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schaft in üblicher Weise geehrt. Dißmann⸗Frankfurt einen mit großem Beifall auf⸗
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
„Zu einer eigenartigen Selbsthilfe sind die Einwohner
von Metz infolge der Fleischnot gelangt. Jeden Sonntag fahren Dutzende von Familien auf Sonntagskarten nach den französischen Stationen Novéant und Aman⸗ weiler, um dort ihre Fleischeinkäufe für die ganze Woche zu machen. Da die Fleischpreise jenseits der französischen Grenge durchschnittlich um ein Drittel billiger sind, als in Deutschland, und jede Person, selbst Kinder, vier Pfund Fleischwaren zollfrei einführen darf, so kommt die Sonntagskarte von 50 und 55 Pfg. ohne Mühe heraus. Die französischen Schlächter, die durch keine Sonntagsruhe behindert werden, haben an der Grenze eigene Verkaufsbuden zu diesem Sonntagsverkehr errichtet.“
Also um ein volles Drittel find die Fleisch⸗ preise jenseits der Grenze niedriger! Damit wird wieder bestätigt, was von der Sozialdemokratie und den Gegnern der Zölle, überhaupt von sedem einsichtigen Menschen als notwendige Wirkung der Zollpolitik vorausgesehen und ⸗gesagt worden ist. Dagegen hat die Amtsblatt⸗ presse mit der agrarischen stets dem Volke weiß zu machen versucht, daß die Zölle die Preisbildung der Lebensmittel wenig oder gar nicht beeinflußten. Der „Wetzlarer Anzeiger“ hat das ebenfalls wer weiß wie oft getan, hat also, wie er selber bestätigt, die Un⸗ wahrhelt gesagt. Ob bewußt, wollen wir dahin⸗ gestellt sein lassen; hier zeigt sich aber wieder die Richtig⸗ keit dessen, was ein Amtsblatt⸗Redakteur sagte:„Was in einem Amtsblatt steht, hat nichts zu bedeuten.“ Doch manchmal wird auch im Gedränge etwas Zu⸗ treffendes ausgeschnitten, was nicht in die Kreisblat!spresse paßt, wie Obiges von dem billigen französischen Fleisch.
5 Ueber den Verkauf der Bergwerke und Grubenfelder, die sich im Besitze der Fürsten Solms⸗Braunfels befinden, wurde diese Woche noch vor dem Frankfurter Oberlandesgericht als Vormundschafts⸗ gericht verhandelt und wie berichtet wird, erteilte der Vormund des minderjährigen Fürsten der Firma Krupp in Essen den Zuschlag, die 6 Millionen Mark dafür geboten hatte. Die Buderus'schen Eisenwerke hatten als Höchstgebot 5 750 000 Mk. abgegeben.— Sechs Millionen Mark heimst also das Fürstenhaus ein, wenn der Ver⸗ kauf zu Stande kommt, woran kaum zu zweifeln ist. Mit welchem vernünftigen Rechte nehmen einzelne Kapi⸗ talisten und Feudalherren die Schätze der Erde für sich in Anspruch? Sie gehören von rechtswegen allen Men⸗ schen! Den Wert, der durch die ungeheuere Summe von 6 Millionen Mark repräsentiert wird, haben die armen Bergarbeiter zum größten Teil geschaffen. Sie haben sich geplagt und dabei gehungert— das Fürstlein hat die Millionen!
h. Wieder wird das Brot teurer! Vom 1. Juli ab hat die Wetzlarer Bäckerinnung die Brot⸗ preise abermals in die Höhe geschraubt und zwar bis zu 5 Pfg. den Laib. So steigen die notwendigsten Lebensmittel fortgesezt im Preise und für den Arbeiter wird die Existenz immer schwieriger. Fordert er aber ein paar Pfennige mehr Lohn, da gibts einen Höllen⸗ spektakel, die Ordnungspresse schreit über Begehrlichkeit und„unberechtigte Ansprüche“ und Polizei und Behörden helfen mit dazu, daß der Geldsack siegt und die Arbeiter nichts erreichen.
k. Die Parteiversammlung in Gleiberg am Sonntag nahm zunächst ein Referat des Genossen Dittmann⸗ Frankfurt über die heutigen politischen Zustände entgegen und stimmte den Ausführungen bei⸗ fällig zu. Hierauf wurde eine Kommission gewählt mit der Aufgabe, einen Reichstagskandidaten für den Kreis in Vorschlag zu bringen. Als Delegierter zum Parteitag wurde Genosse Fauth, als Ersatzmann Fuhrmann bestimmt.
Tabakarbeiterversammlungen wurden am Mittwoch in Atzbach und am Dienstag in Vetz⸗ berg abgehalten. Im ersteren Orte waren etwa 80 Personen erschienen, die den Ausführungen des Kollegen Franz Schnell, der über„Die Zigarrenindustrie und deren Arbeiter“ sprach, mit größter Aufmerksamkeit folgten und ihnen lebhaften Beifall zollten. Etwa 20 traten dem Verbande bei. Auch in Vetzberg war der Erfolg ein recht befriedigender.
V. Verurteilter Ordnungsheld. Vom Limburger Schwurgericht wurde am Donnerstag der frühere Bürgermeister Deuster aus Rodenroth wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung im Amte unter Anrechnung einer schon früher wegen Amtsverbrechen zuerkannten Gefängnisstrafe zu insgesamt zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Schade, daß solche scharfe Kämpfer für die heilige„Ordnung“ sehr bald außer Gefecht gesetzt werden!
Aus dem Rreise Marburg⸗Nicchhain.
g. Wahlverein. In der am vergangenen Samstag stattgefundenen Wahlvereinsversammlung wurde zunächst das Andenken des verstorbenen Genossen Eugen Pitt⸗ Sodann hielt Genosse
genommenen Vortrag über unsere gegenwärtige Situation
und den Ausbau der politischen Organisation. Die Diskussson über den Vortrag war eine recht lebhafte und endete mit der Annahme folgenden Antrages:„Die heutige Versammlung beauftragt den Vorstand des Wahl⸗ vereins, sich mit den Gewerkschaftsvorständen in Ver⸗ bindung zu setzen, um den heute gemachten Vorschlägen in der Praxis Geltung zu verschaffen.“ In den Wahl⸗ verein aufgenommen wurden vier Mitglieder.— Aus⸗ geschlossen(wegen Streikbruch) wurde der Bauhülfsarbeiter L. Nickel.— Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten wurde mit der Aufforderung, für die Parteipresse und den Wahlverein recht eifrig zu agitieren die gutbesuchte Versammlung geschlossen,
* Lohnbewegungen. Der Streik der Schreiner sowohl als der der Bauhilfsarbeiter dauert unverändert fort. Auf beiden Seiten ist in absehbarer Zeit an Frieden nicht zu denken. Neue Streikbrecher sind nicht hinzugekommen, im Gegenteil haben noch einige, die noch etwas Ehrgefühl im Leibe hatten, die Arbeit ein⸗ gestellt. Bei den Holzarbeitern sind allerdings einige Streikbrecher zu verzeichnen. Als solche tun sich beson⸗ ders einige Mitglieder des evangelischen Arbekter⸗ vereins und der christlichen Baugenossenschaft hervor, ferner auch Mitglieder der rühmlichst bekannten„Turn⸗ gemeinde“, eines Verein, dem eine Anzahl Genossen angehört. Diese wissen hoffentlich nun bald, was sie zu tun haben. Bei den Erdarbeitern sind weniger Streikbrecher vorhanden. Beide Lohnbewegungen stehen für die Arbeiter günstig. 5
* Ein Schwindel- Unternehmer. Bei der Vergebung der Auffüllungsarbeiten im Südviertel waren diese einem Unternehmer aus Spandau als dem Billigsten bei der Submission zugeschlagen worden. Nachdem er einen Teil der Arbeit ausgeführt hatte, steckte er die Sache einfach auf, da er selbst einsah, daß er den über⸗ nommenen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. Leider sind auch wieder die Arbeiter mit bei den Leid⸗ tragenden, sie warten bis heute vergeblich auf ihren sauer verdienten Lohn und find gezwungen, klagbar zu werden. Ob die Stadtverwaltung hieraus etwas ge⸗ lernt hat?
g. Eine Sängerfahrt unternimmt der Ge⸗ sangverein„Eintracht“ am Sonntag, den 15. Juli nach Wieseck zu dem dort stattfindenden Fest des Arbeiter⸗ gesangvereins. Für alle, die sich daran beteilgen wollen, liegen Einzeichnungslisten in den Lokalen von Hilberger, Hildemann und Jesberg auf. Abfahrt morgens 9 Uhr vom Hauptbahnhof, 9e pom Südbahnhof. Mittag⸗ essen zum Preise 70 Pfg. bei Gastwirt Löb in Gießen.
Ein Steuerdrückeberger.
Ein Aufsehen erregender Steuerhinterzieh⸗ ungsprozeß beschäftigte am Donnerstag das Landgericht Dresden. Der Inhaber des bekannten Etablissements Merkel, am Altmarkt, hatte ein steuerpflichtiges Einkommen von 2080 Mk. nach Abzug von 1500 Mk. Jahresschulden angegeben. Nach den Ermittelungen der Steuerbehörde hatte Merkel jedoch nicht wie angegeben 3500 Mk., sondern 22,930 Mk. Jahreseinkommen. Er wurde zu einer Geldstrafe bon 2880 Mk. ver⸗ urteilt.— Ja, Hochschreien können die„Pa⸗ trioten,“ das Bezahlen für das Vaterland 4 ste aber gütigst den„vaterlandslosen
esellen.“
Großfeuer in Hamburg.
Am Dienstag nachmittag entstand in dem
Turme der Michaeliskirche in Hamburg Feuer, wie es heißt, durch Erploston einer Lötlampe, die Handwerker bei einer Reparatur verwen⸗ deten. Der Turm stand nach kurzer Zeit voll⸗ ständig in Flammen und stürzte schon nach Verlauf einer Stunde ein. Durch die brennende Kirche wurden auch die Nachbargebäude in Brand gesteckt und etwa 50 eingeäschert, da⸗ runter ein großes Kaufhaus. Erst abends ge⸗ lang es der Feuerwehr, des riestgen Brandes Herr zu werden. Leider sind auch 3 Menschen in dem Kirchturme verbrannt. * Ein Heiliger. Wegen einer Reihe von Sittlichkeltsverbrechen, begangen an 7 bis 11 Jahre alten Mädchen, verurteilte das Landgericht Neuburg an d. Donau den katholischen Pfarrer Michael Straß er von Fahlenbach zu 1½ Jahren Gefängnis. Dem ge⸗ ständigen Angeklagten waren mildernde Umstände zu⸗ gebilligt worden.
Arbeiterbewegung.
Lohnkämpfe. Die Zigarrenarbeiter in Hanau haben in der Mehrzahl der dortigen
doch wurde auch da die Einstellung der Arbeft vermieden und eine Verständigung angebahnt. — In Berlin wurden am Samstag alle organisierten Glaser ausgesperrt, weil sie nicht in die von den Arbeitgebern verlangte Aufhebung einiger partieller Streiks willigten.— Die Maurer Leipzigs schlossen mit den Unter⸗ nehmern einen neuen Tarif auf zwei Jahre. Sie erhalten nach diesem vom 1. Juli ab 63 Pfg. Stundenlohn, vom 1. März 1907 ab 65 Pfg. Die Lohnzahlung findet am Freitag statt.— Die Dachdecker in Frankfurt sind am Montag in den Streik eingetreten. Sie ver⸗ langten einen Minimalstundenlohn von 58 Pfg. und 5 Pfg. Zulage pro Stunde für diejenigen, welche diesen Lohn schon haben. Die Innung wollte nur 55 Pfg. bewilligen und 3 Pfg. Zu⸗ lage. In der entscheidenden Versammlung stimmten 176 für und 7 gegen den Streik.— Die Buchbinder sowie die Litographen und Steindrucker befinden sich seit Monaten in einem schweren Kampfe. In beiden Berufen sind die organisierten Arbeiter zum größten Teile schon seit längerer Zeit ausgesperrt. Es kommen bei den Buchbindern 3600, bei den Ettographen etw 3800 in Betracht. Die Generalkommisston der Gewerkschaften fordert zur Unterstützung auf.— In Berlin sind 600 Glasergehilfen ausgesperrt.
Partei-Uachrichten
Ein Parteistreit hat sich über die Frage des Massenstreiks erhoben. Das Organ der lokalen Ge⸗ werkschaften in Berlin, die„Einigkeit“ veröffentlichte— unseres Erachtens recht überflüsstgerweise— Auszüge aus dem Protokoll über eine Sitzung der Partei⸗ und gewerkschaftlichen Funktionäre, in der Bebel Aus⸗ führungen gemacht haben soll, die mit seinem Referate in Jena über den Massenstreik in Widerspruch ständen und darin gipfeln, daß der Massenstreik von der Partei nicht propagiert werden solle. Das erwähnte Proto⸗ koll, das nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt war, wird demnächst doch veröffentlicht werden. Wir werden noch eingehender auf die Frage zurückkommen. Nach unserer Meinung splelt bei dem Streite ein gut Stück Wort⸗ klauberei mit, mit der man Bebels Ausführungen anders zu deuten sucht.
Justiz gegen Sozialdemokraten. In Hamburg wurde die Genossin Louise Zietz wegen„Aufreizung zu Gewalttätigkeiten“, die sie in einer Rede über die Hamburger Wahl⸗ rechtsräuberei begangen hoben soll, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Dabei führte das Urteil aus, daß Frau Zietz zwar „nicht zu straf baren Handlungen aufgefordert“ aber doch„zu Gewalttätigkeiten angereizt“ habe! Das versteht blos ein Jurist!
Die Marburger Strafkammer verur⸗ teilte den Redakteur Genossen Müller vom „Volksblatt“ in Kassel zu 150 Mk. Geld- strafe, wegen angeblicher Beleidigung des Lehrers Schäfer in Bettenhausen, den er als„Prügel⸗ pädagog“ bezeichnet hatte. Trotzdem nachge⸗
wiesen wurde, daß der Lehrer seine Schulkinder sehr viel geprügelt hatte und trotzdem das Kasseler Landgericht früher auf Freisprechung erkannt hatte— das Reichsgericht hatte die Sache nach Marburg verwiesen— erfolgte Verurteilung!
Versammlungskalender. Samstag, den 7. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Garbenteich. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Kur. Kling elhöfer. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Fr. Stein müller (Zur Wilhelmshöhe). T.⸗O.: 1. Kreiskonferenz. 2. Verschiedenes. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Schupp. Montag, den 9. Juli. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Or big. Dienstag, den 10. Juli. Marburg. Freie Turnerschaft. 9 Uhr Turnstunde bei Hildemann.
Marburg. Arbeitergesangverein Eintracht.
Abends 9 Uhr
Abends
Fabriken eine kleine Lohnerhöhung durchgesetzt.
Zur Kündigung kam es nur in einer Fabrik,
Sonntag, den 8. Jult: Beteiligung am Sänger⸗ feste in Marbach.


