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Nr. 14.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Aus dem Rreise sriedberg⸗Püdingen.
§ Politische Lorbeeren hat sich der Stadtrat von Bad Nauheim verdient. Der dortige Bildungs⸗ verein hat ein öffentliches Lesezimmer eingerichtet, welches neben Zeitungen sämtlicher andern politischen Richtungen selbstverständlich auch sozialdemokratische Blätter enthält, ebenso wie es in Frankfurt, Offenbach, Mainz, Darmstadt und Gießen der Fall ist. Als aber der Bad Nauheimer Bildungsverein den dortigen Stadtrat um Unterstützung seiner Bestrebungen bat, wurden die weisen Stadtväter von solcher Panik vor dem roten Gespenst ergriffen, daß sie nicht dafür zu haben waren. Der berühmte„Weltbadeort“ hat damit Anspruch auf das zweifelhafte Verdienst der größten wohl nicht nur politischen, sondern allgemein geistigen Rückständigkelt.
— Die Unterschlagungen im Butz bacher Sparkassen verein find doch bedeutend höher, als zuletzt— zur Beruhigung des Publikums— angegeben wurde. Nach den neuesten Feststellungen betragen die Unterschleife Heinzerlings bei der Kasse selbst 92000 Mk., noch höher ist aber die Summe der unterschlagenen privaten Gelder. Im ganzen beläuft sich die veruntreute Summe auf rund 200 000 Mk., wie auch zuerst an⸗ gegeben wurde. Die Erregung gegen den Vorstand, der Heinzerling schalten und walten ließ, steigert sich täglich. Letzterer befindet sich jetzt im Gießener Untersuchungs⸗ gefängnis und soll, wie berichtet wird, sich über die von ihm angerichtete Geschichte nicht viel Gedanken machen. — Um den vollständigen Zusammenbruch der Kasse zu verhüten, wurden bei dem Mathildenstift, einem Privat⸗ institut, 10 000 Mk. aufgenommen, außerdem soll der Gemeinderat im Verein mit etlichen 40 gut situierten Bürgern sich zur Bürgschaftsleistung bereit erklärt haben. Ob die Kasse erhalten werden kann, bleibt allerdings immer noch fraglich.
h. Nieder⸗Eschbach. Unser Genosse Heinrich Becker hat vorige Woche seinem Leben selbst ein Ziel gesetzt. Er litt an einer unheilbaren Krankheit und be⸗ zog als Mitglied der hiesigen Krankenunterstützungskasse und der Ortskrankenkasse Frankfurt a. M. Unterstützung. Es gab nun Lästerzungen, die behaupteten, Becker sei gar nicht krank, er fimuliere nur Krankheit, um die Unterstützungen zu ergattern und sich auf die faule Haut zu legen. Das hat den allezeit arbeitsamen Mann tief gekränkt. In einem Briefe, den man in seiner Rock- tasche fand, bezeichnet er diese Verleumdung, sowie das Bewußtsein, daß seine Krankheit unheilbar war, als Motiv seiner Tat. Er ist also eigentlich ein Opfer böser Zungen geworden..
Aus dem Rreise Alsfelo⸗Cauterbach.
— Aus Als feld wird uns im Anschluß an die Notiz„Krankhafte Einbildung“ in voriger Nummer von anderer Seite mitgeteilt, daß schon seit undenklichen Zeiten ein Leichenwagen vorhanden sei. Die Träger werden nur gebeten zum Tragen der Leiche aus dem Sterbehause in den Wagen und am Friedhofe vom Wagen bis an das Grab.
a. Ein alter Zopf. In Alsfeld findet die Konfirmation und Schulentlassung der Kinder erst zu Pfingsten statt. Gegen diesen in vieler Beziehung un⸗ praktischen Brauch wandte man sich im vorigen Jahre von verschledenen Seiten und verlangte, daß die Kinder zu Ostern entlassen werden sollten. Demgegenüber traten aber andere unter Anführung der merkwürdigsten Gründe für Beibehaltung des bisherigen Termins ein. Tat⸗ sächlich bringt der bisherige Brauch für manchen Familien⸗ vater Nachteile mit sich und es sollte die Bevölkerung auf Abstellung desselben dringen.
Aus dem RNreise Weßzlar.
h. Die Hirsch⸗Dunkerschen Gewerk⸗ vereine, merkwürdige Gebilde aus früherer Zeit, die sich auch Arbeiterorganisationen nennen— entwickeln in letzter Zeit im Wetzlarer Kreise größere Agitation. Am Sonntag hielten sie wieder eine Versammlung im Schützen⸗ garten ab, die aber zum größten Teile von Mitgliedern der freien Gewerkschaften besucht war. Es sprachen die Herren Trabert aus Berlin und Zeegler aus Köln, die sich hertige Ausfälle gegen die Metallarbeiter leisteten. Ihnen traten Leimpeters vom Bergarbeiterverband und Fuhrmann vom Metallarbeiterverband entgegen und es kam zu scharfen Zusammenstößen. Einen Erfolg haben die Gelben nicht zu verzeichnen.
h. Die Ortskrankenkasse Wetzlar hat im vergangenen Jahre nicht günstig abgeschnitten. Nach dem Kaffenbericht, der in der am Sonntag stattgefundenen Generalversammlung gegeben wurde, mußten, um die laufenden Ausgaben zu decken, 1100 Mk. dem Reserve⸗ fonds entnommen werden, sodaß mit einer Erhöhung der Beiträge gerechnet werden muß. Der Kassenabschluß balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 15 628 98 Mark bei einem Kassenbestande von 40,33 Mk. Der Reservefonds belief sich am 1. Januar d. Js. auf 3436 Mark.— Zum 1. Juli wird der bisherige Kassierer, Herr Maas sein Amt niederlegen; die Stelle soll aus⸗
geschrieben werden. Mitgeteilt wurde ferner noch, daß Herr Zahnarzt Kuhne für die Kassenprapis zugelassen ihr.
h. Kontrollversammlungen finden statt in:
Wetzlar, Schützengarten, Dienstag, 10. April vorm. 10 Uhr für Hof Altenberg, Garbenheim, Nauborn, Ober⸗ biel, Steindorf.
h. Für Launsbach und Wißmar wurde ein Zweigverein des sozialdem. Kreiswahlvereins ge⸗ gründet. Die Vereinsversammlungen finden jeden ersten Sonntag im Monat bei Gastwirt Komp in Launsbach nachmittags 4 Uhr statt.
Westerwasd und Antersahn.
h. Brauerstreik in Weilburg. Seit Kurzem befinden sich die Brauer in Weilburg im Ausstande. Sie hatlen vor etwa vier Wochen der Brauerei Helbig einen Tarif eingereicht, in welchem als Hauptforderung pro Woche 24 Mark und Kost außer dem Hause verlangt wurde. Bisher bekamen die Brauer ihre Kost im Ge⸗ schäft, die manches zu wünschen übrig ließ. Nach der ersten Unterhandlung wurde ein Verbandskollege, welchen Herr Helbig für den Anstifter hielt, gemaßregelt; eine zweite Unterhandlung scheiterte, und so traten die Organisterten in den Streik. Arbeitswillige haben sich bis jetzt gefunden in dem Gastwirt Georg Guthardt in Kirschhofen, welcher sonst immer ein gutorganisierter Sattler gewesen sein will, und dem Maurer Friedrich Holder von Odersbach, einem Mitglied des Kriegervereins.
n. Die Ortskrankenkasse in Weilburg hielt am Sonntag„Generalversammlung“ ab. Bei Verlesung der Generalversamu lungs⸗Vertreter stellte sich heraus, daß keiner anwesend war. Von den Anwesenden war einec überhaupt nicht mehr in der Krankenkasse, ein anderer wußte nicht, daß er Vertreter war. Von einem der verlesenen Vertreter stellte es sich heraus, daß er schon vor zwei Jahren gestorben ist.() Die Mitglieder sollten sich wirklich mehr um die Kasse bekümmern, sonst können doch die Verhältnisse nicht gebessert, Mißstände nicht beseitigt werden. Aus der Rechnungsablage geht hervor, daß für ärztliche Behandlung 8000 Mk., für Krankenunterstützung 9000 Mk. aufgewendet worden ist.
* Beleidigte Stadtväter. In Haiger wurde Gen. Trott wegen Beleidigung einiger Stadt⸗ verordneter zu 300 Mk. Geldstrafe verurteilt. Bei der letzten Gemeindewahl hatte er ein Flugblatt herausge⸗ geben, in welchem die dortige Rathauswirtschaft gegeißelt und einige Stadtväter sehr scharf angegriffen wurden. Dem Angeklagten wurde zugebilligt, daß er in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe.
Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain.
Mitgliederzahl der Marburger Gewerk⸗ schaften. Der kürzlich vom Gewerkschaftskartell erstattete Bericht machte nähere Angaben über die Stärke der ein⸗ zelnen Gewerkschaften, sowie die Zahl der in den be⸗ treffenden Berufen Beschäftigten. Es ergibt sich danach folgende Tabelle:
Mitglieder: Beschäftigte: 5 40
Bäcker
Buchdrucker 48 50 Erdarbeiter 50 350 Holzarbeiter 70 140 Kupferschmiede 1 4 Lackierer 36 121 Metallarbeiter 21 152 Maurer 100 145 Schneider 31 55 Schuhmacher 13 32 Steinhauer 27 37 Zusammen: 452 1126
Diese Zahlen zeigen, daß noch eine große Organi⸗ sationsarbeit in Marburg zu leisten ist.
In der Wahlvereinsversammlung wurde die Reichstags⸗Kandidatenfrage erörtert. Genosse Bader⸗Magdeburg will die Kandidatur nicht wieder an⸗ nehmen, weshalb der Vorstand nach gründlicher Aus⸗ sprache beauftragt wird, nach einem geeigneten Kandi⸗ daten Umschau zu halten. Desgleichen beauftragte man den Vorstand, die„Maifeier“ zu regeln. Nach erfolgtem Ausschluß eines Mitgliedes und Neuaufnahme von neun Genossen in den Wahlverein besprach Gen. Dr, Michels die antimilitaristische Bewegung in Frankreich. Er lobte besonders den Opfermut der französischen Genossen in ihrer antimilitaristiscen Bewegung. Diesen Opfermut sollten sich die deutschen Genossen zum Vorbild nehmen. Aber das deutsche Proletariat ist dank seiner guten Füh⸗ rung bereits„geistig vernachlässigt“, nach Ansicht Michels. Ferner warf Redner die Frage auf, was uns wohl unsere Demonstration am 21. Januar genützt habe? Nach seiner Ansicht gar nichts! In der sich hieran anschließenden Diskussion kamen jedoch andere Ansichten zur Sprache, die sich mit diesen Ausführungen nicht deckten. Mit Ausnahme des Genossen Abel waren sämtliche Redner der Meinung, daß das deutsche Proletariat heute auf einer geistigen Höhe angelangt sei, wie nie zuvor. Ent⸗ schieden müsse der Vorwurf Michels zurückgewlesen werden, daß der rote Sonntag uns nichts genützt habe. Wer
nur einigermaßen die Berichte vom Verlauf des roten Sonntags gelesen hat, der müßte zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß das deutsche Proletariat an diesem Tage seine Macht gezeigt habe. Und selbst in Marburg kam am roten Sonntag eine Versammlung zustande, die alle übrigen derartigen Versammlungen übertroffen hat. Genosse Michels trat wiederholt für seine Auffassung ein, fand aber wenig Zustimmung.
Reichskanzler Fürst Bülow
wurde am Donnerstag im Reichstage während einer Rede Bebels ohnmächtig. Später erholte er sich wieder. Nach Wiedereröffnung der Sitzung brach Bebel seine Rede ab.
Opfer der Bergarbeit.
Noch hat sich die Aufregung über das fürchler⸗ liche Unglück in Courriéres nicht gelegt, so wird schon wieder ein neuer Grubenbraud gemeldet, der zwar mit der Katastrophe in Frankreich nicht entfernt zu vergleichen ist, doch immerhin mehreren Bergarbeitern das Leben gekostet hat. In der Friedensgrube bei Gletwitz in Oberschlesten entstand am Freitag Feuer. Man dämmte die Brandstelle ab, doch wurden 40 Mann durch giftige Gase betäubt und von der Rettungsmannschaft herausbefördert. Zwei davon starben; 10 mugten im Krankenhause Aufnahme finden. Die übrigen konnten sich nach Hause begeben.
Partei-Machrichten.
Genosse Heinrich Meister, Reichstagsabge⸗ ordneter für Hannover ist Donnerstag früh im Alter von 64 Jahren gestorben, nachdem er am Dienstag einen Schlaganfall erlitten hatte,
Zur Maifeier. Die Vereinsvorstände derjenigen Orte, die zur Maifeier einen Redner wünschen, wollen sich dieserhalb sofort an den Vorfttzenden des Kreiswahl⸗ vereins Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44 wenden.
„Liebknechts Leben“. Aus Anlaß des 80. Geburtstages Wilhelm Liebknechts— 29. März— gibt die Buchhandlung„Vorwärts“ in einigen Tagen eine neue Auflage der in ihrem Verlage im Jahre 1900 erschienenen Biographle Liebknechts heraus. Der Um⸗ fang des Textes ist nahezu verdoppelt; so hat der Ver⸗ fasser die Kämpfe mit v. Schweitzer dieses mal aus⸗ führlicher behandelt. Ebenso sind neue Einzelheiten und Urkunden aus dem Leben unseres„Alten“ eingefügt worden. Verschiedene Bilder werden in dieser Auflage zum ersten Male veröffentlicht. Endlich ist eine besondert Sorgfalt auf eine würdige Ausstattung verwandt worden.
ersammlungskalender. Samstag, den 7. April.
Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Lindenstruth. Arbeiter⸗Verein. Abends
8 ½ Uhr Versammlung bei Wirt Peter Zinkaun. Zahlreich erscheinen. Staufenberg. Volks verein. Abends 8/ Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Geiß ler. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Sonntag, den 8. April. Lollar. Wahlverein. Vormittags 10½ Uhr Versammlung bel Wirt Schupp. Montag, den 9. April. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Or big. Dienstag, den 10. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.
Die nächste Nummer unseres Blattes gelangt wegen des Charfre tags bereits am Donnerstag, den 12. April, zur Ausgabe. Zuschriften erbitten wir bis spätestens Mittwoch 1 Uhr nachmittags.
Abends 9 Uhr
Briefkasten.
N. N.⸗Alsfeld. Wir haben doch schon so oft erklärt, daß wir nichts aufnehmen können, von dem wir nicht wissen, wer der Einsender ist. Also immer Namens⸗ unterschrift! Der Name kommt nie in die Zeitung (ausgenommen der Einsender wünscht es), wird auch nie andern Personen, auch nicht Behörden genannt— Wir müssen aber wissen, mit wem wir es zu tun haben. Dem Abdruck Ihrer Zuschrift steht nichts im Wege, wenn Sie uns Ihren Namen nennen.
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