32.

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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

Wie die Millionenverdient werden.

Aus Rom wird geschrieben: Die Aktien⸗ gesellschaft Stahlwerke Ternt, mit deren redlichem Geschäftbetrieb sich die Enquete über die Reichs⸗ marineverwaltung so viel beschäftigt hat, konnte im Jahre 1905 die Kleinigkeit von 4,348,560 Lire(1 Lire= 0,80 Mk.) Dividende verteilen, ungefähr 27 Prozent. Dafür liefert sie dem Staate das berühmte gute Kriegsmaterial Panzerplatten, die nur den Kugeln Ternischer Herkunft, nicht aber den normalen Geschossen anderer Fabriken Widerstand leisten und dafür schindet ste ihre Arbeiter. In den Stahl⸗ werken, wo sie 3000 Personen beschäftigt, streiken jetzt seit Wochen 350 Mechaniker, weil sie Mehr- bezahlung für die Nachtschicht verlangen, während die Akttengesellschaft die Arbeiter nötigt, in der zweistündigen Pause die Fabrikssäle nicht zu verlassen, aber aus Sparsamkeit das elektrische Licht abstellen läßt, so daß die Menschen ein⸗ gesperrt bleiben ohne Licht und ohne Lagerstätte. In Spoleto, wo dieselbe Aktiengesellschaft mächtige Braunkohlenlager abbauen läßt, wurde dieser Tage in Gegenwart des Polizeikommissars, eines Vertreters der sozialistischen Stadtver⸗ waltung und des Rechtsanwalts Genossen Bezzi konstatiert, daß alle die Wagen, auf denen die zutage geförderte Kohle gewogen wird, viel schwerer ausgezeichnet sind, als dies der Wahrheit entspricht. Die Aktiengesellschaft schämt sich also nicht, arme Arbeiter um den kontraktlich festgesetzten Lohn zu betrügen, indem stie Tag für Tag von der gewonnenen Kohle, die sie nach Gewicht bezahlen sollte, fälschlicherweise einen Teil als Tara in Abzug bringt. Die Differenz zum Schaden der Ar⸗ beiter fand sich bei jedem einzelnen Wagen; ste betrug im Mindestfall 15, im Höchstfall 30 Kilo! Die Arbeiter wollen sich nun für die seit fünf Jahren währende Beraubung durch einen Straf- und Zivilprozeß schadlos halten.

Kleine politische Nachrichten.

Zur Ersatzwahl in Döbeln ist von unserer Seite Genosse Pinkau-⸗Leipzig aufgestellt worden. Gemeinsamer Kandidat der Gegner ist der Flottenprofessor Hasse.

Revolution in Nußland.

Ueber die Kämpfe in Finnland er⸗ hielt dieLeipziger Volkszeitung eine längere Zuschrift vom 1. August, der wir folgendes entnehmen:

Die erstklassige russische Seefestung Speaborg ist auf den etwa ½ bis 5 Kilometer von der Hauptstadt Helsingfors entfernt liegenden 78 Inseln angelegt. Der Zugang in den Hafen führt zwischen den Festungsinseln durch und soll nur mit Zustimmung der Festungsbefehls⸗ haber erfolgen können. Auf diesen Inseln be⸗ finden sich insgesamt etwa 3000 Mann Artillerie Mineure und Infanterie. Auf einer größeren! der Helsingfors zunächst liegenden Insel befindet sich das Kasernenstädrchen Sveaborg mit etwa 3000 Einwohnern.

Am Abend des 30. Juli verweigerten die Artilleristen ihren Offizieren den Gehorsam, töteten einige von ihnen, setzten andere gefangen und forderten die übrigen Truppenteile auf, sich zu ihnen zu schlagen. Die Mineure folgten der Aufforderung sofort. Ein Teil der Fuß⸗ truppen wurde gegen die Artilleristen, die am Abend gewaltsam aus den Arsenalen Waffen entnommen hatten, ins Treffen geführt. Sie traten aber zu den Artilleristen über. Darauf wurden in der Nacht aus Helsingfors, wo mehrere Tausend Infanteristen einquartiert sind, zwei Kompagnien hinübergeführt, die aber eben⸗ falls zu den Aufständischen übergingen. In der ersten Nacht wurde zwischen den regierungs⸗ treuen und aufständischen Truppenteilen auf den Juselu ein erbitterter Kampf geführt. In der Stadt konnte man deutlich die Kommandos, Hurrarufe, Geschret und Gewehrgeknatter hören, und der Kanonendonner lockte Tausende von Einwohnern auf die Anhöhen, von wo aus man Speaborg überblicken kann.

Der von den Rebellen verwundete General Akejew war von den übrigen gefangenen Offi⸗ zieren gesondert gefangen gesetzt worden. Wie

viel Verwundete und Tote es bereits gibt, ist nicht bekannt. In die städtischen Krankenhäuser sind bisher nur wenige gebracht worden. Von jenen ist ein Flottenoffizier gestorben.

Weiter wird berichtet, daß am 1. August früh 3 Uhr der Artilleriekampf mit erneuter Heftigkeit entbrannt. Die regierungstreuen Abteilungen wurden nun von Geschossen über⸗ schüttet.

Neben der Revolte auf den Inseln spielte sich gestern(31. Juli) noch eine kleinere in der Stadt ab. Auf der äußersten Spitze der Fels⸗ rippe Skatudden befindet sich eine Marinekaserne, in der zirka 200 Matrosen einquartiert waren. Die Revolutionäre aus der Festung sandten gestern morgen zu ihnen und forderten ste auf, zur Revolution überzugehen. Die Matrosen waren sofort bereit und hißten die rote Fahne. Die hinzugestürzten Offiziere wurden entweder erschossen, gefangen genommen oder in die Stadt geschickt, während die Matrosen sich hinter den Felswänden verbarrikadierten. Zwei der in den Hafen liegenden Minenboote eröffneten hier⸗ auf auf die Marinekaserne das Feuer. Dabei wurde auch das in der Nähe liegende Zeug⸗ haus beschädigt und ohne weiteres den Matrosen zugänglich. Vorsorglich gaben die Matrosen davon der Stadt Nachricht und alsbald eilten größere Menschenmassen nach Skatudden, um sich aus dem Arsenal Waffen und Munition zu holen. Die Finnländer verstehen so etwas zu schätzen. Die Matrosen versahen sich selbst mit Waffen und Munition und verhalfen auch den Arbeitern und Bürgern dazu. Das Feuer, das die von Kadetten bedienten Schiffe auf die Kaserne richteten, war ziemlich unwirksam, die Matrosen und das Volk nahmen daran fast gar keinen Schaden. Einzeln und in kleinen Trupps eilten sie, mit Waffen versehen, zurück. Die Matrosen sahen ein, daß sie sich in der Kaserne nicht lange halten konnten, und es hatte für sie auch keinen Zweck, sich dort auf⸗ reiben zu lassen. Sie verkleideten sich notdürftig und entkamen bis auf ein paar Mann alle. Auch die Arbeiter entkamen bis auf 11 Mann, die von den später auf einer Brücke aufgestellten Infanteristen und Kosaken festgenommen wurden.

Ueber den Aufstand wurde anfangs der Woche berichtet, daß er endgültig unterdrückt sei. Die Krtegsschiffe hätten etwa 450 Bomben geworfen. 150 Artilleristen und 100 brillen Sozialdemokraten sind gefallen, 800 Artilleristen und 50 Sozialdemokraten gefangen. Die Ge⸗ samtziffer der Aufständischen belief sich auf 1400. Das bereits in Tätigkeit befindliche Kriegs⸗ gericht wird 700 Artilleristen, 300 Infanteristen und 100 Mann Marinetruppen abzuurteilen haben. Hoffentlich sorgen die Revolutionäre dafür, daß es nicht zur Aburteilung kommt.

Massenhin richtungen werden aus Kronstadt berichtet, wo 300Rädelsführer vom Kriegsgerichte zum Tode verur⸗ teilt und bereits hingerichtet wurden. Unter ihnen befinden sich viele Zivilpersonen und das ehemalige Dumamitglied Michatliczenko. Trotz der Niederwerfung der Revolten in Svea⸗ borg und Kronstadt herrscht im Generalstab der Marine noch große Besorgnis, daß sich die Ereignisse in Sebastopol wiederholen, wo es unter der Besatzung gärt.

Nikolaus bekommt Angst. Die Um⸗ gebung des Zaren scheint auf schlimme Dinge gefaßt zu sein. Der Hausminister des Zaren, Baron Frederiks, soll Befehl erteilt haben, daß die Jacht des Zaren seeklar zu machen sei. Diese Verfügung läßt darauf schließen daß, wenn die Situation des Zaren in P' terhof unhaltbar geworden sein sollte, er den Versuch unternehmen will, mit seiner Familie zur See nach dem Auslande zu gelangen. Seine Frau (bekanntlich eine Schwester des Großherzogs von Hessen) soll zur Flucht drängen.

Ueber die Gewtkshaftsorganisatinnen im ate 190⁵

macht die Generalkommission folgende Mittei⸗ lungen. Die Unterdrückungs⸗ und Sprengver⸗ suche, die von Seiten des Unternehmertums

gemacht wurden, hatten vermehrte Agitation zur Folge und infolgedessen starke Mitglieder⸗ zunahme. Insgesamt hatten die Gewerkschaften 1905 1344803 Mitglieder.

Im Jahre 1905 vermehrte sich die Zahl der Mitglieder im Jahresdurchschnitt um 292 695, das sind 46 201 Mitglieder mehr, als die gesamten Zentralverbände im Jahre 1904 hatten. Vom Jahre 1891 bis zum Jahre 1893 ging die Zahl der Mitglieder der Gewerkschaften von 277659 auf 223 530 zurück. Von da ab zeigte sich eine ständige Aufwärtsbewegung.

Alle Gewerkschaften, mit alleiniger Ausnahme der Kürschner, haben bedeutende Mitglieder⸗ zunahme zu verzeichnen. Im Durchschnitt des Jahres 1905 hatten Mitglieder: Metallarbeiter 233 323, Maurer 155 911, Bergarbeiter 124976, Holzarbeiter 119925, Textilarbeiter 66 959, Fabrikarbeiter 66689, Handels- und Transport⸗ arbetter 46 906, Bauhilfsarbeiter 46 308, Buch⸗ drucker 43 251, Zimmerer 42 249, Maler 29 470, Schneider 28 626, Schuhmacher 26 366, Tabak⸗ arbeiter 24619, Brauereiarbeiter 21697, Ge⸗ meindearbeiter 17926, Buchbinder 16 787, Schmiede 15820, Hafenarbeiter 14 229, Stein⸗ arbeiter 13869, Lithographen 12270, Töpfer 10941, Maschinisten 10477, Bäcker 10 285, Porzellanarbeiter 10084, Glasarbeiter 8940, Steinsetzer 7157, Stukkateure 7091, Buchdruckerei⸗ hilfsarbeiter 6896, Böttcher 6825, Tapezierer 6638, Lederarbeiter 6403, Sattler 5606, Hut⸗ macher 5158, Bildhauer 4843, Handlungs⸗ gehilfen 4796, Dachdecker 4750, Glaser 4412, Werftarbeiter 4192, Gärtner 3936, Müller 3 880, Kupferschmiede 3 721, Gastwirtsgehilfen 3656, Seeleute 3348, Portefeuiller 3318, Konditoren 3071, Handschuhmacher 3050, Wäschearbeiter 2884, Schiffszimmerer 2788, Fleischer 2338, Graveure 2313, Kürschner 1939, Vergolder 1807, Zigarrensortierer 1718, Lager⸗ halter 1429, Barbiere 1321, Buchdrucker Elsaß⸗ Lothringens 907, Zivilmusiker 722, Bureau⸗ angestellte 667, Asphalteure 568, Formstecher 568, Formstecher 517, Blumenarbeiter 475, Notenstecher 433, Schirmmacher 327.

Die Zahl der weiblichen Mitglieder der Zentralverbände betrug im Jahresdurch⸗ schnitt 1905 in 34 Verbänden 74 411 gegenüber 48 604 im Durchschnitt des Jahres 1904. Das macht, unter Berücksichtigung des Umstandes, daß in 3 Organisationen ein Verlust von 13 Mitgliedern im letzten Jahre eingetreten ist, eine Zunahme von 25807 oder 53,1 Prozent. Im Jahre 1892 waren nur 4355 weibliche Mitglieder in den Verbänden. Mehr noch als bei der Organisterung der männlichen Arbeiter ist bet dem Heranziehen der Arbeiterinnen zur Organisation in der Zukunft zu tun. Legen wir die Ziffern der Gewerbezählung von 1895 zugrunde, so ergibt sich, daß die 74411 weib⸗ lichen Gewerkschaftsmitglieder nur 7,9 Prozent der organisationsfähigen weiblichen Arbeiter⸗ schaft ausmachen. Ein lächerlich geringer Pro⸗ zentsatz, besonders wenn man berücksichtigt, daß die Zahl der weiblichen Arbeiter sich seit dem Jahre 1905 prozentual stcher erheblich mehr gesteigert hat, als die der männlichen. Ein gewaltiges Stück Agitationsarbeit ist hier von den Gewerkschaften noch zu leisten.

In der Finanzgebarung der Ge⸗ werkschaften sind im Jahre 1905, wie schon eingangs erwähnt, die gleichen Fortschritte zu verzeichnen, wie im Mitgliederbestand. Während im Jahre 1904 die Einnahme in 63 Verbänden 20 190 630 Mk. betrug, stellte ste sich im Jahre 1905 in 64 Verbänden auf 27812 257 Mk. Im Jahre 1891 hatten die 49 Verbände, welche Bericht erstatteten, nur eine Gesamteinnahme von 1116588 Mk. Bis zum Jahre 1900 war die Einnahme in 58 berichterstattenden Verbänden auf 9 454075 Mk. gestiegen. In den Jahren von 1891 bis ein⸗ schließlich 1905 vereinnahmten die Verbände insgesamt 126710621 Mk.

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Bon Nah und Lern.

Jessisches. Gegen Mainzer Polizeibeamt hat die dortige Bürgermeisterei eine Disziplinar

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