Ausgabe 
8.7.1906
 
Einzelbild herunterladen

Seite 2.

Mitteldenutsche Sonntags⸗Zeitung.

Ar. 27.

Uebrigens haben aber die Fleischbarone doch dafür gesorgt, daß das Gesetz ihnen nicht weh tut, ste setzten es durch, daß die Kosten der Inspektion auf den Staal gewälzt werden; ebenso wurde die Datierung der Etiketten auf Fleischkonserven verworfen.

Schauderhafte Kolonialwirtschaft.

Gegen die deutsche Kolonialverwaltung werden erneut schwere Anklagen erhoben, die zum Teil direkt von dem Zentrumsabgeordneten Erzberger stammen, andernteils im Stuttgarter Zentrumsblatt enthalten waren. Bei einer kürzlichen Wählerversammlung in Lüden⸗ scheid hat Erzberger erzählt, daß von den Liebesgaben für unsere Afrikakrieger Unterstützungen an Berliner Be⸗ amte und Offtziere zur Teilnahme an dem Kolonialfeste gezahlt worden seien, daß aber viele unserer Afrikakrieger von Liebes⸗ gaben nichts gesehen hätten. Die Geschichte von der Cousine des Herrn v. Puttkamer stehe hinter anderen Fällen weit zurück. Es sei fest⸗ gestellt, daß Offiziere und Beamte in Kamerun sich auf Kosten der deutschen Steuerzahler Häuser für Konkubinen hätten bauen lassen. Wenn die Regierung es abgelehnt habe, ein Disziplinarverfahren gegen Herrn v. Puttkamer einzuleiten, nur weil dieser es nicht wünsche und weil es ihm unangenehm sei(Sehr be⸗ greiflich! D. R.) so würde der Reichstag am besten handeln, wenn er stch selbst die Akten geben ließe und selbst den Mißständen nachforschte.

Ueber die Zustände in Südwestafrika schrieb das Biberacher Blatt Erzbergers u. a.:

Daß die Truppe entartet, it selbst⸗ verständlich! Müßiggang ist aller Laster An⸗ fang, besonders wenn noch die hohe Besol⸗ dung hinzutritt! Was dort an Alkohol verbraucht wird, ist kaum faßbar! Die Schnapswirte machen die besten Geschäfte und das internationale Dirnentum ebenso. Die Gefängnisse sind überfüllt mit Weißen. Im Rausche begehen die Soldaten vielfach Dinge, die sie für ihr Leben unglücklich machen. So auch die Meuterer. Was vielfach an Offtzteren nach Südwestafrika sich meldete und abgeschoben wurde, ist nicht besser. Das Geld der deutschen Steuerzahler wird auch in böser Weise dort verschwendet. Das gesamte Rechnungs⸗ wesen ist total zusammengebrochen; eine geordnete Abnahme der Lieferungen findet vielfach nicht mehr statt.... Kapländer sind durch den Krieg Millionäre geworden.

Erzberger meinte weiter, daß der Krieg noch 100 Millionen Mk. kosten würde, und verlangt den schleunigen Rückzug der Truppen. Für seine Behauptungen wird der Zentrums⸗ mann seine Beweise haben, warum rückte er aber nicht damit heraus, als der Reichstag noch beisammen war? Die Regierung sucht die An⸗ gaben zu bestreiten.

Aus der Ferienkolonie.

Von Ende März bis Ende Juni 1906 wurde die gerichtliche Bestratrung von 52 Soldaten⸗ quälern bekannt. An Strafen wurden aus⸗ gesprochen: 8 Jahre 8 Monate 3 Tage Gefäng⸗ nis, 4 Monate 22 Tage mittlerer Arrest, 1 Monat 9 Tage gelinder Arrest, 1 Monat 29 Tage Stubenarrest, 7 Degradationen. Der Freiheitsentzug beträgt im ganzen 9 Jahre 4 Monate 3 Tage. Sogar zwei preußische Hauptleute mußten in diesem Vierteljahre gerichtlich bestraft werden und zwar einer vom Lauenburgischen Jägerbataillon mit 17 Tagen und ein anderer vom Grenadierregiment Nr. 12 mit 42 Tagen Stubenarrest. Leider wurden ihre Namen nicht genannt. Wenn sogar Hauptleute mißhandeln, so schweigen alle Flöten. Würden die Herren Kriegsminister die Soldaten⸗ schindereien mit Energie bekämpfen, so würden die Herren Hauptleute Mißhandlungen hübsch bleiben lassen, denn sie wüßten dann, daß ihnen Soldatenquälereien unnachsichtlich die Verab⸗ schiedung eintrügen. Besonders auffallend ist das Ueberhandnehmen desSchäftens der jungen Mannschaften durch die alten. Gerade hiergegen hätten die Kriegsministerten ein durch⸗ greifendes Mittel, nämlich die Versetzung in eine Arbeiterabteilung, in der Hand. Sie

brauchten nur die kommandierenden Generale anzuweisen, daß Mannschaften, die sich am Schäften beteiligt haben, in eine Arbeiterabtei⸗ lung zu versetzen sind. Zu hart wäre die Maß⸗ regel gewiß nicht, denn es ist nichts Roheres und Feigeres denkbar, als diese Ueberfälle auf einen Wehrlosen.

Wie unsere Gegner arbeiten.

Die Korrespondenz des Reichsverbandes der Sozialistenvernichter erzählt, wie die Reichs⸗ verbändler bei der Wahl in Hannover gegen uns gearbeitet und die bürgerlichen Parteien organtstert haben.Auch in Hannover zeigte sich, schreibt sie,wie noch stets bisher, wenn der Reichsverband eingriff, daß Organisationen der bürgerlichen Parteien entweder nicht oder in unzureichendem Maße vorhanden sind oder wo sie da find, schlecht oder gar nicht funktio⸗ nieren, jedenfalls die Wahltechnik nur ganz mangelhaft beherrschen. In einer kurzen Spanne Zeit aber war es gelungen, einen bedeutenden Wahlfonds zu sammeln und eine mustergültige Vertrauensmännerorganisation ins Leben zu rufen. In Hannover und Linden waren nicht weniger als 104 fliegende Wahlbureaus eingerichtet; etwa 1000 nationalgesinnte und opferbereite Männer hatten sich zu⸗ sammengefunden, die fich in nicht hoch genug anzuerkennender Selbstlostgkeit den fliegenden Wahlbureaus als Obmann, Schlepper usw. zur Verfügung stellten. Im Hauptwahlbureau selbst waren etwa 100 Angestellte tätig, um alles bis aufs Kleinste für die Wahlschlacht vorzubereiten. Tag und Nacht wurde gearbeitet, die Beamten des Reichsverbandes waren bis zum Umsinken unermüdlich auf den Beinen, in den letzten Tagen kaum zwei Stunden Schlaf findend!

Mag hierin auch ein gutes Stück Renommisterei liegen, soviel steht jedoch fest, daß die Bürger⸗ lichen unter Führung des Reichsverbandes un⸗ geheuere Anstrengungen gemacht haben, worauf auch die beträchtliche Steigerung der national⸗ liberalen Stimmenzahl zurückzuführen ist. Für die nächste Reichstagswahl stehen uns jedenfalls die heftigsten Kämpfe bevor und wir müssen daher mit allem Eifer an dem Ausbau unserer Organtsation arbeiten.

Die Ersatzwahl in Altena⸗Iserlohn

hat den Freisinnigen den Verlust ihres bisher von Lenzmann vertretenen Mandats gebracht, wie die amtlichen, nach verhältnismäßig langer Zeit ermittelten Wahlziffern ergeben. Danach erhielt unser Parteigenosse Haberland 10546, Klocke(Zentrum) 7774, Müller(freis.) 7 686, Haarmann(natl.) 6 552 und der Stöckerianer Rüffer 1637 Stimmen. Es kommt also der Zentrumsmann mit unserm Genossen in Stich⸗ wahl. Diese ist auf den 10. Juli festgesetzt und wird voraussichtlich zur Wahl des Zent⸗ rumsmannes führen, da die bürgerlichen Par⸗ teien uns hier als eine reaktionäre Masse gegen- überstehen; die Nationalliberalen haben ihre Leute bereits aufgefordert, für das Zentrum zu stimmen. Die Freisinnigen werden zum größten Teile jämmerlich genug sein, das Gleiche zu tun, womit die Wahl des Zentrums⸗ kandidaten entschieden ist. Gegen die Wahl von 1903 stieg unsere Stimmenzahl um etwa 400; das ist zwar nicht viel, doch es kommt in Betracht, daß der Kreis vorwiegend kleinere Orte umfaßt und große Industriezentren nicht vorhanden sind. Die Stöckerleute brachten trotz riestiger Agitation wieder nur eine ber⸗ schwindende Stimmenzahl auf.

Die abgehauene Hand vor Gericht.

In Breslau wurde am Freitag die Klage verhandelt, die der von einem Schutzmann ver⸗ stümmelte Arbeiter Biewald gegen die Stadt⸗ gemeinde Breslau angestrengt hat. Vertreter Btiewalds ist Justizrat Mamroth, welcher auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches von der Stadt eine einmalige an Biewald zu zahlende Entschädtigung von 5168 Mk. und eine lebens⸗ längliche Rente von vierteljährlich 219 Mk. bis Juni 1911 und von da ab 307 Mk. verlangt. Der Vertreter des Breslauer Magistrats, Justtiz⸗ rat Friedenthal erklärte, daß es dem Magistrat

fern liege, dem Unglücklichen den ihm zustehenden gesetzlichen Entschädlgungsanspruch zu bestreiten. Es seien aber die Tatsachen noch nicht einwandfrei festgestellt() und noch nicht einmal der Schutzmann ermittelt, der Biewald die Hand abgehauen habe. Deshalb beantragte der Magistratsvertreter in erster Linie Aussetzung des Verfahrens bis Abschluß des Aufruhrprozesses und der von Mamroth beantragten Untersuchung, in zweiter Linie Ver⸗ tagung des Termins, da die erforderliche Klar⸗ heit nur das Strafverfahren bringen könne. Dem schloß sich das Gericht an und vertagte den Termin bis zum 26. September. Ob der arme Teufel etwas erhalten wird?

Kleine politische Nachrichten.

Ein sozialdemokratischer Bürgermeister⸗ wurde am Samstag in Hagsfeld bei Karlsruhe ge⸗ wählt. Während auf den bisherigen Bürgermelster 109 Stimmen fielen, erhielt der Genosse Wurm 177 Stim⸗ men. Bravo!

Antisemitischer Bankrott. DieDeutsche Wacht in Dresden, das antisemitische Hauptorgan

in Sachsen, hat am 1. Juli sein Erscheinen eingestellt,

weil sich kein Käufer dafür gefunden hat.

D

Revolution in Nufßfland.

Die Sozialksten in der Duma gaben in einer Sitzung Ende voriger Woche eine Er⸗ klärung ab, in der sie der Duma ihre Unter⸗ stützung im Kampfe gegen das Willkürregiment zusagen, die Duma aber nur als erste Etappe auf dem Wege zur konstituierenden Ver⸗ sammlung bezeichnen. Abg. Ramischvili (Sozialdemokrat) verurteilte die von der Regie⸗ rung gegen Versam mlungen der extremen Parteien ergriffenen Maßnahmen und erklärte, sich an das Zentrum und die Rechte wendend:Die Soztalisten sind zwar nicht zahlreich in der Duma, ste haben aber den Trost, daß sie das wahre russische Volk vertreten, das sie unterstützen wird. Alle Versicherungen, daß Rußland einen neuen Weg zum Fortschritt ohne eine Revolutton beschreiten könnte, sind falsch. Am Montag kam es in der Duma zu einem heftigen Auftritt. Bei der Beratung über das Versammlungsrecht versuchte der Generalstaats⸗ anwalt der Armee, Pawlow, das Wort zu ergreifen. Doch die gesamte Linke erhob sich gegen ihn mit dem Rufe:Wir wollen die Henker, Räuber und Mörder nicht hören. Sie sollen ihren Ministern sagen, daß ste abdanken sollen. Pawlow mußte ab⸗ treten und der Prästdent unterbrach die Sitzung.

Die Rebellion im Heere. Daß in der russischen Marine wie auch in der Land⸗ armee eine tiefe und verbreitete Gärung herrscht. und ein großer Teil des Militärs keineswegs gewillt ist, für den Zarismus Henkers dienste zu leisten, beweisen zahlreiche Vorfälle, über die trotz aller Vertuschungsversuche Nachrichten zu uns herüber gelangen. Ende voriger Woche wurde ein Telegramm des Kommandanten von Kronstadt an den Marineminister bekannt, worin ersterer die Lage in Armee und Flotte als überaus bedrohlich bezeichnet. Matrosen. und Soldaten veranstalteten häufige Versamm⸗ lungen, in denen allerlet Forderungen, die mit der Disziplin unvereinbar seien, gestellt würden. Revolten seien zu befürchten; daher sei eine Verstärkung der Truppenteile in Kronstadt durch zuverlässige Elemente notwendig, bis Beruhigung eingetreten sei. Aus Sebastopol wurde berichtet, daß dort sehr bedenkliche Zu⸗ stände herrschten. Etwa 1000 Soldaten der Garnison und Matrosen der Kriegsmarine wurden wegen Teilnahme an revolutionären Umtrieben verhaftet. Auch die Führer der Sozial⸗ demokraten in Sebastopol wurden ver⸗ haftet und in das Gefängnis eingeliefert. Die Behörden spornen die noch verläßlichen Truppen an, über die Juden und die christliche Intelligenz herzufallen. Die Offiziere versprechen den Sol⸗ daten Straflosigkeit für alle Gewalttaten gegen Juden und gegen die Intelligenz, wie schlimm ste immer sein werden. Sämtliche Geschütze sind von den Kriegsschiffen im Hafen von Se⸗ bastopol entfernt worden, damit sie nicht von den meuternden Matrosen gegen die Stadt be⸗