Ausgabe 
8.7.1906
 
Einzelbild herunterladen

Seite 6.

Mitteldentsche Sonutags⸗ Zeitung.

Nr. 27.

Sofialdemokratie und Frridentertum,

zugleich eine Betrachtung über das Wesen des Letzteren.

Von einem Freidenker.

(Schluß.)

Wie wir vorhin erörtert haben, ist jede Pflanze, jedes Tier und auch der höchstorgani⸗ sierte Sproß des letzteren, der Mensch, nicht fertig, von seinem Ursprung(Befruchtung) bis zur Reife(Geburt) organistert, vielmehr ist jedes Lebewesen gezwungen, die Reihe der verschtedenen Entwickelungsstadien niederster Art zu immer reicher ausgestatteten Formen zu durchlaufen, bis der für das be⸗ treffende Individuum( Einzelwesen) charak⸗ teristische Bau nebst den entsprechenden Lebens⸗ äußerungen vollendet ist. Anders wären ja auch sonst zahlreiche Uebereinstimmungen körper⸗ licher und geistiger Art, die tagtäglich zwischen Mensch und Tier bestehen, nicht zu erklären. Indessen ist es auf dem mir angewiesenen Raum unmöglich, alle bekannten Schlußfolgerungen, die sich aus der Abstammungslehre(Descendenz⸗ lehre) ergeben, auch nur zu streifen. Nur Eines bedarf einer kurzen Darlegung, da es mit dem Freidenkertum in enger Verbindung steht; das ist die Frage nach der Sittlichkeit eines Freidenkers. Nun, zur Beruhigung aller Pfaffen und ängstlichen Gemüter ist die Tat⸗ sache zu berichten, daß das sittliche Verhalten des Freidenkers mindestens so hoch steht, wie dasjenige der Gläubigen; das ergibt sich ja schon aus dem bewußten Willen, frei zu denken, unbekümmert um etwaigen wirtschaft⸗ lichen oder sonstigen Schaden durch dielieben Mitmenschen. Dieser Mut ist sicherlich ein Zeichen ü en Vorwärtsstrebens, also schon an und für sich sittlich, denn er entspricht dem unaufhaltsamen Drange nach Wahrheit. Turmhoch steht selbstverständlich das Denken und Fühlen des Freidenkers über dem lügne⸗ rischen Lip pendienst derfrommen Heuchler.

Und wenn man wirklich eine Formel haben will, nach der man die sittliche Forderung des Freidenkers bemessen könnte eine solche Formel kann es wegen der ungeheuren Mannigfaltigkeit des Empfindens ja gar nicht geben! wenn man allgemein einen Maßstab anlegen will, dann darf man so sagen:Sittlich ist für den Freidenker jedes bewußte Streben nach immer höherer Vervollkommnung einzig und allein mit Hilfe seiner Persönlichkeit(in der Ehe, der Kindererziehung, in der Dichtkunst, Mustk, Malerei ꝛc.), niemals aber durch die Gnade irgend eines Gottes oder sonstigen gött⸗ lichen, d. h. außer der Welt existierenden Wesens.

Daher ist Goethe der Inbegriff des höchst⸗ entwickelten Freidenkertums, ein hellstrahlendes Licht durch die Finsternis beengender Dogmen, 13 292 sprudelnder Quell wahren Menschen⸗ ums.

Aber die Kräfte der Freidenker erlahmen und ihre Freiheitswünsche zerstieben wie Spreu vor dem Winde, wenn die gleichgesinnte Arbeiter⸗ schaft sich nicht den übrigen Freidenkern(Deut⸗ scher Freidenkerbund) angliedert, denn nur Organisation, fester Zusammenschluß, kann uns fördern und stärken in unserem ewigen, weil natürlichen Kampfe gegen reaktionäre Mächte jeder Art. Diese Vereinigung Gleich⸗ gesinnter kann schon um deswillen der sozial⸗ demokratischen Partei nicht schaden, weil ja viele ihrer Anhänger längst eifrige Mitglieder unserer Vereine sind(z. B. die Reichstagsabge⸗ ordneten Hoffmann und Vogtherr). Vor allem aber nützt diese Zugehörigkeit zum Frei⸗ denkertum dadurch der Partei, daß gerade die tiunere(Denk.) Freiheit, den einzelnen Arbeiter fortwährend aufrüttelnd, ihn nun umsomehr und besser befähigt, sein Interesse auch der sozialen Frage intensiver als vorher inner⸗ halb seiner Partei zuzuwenden.

Mit anderen Worten: Da innerhalb der

sozialistischen Partei kein breites Feld für

die Erörterung und Vertiefung freidenkerischen

Schaffens dem Arbeiter zur Verfügung steht, andererseits aber der deutsche Freidenker⸗

bund alle wahrhaften Freidenker ohne Unter⸗ schied der Partei aufnimmt, so ist es, angesichts der immer mehr zunehmenden Bedrohung der geistigen und sittlichen Freiheit, unbedingt not⸗ wendig, daß jeder gleichgefsinnte Arbeiter samt seiner Familie dem Bunde beitritt. Denn ohne die eifrige Aufklärung und Mitarbeit der breiten Volksschichten ist der nun 25 Jahre offiziell bestehende Freidenkerbund auf die Dauer nicht lebensfähig.

Wer aber durch seinen Beitritt irgend einen Familienzwist oder geschäftlichen Schaden ꝛc. zu befürchten glaubt(in Wahrheit ist ein solcher Nachteil entweder gar nicht vorhanden oder doch nur sehr gering!), der rege in seinem Kreise wenigstens nach Kräften Andere zum Eintritt in unsere Vereinigung an. Er selbst aber abonniere auf die zweimal monatlich erscheinende Nummer der Zeitschrift:Der Freidenker) und gewinne auch zahlreiche Andere zum Abonnement, denn Beides stärkt sehr unsere Bewegung.

Aber die wichtigste Aufgabe eines Frei⸗ denkers ist es zunächst, schleunigst der Kirche oder sonstigen Glaubensgemeinschaft, der er innerlich ja längst nicht mehr angehört, den Rücken für immer zu kehren, d. h. aus der Kirche auszutreten. Gerade ein Massen⸗ austritt(wie z. B. jüngst in Frankfurt a. M.) würde uns Freidenkern bedeutend den Rücken stärken und unsere Bewegung immer mehr in Fluß bringen.

Wir meinen also:

Religion als ehrliches Glaubens be⸗ kenntnis soll fernerhin Privatsache jedes ein⸗ zelnen Arbeiters bleiben.

DieReligion des Freidenkers dagegen, d. h. das immer höhere Aufwärtsstreben der stttlichen, nach Wahrheit und Schönheit ringenden Persönlichkeit darf niemals nur seine Sache allein sein, so sehr sie auch den Einzelnen angeht. Denn hier bedeutet Zusammen⸗ schluß gerade soviel wie Leben. A.

) Für Mitglieder des Bundes(jährlich 3 Mk. Bundesbeitrag) unentgeltlich, für Nichtmitglieder viertel⸗ jährlich 1 Mk. 10 Pfg. Abonnement bei jedem Post⸗ amt. Probenummern bereitwilligst zu haben bei dem Schriftführer der Freidenker⸗Vereinigung in Gießen, Herrn Siegel.

r

Eine alte Geschichte.

Von K. Neurath.

(Schluß.)

Wie es im Sommer und im Spätsommer gewesen war, so war es auch im Herbst, nur daß Lene jetzt abends nach dem Spaziergang noch einige Weile bei einer kleinen Küchenlampe saß und sich eifrig bemühte, mit ihren derben Händen die schlanke Nähnadel zu leiten, um sich ja recht fein für das Kirchweihfest zu machen.

Und sie war fein!

Die Füße stacken in blanken Schnallenschuhen, die ihr der Geliebte aus der Stadt besorgt hatte. Die zierlichen Fesseln und den sanften Schwung der Waden umhüllten weiße Strümpfe, die mit langen bunten Bändern unter dem Knie befestigt waren. Das dunkelblaue Tuchkleid mit dem Sammtlatz und dem buntschillernden Saum bauschte sich weit um den kräftigen Oberkörper. Eine weiße Krause schloß sich schimmernd über Hals und Nacken, auf dem die braune Flechtung des Haares wuchtete.

So schön war ste noch nie gewesen.

Die Burschen betrachteten sie mit gieriger Bewunderung, die Mädchen mit schalem Neid, die Alten mit behaglichem Wohlgefallen.

Am Arme ihres Schatzes kam ste fröhlich daher und flog bald im bunten Wirbel der Tanzenden, bis spät in der Nacht die Spielleute ihre Instrumente in die schwarzen Hüllen steckten und der Wirt allgemach die schwellenden Erd⸗ öllampen löschte.

Voll Freude, heiß und müde hing ste am Arm des Geliebten und keins von beiden be⸗ merkte, daß ste abseits ins Feld gingen, über dem die Sterne glitzerten. 5

Als ste am anderen Morgen erwachte, war ste müde und abgespannt, und es dauerte lange, bis sie sich wieder auf alles besonnen hatte, was ihr seit gestern begegnet war. Wie ein suͤßer, seliger Traum war es über ihr und wohlig reckte ste sich der Sonne entgegen, die ste mit sanften Strahlen umschmeichelte.

Dann ging ste rüstig an ihre Arbeit und sehnte sich nach dem Abend, mit dem auch er wieder zu ihr kam.

Die Abende kamen und die Abende gingen, und die Wochen wechselten und Lene war fröh⸗ lich und stolz, denn sie fühlte, daß sie Weib geworden war.

Auch Herbst und Winter gingen dahin und der Frühling kam mit all seiner Sonne und all seinem Segen.

Leue war bis in die tiefe Nacht hinein ge⸗ schäftig gewesen und ob ste auch in dem winter⸗ kalten Dachstübchen gefroren hatte, sie war doch fleißig gewesen und hatte wacker geschnitten und genäht, damit sie nicht mit leeren Händen ihrem Manne ins Haus käme.

Er hatte oft gesagt, daß ste nicht mehr so frisch aussähe wie sonst, aber sie hatte geschwiegen von der, Nächte Arbett und vor sich hingelächelt wie ein kleines, schüchternes Mädchen, das wegen seiner Artigkeit gelobt wurde.

Da kam der Krieg Preußens mit Oesterreich und den Südstaaten und ihr Jakob mußte mit.

Aengstlich hing sie an seinem Hals, als er Abschied nahm, und nur mühsam hielt ste sich aufrecht, als das Häuflein der Beorderten im Walde verschwand.

Am Abend war sie Mutter eines Knaben und der Vater schrieb ihr herzliche Briefe.

Sie harrte und hoffte in Geduld.

Am 16. Juni erfuhr sie, daß ihr Jakob, der Vater ihres Kindes, bei Aschaffenburg ge⸗ fallen sel.

Ein Schuß durch die Brust hätte ihn nach kurzem Todeskampf getötet.

Kein Laut kam über ihre Lippen, als ste die Totenliste las, aber ste wurde blaß, totenblaß.

Schwankend trat sie an den Korb, in dem ihr Kind lag, und strich mit bebender Hand über das lockige Blondköpfchen des schlummernden Knaben.

Dann wurde sie ohnmächtig.

Tage und Wochen lag sie krank, aber das Leben war stark in ihr und ste rang sich durch und begann den Kampf mit dem Leben von neuem.

Allmählich tat sie wieder ihre Arbeit wie früher, aber das Singen und Fröhlichsein hatte ste verlernt. Mit der Zeit wurde sie ja wieder mutiger und lebensfreudiger, doch der Tod des Geliebten hing wie ein grauer Schleier zwischen ihr und der Welt.

Freude hatte ste allein an ihrem Kinde, das 155 12 0 froh empor wuchs und sich der Sonne reute.

Als er der Schule entwachsen war, gab ste ihn einem Schlosser in die Lehre, wo er fleißig 9255 anstellig war und selten ein rauhes Wort

ekam.

Sonntags durfte er seine Mutter besuchen und bekam dann jedesmal ein paar Zehrpfennige, wenn sie nicht mit ihm irgend wohin ging. Aber auch dann bekam er ste oft.

Während der Woche sah sie ihn selten, und obschon sie ihn entbehrte und ängstlich den Sonntag erwartete, ste sagte ihm nie ein Wort darüber.

Sie war stark geworden, und das Leben kam ihr vor wie ein Spiel; wie ein leichtes Spiel, bei dem man alles gewinnen und alles verlieren kann.

Als ihr Sohn heerestüchtig wurde und sich zur See meldete, erschauerte sie, redete aber nichts und ließ ihn ziehen, wohin ihn sein Herz trieb. Sie hatte ja entsagen lernen müssen.