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11.3.1906
 
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Nr. 10.

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Gießen, den 11. März 1906.

13. Jahrgang.

Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Donnerstag Nachmittag U.

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Gerechtigkeit.

Die gescheitelten wie die geschorenen Diener der Kirche finden wir im Allgemeinen im Lager derOrdnungsparteien. Wo irgend einer dieser Herren auftritt, hält er es für seine Auf⸗

gabe, der heutigen Ordnung das Wort zu reden,

die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Scheidung in Arme und Reiche als eine unabänderliche, gottgewollte Einrichtung hinzu⸗ stellen und die Schale seines Zornes über die gott⸗ und vaterlandslose Sozialdemokratie aus⸗ zuschütten. Und in welcher Art der Kampf von dieser Seite gegen uns geführt wird, dafür bieten Stöcker und seine Trabanten ein leben⸗ diges, abschreckendes Beispiel. Schlimmer ver⸗ höhnt der ärgste Spötter das Christentum nicht, als es durch diese Leute geschieht! Aber es gibt auch schon hier und da andere Geistliche, wirkliche Christen, die die Bestrebungen der Sozialdemokratie als durchaus richtig aner⸗ kennen wie vor Kurzem erst der katho⸗ lische Pfarrer von den Brink in Holland und sich auflehnen gegen das herrschende Maul⸗ und Schein⸗Christentum, dem sie in ihrem heiligen Zorn das Spiegelbild setner Verkom⸗ menheit vorhalten. Ein solcher Strafprediger ist der reformierte Pfarrer Kutter in Zürich, der auf seine aufsehenerregende erste Schrift Ste müssen! kürzlich eine zweite, im selben Geiste geschriebene SchriftGerechtigkeit hat folgen lassen.

Mit seiner neuen Schrift hat Kutter den Mut seiner Ueberzeugung bewiesen, schreibt unser Dresdener Parteiblatt dazu, denn nach der Herausgabe der ersten Schrift wollten ihm die guten Christen anläßlich der Pfarrer⸗Neuwahl die Existenz rauben und ihn so für seine frei⸗ mütige Kritik an dem entarteten modernen Christentum der besitzenden und herrschenden Klassen bitter strafen. Es bedurfte des Ein⸗ greifens der gottlosen Sozialdemokraten durch die Ausübung ihres kirchlichen Stimmrechts, um die Schurkentat der Bourgeoiste zu vereiteln, die einen von der Schablone abweichenden Pfarrer genau so maßregelt wie einen unzu⸗ friedenen Arbeiter.

Die Lektüre der KutterschenGerechtigkeit ist ein erhebender Genuß für Kopf und Herz, und man legt die Schrift nicht ohne Befriedigung und Gewinn aus der Hand. Rücksichtslos deckt er die Fäulnis, die Heuchelei, die Herzlosigkeit, die alles zerstampfende Jagd nach Gewinn und Reichtum der Besitzenden auf, denen das Christen⸗ tum, die Religion, ein Stück Mode⸗ und zugleich ein Herrschaftsinstrument gegenüber den besitz⸗ losen und unterdrückten Klassen ist.

Ganz frei und offen fragt Kutter, nachdem er die Bibelstelle zitiert:Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die da Gutes tun, vor⸗ nehmlich den Juden und auch den Griechen, was bedeute es demgegenüber, ob einer ein Heide, ein Jude oder ein Christ sei? Und er läßt dieguten Christen darauf antworten: Aber es ist doch ein großer Unterschied zwischen einem Christen und einem Heiden. Es ist doch etwas ganz anderes, ob ein Mensch von Jugend auf ben Unterricht einer Religion genossen hat, die ihm nicht nur die edelsten Grundsätze bei⸗ bringt, sondern die sein Wesen durch die Lehre von der natürlichen Sündhaftigkeit des Menschen

Familien und lassen uns nichts als ein elendes

und von der Gnade Gottes in Christo Jesu von Grund aus erneuert oder ob einer von dem allen nichts gehört hat. Wie sagst du denn, der Christ habe vor dem Heiden nichts voraus?

Darauf erwidert Kutter: Frage die Völker rings um dich her, was die Christen für sie zu bedeuten haben, die Stämme alle, die ein bru⸗ tales Regiment christlicher Regierungen zugrunde gerichtet, die heidnischen Untertanen, die das Glück haben, dieSegnungen der christlichen Kultur zu genießen. Frage das vom christlichen Volk ausgesogene Indien, die von deutschen Spekulanten zur Verzweiflung getriebenen Here⸗ ros, die Bewohner Madagaskars, dessen Boden die Franzosen mit dem Blut seiner Kinder ge⸗ tränkt einstimmig werden sie dir sagen: Christentum ist gleichbedeutend mit Hölle, die Christen sind Teufel. Sie zerstampfen unsere Länder, rauben unsere Güter, zerstören unsere

Dasein, gut genug, um der nimmersatten Geld⸗ gier unserer Peiniger Handlangerdienste zu leisten. Christentum und Geldgier immer haben wir beide zusammen gesehen. Treulosigkeit im Handel, Grausamkeit in der Behandlung der Wehrlosen, Schlauheit und Ueberredungskunst an den Höfen unserer Fürsten, Ausschweifung, wie wir sie selbst kaum gekannt, Zerstörung, Plünderung, Mord das ist das uns bekannte Christentum!

Aber nun in unserer eigenen Mitte welch furchtbares Schauspiel!Eine Gesell schaftsordnung, die den billigsten Anforderungen Hohn spricht, eine NMammonsherrschaft, von der sich auch das gewalttätige Heidentum nichts träumen läßt. Denn wir rauben und plündern nicht nur, wir treiben nicht nur von Haus und Hof, wir zwingen den Kleinen nicht nur, in unserem Dienste ein mehr als kümmer⸗ liches Dasein zu fristen, wir verachten und ver höhnen die Armut nicht nur nein, wenn wir es getan, dann weben wir um diese Ruchlosig⸗ keit den Glorienschein einer philosophischen oder religlösenWeltauffassung, oder sprechen wir von denunabänderlichen Gesetzen, die uns zwingen, so und nicht anders zu handeln, von Gott, der beide, reich und arm geschaffen habe. Die Christenheit mordet. Unser Produktions⸗ system ist vielfach nicht anderes als ein lang⸗ samer Mord an den Schwachen und Geringen. Der Kapitalismus ist der Tod der kleinen Leute. Die Syndikate, Ringe und Trusts sind nichts als organisterte, vom Staate eduldete Mördergruben. Tausend kleine Exi⸗ tenzen werden alljährlich von ihnen vernichtet. Die manchesterliche Maxime: laisser faire, laisser aller, von der man sich nicht weniger als dle blühende Wohlfahrt aller versprochen, hat ein furchtbares Ausbeutungssystem großgezogen, ein um so furchtbareres, als kein einzelner dafür verantwortlich gemacht werden kann, vielmehr jeder einzelne, wenn er überhaupt in Betracht kommen will, gezwungen ist, seine christlichen Grundsätze an ein mörderisches System auszu⸗ liefern. Und der christliche Staat, dessen Auf gabe es wäre, den Kleinen vor der Tyrannei der Großen zu schützen, steht mit verschränkten Armen zu, wie ein Verzweifelter nach dem an⸗ dern in den Abgrund stürzt ein Beschützer schamloser Vernichtungs⸗Praxis!

* Das Gehenlassen, wie es geht.

Nicht ohne Grund hat man vomSchlacht- feld der Industrie gesprochen.Unser ganzes Lohnsystem ist ein Mordsystem. Man mag sagen, was man will, auf die bessere Lebensführung des modernen Arbeiters, auf die vielen Begehrlichkeiten desselben im Unterschied von der Genügsamkeit des früheren hinweisen es bleibt immer noch zu viel des Jammers, als daß man sich durch die Beruhigung mittels solcher Reflexlonen nicht den Vorwurf der Grau⸗ samkeit zuziehen würde. Solange die Löhne der Mehrzahl das Niveau der unentbehrlichsten Lebensführung nicht überschreiten, ja oft noch unter demselben bleiben, solange Arbeiterkinder in Krippen untergebracht werden müssen, damit ihre Mutter Gelegenheit bekomme, den kargen Verdienst des Vaters durch anstrengende und aufreibende Arbeit zu ergänzen, solange die arbeitende Klasse sich kaum über Wasser zu halten vermag, um bei unvorhergesehenen Krank⸗ heiten oder Unglücksfällen sofort in Elend zu versinken, solange wir die Armen durch die Armenpflege in ein herzloses Beobachtungssystem einschnüren und ihnen jedes Glas Bier vor⸗ enthalten, während die Oberen Unsummen an das Vergnügen verschwenden, solange wegen mangelnden Verdienstes Famtlien zersprengt, kleine Kinder der Heimakgemeinde überliefert werden, solange Mädchen und Frauen infolge übermäßiger Arbeit bei kargem Lebensunterhalt frühzeitig dahinwelken darf sich die Christen⸗ heit dem furchtbaren Vorwurfe, daß sie morde, nicht entziehen!

Pfarrer Kutter bespricht dann in objektiver Weise die Sozialdemokratie, die die äußeren Verhältnisse der Menschen bessern wolle, um sie auch innerlich, sittlich zu heben, und die han⸗ delt, während dieguten Christen so viel von der inneren Besserung der Menschen reden, damit aber nie Ernst machen. Und er ruft ihnen zu: Warum mutet ihr uns zu, in die Verdammnis jener Bewegung einzustimmen, die unter dem Namen Sozial demokratie durch die Welt braust? Wo ist heute ein wirklicher Fort⸗ schritt im Guten, der nicht auf ihre Rechnung käme? Und ihr verdammt da, wo ihr den Arm des lebendigen Gottes wieder erkennen solltet? Christenheit, wann hörst du auf, zu verdammen?

Kutter sieht in der Sozialdemokratie das Christentum zur Wahrheit werden und erwartet von den Sozialdemokraten die Schaffung der Gerechtigkeit. Und daran arbeiten ste alltäglich; seine Hoffnung erfüllen sie mit jedem Tage durch initiative, tatkräftige Wirksamkeit!

politische Nundschau. Gießen, den 8. März 1906.

Im Reichstage

wurde in der letzten Woche die Beratung des Justizetats und des Postetats fortgesetzt. Von unsern Genossen Heine und Stadthagen wurden der Klassen⸗Charakter der deutschen Justiz und ihre Tendenzurteile scharf kritistert. Die Bubgetkommisston hat die Flotten vor, lage mit großer Mehrheit angenommen nur die Sozialdemokraten stimmten dagegen! Weiter wurde in der Kommisston von Bebes bei dem Kolontaletat festgestellt, daß für dag Drecknest Tsingtan jetzt bereits 90 Millione,

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