Ausgabe 
11.3.1906
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 10.

eigte, daß in der Heimarbeit der Tabakindustrie 5 Pfennig pro Stunde gezahlt werde. Deshalb soll die Regierung helfen. Alle Sozialdemo⸗ kraten, französische wie andere, sind gegen in⸗ direkte Steuern. Seine Freunde hätten mehr Vaterlandsliebe als manche anderen, die den Patriotismus öffentlich zur Schad trügen. Daß die Bestitzenden für Heer und Flotte hauptsächlich auflommen müßten, sei eine ge⸗ rechte Forderung, denn die Besitzenden hätten die meisten Vorteile. Echte Vaterlandsliebe sucht nicht den anderen die Lasten aufzubürden, sondern sie zahlt. Die Organisation der Tabak⸗ arbeiter könne allein nicht helfen, wenn nicht die Gesetzgebung mit eingreife. Nach einer

längeren Rede des Ministers Braun wird die Generaldebatte geschlossen.

von Nah und Fern.

Hessisches.

Die Darmstädter Ersatzwahl ist auf den 25. April, einen Mittwoch, festgesetzt worden. Die Kreiskonferenz, welche am Sonntag in Darmstadt abgehalten wurde und von 43 Delegierten besucht war, beschloß einstimmig den Genossen Berthold⸗ Darmstadt als Kandidaten aufzustellen. Die Nationalliberalen haben bekanntlich in Ver⸗ bindung mit den Landwirts⸗Bündlern den Darmstädter Rechtsanwalt Dr. Stein, die Freisinnigen haben den Nationalsozialen Pfarrer Korell von Königsstädten aufgestellt.

Gießener Angelegenheiten.

Auskömmliche Existenzen. Aus dem städtischen Verwaltungsbericht für 1904 ist ersichtlich, daß wir in Gießen etwa 200 Steuerzahler mit recht gutem, sogar glän⸗ zendem Einkommen haben. Nicht weniger wie 130 verfügen über ein Einkommen von 10 bis 20000 Mk., also soviel und noch mehr im Monat, was durchschnittlich bezahlte Arbeiter im ganzen Jahre verdienen. 32 befinden sich in noch besseren Verhältnissen, ste haben 20- 30000 Mk. jährliches Einkommen. Weitere 15 find in die Einkommensteuerklassen von 30 bis 50000 Mk. eingeschätzt; 7 haben 5080000 Mark pro Jahr und 4 haben gar über 100000 Mark! Damit läßt sich gewiß leben und diese Leute brauchen sich über die Verteuerung der Lebensmittel allerdings weiter keine Gedanken zu machen. Wie anders bei dem Arbeiter, dem jeder Pfennig Ve·teuerung der notwendigsten Lebensmittel Entbehrung auferlegt.

Ersolgreiche Spekulation. Hunderttausend Mark hat Herr Brauerei⸗ besitzer Bichler bet Verkauf der Aktlenbrauerei im Handumdrehenverdient. Die nette Sache kam in der Stadtverordnetensitzung am Donners⸗ tag zur Sprache. Oberbürgermeister Mecum teilte auf eine Anfrage mit, daß der Kaufvertrag am 29. März vorigen Jahres perfekt war, wonach er das Gelände der Aktienbrauerei für 494000 Mk. verkaufte. Am 8. April erklärte Bichler, daß er nickt allein Besitzer der Aktien sei wie er vorher behauptet hatte sondern seine Frau besitze einen Teil und erhebe Einspruch gegen den Verkauf, wenn für das Objekt nicht 605000 Mk. bezahlt würden. Die Stadtverordneten genehmigten damals den Kayf, wußten aber nichts von den vorhergegangenen Abmachungen. Sie würden andernfalls, wie von verschiedenen Stadtverordneten betont wurde, ihre Zustimmung nicht gegeben haben. Von mehreren Seiten, besonders von Herrn Georgi wurde der Trick des steinreichen Herrn Bichler entschteden verurteilt. Die Geschichte wird wohl noch lange die Gießener Einwohnerschaft be⸗ schäftigen. Jedenfalls bietet sie eine hübsche Illustration zu dem Kapitel:Wie man zu etwas kommt durch Fleiß und Sparsamkeit natürlich.

In der Stadtverordneten ⸗Sitz⸗ ung am Donnerstag herrschle eine gewisse Schwüle. Lange wurde über die Herstellung des Landgraf. Philipp⸗Platzes debattiert, bei welchem Punkte auch die Sache mit der Aktien⸗ braueret zur Sprache kam. Für die Herrichtung

des Platzes wurden 26000 Mk. verlangt, mit gärtnerischer Anlage. Dieser Betrag erscheint mehreren Stadtvätern zu hoch; eine Befestigung mit Schotter und Kies müsse sich viel billiger herstellen lassen. Die Sache wird an das Stadt⸗ bauamt mit dem Auftrage ein billigeres Projekt auszuarbeiten, zurückverwiesen. Eine weitere Anfrage, was eigentlich am Kanal passtert sei, rief ebenfalls eine lange Debatte hervor. Herr Oberbürgermeister Mecum erklärte, daß sich ver⸗ schiedentlich Risse im Kanal gezeigt hätten, die ausgefugt werden müßten. Zur Beunruhi⸗ gung liege aber kein Anlaß vor. Immerhin betragen die Reparaturkosten 2500 Mk. Das seien keine Kleinigkeiten, meinte Beigeordueter Georgie dazu und man hätte der Versammlung davon Mitteilung machen sollen. Orbig ist durch die Auskunft auch nicht beruhigt; es sei nicht so unbedenklich. Stadtbaumeister Braubach wiederholt, daß sich derartige Risse fast regel⸗ mäßig zeigten, sie seien von keiner Bedeutung,

es ist kein Grund zu Besorgnissen vorhanden; am 1. April wird die Anlage dem Betrieb über⸗

geben. Ein Projekt für Herstellung einer Ver⸗ bindungsstraße vom Kreuzplatz nach der Johannes⸗ straße, das der Bauunternehmer Carlé angesucht hat, wird abgelehnt. Dagegen wird ein Kosten⸗ beitrag von 1600 Mk. zur Herstellung eines Fußweges an der Straße Gießen⸗Gleiberg be⸗ willigt. Ein solcher ist auch sehr notwendig.

Zum Austritt aus der Kirche. Zu den Aufruf der fünf Leipziger Studenten, der kürzlich auch hier verbreitet wurde und der die Akademiker zum Austritt aus der Kirche aufforderte, machte derGieß. Anz. höhnische

und unsachliche Bemerkungen. Dies hatte mehrere

Erwiderungen aus dem Publikum zur Folge. Die Aufnahme der untenstehenden lehnte das Blatt jedoch ab. Wir kommen der an uns ge⸗ richteten Bitte um Abdruck umso lieber nach, als wir im Allgemeinen mit dem Inhalt ein⸗ verstanden sind.

Obgleich ich aus Nr. 48(26. Febr.) ersehe, daß Sie die Debatte über den Leipziger Aufruf zum Austritt aus der Kirche bereits geschlossen haben, so schöpfe ich aus dem Umftand, daß Sie doch noch 2 Tage später denSchwäb. Merkur zu Worte kommen lassen, die

Hoffnung, daß Sie auch meine Zeilen aufnehmen werden.

Auf das Sachliche, ob Kirche und Wissenschaft überhaupt vereinbar sind, will ich nicht eingehen; ich stimme mit dem Vertreter der Kirche, Herrn Pfarrer Schlosser durch⸗ aus überein, daß die Religton im Leben des Einzelnen nicht in den Bereich der Wissenschaft fällt, daß man also ruhig der Wissenschaft dienen kann, ohne der Kirche untreu zu werden, sobald man in der Kirche eine Be⸗ friedigung des religiösen Lebens zu finden glaubt. Und das haben die Leipziger Kommilitonen durchaus aner⸗ kannt, worauf Sie Herr Dr. Spohr berelts aufmerksam gemacht hat. Es entspricht also nicht den Tatsachen. wenn derSchwäb. Merkur und derGieß. Anz. in Ausdrücken, die meines Erachtens nicht der Wichtig⸗ keit des Gegenstands entsprechen, denfünf jungen Herrchen(wie sich derGieß. Anz. auszudrücken be⸗ liebte) es alsDiktatorspielerei(soSchwäb. Merkur) oder gar alsanmaßende Ungezogenheit undblöde Jugendeselei(Gieß. Anz.!) anrechnen, ihren Professoren eine religlöse Stellung vorschreiben zu wollen. Die lächerlichen Fünf(Gieß. Anz!) haben sich nur an die gewandt, die bereits mit der Ueberlieferung innerlich ge⸗ brochen haben. Ich gebe zu, daß die philosophischen Gründe, die sie in dem Aufrufe ihrer Stellungnahme zu Grunde legen, nicht die stärksten und stichhaltigsten sind; das halte ich aber für keinen Grund, den Aufruf lächerlich zu machen oder ihn alsunreifes Phrasen⸗ heldentum zu bezeichnen, wie der Herr Vertreter der Kirche für gut befunden hat. An derselben Stelle (Nr. 48 des Gieß. Anz.) hält Herr Pfarrer Schlosser es ebenfalls für angebracht, demGieß. Anz, für die m. E. wenig geschmackvolle Polemik noch seinen Dank auszusprechen, indem er die Taten der verehrlichen Re⸗ daktion(lächerliche junge Herrchen,ungezogene An⸗ maßung,blöde Jugendeselei, Unterschiebung eines Maskenscherzes, Ruf nach disziplinarer Ahndung, Lob⸗ preis der Kirche alswichtiger Faktor zur Aufrecht⸗ erhaltung unserer wohlgefügten staatlichen Ordnung usw.) für einen Beweis höheren und gewaltigeren Mutes als diebilligen Lorbeeren der Leipziger Studenten be⸗ zeichnet. Ich möchte mir erlauben anderer Meinung zu sein und glaube, daß grade im Gegensatz zur kirchlichen Verknöcherung, die eine unbestrritbare Stagnat'on des religlösen Lebens aller Gesellschaftsschichten verschuldet hat, Jeder nach geistigem Leben strebende(und das will doch die moderne Theologie!) die Tat der fünf Studenten, mag man sich zum Inhalt stellen, wie

man will, als ein Zeichen mutigen, frischen Erwachens des geistigen Lebens in der Studentenschaft freudig begrüßen muß. e 2

Es freut mich übrigens, daß derGieß. Anz.⸗Zin seinen Zeilen zum Briefe des Herrn Dieterich⸗Berlin (Ar. 49), dessenruhige und höfliche Tonart gerne an⸗ erkennt() und am Schlusse selbst zugibt, daß das Ganze keineblöde Jugendeselei, sondern ehrliches Ringen ist,ein Weg der Suche rechter Erkenntnis.

Hochachtungsvoll Fr. Noack, 8 stud. hist.

Auch in Professorenkreisen wird, wie uns zuberlässig berichtet wurde, die Haltung des Gteß. Anz. entschieden verurteilt.

Bruno Wille hielt Donnerstag Abend in der hies. Freidenker⸗Vereinigung einen Vor⸗ trag imEinhorn überGoethes Faust, das Hohelied vom Sinne des Lebens. Die gut durchdachten klaren und formvollendeten Dar⸗ legungen wurden von dem zahlreichen Publikum mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und beifällig aufgenommen. Wille ist in unserer Partet nicht unbekannt; er spielte 1890 eine Rolle in der Jungen Bewegung. Ob er noch Mitglied der Partei ist, wissen wir nicht.

Im Wahl verein ist diesen Samstag Vortrag über Heinrich Heine, Freiheits⸗ bewegung. Wir machen unsere Genossen hier⸗ auf besonders aufmerksam; den Vortrag hat ein hiesiger Akademiker freundlichst übernommen und er wird in der Lage sein, ihn lehrreich und interessant zu gestalten. Man wolle des⸗ halb recht zahlreich und pünktlich erscheinen. Gäste haben natürlich Zutritt; namentlich ist das Erscheinen der Frauen erwünscht. Zugleich machen wir auf die im Verlage desVorwärts erschienene, Heine gewidmete März⸗ Zeitung aufmerksam. Die prächtig ausgestattete Zeitung kostet 20 Pfg.

Volkskonzert. Der Gießener Volksvorlesungsausschuß hat für diesen Sonntag einen zweiten musikalischen Volksunter⸗ haltungsabeud im Saale Steins Garten veran⸗ staltet. Wir verweisen auf das Inserat und empfehlen unsern Lesern den Besuch der Ver⸗ anstaltung, da hier etwas Ausgezeichnetes ge⸗ boten wird. Eintritt kostet 30 Pfg. à Person. Restauration findet nicht statt, es erwachsen also keine weiteren Unkosten für die Besucher. Es kann sich also jeder einen billigen Kunstgenuß verschaffen.

Das Schwurgericht verhandelte am Montag gegen die ledige Louise Schneider aus Lauterbach wegen Kindestötung unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Die Angeklagte wurde, nachdem die Geschworenen auf schuldig erkannt, aber auch die Frage nach mildernden Umständen bejaht hatten, zu 2 Jahren 9 Monaten Gefängnis verurteilt.

Wegen Verbrechens im Amt hatte sich am Dienstag der Stattonsassistent Otto Schneider aus Nieder⸗ Wöllstadt zu verantworten. Er hatte wiederholt Geld⸗ beträge aus der Bahnstationskasse entnommen, zusammen etwa 559 Mk. und für sich verwendet. Später sind aber die Fehlbeträge von ihm selbst und seinem Vater wieder gedeckt worden. Der Verteidiger bemerkte in seinem Plädoyer, daß der Angeklagte mit dem geringen Gehalt von 1600 Mk. jetzt bei den hohen Lebens mittel⸗ preisen nicht auszukommen in der Lage sei. Im Uebrigen war der Angeklagte geständig. Auch in diesem Falle erkannten die Geschworenen auf schuldig, sahen aber die einzelnen Fälle als ein fortgesetztes Delikt an und billigten dem Angeklagten ebenfalls mildernde Umstände zu. Das Urteil lautete auf 8 Monate Gefängnis.

Am Mittwoch stand der 19 jährige, aus Sießen ge⸗ bürtige Dienstknecht Karl Krauskopf wegen Brand⸗ sttftung vor den Geschworenen. Der junge in der Erziehung verwahrloste und offenbar geistig minderwertige Mensch hatte in Queckborn, wo er in Arbeit stand, eine dem Nachbar seines Dienstherrn gehörige Scheuer in Brand gesteckt. Glücklicherweise wurde der Brand bald. gelöscht. Ein bestimmtes Motiv hat der Täter offenbar nicht gehabt; erwollte nur mal brennen sehen. Nach den Gutachten zweier medizinischen Sachverständigen ist er für seine Handlung verantwortlich zu machen. Die Gesch worenen sprechen ihn schuldig und er bekommt unter Zubilligung mildernder Umstände 8 Monate Gefängnis.

Aus dem Rreise gießen.

Das Kreisfest in Hausen soll nicht, wie es bestimmt war, am 24. Junt, sondern 8 Tage früh er, am 17. Juni, stattfinden. Wegen des am 24. Jun in Hanau stattfindenden Bezirksfestes des Arbeiter⸗Sänger⸗ bundes, an dem sich eine Anzahl unserer Gesangvereine beteiligen, ist es ouf den früheren Termin verlegt worden.