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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 14.
Im brennenden Kohlenschacht.
Der Journalist Villette schilderte dieser Tage im Pariser„Gaulois“ eine Fahrt in die bren⸗ nenden Kohlengruben von Courrieéres, in die er mit einigen Ingenieuren eingefahren war. Von seiner Schilderung sei folgendes wieder⸗ gegeben:
„Bald sind wir unten, 340 Meter tief unter dem Erdboden. Ein feiner eisiger Regen rieselt auf uns nieder; er kommt von dem großen Behälter über uns her, der die verschiedenen ur Erstickung des Feuers tätigen Spritzen speist. Vor uns tauchen ein paar flackernde Flämmchen auf und allmählich erkennen wir auch als große schwarze Schatten die Träger dieser Lichter; es sind Bergleute, die hier auf uns gewartet haben. Wir folgen zunächst dem Hauptwege, auf dem Eisenbahnschienen gelegt sind und der die Gruben mit dem Fahrstuhl verbindet. Nach einander schieben wir uns langsam vorwärts. Ein scharfer Geruch von feuchter Kohle schnürt uns die Kehle zu; bald wird die Galerie immer enger, Trümmer von zerbrochenem Holz, zer⸗ borstenen Eisenschienen, umgestürzten und zer⸗ brochenen Wagen häufen sich auf, große Steine und Kohlenmassen schieben sich in den Weg. Das Vordringen wird mühselig, und ein Bild völliger Vernichtung und Zerstörung bietet sich da. Ein pestilenzartiger Gestank betäubt uns fast; es ist der Kadaver eines Pferdes, der unter all den Trümmern noch begraben liegt und die Luft verpestet. Wir sind jetzt etwa 500 Meter weit von der Ausgangsstelle her vorgedrungen und nähern uns dem Feuer. Eine starke Hitze fängt an, sich bemerkbar zu machen. Der ganze Schacht ist zerstört und verwüstet; er hat jetzt kaum einen Meter Breite und 1.30 Meter Höhe. Er ist wie ein langer furchtbarer Schlauch, dieser schmale dumpfe Gang mit seinen großen Steinblöcken, die drohend uber unseren Köpfen hängen und deren riestge Gewalt die starken Holzverschläge wie Stroh⸗ halme zerbrochen hat. Gefährlich ist's an diesem Ort, und wenn irgend ein unterirdischer Stoß die Erde auch nur ein wenig erschütterte, dann wären wir lebend unter diesen Steinen begraben, ohne daß es möglich wäre, uns Hilfe zu bringen. Schweratmend wenden wir uns um und treten aus diesem schmalen Gang in eine etwas breitere Galerie, in der wir wenigstens aufrecht gehen können. Eine Flut schwarzen Wassers, das einen widerlichen Dampf aufsteigen läßt, um⸗ fließt uns hier und vorsichtig tasten wir uns durch diese schlammige Nässe vorwärts. Bis zu den Knöcheln steigt die schmutzige Welle und spritzt bis an die Knie, die Schuhe werden fest⸗ gehalten von dem zähen, klebrigen Schmutz, auf Schritt und Tritt stößt der Fuß auf Steine, Holz, Eisenstücke, welche die furchtbare Exploston verstreut hat. Dazu herrscht eine erstickende Hitze, die immer größer wird, je näher wir an das Feuer kommen.
Wenige Meter von dem Feuer entfernt, machen wir fast erstickt Halt. Ein Posten ist hier aufgestellt; Männer bis zum Gürtel nackt, das Gesicht und den Oberkörper ge⸗ schwärzt von Schmutz und Kohlenstaub, in Schweiß gebadet, lehnen hier in stoischer, stolzer Ruhe; es sind Pariser Feuerwehr⸗ leute und Männer der deutschen Rettungs⸗ mannschaft, die darauf warten, ihre Kameraden, die im Feuer arbeiten, abzulösen. Kriechend und stöhnend suchen wir noch weiter vorwärts zu kommen; der Boden ist kochend heiß und glüht, denn gestern war das Feuer noch hier und diese zehn oder zwölf Meter, durch die wir uns nun hindurchwinden, sind eben erst dem furchtbaren Element abgerungen worden. Eine helle Lohe schlägt vor uns auf. Das ist das Feuer! Ein Pariser Feuerwehrmann, das Mundstück der Feuerspritze in der Hand, erstickt mit mächtigem Strahle die Glut, wäh⸗ rend die deutschen Retter, flach auf dem Bauche liegend, aufpassen, ob ste ihm zu Hilfe eilen müssen. Zischend und prasselnd verzehrt das Wasser die lodernden Flammen, Dampfwolken brausen empor und verflüchten sich durch den Luftzug des Ventilators. Die Wände der Galerie dampfen vor stedender Hitze, auch die
Kohle, die auf dem Boden verstreut liegt, raucht
und glüht. Selbst wenn man keine Flammen steht, so hat man doch den Eindruck, daß diese schwarze Kohlenrinde einen Herd glühender Flammen und grausigen Feuers verbirgt. Das Blut pocht in den Schläfen, ein Sausen und Schwirren klingt in den Ohren, der Körper ist in Schweiß aufgelöst, eine so furchtbare Hitze herrscht hier.
Wir schlagen dann einen neuen Weg ein, der auf bisher noch unerforschtes und unbe⸗ tretenes Gebiet führen soll. Wieder kriechen wir in schmalem Gange, auf Schritt und Tritt von Trümmern und Steinen gehindert, die wir nur mühsam aus dem Wege schaffen, während wir uns in acht nehmen muͤssen, mit dem Kopfe nicht die aufgetürmten Steine zu berühren, die auf uns niederstürzen könnten. Auf einmal stehen wir dreißig Zentimeter tief im Wasser. Durch den heißen Schlamm waten wir weiter, der Ingenieur geht sorgsam voran. Plötzlich ruft er:„Löscht die Lampen aus!“ Tiefe Dunkelheit umgibt uns in der heißen stickenden Luft, in der von allen Seiten wie in einem Grab Steine auf uns drücken. Im Hintergrund durch ein klaffendes Loch sehen wir einige Flammen aufflackern; auch hier ist Feuer. Die Hitze wird immer unerträglicher, und ein furcht⸗ barer Geruch von brennendem Holz betäubt uns fast. Wir sind mitten in dem großen feurigen Ofen, den diese Gruben darstellen, bei 50 Grad Hitze. Jedes weitere Vordringen ist hier K n, und wir müssen notgedrungen zurück..“
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Ein Geschichtchen aus dem Weinland.
Der alte Winzer Emmel in Niederhammerstein am Rhein ist ein gottesfürchtiger, christkatho⸗ lischer Mann, dem ganz gewiß niemand nach⸗ sagen dürfte, daß er je die Pflichten seiner Kirche vernachlässigt habe. Im Gegenteil, er hat ste alle treulich erfüllt sein Lebenlang, er sowohl wie sein Weib, die jetzt„in Gott ruht“ und dort oben den Lohn für ihr hienieden ach so mühseltges Leben erntet. Ist es doch einzig und allein. wie der Herr Pastor sagt, seine heilige Kirche, die katholische, die ganz gewiß selig macht, die ganz allein selig macht, wenn man sich nur ihrer Gnadenmittel bedient, recht⸗ zeitig und ausgiebig bedient, natürlich, sollte es auch einmal einen Taler kosten, den man eigent⸗ lich für Brod und Kleider mehr wie gut ge⸗ brauchen könnte.—
Wie es nun zugehe, daß der stille, geduldige Alte einen Sohn hat, der so ganz aus der Art geschlagen scheint! Neun Kinder hat ihm sein Weib geboren, fünf davon leben, die vier, die gestorben sind, konnte die Mutter nie vergessen. Unter Tränen sagte ste oft:„Sie alle könnten noch da sein, hätte man etwas mehr dazu: Zeit und Geld, aber vor lauter Abrackerei und Sorge muß man sein eigen Fleisch und Blut dahin⸗ welken lassen“. Jedoch um so besser gediehen die Ueberlebenden, drei Buben und zwei Mädels. Die waren so urkernig und gesund und schlank und rund, wie man sich Rittersleute und Barone denkt, wie die aber nicht sind.
Zwei Söhne waren Winzer wie der Vater, der eine schon verheiratet; von den Töchtern war eine im Dienst, eine zu Hause, der jüngste Sohn aber war Schlosser. Der hatte ein Stück Welt durchwandert und seit einem halben Jahr daft er in Deutz in einer großen Fabrik.
un war er zur Kirmes nach Niederhammerstein zu den Seinen gekommen.
Die Niederhammersteiner Kirmes ist die letzte Kirmes am Rhein, sie fällt auf Sankt Katha⸗ rienentag, das ist Ende November, die Zeit des Ausruhens für den Winzer.
Jetzt sitzt der alte Emmel im Kreis der Familie in der gemütlich durchwärmten und
erhellten Wohnstube beim Neuen, der in einer bauchigen Steinkanne auf dem Tisch stand. Auch ein dicker„Platz“, ein Rosinenkuchen, präsentierte sich, recht appetitlich in Scheiben geschnitten. Wer immer kommt, der ißt und trinkt, es ist eben nur einmal im Jahr Kirmes. So gut wie der vorjährige mundet der neue nicht. Schade! Ewig schade, daß man so ein prima Weinchen um die paar Pfennige los⸗ schlagen muß! Das wird ein Gedenkwein für Kinder und Kindeskinder! 19041! Ja, und der Weinhändler tut sich jetzt dick damit und hat den Profit. Der Winzer aber hat die Plage. Und die Vornehmen und die Reichen die trinken das gute Tröpfchen. Nicht einmal einen Liter konnte man davon zurückbehalten. Der neue aber ist noch ziemlich federweiß. Na ja, er schmeckt ja auch nicht übel.
Der Alte schmaucht sein Pfeifchen und ist schon wieder zufrieden. Das Jungvolk ist nun tanzen gegangen. Das jungverheiratete Paar, die Töchter mit ihren Schätzen, der zweite Sohn mit seinen Kameraden. ur Heinrich, sein Jüngster, will ihm einstweilen noch etwas Ge⸗ sellschaft leisten. Da wären sie nun hübsch allein miteinander; gute Gelegenheit auszurichten, was ihm der Pastor so sehr ans Herz gelegt. Wa⸗ rum es nur der Pastor nicht selber tat!? Aller- dings, der Heinrich, der konnte einem in aller „Beliebtheit“,(meint Liebenswürdigkeit) doch recht scharf heimleuchten!
„Trink aus, Heinrich“, sagte der Alte und er ging mit gutem Beispiel voran. Der Heinrich ergriff den schweren Steinkrug und schenkle wieder ein.
„Sag Heinrich“, hob der Alte wieder an, „da draußen in der Welt verlieren die Leut' leicht den wahren Glauben“.
„Hm“ machte der Heinrich,„wieso?“
„Ja“, sagte der Alte etwas unsicher,„da geht der Teufel um und suchet wen er verschlinge“.
Heinrich lächelte, denn sein alter lieber Vater hatte den letzten Satz in prachtvollstem Hoch⸗
deutsch gesprochen, beinahe wie der Herr Pastor
auf der Kanzel. Heinrich wappnete sich.
„Na“, sagte Heinrich,„da wird der Teufel auch manchmal Bauchweh haben, aber was ich sagen wollte, der Neue macht sich eigentlich gar nickt schlecht“. Und er trank.
Aber der Alte war nun im Zuge:„Bauch⸗ weh, von den Sozialdemokraten gelt? Du rebest daher, als wärst du schon einer. Sag' Heinrich, glaubst Du noch an'n Herrgott, wenn Du schon vor'm Teufel nit mehr bang bist!?“
„Ich?“ fragt Heinrich,„gewiß tu' ich das“.
„Ja“, sagt der Alte freudig,„dann geht et ja noch. Der Herr Pastor hat mir gesagt, er hätt' Dich mit dem roten Kerl zusammengesehen, der in Leutersdorf vorigen Sonntag in der sozialdemokratischen Versammlung hat sein Maul laufen lassen, det“———
„In der Metallarbeiterversammlung, ja, mit dem Josef hab' ich gesprochen“.
„Das sein doch Soztaldemokraten, diese, die Metallarbeiter?“ Der Alte sprach das letzte Wort wieder in bestem Hochdeutsch.
„Wie mans nimmt“, sagt Heinrich lakonisch.
„Und Du glaubst wirklich an'n Herrgott?“
„Ja Vater“, beharrt Heinrich,„ganz sicher⸗ lich. An einen Herrgott glaub' ich, aber ich weiß nicht genau welcher von den dreien es ist“.
„Wie?“ fragt der Vater.
„Siehst Du“, erklärt Helurich,„in Köln hab' ich manchmal gesehn, wie sie Einen beerdigten. War es ein Armer, dann trugen sie ihm das hölzerne Herrgöttchen voran; konnten sichs die Leute leisten, dann bestellten sie sich das kupferne Herrgöttchen und war ein ganz Reicher gestorben, dem leuchtet das silberne e l paß zu Grabe. Ein prachtvolles Krnzi⸗
x ist das, Vater, vergoldet und das blitzt in der Sonne und funkelt wie Edelstein und wie ganz neue Zwanzig Märker. Nun weiß ich ui recht, welches das rechte Herrgöttchen ist, und an welches ich glauben soll; ob ans arme hölzerne, ans kupferne für den Mittelstand oder ans silberne für die Reichen“. a
Heinrich schwieg und sein Vater tat dasselbe.
„Siehst Du“, begann Heinrich wieder,„wenn man so in der Welt herum kommt, dann steht
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