Ausgabe 
8.4.1906
 
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Gießen, den 8. April 1906.

Mitteldeutsche

SonntagsZeitung.

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13. Jahrgang.

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Nr. 14. Redaktion: Archenplatz 11, Schloßgasse.

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Vom Mittelstand.

Die Sozialdemokratie vernichtet den Mittel⸗ stand. Dtese Phrase letert die bürgerliche Presse schon seit Jahrzehnten unablässig herunter und wiederholt sie tagtäglich von neuem. Dieser Tage erst begann die anttsemitisch⸗bündlerische Volkswacht das Blatt des verunglückten Herrn Hirschel einen Artikel mit dieser Albern⸗ heit. Mit dem abgedroschenen Schwindel werden Handwerker und Kleinbauern, der sogenannte Mittelstand eingeseift, um sie für die allein⸗ seligmachende Ordnung der kapitalistischen Ge⸗ sellschaft einzufangen. Es wird den Mittel⸗ schichten weiszumachen versucht, an ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage seien nur die Sozialdemo⸗ kraten schuld.

Wir Sozialdemokraten stützen uns jederzeit def unsere mit der Wissenschaft im Einklange befindlichen Grundsatze. Wir sind stets bemüht, wirtschaftliche und politische Erkenntnis im Volke 1 verbreiten. Wir zeigen, wohin die Entwick⸗ ung geht und sagen insbesondere auch dem so⸗ genannten Mittelstande, daß die wirt⸗ schaftlich⸗technische Entwicklung ihm den Boden unter den Füßen wegzieht und so an seiner Vernichtung arbeitet. Immer mehr selbständige Existenzen werden in irgend eiuer Form des Besstzes ihrer Produktionsmittel be⸗ raubt und zu besitzlosen Proletariern gemacht. Die Großbetriebe wachsen; das Werkzeug wird zur Maschine entwickelt und die Produktivität der Arbeit wird gesteigert. Aber die Vorteile dieser Entwicklung fallen der verhältnismäßig kleinen Zahl Kapitalisten zu; die Volks⸗ masse muß wachsende Ausbeutung ertragen. Selbst den günstigsten Fall angenommen, daß eine Erhöhung der Arbeitslöhne eintritt, bleibt diese Erhöhung doch zurück hinter gewachsenen Ergiebigkeit der Arbeit.

Ehedem war das Privateigentum das Mittel, dem Produzenten das Eigentum an seinem Pro⸗ dukt zu sichern; jetzt ist es zum Mittel der Ausbeutung fremder Arbeit geworden. Die Ueberführung des Privateigentums an Produk⸗ tionsmitteln ingesellschaftliches Eigen⸗ tum kann allein bewirken, daß der Großbetrieb und die stets wachsende Ergiebigkeit der gesell⸗ schaftlichen Arbeit aus einer Quelle des Elends und der Unterdrückung zu einer Quelle der höchsten Wohlfahrt und allseitiger harmonischer Ber vollkommuung werde.

Die Richtigkeit dieser sozialdemokratischen Lehre bestätigt die tägliche Erfahrung und auch in den Kreisen des sogenannten Mittelstandes gewinnt diese Einstcht Boden. Was Wunder, wenn der Interessenten des Kapitalismus bange Sorge sich bemächtigte. So müssen denn die Soldschreiber und Wanderredner ans Werk gehen und aus Schwarz Weiß zu machen suchen. Das beltebteste Mittel ist, der Sozialdemokratie die Schuld am Rückgang des Mittel⸗ standes belzumessen. Mit erfundenen, direkt gefälschten oder aus dem Zusammenhang ge⸗ rissenen und darum dem Sinne nach gefälschten Zitaten wird die Sozialdemokratie der Bauern⸗ und Handwerks⸗Feindlichkeit bezichtigt. 5

Das Handwerk zugrunde richten! Aber sind wir es denn, die die wirtschastlichen Gesetze bestimmen? Und haben etwa wir die politischen Gesetze gemacht? Nein; die Gesetze der wirt⸗

schaftlichen Entwicklung sind der kapitalistischen Gesellschaft eingeboren; wenn auch die politischen Gesetzgeber den besten Willen zur Rettung des Mittelstandes mitbrächten: Dieses geht über ihre Kräfte. Ebenso, wie es über unsere Kräfte ginge, wollten wir den Mittelstand vernichten.

Ein paar Zahlen mögen dartun, wie weit in Deutschland die Entwicklung gediehen ist. Die Zahlen sind amtlich ermittelt gelegentlich der Berufsstatistik von 1882 und 1895.

Man zählte in der Industrie des deutschen Reiches(einschlleßlich Bergbau- und Baugewerbe) Betriebe mit Arbeitern

1882 1895 1 5 2175857 1989 572 Abnahme 8,6 pzt, 650 86 001 139 459 Zunahme 64,8

mehr als 50 9481 7 89

Man sieht: die Betriebe, in denen der Meister allein oder mit ein paar Lehrlingen oder Ge⸗ sellen arbeitet, haben abgenommen, die Großbetriebe dagegen haben riesenhaft zuge⸗ nommen. Damit ist doch klipp und klar be⸗ wiesen, daß die Aussicht auf Selbständigkeit für die Handwerksgesellen immer mehr schwindet; eine stets größer werdende Zahl wird gezwungen, ihr Lebtag Lohnarbeiter zu bleiben. Aber auch die verbleibenden Kleinmeister empfinden durch die verschärfte Konkurrenz am eigenen Leibe die Wirkung dieser Entwicklung. Zahlreiche Klein⸗ meister vermögen nur künstlich ihre Existenz zu erhalten, vielfach in der Form, daß die Frau in die Fabrik wandert.

Im Handel liegen die Dinge ähnlich. Und obwohl eine Menge Leute aus den verschiedensten Ursachen dem Kleinhandel zuströmen, weist die Reichsstatistik nach, daß die Zahl der Hand⸗ lungsbetriebe in allen Größenklassen wuchs. Es wurden Wee mit Personen

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1895 Zunahme 15 676238 905453 34 pzt. 610 18657 33753 86 11 50 7874 15518 ö 77 mehr als 50 463 959 107,

Also eine ganz ungesunde Eutwicklung mit kolossaler Verschärfung der Konkurrenz. Der Umsatz der Kleinhändler muß bedeutend zurück⸗ gegangen und deren Existenz sehr verschlechtert sein! Und trotzdem wuchsen auch hier die Groß⸗ betriebe siebenmal rascher, als die Bevölke⸗ rung. Dazu kommt, daß besonders im Handel eine sehr große Zahl Betriebsinhaber nur diesen Namen tragen; in Wirklichkeit sind sie die Kommis kapitalistischer Gesellschaften.

Ferner zeigt die Statistik, daß die Zahl der in den Kleinbetrieben beschäftigen Arbeiter a b⸗ genommen, die in Großbetrieben dagegen gewaltig zugenommen hat. In den zwei Jahrzehnten von 1875 bis 1895 hat sich ferner die Zahl der Betriebsinhaber trotz der Bevöl⸗ kerungszunahme kaum vermehrt, während die Zahl der Angestellten und Lohnarbeiter sich mehr als verdoppelte! Daß seit 1895 diese Entwicklung weitere Fortschritte gemacht hat, kann keinem Zweifel unterliegen.

So untergräbt und vernichtet der Kapitalis⸗ mus die Existenz derKleinen auf allen Ge⸗ bieten, und was er günstigenfalls ihnen bietet, ist die Lohnknechtschaft des Fabrikproletarters, die gedrückte Existenz des Kommis oder den schlecht bezahlten Posten als kleiner Staats⸗ beamter. Die Tatsachen der wirtschaftlichen

Entwicklung geben uns Recht. Die Kleinbauern, Kleinhändler und Kleingewerbetreibenden nicht minder wie die kleinen Beamten haben alle Ursache der Sozialdemokratie beizutreten, die keine Illustonen über ihre Zukunft im Klassen⸗ staat erregt, die nicht mit schwindelhaften Ver⸗ sprechungen hausteren geht, die aber entschlossen ist, die Ursache aller Ausbeulung und Bedrückung zu beseitigen.

Der besitzlos gemachten Masse muß ihr Eigentum an den Produktionsmitteln zurück⸗ gegeben werden; da das große Produktions⸗ mittel aber nicht zerschlagen werden kann in einzelne Teile; da der Großbetrieb segensreich wirkt, wenn nur die kapitalistische Aneignung des Produktes der Arbeit wegfällt: so muß das Eigentum aller Arbeitenden her⸗ gestellt werden durch Ueberführung der großen Produktionsmittel in den Besitz der Gesellschaft!

Politische Nundschau.

Gießen, den 5. April 1906.

Die famose preußische Wahlrechts, reform

wurde am Montag vom Dreiklassenhause nach den Kommisstonsbeschlüssen angenommen. Die Debatte war etwas lebhafter als bei der ersten Lesung. Der freisinnige Abgeordnete Träger, einer der wenigen wirklich Liberalen vom alten Schlage, hielt eine recht gute Rede für Einführung des Reichswahlrechts auch für den Preußischen Landtag und er war auch recht glücklich in der Polemik gegen die abgeschmackte Philosophie des neuen Ministers des Innern, v. Bethmann⸗Hollweg, der in einer neuen Rede die angeblich engen Beziehungen zwischen Geistes⸗ aristokratie und Dreiklassenwahlrecht von neuem mit allerhand faulen Phrasen zu erweisen suchte. Gegen die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen erklärten sich nicht nur die beiden konservatiben Parteien, sondern auch die Natio⸗ nalliberalen, die außerdem Anträge zur angeb⸗ lichenVerbesserung des Dreiklassenelends ein⸗ gebracht hatten. Das Zentrum befolgte die nun schon seit Jahrzehnten geübte Taktik weiter, sich platonisch für die Einführung des allge⸗ meinen, gleichen Stimmrechts auch in Preußen zu erklären, aber nichts, rein gar nichts zur Verwirklichung dieses Gedankens zu tun. Prin⸗ zipiell gegen das Dreiklassenwahlrecht erklärte sich nur der Frankfurter Demokrat Oeser. Die Resolution der Freistnnigen auf Einführung des Reichstagswahlrechts wurde in namentlicher Abstimmung mit 188 gegen 81 freistnnige und Zentrumsstimmen abgelehnt. Somit wird dieReform bald perfekt sein ein Skandal, wie das Dreiklassenwahlrecht selber.

Neue Menschen⸗ und Geldopfer für Südwestafrika.

Nach Ostern soll dem Reichstage eine neue Forderung von zehn Millionen Mark zugehen zur weiteren Entschädigung der durch den Krieg geschädigten Farmer. Da der Schaden insge⸗ samt auf 15 Millionen geschätzt war und bereits 5 Millionen bewilligt wurden, soll also voller Schadenersatz erfolgen. Da es im Schutzgebiet bei Ausbruch des Krieges überhaupt nur zirka