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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 14.
onders das der Metallindustrie, sorgt allein chon dafür, daß dies nlcht eintreten kann. Der Holzarbelterverband zählt jetzt etwa 140000 Mitglieder und der Fabrik⸗ und Hilfsarbelter Verband hat ebenfalls die 100 000 überschritten.) Lohn kämpfe. Die Lohnbewegung der Schneider in Frankfurt nimmt für die Gehllfen einen günstigen Verlauf. 50 Firmen des Arbeltgeberverbandes und 43 Firmen der Innung haben den Tarif anerkannt. Nur wenige Firmen haben dle Anerkennung versagt, bei ihnen wird die Arbeit elngestellt.— Der Berg⸗ arbelterstretk im Thüringer Braunkohlen⸗ reviler dauert fort. Die 335 der Streikenden beläuft sich auf 4500. In der am Sonntag in Zeitz abgehaltenen S der Reichstagsabgeordnete Hus, dex Bergarbeiter verband set in der Lage, den Kampf fortzu- führen. Die Bewegung nimmt zu.
ͤ————— 7 5 2* Don Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten.
— Zur Konsumvereinsfrage. Genosse E. Krumm sendet uns folgende Ausführungen, mit der Bitte um Aufnahme:
„Da schon selt längerer Zeit auch im redak— tlonellen Teile der Parteipresse für Konsum⸗ vereine eingetreten wird, und da die Möglichkeit besteht, daß manche fenen die Konsumvereins⸗ zugehörigkeit gewissermaßen als Partelpflicht ansehen, gestatten Sie wohl auch mir einige Ausführungen zu der sicher aktuellen Frage.
Gewiß kaun das Recht, Konsumvereine zu gründen, Niemand bestritten werden; die Pflicht . aber, bel jeder derartigen Gründung u erster Linie zu fragen: Liegt eine wirtschaft⸗ liche Notwendigkeit zur Gründung vor, bringt die Gründung den erhofften Nutzen und sind die geeigneten Personen zur Leltung vorhanden? Und da kann ich auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen bei einem großen Tell der Konsum— vereine sagen: sie sind dadurch entstanden, daß die günstige Entwicklung einer Anzahl Vereine nun dazu beiträgt, daß ziele und planlos, aus purer Nachäfferet, auch dort Vereine
egründet werden, wo ede Vorbedingung des elingens fehlt. Ich wiederhole, wo die Not⸗ wendigkelt einen Konsumverein bringt(Mangel an letstungsfählgen Geschäften, weite Entfernungen beim Wareneinkauf, ee hohe Preise), da wird er gedeihen und ein Segen sein. Dtese Fälle sind heute nicht sehr häufig, dagegen ist die Gründung Modesache eworden; nur immer frisch drauf los, es wird ch schon machen. Diese Modetorheit wurde und wird von den Antisemiten seit 25 Jahren in Hessen gepflegt; an der Tat⸗ sache ändern alle Mittelstands-⸗Bauern⸗ fängerkunststücke der Liebermänner nichte, aber auch grade diese Herkunft läßt mir eln großes„Vorsicht beim Gebrauche“ beim Konsumgründen angebracht erscheinen. Gerade der„Mittelbeutschen“ muß ich nun den Vorwurf machen, 5 sie in ganz einseltiger Weise die zel“ und plan⸗ lose Gründung von Konsumvereinen sorbert Den Lesern wird nur erzählt von den glän⸗ enden Resultaten der groß städt! P00 en ereine, dagegen alles unterdrückt, was zur Vorsicht mahnen könnte. Wieviel Clend und Jammer über tausende Familien durch leicht⸗ stuniges Konsumvereinsgründen gebracht wird, dafür brauch' ich aus letzter Zeit nur die Namen: Leusel, Ohmes, Deckenbach, Bürgel, Stendal, Heilbronn, Rostock Schiffer stadt, Camberg, Löwenberg, Tondern, Detmold usw. zu nennen. Nur Licht- und keine Schattenselten werden bei uns registrlert, das halte ich für i Pflicht elner Arbelterzeltung ist es auch vor lelchtfertigen Gründungen zu warnen und die Genossen bor Schaden zu bewahren. Das wützt auch der Partei; jede mißlungene Gründung, an welcher befaunte Partetgenossen betelligt sind, schädigt die gesamte Parte, da man angesichts der Haltung eines Telles unserer Partelpresse wohl zu dem Glauben kommen muß, die Arbelter⸗ Konsum vereine selen Partelgrün⸗— dungen.
Noch eins muß ich hier berühren. Bet der Agttatton für die Konsumvereine wird von manchen Rednern vorgetragen, daß mon in den Konsumverelnen das Fed Maß und Gewicht bekomme, während es in dieser Hinsicht bet den Geschäftsleuten hapere. Als Kaufmann muß ich mich gegen diesen Vorwurf, der eine leichtsinnige Verallgemetnerung einzelner Fälle bedeutet, ganz entschieden wenden. Ich werde jeden als Verleumber bezeichnen, der mit diesem Grunde agittert und sei es mein bester Parteifreund; solche Agitation ist unsachlich und kann nur Haß und Erbitterung e
Wenn meine heutigen Zeilen dazu beitragen sollten, der neumodischen Galopp⸗ schusterelsmKonsumvereinsgründen zu steuern, mehr zu gewissenhafter Prüfung des Bedürfnisses und der Personen anzuregen, glaube ich der Wee einen Dienst zu erweisen. Was für Berlin und Dresden nützlich und gewinnbringend sein kann, paßt 1 9 7 5 nicht für Posemuckel und Tripps⸗ drill.“
Soweit 1125 Genosse Krumm. Was seinen gegen die„Mitteldeutsche“ erhobenen Vorwurf betrifft, daß sie„ziel- und planlose Gründung von Konsumvereinen fördere“, so haben wir daraufhin den laufenden und den letzten Jahr⸗ gang unseres Blattes durchgesehen. Wir fanden — mit Ausnahme der wenigen Berichte über den Gleßener Tone— ganze neun Nottzen über Konsumvereine. Drei davon be⸗ fassen sich mit der Connewitzer Affaire, die wohl selbst Freund Krumm nicht zu denen rechnen wird, die 13 und planlos Konsum⸗ bereinsgründungen ft rdern“. Also ausgerechnet neun kurze Notlzen in ¼ Jahren. In allen aber keine Silbe, die zur Gründung von Kousumvereinen überhaupt I geschweige zu„ziel. und planlosen“. Im Gegenkeil haben wir vielmehr verschledentlich in der Zeitung, noch mehr aber privatim bel Anfragen, die an uns in dieser Beziehung gerichtet wurden, ge⸗ warnt und zur Vorsicht gemahnt. Wir wüsfen deshalb den von Krumm erhobenen Vorwurf sreundschaftlichst, aber mit aller nur möglichen Entschiedenheit zurückweisen! Krumm wird hoffentlich die 1. seines Vor⸗ wurfes einsehen, denn wir dürfen doch wohl erwarten daß er die Objektivität, die die Gegner an ihm Jaber auch uns gegenüber nicht ver⸗ missen läßt!
Was die Sache selbst betrifft, so handelt es sich hler nicht um eine„Frage“, sondern um elne Bewegung. Auf ihr Wesen und ihre eee können wir an dleser Stelle nicht eingehen. Bemerkt sei nur, daß die Partei 11 er ber, eee keineswegs ympathisch r ste vielfach sogar bekämpfte. Und Tatsache ist, daß die Partei als solche niemals einen Nutzen durch die Konsumvereine gehabt hat. Vielfach sogar Schaden; wir geben Krumm ganz recht, wenn er sagt, daß, wenn es irgeudwo mit einem Konsumverein schief geht, an dem Parteigenossen beteiligt sind, der Partei die Verantwortung für den N aufgebürdet wird. Sollen wir aber deshalb eine an sich berechtigte und e Sache bekämpfen? Und um eine olche hondelt es sich, nicht um eine„Mode⸗ torheit“, wie Krumm die Genossenschafts- bewegung bezeichnet. Gewiß stimmen wir ihm darin zu, daß mit in erster Linte darauf gesehen werden muß, daß tüchtige Personen zur Leitung eines solchen Vereins vorhanden sein müssen. Und selbstverständlich müssen auch sonst die Verhältussse der Errichtung eines Konsumvereins
Li sein, andernfalls werden vernünftige ente keinen gründen. Aber wie man 8 B. in Frankfurt sieht, fällt es oft nicht ins Gewicht, daß leistungsfähige Geschäfte vorhanden sind; die gibt es dort und trotzdem hat der Konsum⸗ verein ausgezeichnet prosperlert.— Es ist doch merkwürdig: wenn sich eine Anzahl Kapita⸗ Uisten nenden und eine sigt ben gesellschaft oder eine Fabrik gründen, sagt kein
Mensch etwas dagegen, kaufen aber eine Anzahl Arbeiter ihre Milte gemeinsam ein, so schreit der ganze„Mittelstand“ über unzu⸗ laͤssige Konkurrenz, und das Wehklagen der
semitischen und bündlerischen Lebensmittel-
antt
verteuerer geht sogar unsern Freund Krumm zu Herzen! Jeder kann frei darüber entschelden, wo er seine Bedürfnisse einkaufen will, soll der Arbeiter dieses Recht nicht haben, soll er ver⸗ 6 ichtet sein, seine Groschen bestimmten Leuten
nzutragen?— Es wird sich noch Gelegenheit finden, auf einige andere Bemerkungen unseres Genoffen einzugehen; wir wollen nur noch sagen, daß unseres 1 noch kein Agitator unserer Partei gesagt hat, daß alle Geschäftsleute minderes Gewicht gäben. Zweifellos hat Krumm mit seinen aalen das Beste der Partei und der Arbeiter im Auge, er haut mit den meisten aber gründlich daneben.
— In der Wahlvereinsversamm⸗ lung werden diesen Samstag unsere beiden Vertreter im Stadtparlament über ihre Tätig- keit Bericht erstatten. Es darf wohl erwartet werden, daß die Mitglieder hierzu recht zahl⸗ reich erscheinen, umsomehr, als auch sonst noch wichtige Angelegenheiten zur Verhandlung stehen. Da es eine gewöhnliche Mitgliederversammlung ist, haben auch Gäste Zutritt.
— Lohn bewegungen. In Gießen sind in mehreren Berufen die Arbeiter in eine Bewegung zur Verbesserung ihrer Arbeits- bedingungen eingetreten. Die Tapezierer . am Montag die Arbelt ein estel kt. Nachdem die Arbeiter vor etwa 14 Tagen den von ihnen aufgestellten Tarif den Arbeitgebern unterbreitet, und dabei zugleich bemerkt hatten, daß sie im Falle der Nichtanerkennung desselben kündigten, erhielt jeder Tapezierergehllfe am Samstag eine hektographierten Zettel von seinem Arbeitgeber zugestellt, auf welchem be⸗ merkt war, daß die Arbeltszeit 60 Stunden pro Woche betragen solle, also noch lohn als seither. Außerdem war der Stundenlohn an⸗ gegeben, der für die einzelnen Arbeiter etwas aufgebesserk war. Da es den Tapezlerern in erster Linie um die Erkämpfung der 9 stündigen Arbeitszeit zu tun war und diese die Haupt⸗ forderung bildete, bedeutete die neue, von den Arbeltgebern diktierte Arbeitsordnung eine Her⸗ ausforderung der Gehilfen, die u fahne or die Arbeit einstellten. Bezüglich der Löhne fordern dle Arbeiter einen Aufschlag von 10% und einen Minimallohn von 18 Mk., eine Forderung, die man gewiß nicht als übermäßig wird be⸗ zeichnen können.
Die Maler und Weißbinder ver⸗ 95 0 0 am Mittwoch ebenfalls mit ihren rbeitgebern. Letztere wollten, wie wir kürz⸗ lich berichteten, den Arbeitern, ohne diese vorher lange zu fragen, einen Arbeitsvertrag auf⸗ diktleren, der verschiedene unannehmbare Be⸗ dingungen enthielt. Daraufhin reichten die Arbeiter einen Lohntarlf ein, der eine sehr mäßige Lohnaufbesserung enthielt. Man einigte sich am Mittwoch über alle Punkte, nur den geforderten Mindestlohn(32 Pfg. für Leute unter 21 Jahren, 40 Pfg. für ältere Gehülfen) lehnten die Meister ab. Im„Anzeiger“ be⸗ zeichnen ste diese Nor ing als„unerfülbar⸗, wie's immer geht, wenn Arbelter etwas ver- offentlich 100 die Weißbindermeister die geringfügige Forderung
langen. einsichtsvoll genug, zu bewilligen.
Dle Former haben ebenfalls den Unternehmern Forderungen elngerelcht. Sie verlangen in erster Linle Einführung der 9½ stündigen Arbeitszelt, die nächstes Jahr auf 9 Stunden verkürzt werden soll. Ferner word ein Tagelohn von 4 Mk. für gelernte Former nach be⸗ endeter Lehrzelt verlangt, zwei Jahre nach beendeter Lehrzeit sollen 5 Mk. bezahlt werden.
— Das„unpartellsche“ Gießener Blatt, die„Neuesten Nachrichten“, machen bedeutende Anstren⸗ gungen, in Arbeiterkrelsen Abonnenten zu erobern. Wie uns von Arbeitern elner Tabakfabrik mitgetellt wurde, suchte der Werkführer die Arbelter zum Abonnement zu bewegen und zwar für— 10 Pfg. pro Woche! Jedenfalls hofft man, mit dem Einfluß des Werkführers ober Arbeitgebers bessere Geschäfte zu machen. Jeder vernünftige Werkführer oder Arbeltgeber wird elne der⸗ artige Vermittelung entschleden ablehnen, ebenso wle leder denkende Arbeiter sich das Recht der eigenen Ent scheldung Über seine Zeltungslektüre zu wahren wissen wird. Außerdem ist la den Gleßener Arbeltern der Charakter jenes„unpartellschen“ Blattes sattsam bekannt: seine fertig von Berlin bezogene polltische Meinung it durchaus rückständig und arbelterfeindlich. 5


