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22. Gießen, den 12. August 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Nebaftionsschluß Mirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerdtag Nachmittug& Ubhe⸗
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„Segnungen“ der neuen Steuern.
Als die Regierung wieder mal notwendig Geld brauchte, trat sie mit dem Projekt einer „Reichsfinanzreform“ hervor. Ein schöner Name. Wer sich aber darunter etwas wie eine Besserung, eine Erleichterung der Steuerlasten für die minderbemittelte Masse vorstellte, der sah sich gründlich getäuscht. Man fügte im Gegenteil zu den ungeheuren Lasten des Zolltarifs noch neue hinzu durch Erhöhung indirekter Steuern und Einführung neuer. Die Folgen davon zeigen sich jetzt schon in einer schweren Erschütterung des Wirtschafts⸗ und Geschäftslebens. Durch die Verteuerung des Orts postverkehrs und die Fahrkartensteuer ist der Verkehr empfindlich belastet und besonders auch die kleinen Geschäftsleute leiden schwer darunter. Ueberall begegnen diese unsinnigen Steuern der schärfsten Opposttion der Bevölke⸗ rung, die sich so gut wie möglich dagegen zu schützen sucht.
Noch eine größere Erregung ruft aber die Biersteuer hervor. An allen Ecken und Enden des Reiches, in Leipzig, Chemnitz, Gotha, Erfurt, Kassel, Hanauf, Frankfurt, tobt der Bierkrieg in schärfster Form. Das Volk — und nicht bloß der besttzlose Arbeiter, sondern auch der besser gestellte Bürger— wehrt sich gegen die sehr erhebliche Verteuerung des ge⸗ wohnten Genußmittels. Die meist schwerreichen Brauereibesttzer wollen die von ihren politischen Vertretern beschlossene Steuer nicht tragen, sondern wälzen sie nach bekannter Methode auf die Konsumenten ab. Und ste erhöhen den Bierpreis nicht bloß um die Steuer, sondern sie wollen dabei noch einen Extraprofit erzielen. Sie sind nicht blöde und erhöhen den Preis des Hektoliters unbedenklich um das Doppelte dessen, was die Steuererhöhung austrägt und überlassen es dann den Wirten, die Schröpfung der Konsumenten zu vollenden. Natürlich wollen die Gastwirte dabei auch nichts einbüßen, was man ihnen auch gar nicht verübeln kann, da sie meist noch mit vielen andern Abgaben und Steuern beglückt sind, die sie aus den Gästen herauspressen müssen.
Sollen aber die Biertrinker, die sich größten⸗ teils aus den Minderbemittelten rekrutieren, die Steuer und den Aufschlag bezahlen? Niemand kann's ihnen zumuten und sie wären töricht, wenn ste sich nicht dagegen wehrten. Es ist ja auch nicht so schwer, sich diese Steuer vom Halse zu halten, ist sogar von Vorteil für den Konsumenten, finanziell und unter Umständen auch gesundheitlich: man braucht bloß kein Bier zu trinken! Und so sehen wir denn, daß in vielen Städten trotz der Sommerhitze der Bierboykott wirksam durchgeführt wird. In Kassel währt er schon fast zwei Wochen und Wirte und Brauereien spüren ihn empfindlich. Und in unserer Nachbarstadt Frankfurt beschäftigten sich am Dienstag steben große, von Tausenden besuchte Ver⸗ sammlungen mit dem Bleraufschlag und überall kam die Neigung zum allgemeinen Bier⸗ boykott entschieden zum Ausdruck.
Natürlich versäumten die Redner in diesen Versammlungen nicht, die verderbliche Zoll⸗ und Steuerpolitik und die dadurch am Volke ver⸗ übten Plünderungen zu beleuchten und auf die
tolle Verschwendung der Gelder durch den Militarismus, die Weltpolitik ꝛc. hinzuweisen. Bel dem Bierkrieg werden viele Geschäftsleute schmer in Mitleidenschaft gezogen. Sie mögen sich für die Schädigungen bei den„Ordnungs“⸗ parteien, Nationalliberalen, Zentrumsleuteu, Antisemiten ꝛc. dafür bedanken! Die Biersteuer zeigt ihnen am deutlichsten die Schönheiten der Reichs⸗Steuerpolitik und auch der bisher poli⸗ tisch Gleichgültige wird ihre Schädlichkeit für das Volk erkennen lernen und diese Erkenntnis wird auch bezüglich der Zölle nicht ausbleiben, wenn deren Wirkung fühlbar wird.
Grundbegriffe der Politik“).
(Fortsetzung.)
Als bürgerliche Parteien bezeichnen wir alle, die das Interesse der herrschenden Klasse vertreten. Und da keine Partei außer der Sozialdemokratie das Interesse der unterdückten Klasse vertritt, jede also in ihrer Weise die Interessen der herrschenden Klasse fördert, so haben wir uns gewöhnt, alle nichtsozialdemo⸗ kratischen Parteien als bürgerliche zu bezeichnen. Diese Parteien vertreten mit mehr oder weniger Folgerichtigkeit und Geschick die Interessen der verschiedensten Teile der herrschenden Klasse und alter Ständereste, als da sind: Adel Kirche, Großgrundbesitzer, industrielle Unternehmer, Großhändler, sogen.„Mittelständler“ usw., so daß man im engeren Sinne des Wortes die Liberalen und Freisinnigen als eigentlich bürgerliche Parteien bezeichnen kann, weil ste es sind, die das wirkliche Bürgertum politisch vertreten.
Nicht zur bürgerlichen Klasse gehört das Proletariat, es bildet eine Klasse, und zwar die weitaus zahlreichste Klasse, für stch. Das Proletariat besteht aus der Masse der Besttz⸗ losen oder fast Besttzlosen, die in notdürftigen, oft unzureichenden und unsicheren Existenber⸗ hältnissen dahinleben, die gering gelohnte müh⸗ same Arbeit leisten oder zu Zeiten der Fähig⸗ keiten und Gelegenheiten des Erwerbs geleistet haben. Zum Proletariat gehören somit alle, deren Daseinsbedingungen unter einer gewissen Stufe der Behaglichkeit oder Sicherheit stehen. Den Kern des Proletariats bildet die Arbeiter⸗ klasse, die zur Kapitalistenklasse im direkten Verhältnis der Ausbeutung und des Kampfes gegen die Ausbeutung steht. Das sind die Ar⸗ beitermassen der Industrie, des Bergbaus, der Landwirtschaft, des Handels(Warenhäuser!), der Verkehrs⸗Unternehmungen. Ihnen schließen sich die Arbeiter der noch handwerksmäßig be⸗ triebenen Gewerbe, der Gasthöfe, Spetse⸗ und Schankwirtschaften an. Zum Proletariat ge⸗ hören die kleinen schlechtbezahlten Bediensteten und Beamten des Reiches, der Staaten, Kreise und Gemeinden und der Privatunternehmungen. Zu ihm gehören die häuslichen Dienstboten. Zu ihm gehört aber auch der schlechtbesoldete oder um seinen Erwerb schwer ringende Lehrer, Arzt, Mustker, Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Außerhalb des Proletariats stehen nur jene, denen arbeitsloser Gewinn oder die außer⸗ ordentliche Höhe ihres Arbeitseinkommens ein
) Siehe die vier vorhergegangenen Nummern der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung.
über den dürftigen Daseinsgewohnheiten der Masse stehendes Lebensniveau sichert. Diesen Kreis begüterter oder mit reichlichem Einkommen gesegneter Personen bilden die direkten oder indirekten Nutznießer der bestehenden Gesellschafts⸗ ordnung, während die andern, die Proletarier, ihre Leidtragenden und Ausgebeuteten sind.
Kann man also die herrschende und die unter⸗ drückte Klasse trotz der großen Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen in ihrer Masse ganz genau voneinander unterscheiden und die zahlen⸗ mäßigen Verhätnisse beider ungefähr abschätzen, so verschwimmt doch die obere Grenze des Prole⸗ tariats gegen die untere Grenze des Bürger⸗ tums. Hier finden sich Schichten der Bevölker⸗ ung, deren Stellung im Klassenkampf schwanken muß, weil sie teils an der Ausbeutung, teils aber am Kampfe gegen die Ausbeutung in⸗ teresstert sind. Der Bauer, der Handwerker, der selbständige kleine Kaufmann findet sich in Abhängigkeit von übermächtigen Kapitalisten, will aber oft selbst noch übermächtig bleiben über seinen Knecht, Gesellen oder Kommis. So ist er als Ausgebeuteter am Kampfe gegen die Ausbeutung, als Ausbeuter aber gleichzeitig an der Erhaltung gegen die Ausbeutung in⸗ teressiert. Erst wenn sein Interesse an der Aus⸗ beutung schwindet, geht er ganz im Proletariat auf. So finden wir, daß die Lohnarbeiterschaft den festen Kern des Proletariats darstellt, wie die Kapitalisten und Großgrundbesttzer den festen Kern der herrschenden Klasse bilden. Aber so wenig sich der Begriff der Kapitalisten⸗ und Großgrundbesitzerklasse mit dem der herrschenden oder„bürgerlichen“ Klasse deckt, so wenig deckt sich der Begriff der Lohnarbeiterklasse mit dem des Proletariats. Jeder Lohnarbeiter ist Prole⸗ tarter— auch wenn seine Lebenshaltung eine gewisse Höhe erreicht hat— aber nicht jeder Proletarter ist Lohnarbeiter. In der Lohn⸗ arbeiterschaft, die in die vorderste Reihe des Klassenkampfes gestellt ist, finden wir prole⸗ tarisches Klassenbewußtsein am schärfsten aus⸗ geprägt. Die Führung des Klassenkampfes ist 11 die Angelegenheit des gesamten Prole⸗ tariats.
Die herrschende Klasse kann ihren Klassen⸗ kampf nur mit Söldnern und Mitläufern führen, die Wähler der bürgerlichen Parteien sind zum allergrößten Teile Angehörige des Proletariats. Es ist daher die Haupt⸗ aufgabe der schon klassenbewußten Teile des Proletariats, die proletarischen Mitläufer der bürgerlichen Parteien auf ihre Seite zu ziehen, ste klassenbewußt zu machen. Sobald die Masse der Proletarier sich selbst und die Solidarität der proletarischen Interessen erkannt hat, bedarf es nur mehr eines sicheren Schrittes zum vollen
Siege! (Fortsetzung folgt.)
Politische Rundschau. Gießen, den 9. August 1906.
Lebensmittel⸗Teuerung.
Eine so günstige Witterung, wie sie im Juli herrschte, pflegt gewöhnlich eine Ver⸗ billigung der meisten Nahrungsmittel zu bringen. Gingen doch selbst im Jahre 1905, dem vielbesprochenen Teuerungsjahr, die Lebens⸗
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