Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 32.
mittelpreise im Juli infolge günstiger Saaten⸗ standsberichte etwas zurück. Im Juli des laufenden Jahres erfuhr aber trotz befriedigender Ernteaussichten das Preisniveau noch eine weitere Erhöhung: Getreide, Kartoffeln, Vieh, Butter war durchweg Ende Juli teurer als Ende Juni. Ganz besonders kontrastiert die Preis⸗ bewegung bei Getreide im diesjährigen Juli mit der des vorjährigen. Während 1905 die Preise bei sämtlichen Sorten Ende Juli tiefer standen als Ende Juni, stehen sie im Juli des laufenden Jahres mit Ausnahme des Gersten⸗ preises, der stabil geblieben ist, höher als
Ende Juni. Man vergleiche. Es betrug der Mittelpreis
pro Doppelzentner im Reiche
1905
bei Juni Weizen 17,45 Roggen 15,30 Hafer 15,60
in Hessen
1905 1906 Juni Juni 18,72 18,93 16,40 17,59 16,81 18,52 16,96 15,94
1906 Juni Juli 18,05 18,20 15,35 15,40 18,20 18,60 Gerste 14,50 14,00 15,20 15,20 Mais 10,21 10,17 9,70 12,75— 8
Der Mehlpreis stieg in Hessen gleichfalls. Das Weißmehl galt im Juni 1905 im Mittel 34 Pfg. pro Kilogramm, 1906 dagegen 35 Pfg., das Roggenmehl stieg gar von 25 auf 27 Pfg. So geht es durchweg, alle Nahrungsmittel, ausgenommen Kartoffeln und Eier, wurden
Juli
17,30 15,50 15,45
teurer. Immer Mittelpreise angegeben kosteten in Hessen im Juni in Mark 1905 1906 per Kilogramm Ochsenfleischh. 1,49 1,56 Kuhfleisch 8 1,39 1,45 Kalbfleisch 1 52 1764 Hammelfleisch! 8 1,38 1,52 Schaffleisch 2 0,80 135 Schweinefleisch 1,44 1,56 1 Liter Milch 9,18 0,19 10 Eier 0,68 0,68 1905 1906 per 100 Kilogramm Kartoffeln 6,82 5,84 Erbsen 2563 2727 Bohnen 30,91 33,00 Linsen 33,11 46,16 Gemischtes Brot per kg 0,26 0,28 Roggenbrot. 5 0,23 0,24 Butter 6 8 75 2,24 2,38
Dabei weisen die noch nicht amtlich publi⸗ zierten Berichte für Jult abermalige Ver⸗ teuerung nach, speziell auch für Schlachtvieh. So geht die Ausbeutung des Volkes immer weiter.
Steuerscheu der„Patrioten“.
Durch die indirekten Steuern haben unsere „Staatserhaltenden und Besitzenden“ schon dafür gesorgt, daß die Hauptlasten den minder⸗ bemittelten Schichten der Bevölkerung, die sich zum großen Teile zu den„Vaterlandslosen“ zählen, aufgebürdet wurden. Aber auch von den direkten Steuern verstehen sich viele Musterpatrtoten in meisterhafter Weise zu drücken. Dafür haben wir schon viele Beispiele angeführt. Ein neues dieser Art berichtete die Frkftr. Ztg. aus Karlsruhe, von wo mitgeteilt wurde, daß dort vor Eintritt der Fahrkartensteuer massenhaft Kilometerhefte verkauft worden waren.(Dies sind Eisenbahnbillets für je 1000 Kilometer, die auf beliebigen badischen Strecken verfahren werden können.) Und es wurde hinzugefügt: Die Käufer der Kilometer⸗ hefte waren meist recht patriotische Leute, die für die„Reichsfinanzreform“ am Biertisch und auch sonst lebhaft geschwärmt haben, jetzt derselben aber vorsichtig aus dem Wege gingen und sich Kilometerhefte in größerer Anzahl zu⸗ legten, um die lästige Steuer zu 19 6 5 Das Schönste aber ist, daß, wie glaubhaft verstchert wird, am 30. Juli der Hof, der großherzog⸗ liche Hof, durch einen Diener in voller Livre für 13⁰⁰ Mark Kilometerhefte einkaufte, die noch einige hundert Mark Fahrkartensteuer⸗ Ersparnis brachten. Es scheint also die Be⸗
geisterung für die Reichsfinanzreform selbst bis
in die höchsten Kreise hinein in ihrem Effekt inbezug auf die Fahrkartensteuer die patriotischen Folgen nicht hervorgebracht zu haben, die bei⸗ spielsweise der Eisenbahnminister v. Marschall von ihr erwartete.
Aus dem Kolonialsumpfe.
Zu der Skandalaffatre Major Fischer⸗ Tippelskirch erzählt die Zeitschrift„Häute und Leder“, die als Fachblatt in das schamlose Treiben der Betreffenden gut eingeweiht zu sein scheint, noch interessante Einzelheiten.
„In der Kolontalverwaltung,“ so heißt es in dem Artikel,„ist es ein offenes Geheimuts, daß man an den obersten Stellen allerseits mit klaren Augen darüber hinwegsah, wenn Tippel, der brave Tippel, statt seiner eigenen Produkte, wie es die Satzungen vorschreiben,
die Waren ganz anderer Leute auf dem
kolonialen Verwaltungsamt zur Ablieferung brachte. Der kleine Fischer stand in solchen Zeiten auf dem Kasernenhof und schnauzte die Mannschaften an. In den Stuben fertigten die Subalternen,„die von nischt nischt verstehen“, die Lieferungsverträge mit der Klausel„eigene Fabrikate“ und im Hofe— luden die Kammer⸗ jäger, von dem Maulwerk des Herrn Majors wohl behütet, von— Loh'schen Fabrik⸗ wagen Tippelskirch'sche Geschirre ab. Das ist nicht einmal geschehen, das ist zur Regel geworden. Und inzwischen erließ Kanzler Bülow ahnungslos seine Submisstons⸗ vorschriften, die über die Vergebung staatlicher Ordres genau das Gegenteilige von dem vor⸗ schrieben, was Tippelsklrch und Fischer mit ⸗ einander kontrahierten. Die Firma war jah re⸗ lang nichts als ein Maklerhaus. Daß Tippelskirch ihre Geschäfte verstanden, wird kein Zweiter bestreiten. Sie haben an den Massen von Kolonialstiefeln 5 Mark und 20 Pfennig pro Paar verdient. Zehnspänner⸗Pferde⸗Geschirre, die sie selbst⸗ verständlich kauften, brachten ihnen statt des Einkaufspreises von zirka 900 Mark 2000 Mark und darüber. Da braucht es nicht zu wundern, wenn der Jahresver⸗ dienst derer von Tippelskirch in die Millionen ging. Was brauchte man da mit lumpigen 100000 Mk., die Fischer grade brauchen konnte, zu knausern! Die Verträge mit dem sonst so schnauzigen Major rentieren sich und wo andere Leute Stiefelsohlen durchliefen, um für ihren Betrieb einen Auftrag zu erhalten, da hielt bei Tippelskirch das einfache Entretenue, das Aus⸗ halten eines preußischen Majors, die„Tüchtig⸗ keit“ der Firma bei gesunden Formen. Es ist ein Spaß, wie leicht mitunter die Geschäfte sind. Man soll ste nur mit den richtigen Persönlich⸗ keiten anfassen.“
Der Major Fischer bezog, wie dem Vor⸗ wärts mitgeteilt wird, ohne Extravergütungen ein Einkommen von 8000 Mk. und nach seinem vor zwei Jahren erfolgten Avancement zum Major sogar von 10000 Mk. Diese festen Bezüge von 8 resp. 10000 Mk. erhöhten sich noch durch öftere Inspektionsreisen nach Ham⸗ burg, für deren jede er extra 150 bis 200 Mk. liquidierte, sowie Reisen nach Kapstadt und Swakopmund(zum Zwecke der Ablieferung), für die er jedesmal extra 4000 Mk. Ent⸗ schädigung erhielt. Während Major Fischer sich bei seinen Beziehungen zur Firma Tippels⸗ kirch lange Jahre sehr gut stand, bekam einem Zahlmeister⸗Aspiranten ein ähnlicher Versuch, seine Geschäftsverbindung zu Tippels⸗ kirch auszunutzen, sehr schlecht. Dleser Zahl⸗ ee der sich in einer momentanen Notlage befand, hat sich von dem Kassierer der Firma Tippelskirch unter Berufung auf eine angebliche Verständigung mit dem Chef der Firma 200 Mk. Darlehen auszahlen lassen. Diese Geschichte kam übrigens ohne Zutun des Chefs der Firma an die Oeffentlichkeit. Der blosgestellte Darlehens bedürftige beging in seiner Verzweiflung Selbstmord.
Zu der Affaire wurden dem Berl. Tagebl. aktenmäßige Beweise dafür beigebracht, daß die Firma von Tippelskirch und Co. entgegen kontraktlichen Verpflichtungen nicht eigene, sondern fremde Produkte geliefert hat. Es wird nachgewiesen, daß die Aktsengesellschaft
Loh Söhne im Jahre 1904 bei einem Ge⸗ samtumsatz von rund 750000 Mk. allein an Tippelskirch für zirka 400000 Mk. und im Jahre 1905 dei einem Gesamtumsatz von 432 000 Mk. allein an Tippelskirch für 133000 Mark Ware geliefert hat, von denen weitaus der größte Teil für die Kolonien be⸗ stimmt war. Also ungeheuerlicher Schwindel und Durchstechereien! Und an der feinen Firma ist der preußische Landwirtschaftsminister Po d⸗ bielskt beteiligt.
Gegnerische Anerkennung der Sozialdemokratie.
Der Berliner Universttätsprofessor Paulsen, ein gut bürgerlicher Mann, schrieb am 9. Juni 1906 in der Deutschen Tageszeitung, dem Organ des Bundes der Landwirte:„Man mag der mächtigen Arbeiterbewegung, die beherrschend durch unsere Zeit geht, manchen Vorwurf machen ..„ trotz alledem bedeutet sie eine große Auf: wärtsbewegung; die Massen sind aus dem trägen Dahinleben zwischen stumpfsinnig ertragener Arbeitslast und bloß sinnlichem Genießen er⸗ wacht, eine Idee der Zukunft ist in ihnen lebendig und zieht alle Kräfte in ihren Dienst. Eine Fülle lebendiger Interessen ist dadurch entbunden worden; Natur und Geschichte sprechen zu den Menschen, die eine Frage, die Frage der Zukunft an sie zu richten haben. Eine umfangreiche Literatur in Gestalt von Büchern und Zeitschriften ist erstanden, die alle Dinge mit der neuen Idee durchleuchtet. Diese Literatur mag sehr weit von wissenschaftlicher Exaktheit und kritischer Vorsicht, sehr weit auch von der Wahrheit sich entfernen(2), eines hat sie für sich: sie wird mit Leidenschaft gelesen, studiert, an⸗ geeignet; ihr erst ist es gelungen, die Massen zu Lesern zu machen. Und auch daran zweifle ich nicht, daß die neue Arbeiterbewegung auch sittliche Kräfte entbunden hat, Kräfte der Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin, der Hingebung und der Aufopferung für die Sache. Ob die Sache an sich gut und möglich ist, diese sittlichen Kräfte behalten ihren Wert und werden nicht verloren sein... Das Utopien der Sozialdemokratie liegt vielleicht nirgends auf der Welt; führt aber das Suchen danach unserer allzu bequemen, auf dem Faul⸗ bett der Macht und des Herkommens sich streckenden Gesellschaft neue Ideale und neue Kräfte zu, so hat es seine Bestimmung erfüllt.“ Das ist jedenfalls ein Urteil über die sozialistische Bewegung, das sich vorteilhaft von den blöden Schimpfereien der Reichsverbändler und des ord⸗ nungsparteilichen Preßgelichters unterscheidet.
Die Stichwahl in Hofgeismar⸗Rinteln
endete, wie vorauszusehen war, mit der Wahl des deutsch⸗sozialen Bürgermeisters Herzog, der 9100 Stimmen erhielt. Unser Genosse Vetterlein erhielt 4500 Stimmen. Die feind⸗ lichen antisemitischen Brüder, die Liebermänner und Zimmermänner, gingen wieder zusammen, obwohl sie sich während der Hauptwahl die Köpfe, verprügelt haben und die sogenannten „Reformer“ stimmten für den Junkertrabanten Herzog. Wir können mit dem Wahlausgange ganz zufrieden sein, wir haben einen für die dortigen Verhältnisse ganz erfreulichen Stimmen⸗ zuwachs aufzuweisen. Bei der Stichwahl von 1903 bekam der Antisemit 9543 und unser Genosse 4030 Stimmen. Das Verhältnis hat sich also für uns verbessert.
Wenn der Kaiser kommt.
Die gutgestunten Blätter berichteten dieser Tage:„Umfangreiche Maßregeln zum Schutz des Kaisers sind aus Anlaß des bevor⸗ stehenden Besuchs Kaiser Wilhelms in der Villa Hügel bei Frau Krupp getroffen worden. Auf der Hütte wird kein ausländischer Ar⸗ beiter mehr angenommen. Aus den Haupt⸗ städten des Rheinlands ist eine große Anzahl von Kriminalbeamten nach Essen abko mandtert worden.“ Man scheint danach in die vielgerühmte„unerschütterliche Treue und Liebe 1 e nicht allzuviel Vertrauen zu setzen.


