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Mitteldentsche Lonntags⸗Zeitung!
wieder gründlich, wie furchtbar nebensächlich dem„christlichen“„patriotischen“ Bürgertum die sozialen Angelegenheiten sind. Wer es wagt, mit diesen einmal wirklich ernst zu machen und eine querdurch antisoziale Verbrüderung bekämpft, der macht sich unmöglich, den deckt selbst seine ehrlich gehißte„nationale“ Fahne nicht, die Kirche weist ihm die Tür wie einem ungezogenen Schulbuben. Unsere Kirche ist eben Staats kirche und hat als solche die Geschäfte des Staates zu besorgen, mag dieser Staat noch so unsozial, noch so reaktionär sein, mag er vom Geiste eines Studt und eines Podbielskt beseelt sein. Hinter dem staatlichen Interesse tritt selbst Religion und Ethik zurück. Die Kirche ist auf jeden Fall ein staatserhal⸗ tendes polttisches Institut. Welcher Arbeiter ist jetzt noch so kurzsichtig, von ihr Verständnis und Schonung seiner„berechtigten“ Forderungen zu erwarten? Wer kann sich jetzt noch irgend welche Illusionen über die Bedeutung einer christlich⸗nationalsozial gestimmten Mittelpartei machen? Nur eine Partei gibt es, die wirk⸗ lich ehrlich und unabhängig die politischen Interessen der Arbeiterschaft vertreten kann und will, und das ist und bleibt Die Sozialdemokratie!
Gießener Angelegenheiten.
— Ein schmutziger Angriff auf die sozialdemokratischen Gemeindevertreter in Mülhausen im Elsaß ging vor einigen Tagen durch die sogenannte Ordnungspresse und na⸗ türlich ließ sich das Gießener Amtsblatt den Brocken auch nicht entgehen, wie es ja jede gegen die Sozialdemokratie gerichtete Verleum⸗ dung gierig aufschnappt. Nach jener Notiz hätten eine ganze Reihe der Mülhauser Gemeinde⸗ räte alle möglichen Sünden auf dem Kerbholz. Zwei hätten bereits im Gefängnis gesessen— weshalb verrät der„Anz.“ nicht— ein dritter sei mit der Gewerkschaftskasse durchgebrannt, ein vierter habe eine Skandal⸗Affaire in einem „übelberüchtigten Hause“ gehabt, der Führer Emmel habe seinen eigenen Schwager beim Verkauf eines Geschäftes übervorteilt und ge⸗ schädigt und so weiter! Es ist überflüssig, diese Lügen zu widerlegen; jeder Mensch weiß, daß die sozialdemokratische Partei jeden ausschließt, der sich solche Dinge zu schulden kommen läßt, wie sie den Mülhauser Gemeinderäten nachge⸗ sagt werden. Diese beabstchtigen übrigens, alle Blätter, die jene verlogene Notiz gebracht haben, vor Gericht zu ziehen und dann wird sich ja das weitere finden. Wir wollen heute nur daran erinnern, daß vor etwa einem Jahre die „Kölnische Zeitung“ die Tätigkeit des in seiner Mehrheit sozialdemokratischen Mühlhauser Ge⸗ meinderats lobend anerkannte und diesem selbst ein sehr gutes Zeugnis ausstellte. Und tat⸗ sächlich hat er mit der früher dort herrschenden bürgerlichen Interessen⸗Wirtschaft gründlich auf⸗ geräumt.— Ehe der Anzeiger sozialdemokratische Gemeindevertreter verdächtigt und beschimpft, sollte er sich in bürgerlichen Kreisen umsehen. Wir sind in der Lage, aus dem letzten Jahre Dutzende von Fällen vorführen zu können, in denen ordnungsparteiliche Gemeindevertreter oder Beamte ihr Amt und Stellung in schänd⸗ lichster Weise zur Erreichung ihrer persönlichen, finanziellen Vorteile mißbrauchten. Daß ord⸗ nungsparteiliche Stadtväter ihre Kenntnis der Baufluchtlinien benutzten, um in Grundstücks⸗ spekulattonen zu machen, dafür könnte das Amtsblatt Beispiele in allernächster Nähe finden. Und jetzt eben beschäftigte ein Gemeindeskandal das Hamburger Schwurgericht, das den Bureauassistenten Rundt wegen Berrugs, Ur⸗ kundenfälschung und Amtsverbrechens zu fünf Jahren Zuchthaus, den Baumaterialienhändler Burmester wegen Beihilfe zu drei, und den Geschäftsführer Küchenmeister zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilte. Als aber unsere Genossen im Hamburger Stadtparlamente den Schmutz aufdeckten, entrüstete sich das Spieger⸗ tum ganz gewaltig! Womöglich noch größer bar der Skandal, den unsere Genossen Ende vorigen Jahres in der Geestemündener Gemeindeverwaltung aufdeckten und in dem so⸗ gar ein Bürgervorsteher verwickelt war. So können wir, wie gesagt, mit noch Dutzenden
von Fällen dem Amtsblatt das Verleumder⸗ maul stopfen.
— Teueres Geschenk. In der letzten Stadtverordneten⸗Sitzung wurde davon Mit⸗ teilung gemacht(in der geheimen Sitzung), daß Herr Kommerzienrat Gail der Stadt das am Kanzleiberg hinter dem alten Schloß ge⸗ legene Gebäude, Wirtschaft zur„Bavaria“ ge⸗ schenkt hat. Das Gebäude soll abgerissen und dafür ein Nebengebäude zum alten Schloß er⸗ richtet werden. Die Sache kann also der Stadt noch einen netten Pfennig Geld kosten; es wäre für sie vielleicht ein besseres Geschäft gewesen, wenn ste die Annahme des Geschenkes abge⸗ lehnt hätte. Die Freigebigkeit des Herrn Gail ist gewiß hoch anzuerkennen; seine Arbeiter würden sich aber sehr freuen, wenn er ihnen gegenüber eine ebenso offene Hand hätte. Die müssen aber um ein paar lumpige Pfennige streiken!
— Für das Lahntal⸗Sängerfest sind auf Oswaldsgarten umfangreiche Baulich⸗ keiten errichtet worden, die natürlich schweres Geld kosten. Diese bedeutenden Kosten müssen selbstverständlich die Festbesucher aufbringen, direkt durch die Eintrittsgelder und indirekt durch Konsum der Speisen und Getränke. Diese werden deshalb nicht billig sein, wie denn auch sehr hohe Eintrittsgelder gefordert werden. Weniger Bemittelten, besonders Familienvätern, dürfte daher der Besuch des Festes finanziell unmöglich sein. Welcher Arbeiter dies aber doch ermöglichen könnte, er wird, wenn er nur einigermaßen Verständnis für die Bestrebungen der Arbeiterklasse hat, diese m Feste feru⸗ bleiben, angesichts des Verhaltens des Fest⸗ ausschusses, der unsern Arbeitergesangverein „Eintracht“, wegen seiner roten Fahne vom Festzuge ausschloß, obwohl die Mitglieder der „Eintracht“/ Jahr lang mit in den Aus⸗ schüssen gearbeitet hatten! In voriger Nr. ist darüber das Nötige gesagt worden. Man will die Arbeiter dort nicht haben, deshalb bleibt weg und laßt die„Herren“ das Fest feiern!
— Gegen das Urteil der Gießener Strafkammer, das Genossen Vetters 2 Monate aufdiktterte, ist natürlich Revision eingelegt worden.— Die humoristische Notiz, wegen der B. verurteilt ist, haben etwa 15—20 Zeitungen gebracht, darunter sogar preußische Amtsblätter! Daß das Reichsgericht sich der Auffassung des Gießener Gerichts anschließen sollte, und in der harmlosen Notiz ebenfalls Majestätsbeleidigung und Verbreitung unzüchtiger Schriften findet, ist kaum denkbar.— Der„Gieß. Anz.“ brachte die Mitteilung über die Verurteilung in einer Form, die den Angeklagten als Sittlichkeits⸗ verbrecher 5 ließ. Ob das Blatt dem Genossen Vetters damit eins versetzen wollte?
t. Die Handels⸗Transport⸗ und Verkehrsarbeiter hielten am Dienstag im Wiener Hof eine gut besuchte Versamm⸗ lung ab, in welcher Gauleiter Habicht über die Lohnbewegungen der letzten Monate refe⸗ rierte. Redner schilderte zunächst, daß die Arbeiterbewegung eine fortgesetzte Reihe von Kämpfen darstelle, diese werden auch nicht auf⸗ hören, denn die Verteuerung der Lebenshaltung und Vermehrung der Ansprüche, die heute an den Arbeiter gestellt werden, zwingt ihn, auf Erhöhung seines kümmerlichen Einkommens be⸗ dacht zu sein und Forderungen zu stellen. Die heutige Zeit der Tarifabschlüsse sei erst der An⸗ fang einer Regelung der Lohn⸗ und Arbeits⸗ verhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeiter. Wir müssen nach Einheits⸗Anfangslöhnen mit örtlich feed Zuschlägen im ganzen Reich trachten. Ein solcher Tartf sei kürzlich zwischen unserm Verband und dem Verband deutscher Konsumvereine(in Stettin) abgeschlossen werden. Er führte weiter eine Reihe von Lohnbewegungen an, die alle mit einem mehr oder weniger großen Erfolg der Arbeiter geendigt hätten und geht zuletzt auf den Streik der Fuhrleute in Mainz ein, der mit einem glänzenden Erfolg der Arbeiter nach 5 Tagen beendigt wurde. Hierbei erwähnte Redner auch, wie die bürger⸗ liche Presse darüber in unverantwortlicher Weise gelogen habe; unter diesen Lügen⸗ blättern sei auch der hiesige Anzeiger zu finden
gewesen, der bis heute noch keine Berichtigung,
wie anständige Blätter es getan, gebracht habe.
Redner konstatiert, daß die Polizei ihre Ver⸗ wundungen und der Wirt, dem das Trommelfell
zerhauen sein sollte, erst am nächsten Morgen
aus den Zeitungen erfahren haben. Auch sei kein Pferd von Streikenden verletzt worden, sondern der eine Gaul habe dem andern mit dem
Hinterfuß etwas geschunden. Redner habe das
Pferd selbst besichtigt. Mit der Aufforderung, unserem Verbande beizutreten, der auch einige Kollegen folgten, schloß er seine beifällig auf⸗ genommenen Ausführungen.
— Eine öffentl. Schneiderver⸗ sammlung findet nächsten Donnerstag, den 12. Juli im Lokale Orbig statt. Als Referent wird Koll. Wicke r⸗Leipzig erscheinen und über „die Arbeiterklasse im Kampfe um ihr Recht“ sprechen. Alle Schneider wollen sich in der Ver⸗ sammlung einfinden.
Aus dem Rreise gießen.
— In Wleseck feiert der Gesangverein„Sänger⸗ kranz“ am nächsten Sonntag sein Stiftungsfest auf dem im Garten des„Gambrinus“ errichteten Festplatze. Der Verein hat sich recht gut entwickelt; er ist Mitglied des Arbeiter⸗Sängerbundes und darf wohl einen recht zahlreichen Besuch erwarten. Die befreundeten Vereine der Umgebung haben denn auch ihr Erscheinen zugesagt. Gutes Wetter vorausgesetzt, wird es ein echtes und rechtes Arbeiterfest werden.— Vom Festkomit ee werden wir noch um Veröffentlichung des Folgenden ersucht: Die eingeladenen hiesigen Vereine und Freunde werden gebeten, sich ihre Dauerkarten und Beikarten schon im Voraus zu besorgen. Damit Irrtümer nicht aufkommen, sei besonders darauf hingewiesen, daß, wer keine Dauer⸗ resp. Beikarte besitzt, sowohl Samstag, wie auch Sonntag 20 Pfg. Eintrittsgeld(pro Person) zu entrichten hat.(Siehe Inserat Seite 7.)
— Erfolg der frommen Sänger. verregneten Lollarer Sängerfeste am Sonntag vor 8 Tagen errang der Gesangverein„Sängerlust“ aus Dieburg(Kreis Offenbach) den 1. Preis in der Abtei⸗ lung A. Diesem Ereignis widmet das in dem frommen katholischen Dieburg erscheinende Zentrumsblatt, die „Starkenburger Provinztalzeitung“ einen begeisterten Artikel, in dem den Leistungen des genannten Gesang⸗ vereins und seiner Frömmigkeit hohes Lob bespendet werden. Zum Schluß heißt etz:
„Daß der rechte Geist im Gesangverein„Sänger⸗ lust“ herrscht, beweist die lobend zu erwähnende Tatsache, daß die Mitglieder des Vereins schon vor der Abreise nach Lollar morgens ½5 Uhr in einer besonders
bestellten heiligen Messe in der Kapuzinerkirche ihrer
kirchlichen Pflicht genügten. Das ist der Geist des Pflichtbewußtseins, der Gott gibt, was Gottes, dem Kaiser, was des Kaisers und dem Vereine, was des Vereines ist. Das ist der Geist, der auch in welt⸗ lichen Dingen den Erfolg sichert. Möge der Gesangverein„Sängerlust“ sich dieses guten Geistes stets bewußt bleiben, dann wird dem Vereine auch fernerhin der Erfolg treu bleiben.“
Also die Messe hat den Dieburgern zum ersten Preis verholfen, der hoffentlich eine Messe wert ist. Unter diesen Umständen konnten natürlich die andern Vereine nicht gegen die frommen Dieburger aufkommen und es dürfte sich für jene empfehlen, ebenfalls eine Messe lesen zu lassen, wenn sie wieder mal zum Sängerkriege ausziehen und mit den Dieburgern in Konkurrenz treten.
p. In Heuchelheim beabsichtigt der Verband der Tabakarbeiter am 29. Juli sein erstes Stiftungs⸗ fest abzuhalten, an dem sich auch die Kollegen der Um⸗ gebung beteiligen sollen. Alles Nähere wird später durch Einladungen und Plakate bekannt gemacht.
— Heinzerling vor Gericht. Am Sams⸗ tag sollte der Prozeß gegen den Sparkassenrechner Heinzer⸗ ling aus Butz bach vor der Gießener Strafkammer verhandelt werden. Man kam aber damit nicht zu Ende. Während seiner Vernehmung behauptete nämlich der Angeklagte, die Unterschlagungsfälle lägen sämtlich vor 1900. Früher hatte er zugegeben, von 1898 bis 1906 fortgesetzt Gelder aus der Kasse für sich verwendet zu haben. Wäre seine jetzige Behauptung zutreffend, so wären seine Straftaten verjährt. Das Gericht be⸗ schloß auf Antrag des Staatsanwalts Vertagung auf unbestimmte Zeit, weil noch weitere Zeugen geladen
werden sollen.— Verteidiger des Angeklagten ist der 5
frühere Landgerichtsrat, Rechtsanwalt Müller.
Aus dem Rreise Wetzlar.
* Folgen der Zollpolitik. Wie das deutsche Volk durch den agrarischen Zollwucher ausgebeutet wird, beweist eine Zeitungs notiz, die auch der„Wetzl. Anzeiger“ abdruckte und in der mitgeteilt wird:
Nr. 27.
Auf dem f


