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MNitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 14.
1000 Anstedler, Farmer und Kaufleute gab, entfiele auf jeden von ihnen eine Entschädigungs⸗ summe von 15000 Mk., trotzdem ste ihres Landbesttzes ja nicht verlustig gegangen sind. Die Entschädigung stellt also eine nette Prämie für jene Behandlung der Eingeborenen dar, durch die der Aufstand provoziert wurde, der 10 deutschen Steuerzahlern rund 400 Millionen ostet!
Aus Südwestafrika wird berichtet, daß am 26. März eine aus 16 Mann und 1 Offizier bestehende Truppenabteilung, die einen Trans⸗ port begleitete, zwischen Ukamas und der Ost⸗ grenze, von Hottentotten überfallen wurde. Der Führer, Leutnant Keller und 10 Reiter fielen, 2 wurden schwer und 2 leicht verwundet. Die Wagen wurden von den Hottentotten ver⸗ brannt und die Ochsen in südwestlicher Richtung abgetrieben. Nur ein Mann der Bedeckung kehrte zu Fuß nach Ukamas zurück.
Diäten für die„Kerls“!
Wie das offiziöse Organ der Reichsregierung, die Nordd. Allg. Zeitung, verkündet, hat das preuß. Staatsministerium der Vorlage des Reichskanzlers wegen Gewährung einer Ent⸗ schädigung an die Mitglieder des Reichstages seine Zustimmung erteilt. Vor ein, zwei Jahren hätte man eine solche Meldung noch in das Reich der Fabel verwiesen; damals hieß es noch, daß„die Kerls“ niemals Diäten bekommen sollten. Jetzt hat man sich schon anders be⸗ sonnen. Man braucht darüber nicht weiter zu trlumphieren. Aber auch hier zeigt sich, daß manche Volksforderung, die heute noch einem starren„Niemals“ begegnet, über kurz oder lang wie eine Selbstverständlichkeit erfüllt werden wird. Zähe Beharrlichkeit in der Verfolgung seiner Ziele ist überall, ganz besonders aber im Deutschland des Zickzackkurses, die beste Politik.
Aus der Ferienkolonie.
Von Ende Dezember 1905 bis Ende März 1906 wurde die gerichtliche Aburteilung von 39 Soldatenquälern bekannt. An Strafen wurden ausgesprochen 9 Jahre 1 Monat 20 Tage Gefängnis, 9 Monate 21 Tage mittlerer Arrest, 2 Monate 15 Tage gelinder Arrest, 18 Tage Stubenarrest, 4 Degradationen. Im ganzen beträgt der Freiheitsentzug 10 Jahre 2 Monate 14 Tage.
Wie selbstverständlich, waren die Bestrafungen auch in diesem Vierteljahr sehr milde. Mit welchem Rafstnement die Soldaten manchmal mißhandelt werden, bewies die Gerichtsverhand⸗ lung gegen den Sergeanten Friedrich Ahlers vom preußischen Infanterieregiment Nr. 138. Dieser Unteroffizier streute zum Beispiel die Sachen seiner Leute im Zimmer herum und dann mußten seine Opfer, die er auch sonst schmählich malträtierte, ihr Eigentum unter Abstngen des Liedes„Was man aus Liebe tut“ ꝛc. zusammensuchen. Hätte aber einer der Soldaten bei dieser Schinderei die Selbstbe⸗ herrschung verloren und den Sergeanten nieder⸗ geschlagen, so wäre er auf Jahre ins Gefängnis gekommen. Wir erinnern hier an den Musketier Gloy in Lübeck, der seinen Leutnant zu Boden schlug, nachdem er von einem Unter⸗ offizter derart drangsaliert worden war, daß er nicht mehr wußte, was er tat. Gloy erhielt 7 Jahre 9 Monate Gefängnis, während der Unteroffizier, der ihn gequält hatte, mit 38 Tagen mittleren Arrests davonkam.— Gloys Strafe wurde übrigens dieser Tage von dem Oberkriegsgericht auf vier Jahre 11 Monate ermäßigt, immer noch eine ganz ungeheuerliche Strafe für einen Menschen, der gewiß eine unbesonnene und strafbare Handlung beging, aber dazu auf's äußerste gereizt war!
Mit einem anderen Schrecken surteil hatte sich das Oberkriegsgericht Posen zu be⸗ schäftigen. Der Grenadier Hermann Cyron vom Inf.⸗Regt. 6, gebürtig aus Meerane, Sohn eines Oberwerkmeisters, hatte sich unter seinen Kameraden offen als Sozialdemokrat bekannt, machte stich auch der Gehorsams⸗ verweigerung und Achtungsverletzung schuldig. Die Gesamtstrafe lautete auf 2 Jahre! Monat Gefängnis. Sowohl der Angeklagte als auch der Anklagevertreter hatten dieses Urteil
angefochten. Das Oberkxiegsgericht hob das
erstinstanzliche Urteil eines Formfehlers wegen
auf und wies die Sache zur nochmaligen Ver⸗ handlung an die Vorinstanz zurück.
Ferner verurteilte das Kriegsgericht in Posen den Füsilier Pernitzsch vom Krotoschiner
Regiment Nr. 37 wegen„Meuterei“ zu 5 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus und
den Füsilter Raupach zu 1 Jahr Gefängnis.
Die Beiden hatten einen Unteroffizier mißhandelt.
Ein weiteres Zuchthausurteil fällte vorige Woche das Kriegsgerlcht in Kiel. Wegen„militärischen Aufruhrs“ wurden die Heizer Reinhardt und Buch⸗ holz zu je fünfjähriger Zuchthaus⸗ strafe, die Heizer Lorenz und Weithner und der Oberheizer Deutschmann zu je sechs jähriger Gefängnisstrafe verur⸗ teilt. An diesem Urteil wirkte der preußische Prinz Adalbert, ein Sohn Wilhelms II., als Richter mit. Unter„militärischen Aufruhr“ fallen in Deutschland schon die kleinsten Reg⸗ ungen des eigenen Willens des Soldaten. Ein unbedachtes Wort, eine zornige, gefahrlose Hand⸗ bewegung und der militärische Aufruhr, der mit mindestens fünfjähriger Strafe belegt wird,
ist fertig.
Auch der Soldat beginnt zu denken.
Unserm Leipziger Parteiorgan wurde der Brief eines Soldaten an seine Verwandten zur Verfügung gestellt, in welchem der Musketen⸗ träger folgendes schreibt:
Liebe Mutter und Schwester!
Das Geld habe ich erhalten und ich wollte bloß so lange warten, bis ich ein Bild hatte, wenn wir doch dieser Tage in den Krieg ziehen, so habt Ihr doch wenigstens ein Bild. Wir haben schon zweimal Kasernenarrest gehabt das ganze Regiment. Wegen den Sozialen wir waren kriegsmarschmäßig gerüstet mit 120 scharfen Patronen und lauerten nur noch auf einen Wink. Dann wollten sie uns auf unsere Kollegen, auf Schwester und Bruder hetzen, und wir sollten sie ohne Grund niederknallen, aber wenn sie alle die Gedanken hätten, die ich hatte, dann hätten sie uns 1000 Patronen geben können, da wäre keiner gefallen, so geht das doch heutzutage nicht, aber alles ist ruhig verlaufen zu unserer Freude, aber z u m Verdruß der ganzen Offiziere und Unter⸗ offiziere, denn die wollten mal richtig ihre Wut kühlen und ihrer Mordlust freien Lauf een
Beim Lesen dieses Briefes fühlt man so recht, wie sich die Kindes⸗ und Geschwisterliebe aufbäumt gegen die Zumutung des Schießens auf Vater, Mutter und Geschwister. Seinen Entschluß, nicht zu töten, nennt die L. Volksztg. einen schönen Lichtblick in der Dunkelheit der Zustände, unter denen wir leben, und er eröffnet die Aussicht auf bessere Tage, in denen sich kein im bunten Rocke steckender Proletarter mehr dazu hergeben wird, friedliche Wahlrechts⸗ demonstranten wie tolle Hunde niederzuknallen, mag der Blutdurst der Vorgesetzten, wie ihn der Briefschreiber drastisch schildert, noch so wild toben. Gewiß, trotz aller Verkleisterung und Vermuckerung der Gehirne regen sich schließ⸗ lich auch in den Köpfen der Krieger moderne und freiheitliche Gedanken.
Gegen die Volizeispitzelei
geht der französische Minister des Innern, Clemenceau, vor. Er untersagte der französtschen Staatspolizei die Fortsetzung der bisher den Regierungen Rußlands und der Türkei geleisteten politisch⸗polizeilichen Dienste. Ob es dem Minister gelingt, der elenden russischen und türkischen Spitzelwirt⸗ schaft ein Ende zu machen, muß ja erst abge⸗ wartet werden, der Zartismus wird alles ver⸗ suchen es aufrecht zu erhalten. Jedenfalls ist aber das Unternehmen Clemenceaus, wenn es mit Nachdruck durchgeführt wird, die tapfere Tat eines Demokraten, der sein Land von der gemeinen Schmach befreien will, die ihm der blutige Zarismus seit langem aufzwingt. Das Bülow'sche Deutschland erhält als Antwort auf unwürdigste Dienste Absagen und klatschende Schläge ins Gesicht. Gleichwohl wird es die
Spione des Zaren nach wie vor dulden und hätscheln, wird es die„Schnorrer und Ver⸗ schwörer“ lästern und dem Spitzeltum über⸗
liefern. Preußen ⸗Deutschland züchtet und unter⸗
hält ja selbst die Poltzei⸗Spitzelei 125 seine
eigenen Landeskinder im umfangreichsten Maß⸗ stabe und es hält an dieser schändlichen Ein⸗ richtung fest, obwohl es sich damit die fürchter⸗ lichsten Blamagen geholt hat. Erst vor wenigen Wochen entlarvoten unsere Genossen in Brüs fel wieder einen Berliuer Spitzel, der die Sitzungen
des internationalen Komités überwachen sollte.
Und das trotzdem erst kurz vorher in Berlin selbst ein Spitzel so schmählich angeführt und hereingefallen war! Frankreich ist der Allierte Rußlands und ist für die in Algeclras empfange⸗ nen diplomatischen Dienste der Petersburger Regierung in weitem Maße verpflichtet. Gleich⸗ wohl geht es daran, sich wenigstens in seiner inneren Politik von den russischen Zumutungen zu befreien. Wie beschämend müßte dies Beisptel Frankreichs auf Deutschland wirken, wenn für Schamempfinden in deutsch⸗xussischen Beziehungen noch eine Möglichkeit wäre!
Drei Wochen lebendig begraben!
Aus den Gruben von Courrières wurden Freitag voriger Woche noch 13 e lebend heraufgebracht. Sie waren selbstver⸗ ständlich im Zustande völliger Erschöpfung und wurden sofort in ärztliche Behandlung genom⸗ men. Alle bis auf einen sind verhältnismäßig gesund. Sie hatten sich in einen Pferdestall geflüchtet und sich von Hafer, Rüben, Holzrinde und verfaultem Pferdefleisch ernährt. Glück⸗ licherweise fanden sie noch etwas Wasser, welchem Umstande sie ihr Leben zu verdanken haben. Der Führer der Truppe, Ne my, feuerte seine Kameraden an, wenn sie den Mut zu verlieren drohten.— Die Errettung der 13 Bergleute verursachte natürlich eine ungeheure Erregung. Man glaubt nicht mit Unrecht, daß noch viel mehr hätten gerettet werden können, wenn so⸗ fort energische Maßregeln in Angriff genommen worden wären.— Die Aufregung steigerte sich noch, als am letzten Mittwoch noch ein Mann lebend gefunden und heraufbefördert wurde. Dieser Mann, er heißt Berton, brachte 24 Tage unter der Erde zu! In der Depu⸗ tiertenkammer wurde die Angelegenheit infolge einer Interpellation des sozialistischen Abge⸗ ordneten Basly erörtert und das Verhalten
der Grubengesellschaften scharf verurteilt. Gegen
diese wird die Regierung eine strenge Unter⸗ suchung einleiten und ihnen vielleicht die Kon⸗ zesston entziehen. g
Kleine politische Nachrichten.
Die Dresdener Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung lehnte die Einführung einer Wertzu⸗ wachssteuer auf Grundstücke a b. sie sich schon wiederholt für eine Umsatzsteuer gegen die Arbeiter⸗Konsumvereine aus. Diese beiden Tatsachen zeigen schon jedem, der es bisher noch nicht wußte, da im Dresdener Stadthause die antisemitischen Mitt standsretter die Mehrheit haben.
Vernünftiges Urteil. Den wegen Ma jestäts⸗
beleidigung angeklagten Bauer Franz Wagner sprach das Landgericht in Regensburg frei, weil es den Denunzianten für einen Schwindler hielt.
Sozialdemokratischer Bürgermelster. In Ichtershausen im Gothaischen wurde ein Sozial⸗ demokrat zum Bürgermeister gewählt und die Staats⸗ regierung hat ihn auch kurzer Hand bestätigt. Ob. sich die hessische Regierung an der gothaischen ein Beispiel nimmt bei Entscheidung über den Mühlheimer Beigeordneten?
Die Stichwahl in Kaiserslautern endete, wie vorauszusehen, mit der Wahl des Liberalen Schmidt, für den die Bündler und Zentrumleute eintraten.
Aus dem Reichstage. Ueber die Wahl des Antisemiten Zimmer⸗
mann, der mit ein paar Stimmen Mehrheit
im sächsischen Kreise Zschopau in der Ersatz⸗ wahl gewählt wurde, verhandelte der Reichstag am Mittwoch. Die Sache wurde in die Wahl: prüfungskommission zurückverwiesen, die Wahl dürfte also für ungültig erklärt werden, wie es auch in der Ordnung wäre, weil man eine
ganze Anzahl Wähler unbegründeter Weise
nicht abaimmen ließ. Die Schaffung eines eigenen Kolonialamtes, das von der Budgetkommisston abgelehnt war, beschäftigte
Dagegen sprach


