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Mitteldentsche Sonutaos-geituno.
Nr. 1.
Mit Wollust uns wleder zerrissen in Fetzen. Ja, könnten wir nüber mit Wasserstiebeln,
Wir wollten die Krämer gehörig zwiebeln! Drei deutsche Korps mit Hurra drauf,
Da käme Held Tommy in Dauerlauf.
Hinab in die See mit dem Kriegsknechtgesindel, Dann hätten wir Ruh' vor dem Gentlemanschwindel! Den dicken Eduard obendrein
Heimsten wir uns als Geisel ein!
So aber verhöhnt uns das Krämerpack,
Und wir, wir machen die Faust im Sack!“
Nach einigen weiteren Phrasen dieser Art antwortet der Andere:
„Du Tausendsasa,
Wir blauen Jungens sind auch noch da!
Du glaubst wohl, wir würden die englischen Mucken Behutsam aus sicherer Ferne begucken?
Wenn sich der John solch Wagnis erfrecht,
Dann kennt er die deutsche Marine schlecht!
Zehn Schiffe an eins— was liegt uns dran? Vielmehr als das Schiff gilt drinnen der Mann,
Der Mann, der befiehlt,“) der Mann, der pariert, Begeisterter Wille, der alles regiert!
Sei ganz beruhigt! Wir halten zur Zeit
Schon alles zum wärmsten Empfange bereit! Der Kaiser am Rhein, der Prinz⸗Admiral
An unserer Spitze— potz Wetter und Strahl,
Ganz Deutschland dahinter in Kampfzornsflammen— Was gilts, Freund Theo, wir hau'n sie zusammen! Viel lieber ruhmvoll zu Gründe geh'n,
Als ehrlos gedrückt an der Wand zu steh'n!“
Albert Kleinschmidt ist der Gießener Kreis⸗ schulinspektor, nicht etwa ein 15—16 jäh⸗ riger Realschüler. Wenn ein Privatmann sei⸗ nen Flottenkoller austobt, seinen Kriegsenthust⸗ asmus bis zur Verrücktheit treibt, so läßt man das schließlich gehen und beachtet es nicht. Aber in diesem Falle möchten wir doch in aller Bescheidenheit bemerken, daß wir bisher der Ansicht waren, ein Kreisschul inspektor hätte mehr zu tun, als solche phrafenhafte Heldengedichte zu schmieden. Wollte Herr Kleinschmidt wirklich patriotisch arbeiten, so sollte er alles tun, um das deutsche Volk auf eine höhere Kulturstufe zu bringen, wozu er in seinem Amte die beste Gelegenheit hätte. Unsere Volksschulen lassen aber noch sehr, sehr viel zu wünschen übrig. Die Kinder sind verhältnismäßig weit zurück und auch sonst bestehen zahlreiche Mängel. Nach der Leistung des Kreisschulinspektors braucht man sich da⸗ rüber nicht zu wundern. Nun, wir wünschen Herrn Kl. einen Orden! Hoffentlich erhält er einen aus Berlin, weil er so ehrfurchtsvoll vom Onkel Wilhelms II. spricht!
— Herr Professor Biermer hat sich durch seine famosen Ausführungen in seinen „staats wissenschaftlichen“ Vorträgen die be⸗ geisterte Zustimmung der— Pücklerpresse erworben. Das Hirschelblatt in Friedberg widmet ihm Worte warmer Anerkennung. Es weist erst auf den Streit hin, den Ruhland und Köhler mit Biermer hatten und lobt ihn dann, daß er nicht hinterm Berge halte,„wenn seine wissenschaftlichen Forschungen ihn in Gefahr bringen könnten als ein Gegner des Juden⸗ tums zu erscheinen. Ja, wir gratulieren dem Professor wirklich herzlich dazu, daß er es nun unternommen hat, auch die Kehrseite der Medaille einmal sich wissenschaftlich zu be⸗ trachten. Wir wünschen ihm einen vollen Er⸗ folg! Bis zu einiger Erkenntnis vom wahren Wesen des internationalen, unter allen Völkern, unter allen Zonen, zu allen Zeiten und ewig stch gleichbleibenden, völterfressenden und Staaten zerstörenden Judentums scheint er schon durchdrungen zu sein!“
Das ist Blamage und Strafe genug für einen Universitätsprofessor!
— Die städtischen Arbeit er haben lürzlich einen Arbeiter⸗Ausschuß von 10 Mitgliedern— den von der Stadtverord⸗ neten Versammlung festgesetzten Bestimmungen gemäß— gewählt. Am Freitag fand die erste Sitzung statt, in welcher Staffel als Vor⸗ sitzender, Rocke als dessen Stellvertreter ge⸗ wählt wurde. Bezüglich der von den städt. Arbeitern bereits vor längerer Zeit eingereichten Forderungen einer Lohnregulierung oder wenig⸗ stens Teuerungszulage sicherte der Herr Ober⸗
) Im Anzeiger hatte der Druckfehlerteufel höhni „bestehlt“ gesetzt! 5 3
bürgermeistermeister Eutgegenkommen zu. Hoffen wir das Beste im Interesse der Arbeiter!
— Die Wahlvereinsversamm⸗ lung am Samstag war sehr gut besucht. Gen. Vetters hielt einen Vortrag über die Wahlrechtskämpfe, die jetzt in verschiedenen Teilen Deutschlands und im Auslande geführt werden müssen. Er wies eingangs auf die Entwicklung unserer Partei hin, mit deren Fortschritten im vergangenen Jahre wir zu⸗ frieden sein könnten. Als Maßstab für unsere
Bewegung könne man Wahlziffern erst in zweiter Linie heranziehen; besser zeige das Erstarken der Organisation und der Presse unsere Fort⸗ schritte. Redner ging dann auf die Wahlrechts⸗ räubereien in Sachsen und Hamburg ein, gegen die ebenso wie gegen das preußische Dreiklassen⸗ energisch vorgegangen werden
wahl⸗Unrecht müsse.
Im weiteren wurden die Wahlrechts demon⸗ strationen in Dresden und Wien besprochen, sowie der politische Massenstreik und die russische Revolution. Mit der Aufforderung an die Parteigenossen im neuen Jahre für unsere Sache eifrig und unverdrossen weiter zu arbeiten, schloß Vetters seinen beifällig aufgenommenen Vortrag. — Fourier berichtete darauf über eine Sitzung des Ausschusses für Volks vorlesungen. Es wurde der Besuch der Vorträge, die demnächst stattfinden sollen, empfohlen. Schließlich wird beschlossen, zu dem vom internationalen Bureau vorgeschlagenen Termin eine größere Versamm⸗ lung abzuhalten.
k. Gießener Ausschuß für Volksvor⸗ lesungen und verwandte Bestrebungen. Unter diesem Namen hat sich der hiesige Ausschuß für Volksvorlesungen jetzt endgiltig konstituiert und ist dem Rhein⸗Mainschen Verband für Volksvorlesungen und ver⸗ wandte Bestrebungen(Sitz in Frankfurt a. M.) beige⸗ treten. Da der Ausschuß die Unterstützung der Stadt gefunden hat, kann er nunmehr seine Verstaltungen be⸗ ginnen und zwar mit einem Zyklus geschichtlicher Vor⸗ lesungen von Oberlehrer Dr. A. Klein in Gießen über: die Entstehung des modernen Deutschlands 1740— 1815. Daran werden sich die Vorlesungen des Herrn Dr. R. Strecker aus Bad⸗Nauheim anschließen über: Grundfragen der Sittlichkeit. Vorlesungen über neuere deutsche Literatur sollen im März folgen; Unter⸗ handlungen darüber find im Gange. Außerdem hat ein Marburger Gelehrter einen Lichtbildervortrag über Albrecht Dürer in Aussicht gestellt, der hoffentlich auch zu Stande kommen wird. Die Vorlesungen finden sämtlich in der Turnhalle des Realgymnasiums und der Oberrealschule statt und sind jeder ma nu zugänglich, ohne daß Eintrittsgeln erhoben wird. Auf die geschicht⸗ lichen und philosophischen Vorträge folgt jedesmal eine Diskussion, an der jeder Zuhörer sich nach Kräften be⸗ teiligen kann und soll, weil dadurch erst das Vorge⸗ tragene recht fruchtbar und verständlich wird. Am Ein⸗ gang des Saales wird ein Heft ausgelegt, in das jeder Eintretende Namen und Vornamen, Stand und Wohn⸗ ort einzuzeichnen gebeten wird. Diese Sitte hat sich in den großen Städten, namentlich in Wien, ausgebildet und als Grundlage für eine statistische Erfassung volks⸗ tümlichen Bildungsstrebens ausgezeichnet bewährt. Der erste Vortrag soll am Mittwoch, den 17. Januar 1906 stattfinden. Beginn und Thema werden durch Junserate rechtzeitig bekannt gemacht werden. Ein Vertreter des Frankfurter Verkandes, entweder der Geschäftsführer, Herr Georg Volk, selbst oder Herr Stadtrat Dr. Flesch, einer der Begründer der ganzen Organisation, wird ihn und damit die gesamten Unternehmungen des Ausschusses eröffnen.
— Lichtbildervortrag. Das Gießener Gewerkschaftskartell veranstaltet am 18. Januar im Saale des Café Leib einen Lichtbilder⸗Vor⸗ trag, in welchem Herr Ingenieur Grempe⸗ Berlin die Freiheitskämpfe in Rußland schildern wird. Näheres besagt das Inserat.
— Auf das Fest der Freien Turner⸗ sch aft, das diesen Samstag im Café Leib stattfindet, sei nochmals aufmerksam gemacht. Besonders wird darauf hingewiesen, daß die Mitglieder des Wahlvereins und der Gewerk⸗ schaften Eintrittskarten zu billigerem Preise er⸗ halten, während die Mitglieder der Fr. Turner⸗ schaft selbst freien Eintritt haben.
Aus dem Nreise gießen. — Protestversammlungen gegen die Tabakssteuer finden statt: In
Heuchelheim bei Wirt Rinn Samstag, 6. Januar, abends 8 Uhr; in Gleiberg
bei Wirt Feußner Sonntag, 7. Januar, nachmittags/ 5 Uhr; in Krofdorf bei Witwe Abel Sonntag, 7. Januar, abends 8 Uhr. Referent in allen Versammlungen ist der Gauleiter des Tabakarbeiter⸗Verbandes Schnell-Hanau. Selbstverständlich ist das Erscheinen nicht nur der Tabakarbeiter, sondern aller Arbeiter, sowie der durch die Steuer besonders in Mitleidenschaft gezogenen Wirte, Händler, Zigarrenkisten⸗ arbeiter ꝛc. erwünscht.
— Unternehmer⸗Wohltätigkeit. Dieser Tage war im Gießener Amtsblatt zu lesen, daß mehreren Meistern und Arbeitern der Main⸗Weser⸗Hütte in Lollar, die 25 Jahre und länger dort in Arbeit stehen, Weihnachts⸗ geschenke verabreicht worden seien; den Meistern 100, den Arbeitern 75 Mk. Im Ganzen wären 3400 Mk. zur Auszahlung ge⸗ langt. Dieser im Anzeiger rühmend aus⸗ posaunten Weihnachtsgabe kam das dicke Ende in Gestalt einer Neujahrsgabe nach: Ankündi⸗ gung einer Lohnherabsetzung von 15 bis 25 Prozent für verschiedene Arbeiterabtei⸗ lungen! Die Former bekamen schon vor Weihnachten Abzug. Im Laufe eines Jahres ist das schon die dritte Lohnherabsetzung! Und dabei machen die Buderus'schen Eisenwerke ungeheuere Gewinne. Steigerung der Lebens⸗ haltungskosten, Herabsetzung der Löhne, damit's dem Arbeiter nicht zu wohl wird bei der vollen Kompottschüssel!
— Staufenberg. Lohn für treue Wahldienste? Der Vorsitzende des Krieger⸗ vereins in Staufenberg und sein Kamerad L. Henkelmann erhielten von Herrn Bürgermeister Leun in Großenlinden als Neufahrsgeschenk ein Kistchen Zigarren. Beide waren mit L. beim Militär. Aber jedem, der mit ihm ge⸗ dient hat, wird Leun kaum ein Kistchen Zigarren spenden. Bet der Wahl begleiteten die Beiden Herrn L. nach Ruttershausen, wo ste durch die Schulkinder die Wähler zusammenkommen ließen. Solche Dienste gehören sich belohnt. Neid em⸗ pfinden unsere Genossen darüber wirklich nicht. Wenn wir agitieren, tun wir es aus Ueber⸗ zeugung für eine gerechte Sache, nicht um ein paar Zigarren. Wir erwähnen diesen Fall nur als einen kleinen Beitrag zu dem Kapitel: Wie die Gegner agitieren.
— Ein kleiner Sozialistenfresser. Schmiedemeister Pauli in Leihgestern rempelte neulich einen dortigen ehrsamen Ar⸗ beiter in gröblichster Weise in der Wirtschaft an. Unter anderem glaubte er ihn damit be⸗ leidigen zu können, daß er ihm sagte, er(der Arbeiter) zähle sich auch zur Sozialdemokratie, „zu der alle schlechte Kerle gehörten“. Natür⸗ lich setzte der Arbeiter solcher Rede des Meisters nur kühles Lächeln entgegen, weiß er doch, wie jeder im Ort, daß das, was Pauli sagt, nicht viel zu bedeuten hat. Besonders, wenn er im Wirtshaus sitzt! Uebrigens sollte der Mann, ehe er Vorwürfe gegen andere erhebt, vor seiner eigenen Türe kehren, es gibt viele Leute, die der Meinung sind, es wäre besser, man träfe ihn mehr in der Schmiede als anderwärts.
r. Kommunales aus Watzeuborn⸗ Stein berg. In der letzten am Samstag vor den Feiertagen stattgefundenen Gemeinderatssitzung wurde u. a. die Neuwahl des Schulvorstandes auf die Dauer von 6 Jahren vorgenommen. Auszuscheiden hatten die Herren Leicht, Sommer und Philipp. Gewählt wurde nur Philipp wieder und außerdem die Herren Burk und Schäfer. Letzterer ift der„Exgenosse“, der bei der Landtagswahl als bauernbündlerischer Wahlmann fungierte; seine Wahl sol jedenfalls eine Belohnung für seine Tätigkeit bei der Landtagswahl sein. Uns berührt diese Wahl ja weiter nicht, sie hat unter den heutigen Verhältnissen wenig Bedeutung. Trotzdem drücken wir den beiden durchgefallenen Ordnungssäulen Leicht und Sommer unser„allertiefstes Bedauern“ aus, sie hätten uns unter allen Umständen im Schulvorstande erhalten bleiben müssen! Sie sind denn über ihre Nichtwahl sehr erbost und machten den Gemeinderats mitgliedern darüber nicht wenig Vorwürfe, sie haben eben gar zu gern ein „Aemtchen“, von Pflichtbewußtsein und Fähigkeiten merkt man aber sehr wenig bei ihnen. Na, mögen sie sich mit dem schönen Lied:„Behüt dich Gott“ ꝛc. trösten


