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Mitteldeuische Sonntags⸗Zemuung.
Ne. 1.
Die geköpfte Reue.
Rh. M. V. Es gibt immer noch viele Lente, die nichts lieber lesen als recht blutrünstige Kriegsgeschichten und Hinrichtungsschil derungen. Das erzeugt ein solch angenehmes Gruseln, wenn man weit vom Schluß tst, und die Rührung überkommt einen, wenn der Sünder bußfertig ist. Früher war das Henken und Köpfen ein Art Volksfest, das in möglichst großer Oeffentlichkeit mit allerlei feierlichen Bei⸗ gaben vor sich ging. Daß es aber abschreckend und erzieherisch gewirkt hätte, wagt niemand zu behaupten. Heute wird zum Köpfen, wo 28 noch besteht, nur noch eine auserlesene Zu⸗ schauerzahl zugelassen. Hernach aber kommen ewöhnlich die genauesten Berichte in den Zeitungen— so genau bis ins einzelnste, daß die Phantaste der Leser sich daran erhitzen und sich das Bild ausmalen⸗kann, wie wenn man
Kopf drangegeben hat. Man scheint da ganz zu vergeffen, daß das die alttestamentliche Ethik ist, die sagt:„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, daß aber der Stifter unserer christlichen Reli⸗ gion sagt:„Nicht also, sondern uw.„
Vom rein menschlichen Standpunkt aus er⸗
scheint bei einem trotzigen halsstarrigen und bis
zuletzt verstockten Sünder die Hinrichtung: noch begreiflich. Aber nichts Widerstunigeres kann ich mir denken, als wenn an solch reumütige und bußfertige Rührerzählungen den Schluß⸗ punkt das— Köpfen macht.
selbst dabei gewesen wäre. Das giebt dann 1—
die richtige Stimmung, um einen
Hintertreppenroman zu kaufen und zu verschlingen, Ma ch⸗
neuen
werke, gegen die dieselben Zeit⸗ ungen und hervorragende Gesell⸗ schaftskreise dann eine besondere Bewegung mit viel Geld und aus⸗ gedeshnter Organisation insze⸗ nieren! f
Das ist die eine widerspruchsvolle Sellsam⸗ samkeit. Die andere ergiebt sich aus folgendem: Es wird ganz genau berichtet von den letzten Stunden und Augenblicken des für die Guil⸗ lotinen Bestimmten. So wurde über die kürzlich in Heilbronn erfolgte Hinrichtung des Bäckergesellen Mogler berichtet:
Pon geistlicher Seite, die viel mit Mogler zu tun gehabt hat, wird uns versichert, daß Mogler nach ernster innerlktcher Vorbereitung mit stiller Fassung und reumütig er Gesinnung seinen letzten Gang getan hat.— Von anderer Seite werden uns noch folgende Einzelheiten mitgeteilt: Die Bekannt- machung von der bevorstehenden Hinrichtung
hat Mogler anscheinend ruhig entgegenge⸗
nommen, wenn er auch die Tränen nicht zu unterdrücken vermochte.
öfteren Trost im Gebete. Für den trost⸗ reichen Zuspruch des ihn mehrmals besuchen⸗ den Gefängnisgeistlichen, Stadtpfarrers Huber, war er sehr empfänglich und zeigte sich sehr dankbar dafür. Die ihm verwilligten und dargereichten besseren Speisen und etwas Getränke nahm er willig und dankend an. Am Vorabend vor der Hinrichtung empfing er noch den Besuch seiner Schwester; der Abschied war zwar kurz aber rührend; an demselben Abend empfing er aus der Hand des Geistlichen noch das Abendmahl. In der letzten Nacht legte er sich wohl zur Ruhe nieder, wurde auch vom Schlaf übermannt; dieser wurde jedoch infolge seiner inneren Un⸗ ruhe des öfteren unterbrochen, was Mogler durch Stöhnen und Schluchzen kundgab. Vor Antritt seines letzten Ganges nahm er noch eine Kleinigkeit zu sich, bedankte sich be⸗ dem Gefängnispersonal für die gute Bei handlung während seiner Gefangenschaft und trat diesen Gang dann anscheinend ruhig an, wenn er auch eine gewisse Unstcherheit nicht zu unterdrücken vermochte.
Wir setzen voraus, daß das alles buchstäb⸗ lich wahr ist, keine Selbsttäuschung der Referen⸗ ten enthält und auch mit keiner Silbe bestimmt ist, nur auf die Rührung der Leser zu speku⸗ lieren. Aber dann müssen wir sagen: was ist das für eine Gerechtigkeit, von Humanität ganz zu schweigen, die in den Augenblicke einem Menschenleben ein Ziel setzt, in dem eine solche gründliche Sinnesänderung und völlige Besse⸗ rung, wie sie wohl aus der Schilderung her⸗ vorgehen soll, eingetreten ist? Jetzt, wo der Uebeltäter wieder ein brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden beginnt, wird ihm der Kopf abgeschlagen! Jetzt ist die Sühne vollkommen! Die Mitwelt hat das an⸗ genehme Bewußtsein, daß einer, der Blut ver⸗ goß, sich reumüttg gebessert und dazu noch seinen
Mit seiner nun⸗ mehrigen Umgebung(dem Bewachungskom⸗
mando) sprach er wenig, suchte dagegen des ene Weihnachtsgeschichte von Philipp Schei dem an u
ö 3 Diese Zeit!
Diese Seit ist stark und ehern.
Schuldlos büßt die Stirn der Not.
Aber in Millionen Sehern
Slammt es seltsam morgenrot.
Dumpfe Herzen, dunkle Binden Der Gewalt vor Blick und Geist, Packt's in wirrem Vorempfinden, Das auf sichre Pfade weist.
Ungekannte Saatenkeime Schießen rasch zu Aehren auf, Kräfte, wunderbar geheime, Schüttend in den Werdelauf.
Irr und blind am lichten Tage, Wandelt Macht in Ohnmacht sich: Schon im Angelpunkt der Wage Bebt das Sünglein nach dem Strich.
Seher worden sind die Blinden, All die Büßer ohne Schuld... Seitbeschwingend zum Wegefinden, Stürmisch drängt die Ungeduld. Franz Diederich. Aus: Die Hämmer dröhnen, Verlag v. Kaden u. Comp. Dresden.)
Gesellenfahrten.
Nachdr. verb. (Fortsetzung.)
„Verzweifelt drehte ich den Filzhut in den Händen. Ich blieb an der Türe stehen und
brachte kein Wort über die Lippen. Und dann reichte mir ein kleines, vertrocknetes Männchen, ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, ein Geld⸗ stück zu.
„Ich danke!“ Wie es über meine Lippen kam, ich weiß es nicht. Dann war ich wieder draußen und es war mir, als sei ich betrunken, Ich steckte das Fünfpfeunigstück in die Westen⸗ tasche, um es aufzubewahren zum ewigen An⸗ denken.
„Na, man tau!“ rief mir da mein Reisege⸗ fährte zu, der auf der anderen Seite aus einem Hause heraus kam, um sofort in dem anderen zu verschwinden. Er klopfte nach allen Regeln der Kunst seine Straßenseite ab.
So schlimm war ja mein erster Fechtgang schließlich nicht gewesen. Und den Ertrag war eigentlich auch nicht schlecht. Aber in das uächste Haus getraute ich mich doch nicht, ich
ing also etwa hundert Schritte weiter und sedezmal, wenn ich hörte, wie da die Klingel ging, wo mein Katzoff sich als armer Hand⸗ werksbursche vorstellte, war es mir als erhielte ich einen Rippenstoß mit der Mahnung: mach's ihm nach, was ist denn dabei!
Ich rang und rang mit mir. Noch ein⸗ mal wollte ich es heute versuchen. Einmal ist keinmal, aber zweimal ist für den Anfang genug, so philosophierte ich.
Vor einem größeren Eckhaus machte ich Halt. Der flackerude Lichtschein, der durch die Scheiben oberhalb der Haustüre zu beobachten war, zeigte deutlich, daß der Korridor gerade
beleuchtet werden sollte. Ich trat näher und
drückte auf die Türklinke, die Glocke spektakelte und drin war ich. Ach, hätte ich tausend Klafter
tief unter die Erde sinken können! Ich fühlte
heute noch, wie mir damals die Schamröte in's
1 und das Blut bis in die Haarwurzeln eg— ö
„Ach, so schlimm wars ja garnicht, fiel hier Gottliebs Frau dem Erzähler ins Wort!“
Doch, fuhr Gottlieb, der seiner Frau den Mund zuhielt, fort, ganz so schlimm wars. Ich spüre es heute noch. Denkt Euch: vor mir etwa ein Dutzend junger, blitzblanker und ziemlich hübscher Mädchen mit geröteten Wangen und strahlenden Augen: Büglerinnen!
Zwei standen auf Tischen, um die großen Petroleum⸗Hängelampen anzuzünden. Aber noch bevor ich mich auch nur einigermaßen umsehen und zu mir selber kommen konnte, war die mir zunächst stehende Laternenanzün⸗ derin vom Tisch herunter gerade vor mich ge⸗ sprungen. Unter großer Heiterkeit der ganzen Gesellschaft machte sie eine äußerst ulkige Ver⸗ beugung und sagte:
„Erschrecken sie nicht, Herr Direktor, was steht zu Diensten?“
— Gottliebs Frau war inzwischen aufge⸗ standen, ging im Zimmer auf und ab und rieb sich vergnügt die Hände.—
Schulze erzählte weiter.„Natürlich war all das, was ich hier berichte, das Werk eines Augenblicks. Ich weiß nicht, wie es kam, aber wenn ich im ersten Augenblick, wo ich die jungen Mädchen sah, vor Scham hätte in die Erde versinken mögen— ich kam doch als Fechtbruder!— jetzt, nachdem die Schwarze mit den schönen Zähnen den famosen Knix vor mir gemacht hatte, steckte mich die Lustigkeit der Heldinnen vom heißen Eisen an und ganz frei kam es heraus:
„Entschuldigen Sie, mein liebes Fräulein, ich bin ein armer Handwerksbursche——“
Nun ging ein Höllenspektakel los. Als wenn das so sein müßte—
„War auch fein einstudiert“, warf hier Schulzes Frau dazwischen.—
— als wenn das so sein müßte, stellten sich die jungen Mädchen unter fröhlichem Gelächter und Scherzen im Kreis um die schwarze Hexe auf. Diese hatte einen Schürhaken genommen, klopfte an den Henkel eines Bügeleisens und, zählte eins— zwei— drei!
Und nun sang die schöne Rotte Kora:
Ein Sträußchen am Hue, Den Stab in der Hand.
Zieht rastlos ein Wandrer Von Lande zu Land.
Er sieht so manch' Städtchen, Er sieht so manch'n Ort— Aber fort muß er wieder, Muß weiter fort—
Sie brachten mir also ein richtiges Stäud⸗ chen und die ganze Aufmachung hatte mich der⸗ art amüsiert, daß ich dem gebieterischen Winken der dirigierenden Hexe—
„Bitte sehr, Herr Schulze!“ bemerkte Gott⸗ liebs Frau jetzt vergnügt vom Sopha her, auf dem ste Platz genommen hatte.
— daß ich dem Winken der Hexe Folge leistete und den zweiten Vers kräftig mütsang.
(Fortsetzung folgt.)
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Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
8)(Fortsetzung.)
Morsen wohnte in einem der elegantesten Teile der Stadt. Früher bewohnte ein pen⸗ stonierter Oberst die Zimmer und wenn die Fenster offen standen, daß man die roten Gar⸗ dinen, die rote Tischdecke, das rote Sofa und die roten Stuhlsitze sehen konnte, so dachten die geringeren Leute, es müsse ein Prinz dort wohnen, denn rot ist zu allen Zeiten für das große Publikum die Farbe der Pracht gewesen, und wenn dann Morsen in seinem schwarz sammtnen Schlafrock am offenen Fenster saß mit einem Buch in der Hand, so schien er ein Bild der Wohlhabenheit. So saß auch er an diesem Nachmittage, als Malvine sich bei ihm anmelden ließ.
Unterwegs hatte das Mädchen schon dar⸗ über nachgesonnen, was er wohl darüber denken


