Ausgabe 
7.1.1906
 
Einzelbild herunterladen

C

E

c

r

.

t ü U *

e b

U .

t

²˙ Y N

.

Nr. 7.

Mitteldeutsche Sonn laas⸗Neitung.

Seite 5.

und im neuen Jahre ernstliche und hoffentlich nicht ver⸗ gebliche Besserungsversuche unternehmen!

Aus dem Nreise Jriedberg⸗Büdingen.

a. Gegen allen Fortschrittl scheint ie Parole der bürgerlichen Gemeindevertreter in Vilbel zu lauten, die dort gegen Errichtung eines Gas werks in Gemeinde⸗Regie protestieren, wie der Gemeinde⸗ rat im August vorigen Jahres beschlossen hat. Darüber waren zunächst die Spießbürger im Gemeinderat sehr entrüstet. Ihrer Tätigkeit und Agitation gegen das Werk ist es auch zu danken, daß eine Anzahl hiesiger Kohlenhändler und Petroleumskrämer Protest gegen diesen Beschluß erhob. Das Kreisamt gab dem Protest statt und so findet deshalb am 5. Januar Termin beim Kreisausschuß hierüber statt. Wie dieser Gerichtshof urteilt, haben wir jüngst beim Prozeß gegen unsere Ge⸗ nossen wegen Fernbleibens von den Nachmittagssitzungen gesehen. Bei der Wahl der Delegierten zur Kreisaus⸗ schuß⸗Verhandlung stellte Gen. Armbrust fest, daß auch ein Mitglied des Gemeinderats bei den Protestlern sei, obgleich der Gemeinderat früher schon ein stim mig die Errichtung eines Gaswerks beschlossen habe und dieser Beschluß jetzt nur ausgeführt werden soll. Darauf meldet sich Herr Wilh. Schmidt zum Wort und suchte sein Verhalten zu rechtfertigen. Da der Mann schon 70 Jahre alt ist, kann man ihn für sein Verhalten nicht weiter

verantwortlich machen. 5

Ein Streik der Jagdtreiber brach kürzlich in der Nähe von Büdingen aus. Dort wollte ein Frankfurter Jagdpächter eine größere Treib⸗ jagd abhalten und hatte mit den Treibern einen Tage⸗ lohn von ganzen 1.50 Mk. verabredete. Die Treiber verlangten mehr, er aber ging nicht darauf ein. Am Morgen des Jagdtages, als die Jagdgäste alle versammelt waren, weigerten sich die Treiber, ihren Dienst anzu⸗ treten, wenn ihnen nicht 2 Mk. pro Tag bewilligt würde. Es blieb dem Pächter nichts anderes übrig, da er doch seine Jagdgäste nicht nach Hause schicken konnte, als die Forderung zu bewilligen. Der Ausstand war be⸗ endet, die Treiber Sieger.

Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach.

n. Die volle Kompottschüsselim Vogelsberg. In Schotten und Um⸗ gebung sieht's mit der Organisation der Ar⸗ beiter noch trüb und traurig aus. Es gibt fast gar keine Arbeiter, die einer Gewerkschaft angehören und doch ist die Lage aller erbärmlich genug. Die Maurer haben im Sommer alle noch unter 30 Pfg. Stundenlohn, im Winter sind sie ohne Arbeit und klopfen Steine für 2,60 Mk. den Kubikmeter. Daran hat einer 3 Tage Arbeit! Schuhmacher und Schneider bekommen Wochen löhne von 37 Mk. nebst Kost im Hause des Meisters. In einer hiesigen Strumpfstrickereit werden Wochenlöhne von 49 Mk. verdient selbstverständlich ohne Kost und der Zigarrenmacher bringt es bei fleißiger Tätigkeit auf höchstens 1112 Mk. Angesichts der teuern Lebensmittel muß sich die Lebenshaltung der Arbeiter immer mehr ver⸗ schlechtern. Fleisch gibt es in vielen Familien überhaupt nicht, in manchen Sonntags ein Pfund. Besser gestellte lelsten sich auch in der Woche noch mal ein Pfund. Sonst gibts ge⸗ schmalzte Suppe, Bohnen, Erbsen, Linsen, Kar⸗ toffelsuppe. Abends ißt man Kartoffeln mit Salz oder Wurstfett oder Hering. Oder man tunkt sie in eine Sauce, die aus ein wenig Fett, Mehl, Zwiebel und Wasser hergestellt wird. Dieses Klagelied ließ sich noch erheblich verlängern. Nur eine Frage! Soll es denn immer so fortgehen, daß diejenigen, die am wenigsten arbesten am besten leben, und die jahrein, jahraus von früh bis spät schuften, halb verhungern sollen? Arbeiter im Vogels⸗ berg, wacht endlich auf!

Aus dem Nreise Wetzlar.

h. Das Kreisblatt hat sich, wie aus setner Abonnementseinladung hervorgeht, den Titel des jüngst viel zu spät verstorbenen General⸗Anzeigers stillschweigend zugelegt. Weiter wird versprochen, daß das Blattdie Interessen der Bewohner des Kreises und der Stadt vertreten werde. In der Arbeiter⸗ schaft wird man über derartige Versprechungen nur lachen. Bisher hat das Kreisblatt die Arbeiterbewegung und alles was mit ihr in Verbindung stehl, 1 und mit Schmutz beworfen, jede gegen die Sozfaldemokratie irgend⸗ wo produzierte Lüge oder Gemeinheit druckt

das Wetzlarer Reptil nach. Es verweigert so⸗ gar Aufnahme bereits aufgenommener Inserate, wie zum Beispiel Ankündigung eines Vortrags über das Thema:Erziehung und Sozialis⸗ mus! Kein halbwegs denkender Arbeiter darf ein solches Blatt in seiner Wohnung dulden!

h. Eine Erhöhung der Milch⸗ preise bescheert die Molkerei Wetzlar ihrer Kundschaft als Neujahrgeschenk. Der Preis wurde von 18 auf 20 Pfg. erhöht, ein Preis wie er in vielen Großstadten nicht so hoch gefordert wird. Ja, dasbillige Kleinstadt⸗ leben! Auch die Butter ist hier immer teuerer als anderwärts. An den Löhnen wird aber fortgesetzt abgezwackt. Auch die Molkerei selber, die sebt höhere Preise fordert, zahlt ihrem Per⸗ sonal wahre Jammerlöhne.

h. Christliche Nächstenliebe scheint bei der Ortsverwaltung in Naunheim nicht allzureichlich vorhanden zu sein. Ein Hand⸗ werksbursche, den man dort am letzten Tage des Jahres beim Betteln erwischte, sperrte man in einen Keller, der dort als Haftlokal benutzt wird. Der Arme jammerte laut in der Neu⸗ jahrsnacht, gewiß nicht vor Uebermut, sondern vor Hunger und Kälte. Der dortige Bürger⸗ meister agitiert fleißig für den Flottenverein und sucht dafür auch Arbeiter als Mitglieder zu gewinnen. Es ware besser gewesen, wenn er dem armen Teufel, den das Schicksal zur kalten Winterszeit auf die Landstraße wirft, sein frommes Herz gezeigt und eine gleiche Für⸗ sorge, wie dem Flottenverein hätte angedeihen lassen. Wir halten das für Pflicht einer Ge⸗ meindeverwaltung.

h. Die Volkszählung ergab für mehrere Bergarbeiterdörfer im Kreise Wetzlar eine Abnahme der Einwohnerzahl. Bei den hohen Löhnen, die hier gezahlt werden, ist das auch kein Wunder; die Leute sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen, wenn ste eine menschen⸗ würdige Existenz führen wollen und wandern nach Gegenden ab, wo ihnen die Möglichkeit einer solchen geboten wird.

n. Krofdorf. Auf die Wahlver⸗ einsversammlung, die am Sountag bei Feußer in Gleiberg stattfindet, sei nochmals aufmerksam gemacht. Die Mitglieder wollen recht pünktlich erscheinen, damit die Ver⸗ sammlung rechtzeitig beendet werden kann, weil kurz darauf in demselben Lokale eine Versamm⸗ luug gegen die Tabaksteuererhöhung stattfinden soll.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

* Wahlverein. Die am Samstag stattgefundene Wahlvereinsversammlung nahm zunächst den Bericht vom Provinzialparteitag in Frankfurt entgegen. Die Versammlung er⸗ klärte sich mit den dort gefaßten Beschlüssen einverstanden mit Ausnahme des Paragraphen, welcher die Beitragshöhe bestimmte. Zwar wurde in einer früheren Marburger Versamm⸗ lung der Antrag gestellt, den Beitrag auf 20 Pfennig pro Monat zu belassen, was ja auch vom Provinzialparteitage beschlossen wurde. Erfreulicherweise haben die Genossen inzwischen eingesehen, daß man mit einem niedrigen Bel⸗ trag nichts leisten kann. Deshalb beschloß die Versammlung, den Punkt Beitragserhöhung auf die nächste Tagesordnung zu setzen. Nach erfolgter Neuaufnahme von 6 Genossen in den Wahlverein machte der Vorsttzende bekannt, daß am Sonntag den 14. Januar eine Flugblatt⸗ verteilung im ganzen Wahlkreise stattfindet, an der sich die Genossen recht zahlreich beteiligen sollen. Ferner werden im Januar Protest⸗ bersammlungen in Orten, wo Lokale uns zur Verfügung stehen, abgehalten werden, zum Proteste gegen das preußische Dreiklassen⸗ wahl⸗System. Das Flugblatt ist ebenfalls in diesem Sinne gehalten. Es sind daher über⸗ all die nötigen Vorbereitungen zu treffen; auch sollen andere Versammlungen und sonstige Veranstaltungen für diesen Tag nicht vorgesehen werden. Weil unser ganzer Wahlkreis an diesem Tage belegt werden muß, müssen alle Wahlvereinsmitglieder zur Stelle sein und mit Eifer ans Werk gehen!

O Pack schlägt sich,. Die von der Lieber mann'schen Antisemiten unterstützie Mirtelstand standidatur

Dr. Böhme hat den hier durchgefallenen Antisemiten Zimmermann zu einer Kriegserklärung gegen die Lieber⸗ männer veranlaßt. Herr Z. will seine Kandidatur im hiesigen Wahlkreis aufrecht erhalten; die edlen Radau⸗ brüder wollen uns also noch manche heitere Stunden bereiten. Uebrigens geht aus diesem Vorgehen Z. her⸗ vor, daß er auf eine Wiederwahl in seinem sächsischen Wahlkreise nicht rechnet, und darin dürfte er schweclich fehlgehen. Von anderer Seite wird noch der Rechts⸗ anwalt Harmony in Kassel als Kandidat der Pückler⸗ partei genannt.

OE in frommer Kirchenbesucher hatte am Morgens des Neujahrtages das Wort Gottes fo stark auf sich einwirken lassen, daß er den Schluß des Gottesdienstes nicht merkte und bis in den Nachmittag hinein schlief.

Ockershausen, unser Nachbardorf, hatte bei der letzten Reichstagswahl 101 sozialdemokratische Stim⸗ men aufgebracht. Darauf waren unsere Ockershäuser Genossen mit Recht stolz und die übrigen Parteigenossen freuten sich ebenfalls, daß endlich einmal ein tüchtiger Stamm Genossen in Ockershausen vorhanden ist. In⸗ zwischen hat sich ein Teil der dortigen Genossen dem Wahlberein und sonstigen Arbeitervereinen angeschlossen; auch die Parteipresse hat in Ockershausen eine Anzahl Abonnenten. Außer der Mitteld. Sonntagsztg. werden bereits 14 Exemplare der Frankfurter Volksstimme ge⸗ lesen. Wie verschwindend klein jedoch ist die Gesamt⸗ zahl der Abonnenten der beiden Arbeiterblätter gegenüber der Einwohnerzahl von Ockershausen. Der größte Teil der Einwohner sind Arbeiter und Kleinbauern, trotz⸗ dem herrscht eine unglaubliche bürgerliche Vereins meieret. Bestehen doch in O. zwei Kriegervereine, zwei Gesang⸗ vereine und zwei Turnvere ine. Außer einem Turnverein (Fr. Turnerschaft), stehen sämtliche übrigen Vereine auf arbeiterfeindlichem Boden, sind ausgesprochene Gegner der Arbeiterbewegung. Und gerade in diesennattonalen Vereinen sind unsere Ockershäuser Arbeitsbrüder zu finden. Sogar in den Kriegervereinen findet man auch welche. Ist es doch beim Quartalswechsel vor⸗ gekommen, daß einige Arbeiter sogar die Muteld. S.⸗Z. abbestellt haben, weil man ihnen im Kriegerverein des⸗ wegen zusetzt. Daß derartiges in Ockershausen noch passiert, sollte man nicht für möglich halten. Gehts etwa den Ockershäuser Arbeitern zu gut? Ebensowenig wie den Kleinbauern, deren Frauen und Kinder auf den Wochenmarkt gehen und den Ertrag ihres kleinen Ackers in baar Geld umsetzen müssen. Arbeiter und Partet⸗ genossen von Ockershausen! Bedenkt eure Lage! Bedenkt, wie man mit Euch umgeht und Euch behandelt! Nicht einmal ein Versammlungslokal steht in eurem Orte zur Verfügung! So traurig und beschämend das ist, ihr seid selbst mit daran schuld! Wie habt ihr bet der Reichstagswahl dem Gen. Bader zugejubelt, als er euch die schädlichen und verderblichen Folgen des neuen Hunger⸗ tarifs, der am 1. März d. J. in Kraft tritt, darlegte. Ihr habt damals versprochen treu zur Partei zu halten. Jetzt handelt aber auch danach. Stellt Euch euren be⸗ reits organisierten Arbeitsbrüdern treu zur Seite, schließt Euch den Arbeitervereinen an, werft die Kosaken⸗ und Streikbrecherblätter aus dem Hause und abonniert die Arbeiterblätter, die Mitteld. Sonntags⸗Zeitung oder die Frankftr. Volksstimme! Seid ein einig Volk von Brüdern, dieweil ihr Proletarier seid!

Oberbergrat Chelius vor Gericht.

Vor dem Darmstädter Landgericht wurde am Donnerstag gegen den bekannten Oberberg⸗ rat Prof. Dr. Chelius, vortragender Rat im Ministerium, der sich bisher allgemeiner Achtung und als Geolog einer gewissen Berühmtheit er⸗ freute, wegen Sittlichketts verbrechen verhandelt. Der Angeklagte war des ihm zur Last gelegten Verbrechens geständig. Er war längere Zeit zur Beobachtung seines Geistes⸗ zustandes in einer Irrenanstalt untergebracht, jedoch für vollkommen geistig gesund befunden worden. Er hat, obwohl verheiratet und Vater mehrerer Kinder schon früher perversen Neigungen gefrönt und dazu die beiden jetzt 17 und 18 Jahre alten Söhne des Pförtners der technischen Hochschule mißbraucht. Als er das bei dem Sohne eines Amtskollegen ebenfalls versuchte, machte der junge Mann seinem Vater Mit⸗ teilung. Diesem gegenüber vestritt Chelius mit Entrüstung diese Verfehlungen, wurde jedoch angezeigt und verhaftet. Dle unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführte Verhandlung endete mit Verurteilung des Angeklagten zu zwei Jahren 7 Monaten Gefängnis, wovon 5 Monate als verbüßt angerechnet wurden.

b ersammlungskalender siehe 8. Seite, 8