Ausgabe 
11.3.1906
 
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Soiie 2.

Mitteldeutsche Sanntags⸗ Zeitung.

Nr. 10.

Mark ausgegeben worden seien! Unterdeß sucht die Steuerkommission noch immer neue Steuern. Bei der Erbschaftssteuer wurden Bestimmungen angenommen, die den Ertrag derselben bedeutend herabmindern.

Die künstliche Fleischverteuerung.

Wie hoch die Zölle für Fleisch und Vieh ab 1. März find, ist so ziemlich bekannt, aber weniger bekannt dürfte sein, wie hoch die Ein⸗ fuhrspesen für Fleisch überhaupt sind. An Un⸗ kosten für Zoll und Fleischbeschau sind, wie dieDeutsche Fleischerzeitung berichtet, von jetzt ab zu zahlen für frisches Rindfleisch per Pfund 16 Pfg., frisches Schweinefleisch 17 Pfg., gesalzenes Rindfleisch 20 Pfg., gesalzenes Schweinefleisch 21 Pfg. und gesalzener Speck 22 Pfg., alles per Pfund oder/ kg! Fetter Rückenspeck ist heute zu kaufen zum Preise von 38 Mk. per 100 Pfund franko Kopenhagen, London oder Rotterdam. Franko Hamburg kostet dieser Speck jedoch 44 Pfg., trotz gleicher Fracht, weil die deutsche Regierung von Amerika Trichinenatteste fordert, die ste selbst nicht an⸗ erkennt, die aber die Wirkung haben, daß die sechs amerikanischen Schlachtereien, die staatliche Trichinenschau haben, ein Monopol der Speck⸗ Ausfuhr nach Deutschland besitzen und dieses in der Weise ausnutzen, daß sie sich 6 Pfg. per Pfund mehr bezahlen lassen.

Preußzische Polizeispitzelei.

Die Regierung kann noch immer nicht ohne die Tätigkeit derEhrenmänner auskommen, die unter dem NamenSpitzel bekannt sind und in den Zeiten des Sozialistengesetzes zu trauriger Berühmtheit gelangten. Am Sonntag gab derVorwärts Folgendes bekannt:

Bei unserer Geschäftsstelle liegen zur Ab⸗ holung Zweihundert Mark, welche am 24. Februar bezw. 3. März von dem Kriminal⸗ beamten Gustav Neumann, Oldenburger⸗ straße 11a VI., zwecks Verrats von Partei⸗ genossen und Parteibeschlüssen gezahlt wurden. Diese 200 Mark können nach vorheriger Mitteilung über die Zeit der Abholung von der politischen Pollzei nach Ausweis über die Identität der Persönlichkeit des Abholers und seines amtlichen Charakters gegen Quittung von unserer Geschäftsstelle: Lindenstraße 69, 2. Hof II., abgeholt werden.

Der Vorwärts gab in der folgenden Nummer eine ausführliche Darstellung dieses Reinfalles der politischen Polizei. Diese wollte ein Mitglied des Vorstandes der sozialdemokratischen Organisation im sechsten Wahlkreis, den Ge⸗ nossen Karl Fischer kaufen und hat beretts 200 Mk. au ihn bezahlt. Da⸗ für sollte der Genosse die Beschlüsse des Vor⸗ standes ꝛc. verraten. Die gewünschten Mit⸗ teilungen hat sie nicht erlangt, dafür aber ist ihr eigenes Treiben abermals enthüllt worden.

Als Genosse Fischer am Spätabend des 19. Februar aus einer Vorstandssitzung kam, gesellte sich zu ihm ein Individuum, und fing an, mit ihm zu philosophteren über die Misere der jetzigen Verhältnisse, um damit zu schließen, daß für einen intelligenten Mann es immer Mittel und Wege gebe, seine Verhältuisse auf⸗ zubessern und für Weib und Kind mehr heim⸗ zubringen. Wer so viel wisse und erfahre, wie F., der könne gewisse Nachrichten immer verwerten: andere tun das auch und man ver⸗ lauge ja nichts zu wissen, was man später nicht doch erfahre. Und als unser Freund sagte, damit gebe er sich nicht ab, er wolle kein Reporter werden, verabschiedete er sich an der Türe mit der Bitte, F. möge darüber nach⸗ denken, er werde gelegentlich wiederkommen. Am vierten Tage darauf kam er wieder. Aber unser Genosse F. hatte gleich am anderen Morgen mit ein paar Freunden Rücksprache genommen, die freilich seinem Vorschlage, dem sauberen Burschen die Verräterabsichten mit Proletarierfäusten ein für allemal und so gründlich aus dem Leibe zu treiben, daß er die Lust an solcher Arbeit auf die Dauer ver⸗ lieren solle, nicht zustimmten. Vernünftiger sei es, wleder einmal die Beweise zu erbringen, daß die Polizei mit den alten Mitteln der

Korruption arbeite. Daher solle er sich den

Wünschen des Poltzisten geneigt zeigen.

So ging F. auf eine Zusammenkunft ein und dort erhielt er 100 Mk. sofort in die Hand gedrückt. Am 3. März fand abermals eine Zusammenkunft statt, wo Fischer für einen Bericht, der natürlich ganz gleichgültige Dinge enthielt, wieder 100 Mk. erhielt. Aber während der Unterhaltung erschienen plötzlich die von Fischer vorher verständigten Genossen Ernst und Abgeordn. R. Fischer auf dem Plane, worauf natürlich der Spitzel die Flucht ergriff. Er ließ einen Fragebogen zurück, der enthält, was die Polizei zu wissen wünscht. Also man denke: Aus öffentlichen Mitteln werden geheime Fonds gebildet, die dazu dienen, an⸗ ständige Leute systematisch zu Schuften zu machen. Zu diesem moralischen Zwecke wird das Geld der Steuerzahler mit vollen Händen hinaus geworfen! Diesen Skandal sucht die bürgerliche Presse zu vertuschen!

Die Justiz Hetze gegen die Sozialdemokratie.

Schon wieder ist ein Redakteur der Leipziger Volkszeitung zu schwerer Gefängnisstrafe ver⸗ urteilt worden. Wegen angeblicher Majestäts⸗ beleidigung stand der Genosse Kressin am Donnerstag vor der Leipziger Strafkammer. Durch einen in dem genaunten Parteiblatt er⸗ schienenen ArtikelAlbertinische Profile über⸗ schrieben, soll der sächs. König beleidigt sein. Dieser Artikel beschäftigte sich mit den Fürsten des Wettinischen Hauses, vom Herzog Moritz aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, samt deren Regierungswerkzeugen und zwar mit dem aus⸗ gesprochenen Zwecke, einmal die Rechtstitel zu untersuchen, auf die sich das heutige Regierungs⸗ system stützt, und sich anmaßt, dem werktätigen Volke die Rechte vorzuenthalten, die dieses in einem modern bürgerlichen Staate zu seiner Interessenwahrung unter allen Umständen haben muß. Diese historisch kritische Untersuchung lieferte freilich kein schmeichelhaftes Bild der damaligen Wettiner und ihrer Werkzeuge, was die Staatsanwaltschaft nun so auslegte, als sollte damit nur ein Hieb gegen den jetzigen König geführt werden. Sechs Monate Ge⸗ fängnis wurden dem Genossen Kressin auf⸗ diktiert! Dabei war der Name des jetzigen Königs in dem Artikel gar nicht genannt! Das Gericht meinte aber in der Urteilsbegründung, daß der jetzige König damit getroffen werden solle. Man vergegenwärtige sich bei dieser Urteilsbegründung die Tatsache, daß dieAlber⸗ tinischen Profile ein historischer Aufsatz ist und sein Matertal ausschließlich aus bürgerlichen Geschichtswerken genommen ist. Mit dieser Ver⸗ urteilung des Genossen Kressin ist auch die bürgerliche Geschichtsschreibung(Carlyle, von Treitschke usw.) mit verurteilt. Ein Glück, daß Jene längst im Grabe ruhen, der Arm der sächsischen Gerechtigkeit würde auch sie packen, dieselbe sächstische Gerechtigkeit mit der Binde vor den Augen, würde auch sie wenn sie in unserer von politischen Stürmen bewegten Zeit lebten, verurteilen.

Als Schreckensurteile müssen auch die gegen unsere Genossen Witte und Sied⸗ schlag in Stargard gefällten bezeichnet werden. Wegen Verteilung des Wahlrechts⸗ flugblattes wurden diese beiden zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Dabei steht bei Witte fest, daß er nicht ein einziges Flug⸗ blatt verbreitet hat! In Danzig hat man wegen Verbreitung derselben Flugblaͤtter gegen zehn Genossen auf Geldstrafen erkannt. In vielen anderen Städten wurde überhaupt die Beschlagnahme der Flugblätter aufgehoben; in Berlin, Düsseldorf, Elberfeld ꝛc. fand man darin nichts Strafbares.

Von dem Nückgang der Sozialdemokratie

wußte die bürgerliche Presse in den letzten Tagen viel zu erzählen. Sie stützt sich dabei auf einen in derNeuen Gesellschaft erschienenen Artikel des Genossen August Müller in Magdeburg. Dieser Genosse machte sich den Zeitvertreib, die

Nachwahlergebnisse seit 1903 zusammenzustellen und er konstatiert, daß in diesen Wahlen unsere Partei über 14000 Stimmen eingebüßt, dagegen die Gegner etwa 17000 zugenommen haben. Er meint weiter, daß dieser Rückgang durch

die Parteistreitigkeiten, Fehler einzelner Partei⸗

genossen und kleinlicher Gehässigkeiten in der Partei veranlaßt worden sei. Dadurch seien den Gegnern Waffen in die Hände gegeben worden, die ste jetzt wirksam gegen uns an⸗ wendeten. Nun ist es ja ganz gut, den mut⸗ maßlichen Gründen des Stimmenrückgangs nachzuspüren und es schadet auch weiter nicht, wenn dabei Selbstkritik geübt wird. Doch aus diesen Zahlen Rückgang sonern zu wollen, geht unseres Erachtens nicht an. Man muß schon die Wahlziffern von der vorhergegangenen Wahl(1898) mit heranziehen, um ein klares Urteil zu gewinnen. Und da zeigt sich, daß auch die Ergebnisse der Nachwahlen gegen 1898 bedeutende sozialdemokratische Forkschritte darstellen. Nach unserem Wunsche müßten wir ja bei jeder Wahl Zunahme haben; aber es bleibt zu berücksichtigen, daß die Steigerung unserer Stimmenzahl bei den letzten allgemeinen Wahlen eine so starke, teilweise sprunghafte (Essen!) war, daß Rückschläge als ganz natur⸗ gemäß erwartet werden mußten.

Schließlich sind wir der Meinung, daß Genosse Müller wohl noch ein Thema gefunden hätte, dessen Erörterung für die Partei und die Genossen nützlicher und fruchtbringender war, als das von demRückgang. 5

Fort mit dem Kriege!

Das internationale sozialistische Bureau hielt am Sonntag eine Sitzung in Brüssel ab, bei welcher die Hauptländer vertreten waren. Aus Deutschland waren Bebel und Kautsky, aus Frankreich Jaures und Vaillant, aus England Keir Hardie und Hyndmann, aus Belgien Vandervelde und Anseele anwesend. Holland, Oesterreich, Rußland ꝛc. hatten eben⸗ falls Delegierte entsandt. Zur Kriegsfrage wurde eine von Vaillant gestellte Resolution beschlossen, welche besagt, daß sobald ein kriegerischer Konflikt auszubrechen droht, die sozialistischen Parteien sofort in Verbindung mit einander treten sollen, um alles zu tun, den Krieg zu verhüten.

Das Bureau verhandelte dann noch über Bestimmungen, welche die Vertretung der ein⸗ zelnen Nationen auf den internationalen Kongressen regeln, sowie die Art der Ab⸗ stimmung festlegen. Auch darüber wurde eine Verständigung herbeigeführt. Abends fand eine große von 3000 Personen besuchte Ver⸗ sammlung statt, in welcher Jaurés, Hyndmann und der Holländer Troelsta über das Thema: Krieg dem Kriege sprachen. Die Redner ernteten stürmischen Beifall. Eine Resolutton, welche die Sozialisten aller Länder auffordert, eine Störung des Friedens zu verhindern, fand einstimmige Annahme.

Kleine politische Nachrichten.

Die Landtagswahlen in Rudolstadt sind mit der am Freitag stattgefundenen Stichwahl in Leute n⸗ berg erledigt. Bei dieser unterlag leider unser Genosse Hartmann dem Bauernbündler Fiedler und somit besteht der Landtag aus 7 Sozialdemokraten und 9 Bürgerlichen.

Das französische Ministerium Rouvier ist am Mittwoch gestürzt. Die Kammer verhandelte über eine Interpellation wegen des Trennungsgesetzes, dessen Durchführung und besonders der Inventurauf⸗ nahmen, die Pfaffen gewaltsamen Widerstand ent⸗ gegensetzen. Die Tagesordnung Peret's, die von Rouvier angenommen wurde, erhielt nur 234 Stimmen, während 267 dagegen stimmten. nicht leicht sein.

Revolution in Rußland.

Ueber den Priester Gapon zirkulieren dunkle Geschichten. Der Vorsitzende der Fabrik⸗ arbeiter, Nikolaus Petrow, gab in der ZeitungRuß bekannt, daß Gapon kurz nach dem blutigen 21. Januar 30000 Rubel. vom Grafen Witte erhalten habe, damit er ins Ausland verschwinden könnte. Vorher sollte er jedoch alle Verluste, die den

Die Lösuug der Krise dürfte