—
——T4————— 1062. 82.828.888 1
—
N 2.
Gießen, den 8. Juli 1906.
13. Jahrgang.
Redaktion: 0 Nebaktionsschluß Mirchenplatz 11. Schloßgasse. M 10 Id tsch Donnerstag Nachmittag 4 Ne 5 itteldeutsche
Abonnementspreis:
Bestellungen
Juserate
Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt.
Austräger frei ins Haus
geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Lanbbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)
Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 500% Rabatt.
Bei mindestens
Von der vollen Kompottschüßsel der Arbeiter.
Wenn die Soldschreiber des Ausbeutertums
und des Kapitalismus den Arbeitern Zufrieden⸗
heit und Sparsamkeit predigen, dann gehen die Unselbständigen, die die höchste Tugend in dem Gehorsam und dem Glauben gegenüber den Worten des Geistlichen erblicken, kopf⸗ hängerisch nach Hause und versuchen, den Schmachtriemen noch enger anzuziehen. Die frei aufschauenden und freidenkenden Arbeiter aber rufen den Sparsamkeits⸗ und Zufrieden⸗ heitspredigern zu: Macht es uns erst vor! Macht es uns erst vor, wie man mit dem kärg⸗ lichen Lohne eines Arbeiters menschenwürdig leben, seinen Verpflichtungen nachkommen und am Ende noch sparen kann! Vormachen, ist die beste Lehrmethode.
Aber davon wollen weder die superklugen Schreiber der Ordnungsblätter, noch die fromm⸗ gelahrten Brüder in Christo etwas wissen. Doch auch unter den frommen Arbeiterschäfchen macht sich nach und nach der Gedanke geltend, daß es, ach, so manchen Arbeiter gibt, der einen Lohn hat, bei dem die Mahnung zum Sparen und zur Zufriedenheit Hohn ist. Die christliche„Westdeutsche Arbeiterzeitung“ bringt von Zeit zu Zeit Aufstellungen über Einkommen und Lebenshaltung einzelner Arbeiterfamilten. Vor Kurzem veröffentlichte sie eine solche, die einen Textilarbeiter in Ful da betraf, dessen Höchstlohn Mk. 2,50 pro Tag beträgt. Der Mann hat fünf Kinder im Alter von 3— 11 Jahren, soll also mit diesem Lohn sieben Menschen ernähren.
Die Beträge für die einzelnen Haushaltungs⸗ bedürfnisse werden in der erwähnten Zusammen⸗ stellung aufgezählt und es ergibt sich eine Gesamt⸗Jahresausgabe von 851,50 Mark. Aber selbst diesen zum Unterhalt für eine sieben⸗ köpfige Familie absolut unzureichenden Betrag kann der Mann nicht erschwingen; sein Jahres⸗ verdienst beträgt bei voller Beschäftigung nur 750 Mk. Der christliche Arbeiter, der diese Aufstellung gemacht hat, bemerkt dazu:
„Diese(fehlenden) 100 Mark muß die Frau, trotz der fünf Kinder, durch Aushilfsarbeit auf⸗ bringen. Nun sehen wir aber, was sich die Familie mit den 851 Mark„leistet.“ Butter⸗ brot kennt sie nur dem Namen nach, Fleisch, jeden Sonntag ½ Pfund Rindfleisch. Als Früh⸗ stück kennt der Mann jahraus jahrein nur trocken Brot, wozu sich seine mit dünnem Kaffee gefüllte Blechbüchse gesellt. Bier trinkt er jeden Sonntag ein einziges Glas, macht pro Jahr, alle Felertage abgerechnet, 5,20 Mark. Die Kinder dieser Famflie kennen weder einen Weih⸗ nachts⸗ Oster-, Pfingst⸗ oder Kirchweihkuchen, es sei denn, daß irgend eine gute Seele an sie denkt. Ich habe diesen Mann wiederholt zum Eintritt in den Arbeiterverein zu bewegen ge⸗
sucht, aber— und ich kann es ihm absolut nicht verdenken— er weist stets hin auf die
wirtschaftliche Unmöglichkeit. Woher die Bei⸗ träge dazu nehmen? Und so wie es hier aus⸗ sieht, sieht es in Dutzenden vielleicht in Hun⸗
derten von Arbeiterfamilien Fuldas noch
aus.“ Sicher, und nicht nur in Fulda. In der Nähe Ful das in den hessischen und preußischen
Landorten stehts in den Arbeiterfamilien nicht besser und anders aus. Und wenn in andern Städten die Löhne höher sind, so ist auch die Lebens⸗ haltung eine teuerere. Aber trotz seiner Er⸗ kenntnis ist der christliche Einsender doch ein recht unerfahrener Mensch. Er fordert von den Stadtverwaltungen, sie möchten doch vor allen Dingen einmal die Ursachen der Massenarmut schonungslos bloß⸗ legen. Der Mann scheint keine Ahnung davon zu haben, daß die Stadtverwaltungen bei uns durchweg Organe des kapitalistischen Staates sind, der im Gegenteil das höchste Interesse daran hat, seine Schattenselten mög⸗ lichst zu verbergen.
Genau so machen es auch die bürgerlichen Parteien mit den herrschenden Mißständen. In seinen München Gladbacher Schmähschriften gegen die Sozialdemokratie führt z. B. das Zentrum immer und immer wieder an, Bebel habe einst gesagt, die Sozialdemokratie wolle die Wunden am Gesellschaftskörper offen halten!“ Das ist in den Augen des Zentrums ein Ver⸗ brechen! Und dabei hat Bebel im Grunde genommen nichts anderes verlangt, als was der christliche Arbeiter in der„Westd. Arbeiterztg.“ wünscht, er will die Massenarmut und was damit zusammenhängt, schonungslos bloß⸗ gelegt haben. Das Zentrum aber und die übrigen„Ordnungs“ parteien arbeiten fortgesetzt daran, die Wunden am Gesellschaftskörper zu verkleistern. Nicht nur, indem ste durch Zustimmung zu kleinlichen, fast wirkungslosen Reförmchen verhindern, daß auf lange Zeit hinaus etwas durchgreifendes geschehen kann(wir erinnern nur an die Bergarbeiter⸗ novelle), sondern auch dadurch, daß sie fortge⸗ setzt die„großen sozialpolitischen Fortschritte“ über alle Maßen loben, die in Deutschland zu verzeichnen seien.
Wenn aber der gläubige Arbeiter zu denken beginnt, ein wenig um sich und den Tatsachen ins Auge sieht, dann stößt er überall auf die Heuchelei derjenigen Parteien, die vorgeben, auch für die Interessen der Arbeiter eintreten zu wollen und von denen die Zentrumspartei und die Stöckerianer die demagogtischsten sind.
Politische Rundschau. Gießen, den 5. Juli 1906.
Die amerikanischen Fleisch⸗Skandale.
Das Verdienst, die haarsträubenden Zustände, die unglaublichen und verbrecherischen Schweine⸗ reien in den Chicagoer Schlachthäusern und Konservenfabriken enthüllt zu haben, gebührt einem Sozialdemokraten. Wie kürzlich bereits erwähnt, lenkte ein Buch die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Dinge und gab damit den Anlaß zum Vorgehen gegen den Fleischtrust. Das Buch, ein Roman, betitelt:„The Iungle“ (Die Dschungeln) hat unsern Parteigenossen Upton Sinclair zum Verfasser. Es schildert die Geschichte einer litauischen Familie in dem Fleischindustriebezirke Chicagos, ist mit rückstchtsloser Offenheit geschrieben und legt die grauenhaften Schäden des industriellen Lebens der Vereinigten Staaten schonungslos bloß. Der Roman führt uns, seinem Titel getreu, in
die„Dschungeln“ der menschlichen Gesellschaft; er gibt eine machtvolle Schilderung des ver⸗ zweifelten Kampfes ums tägliche Brot, es ist ein furchtbarer Anklageschret gegen die Miß⸗ wirtschaft des Kapitalismus. Grauenerregende Einzelheiten drangen an die Oeffentlichkeit. Es wurde festgestellt, daß krankes, ja sogar krepiertes Vieh zu Konserven verarbeitet worden war, daß aus cholerakranken Schweinen Schmalz und„Olivenöl“ für die französische Sardinen⸗ industrie hergestellt wurde, daß abgehackte Finger der Arbeiter von den Wurstmaschinen mit zu Wurst gehackt wurden, daß in die mit kochendem Schmalz angefüllten Bottiche mehrfach Men⸗ schen gefallen und völlig in dem Schmalz aufgegangen seien, das dann ruhig ver⸗ kauft murde. Ratten in Wurst und Schmalz seien als keine Seltenheit zu betrachten. Die Lücken im konservierten Fleisch wurden mit widerlichen Abfällen vollgestopft und Chemikalien zur Konservierung und Erstickung des übeln Geruches verwandt. Die Fleischbarone boten alles auf, um diese Angaben zu entkräften, und drohten schließlich damit, daß die Vernichtung der blühenden Fleischindustrie, die durch diese Enthüllungen provoziert würde, unabsehbares Elend über das Land bringen würde.
Anfänglich glaubte der Fleischtrust die An⸗ gaben des Sinclairschen Buches dadurch tot⸗ machen zu können, daß er ste als Lügen und tendenziöse Parteimache hinstellte. Die Regie⸗ rung ließ sich aber nicht abhalten, die von dem ganzen Lande gebieterisch geforderte Untersuchung vorzunehmen. Das Resultat der amtlichen 5 ging weit über alle Erwartungen
naus.
Endlich wurde das von dem Senat ange⸗ nommene Gesetz dem Repräsentantenhause vor⸗ gelegt, und die Regierung reichte diesem zugleich den Bericht der Kommissare Neill und Reynolds ein. Das gab eine gewaltige Sensation. Fast
sämtliche der bisher gemeldeten Schweinereien
wurden amtlich bestätigt. Der Fleisch⸗ trust raste. Er erklärte den Präsidenten Roose⸗ velt für einen„gefährlichen Demagogen“, drohte ihm öffeutlich mit seiner Rache und suchte sich der Unterstützung seitens der anderen Trusts zu verstchern. Mitt allen Mitteln suchten die Fleisch⸗ barone das Gesetz zu Fall zu bringen, allein vergeblich. Ob es aber die Mißstände beseitigen wird, bleibt fraglich, auf sozialistischer Seite gibt man sich in dieser Beziehung keinen großen Hoffnungen hin.
Wir wissen hier wohl, schreibt man der Parteipresse von parteigenössischer Seite aus Amerika, daß die Fleischskandale Wasser auf die Mühle der preußischen Agrarier sind. Es unterliegt nun allerdings keinem Zweifel, daß der Fleischtrust auf die Herstellung der für den Export bestimmten Konserven größere Sorgfalt verwandte, Andererseits kann aber natürlich nicht geleugnet werden, daß die Ge⸗ wissenlosigkeit der Fleischbarone auch vor dem für den Export bestimmten Fleisch nicht Halt machte. Mögen Sinclairs Enthüllungen also auch in diesem Einzelfall reaktionäre Interessen unterstützen, sein großes Verdienst um die Sache des amerikanischen Volkes wie um diejenige des Sozialismus kann nicht bestritten werden. Es war ein entscheidender Schlag, den er gegen die Trustwirtschaft, gegen den Kapitalismus geführt hat.


