Nr. 1. 5
Mitteldentsche Sonnags⸗Zeitung.
Seite 3.
Prozeß zeigt übrigens, welche Gefahr der Mili⸗ tarismus mit seinem Kadavergehorsam für das Volk bedeutet und insofern dienen die Ver⸗ handlungen als Propaganda gegen den Mili⸗ tarismus. Und dies in dem Maße, daß deutsche Ordnungsblätter darüber entsetzt waren, die stets die französtschen Sozialdemokraten als „patriotischer“ als die deutschen hinstellen.
Kleine politische Nachrichten. Arbeiter als Geschwore ne. Die Liste der
5 Geschworenen in Leipzig 1906 weist auch zwei
Arbeiter auf. Das sächsische Justizministerium hat vor kurzem ausdrücklich den Wunsch geäußert, daß auch Ar⸗ beiter zu dem Ehrenamte der Geschworenen und Schöffen herangezogen verden, bemerkt die Frkftr. Ztg.— Gleich ganze zwei Arbeiter! Wer will sich da noch über Un⸗ gleichheit beklagen?
Die endlose Wahl. Für die Landtagswahl im pfälzischen Kreise Neustadt⸗ Dürkheim ist auf 8. Januar ein neuer Termin angesetzt. Bisher verlief die Wahl etliche 20 mal resultatlos, weil jede Partei an ihren Kandidaten festhielt und deshalb keine Mehrheit erzielt wurde. Die Leberalen versuchten bereits sozialdemokratische Wahlmänner zu kaufen, fielen da⸗ mit aber gebührend ab.
Zur Nachwahl in Chemnitz soll der Kom⸗ merzienrat Hermsdorf als Kandidat der Bürgerlichen aufgestellt werden. Doch soll dieser den Antisemiten sehr nahe stehen, weshalb die Liberalen jedenfalls einen eigenen Kandidaten aufstellen.
Ang st vor der Sozlaldemokratie hat die Gothaer Regierung. Sie bestätigte auch die Wahl des sozialdemokratischen Fabrikarbeiters Jäger zum Senator in Waltershausen nicht. Der frühere bürgerliche Senator Beinahe wurde von der Regierung als städtischer Senator und Vertreter des Bürgermeisters bestellt. Der zum Bürgermeister gewählte frühere sozial⸗ demokratische Rechtsanwalt Westphal⸗ Königsberg wurde auch noch nicht bestätigt, obwohl er erkkärt hat, nicht mehr agitatorisch tätig zu sein.(Er wurde früher bereits von der Parteiorgantsation ausgeschlossen.)
An den englischen Wahlen, die dennächst
stattfinden, beteiligt sich die Arbeiterpartei selbständig und hat bereits 51 Kandidaten aufgestellt.
Soziales.
Die Gründung einer Genossenschafts⸗ Seifenfabrik ist nunmehr in Aken gestchert. An diesem Projekt arbeitet die Großein⸗ kaufs⸗Gesellschaft deutscher Konsumvereine schon jahrelang. Es wurden ihr aber von dem Akener Magistrat, der den„Mittelstand retten“ wollte, große Schwierigkeiten in den Weg ge⸗ legt. Jetzt hatte er wieder gegen die Errich⸗ tung der Fabrik Beschwerde geführt. Man wollte nur die Genehmigung von zehn Kubik⸗ metern Abwässern für den kläglichen Gebrauch erteilen. Die Regierung hat die Beschwerde abgelehnt und sich auf den vernünftigen Standpunkt gestellt, daß eine Beschränkung der Wasser menge eine Unsauberkeit im Betriebe hervorrufen würde. Nun muß die Konzession ertellt werden, wenn nicht andere mittelständ⸗ lerische Bedenken auftauchen. 1½ Jahre ist die Sache jetzt verschleppt worden, nur weil eine spieß bürgerliche Stadtverwaltung im Bunde mit einer rückständigen Polizei jeden Fortschritt mit gesetzlichem Verbot aus der Welt schaffen möchte.—
Aus den Gewerkschaften. Die Dach⸗ decker hielten nach den Feiertagen in Braun⸗ schweig ihren Verbandstag ab, auf dem 23 Delegierte anwesend waren. Der Kassen⸗ bericht weist für das letzte Jahr eine Gesamt⸗ einnahme von 47625 Mk. nach, das sind fast 10000 Mk. mehr als im Vorjahre. Vor zwei Jahren schlossen die Finanzen mit einem Defizit ab, jetzt ist ein Ueberschuß von 17000 Mark vorhanden. In der Debatte über die Berichte der Zentrallettung fand im allgemeinen die Geschäftsführung Zustimmung und wurde dem Zentralvorstand Decharge erteilt. Bei der Be⸗ ratung des zweiten Punktes:„Taktik bei Lohn⸗ bewegungen“ ging der Referent Diehl⸗Frank⸗ furt ausführlich auf die Erfahrungen ein, welche der Verband bei den Lohnbewegungen der ein⸗ zelnen Filialen gemacht hat. Hierbei wies er darauf hin, daß mehrere schwere Fehler vorge⸗ kommen seien. Aufgabe bes Verbanbstages sei es, diese Fälle zu besprechen und, soweit es
geht, eine Richtschnur behufs Vermeidung der Fehler in Zukunft zu geben. Es wurden ver⸗ schiedene Aenderungen des Streikreglements nach dieser Richtung hin beschlossen.
Nevolution in Rufßfland.
Die offtziösen Telegraphen⸗Bureaus melden in zahlreichen Depeschen die entgültige Nieder⸗ werfung der Revolutionäre. Die Reaktion triumphiert wieder einmal. Der heldenmütige Kampf der Moskauer Revolutionäre ist aber⸗ mals, und zwar brutaler, gewalttätiger als je zuvor, niederkartätscht worden. Die Revolu⸗ tionäre haben wie Löwen gekämpft. Jeden Fußbreit Boden in der alten Krönungssta dt haben sie mit Blut gedüngt, ehe stie ihn der wildgewordenen Soldateska überließen. Wahre Wunder an Heldenhaftigkeit haben ste verrichtet. Zuletzt waren alle Streitkräfte der Revolu⸗ tionäre im Stadtteil Presna, in dessen Straßen Barrikaden errichtet waren, konzentriert. Die Fabrik Prochorow, wo sich 10 000 Arbeiter und Aufständische befanden wurde von Infanterie, Kavallerie und Artillerie eng eingeschlossen. Das große fünfstöckige Haus Kurnow wurde aus Kanonen beschossen. In der innerhalb des Bannkreises von Moskau gelegenen Ortschaft Nowaja Derevnia versuchten die Hausbesttzer Aufständische zu vertreiben, die in eine Schänke geflüchtet waren und von da aus schossen. Man schloß die Schänke ein und setzte sie von allen Seiten in Brand.
Die Reaktion tobt jetzt in Peters⸗ burg. Die Regierung setzt die strengsten Maßnahmen gegen die revolutionäre Presse fort; ste sch lo ß in verflossener Woche nicht weniger als 32 Druckereien; diese Woche sechs. Auch veranwortliche Redakteure der sozialistischen Blätter wurden verhaftet.
Aus Moskau wurde am Dienstag be⸗ richtet:„Die Stadt bietet jetzt, nach Abschluß der blutigen Straßenkämpfe, tagsüber das ge⸗ wöhnliche Straßenbild, am Abend dagegen sind die Straßen völlig menschenleer. Das Ver⸗ lassen der Wohnungen nach 9 Uhr ist strengstes verboten. In der Nacht wurde häufig von Revolutionären aus dem Hinterhalt auf vorbei⸗ iehende Patrouillen und Mllitärposten ge⸗ 1 Haussuchungen und Verhaftungen dauern fort, sogar Mitglieder bisher geduldeter Verbände werden verhaftet.
Die Herstellung des normalen Bahn ver⸗ kehrs ist eine äußerst schwierige Aufgabe. Manche Bahnlinien waren gänzlich in den Händen von revoluttonären Beamten welche die Wiederaufnahme des Verkehrs nicht zulteßen. Besonders heftiger Widerstand wurde auf der Kasanschen Bahn geleistet, wo die Auf⸗ ständischen die Lage beherrschten. Aus Moskau wurden zwei Bataillone Infanterie entsandt, welche jede Station einzeln erobern mußten. Dabei gab es blutige Zusammenstöße.
Nach einer„endgültigen Niederwerfung“ der Revolution steht das wahrlich nicht aus. Im übrigen Rußland wurde in den letzten Tagen noch überall gekämpft.— In den Ostseepro⸗ vinzen befinden sich die Truppen nach den letzten Nachrichten im Vorteil gegen die Revo⸗ lutionäre.
Von Nah und Fern.
Hessisches.
— Noch ein weiterer Wahlprotest. Auch gegen die Wahl des Abgeordneten Ull⸗ mann(natl.⸗bauerubl.) ist von Seiten unseres Genossen Busold in Friedberg Protest ein⸗ gelegt worden, weil in einer Anzahl Orte Gesetzwidrigkeiten vorgekommen sind. In Klein ⸗ Karben sah ein Wähler in An⸗ wesenheit der Frau Bürgermeister, weil letzterer abwesend war, die Liste ein und stellte fest, daß zwei Wähler, Vater und Sohn, nicht eingetragen waren. Am Abend desselben Tages, des dritten Tages nach der Offenlegung, verlangte der Sohn die Eintragung in die Liste, wurde aber vom
sie seien keine Hessen, als der Vater die Auf⸗ nahmeurkunde aus dem Ja hre 1874 belbrachte, erklärte der Bürgermeister, die Offenlegung der Liste set um 4 Uhr beendet gewesen. Der Rekurs an das Kreisamt wurde zurückgewiesen. Abgegeben wurden 106 Stimmen, in der Urne fanden sich 107 Zettel vor. Der Wahlmann für Ullmann erhielt 55, der sozialdemokratische 52 Stimmen. Zieht man den einen Zettel, der zu viel vorgefunden wurde, dem am meisten bestimmten ab, die beiden Zurückgewiesenen dem soztaldemokratischen Wahlmann zu, so mußte Losentscheid stattfinden. In Nieder⸗Erlenbach wurden Leute, die dort geboren find, deren Eltern dort geboren sind, die den Verfassungs⸗ eld geletstet, wegen Nichterscheinens dazu mit Strafe bedroht wurden, von der Aufnahme in die Wählerliste ausgeschlossen, weil sie resp. ihre Eltern im Jahre 1866 keine Frankfurter gewesen seien. Das Resultat der Wahl war 57 sozialdemokratische und 60 Stimmen für Ullmanns Wahlmänner. Ebenso kamen in Petterw il, Heldenbergen, wo die Wählerliste nicht an den amtlich bekannt gemachten Tagen auflag, sondern erst einen Tag später, und in Büdesheim Unregelmäßigkeiten vor.
Anträge der fozialdemokr. Fraktion im hessischen Landtage
Den in letzter Nr. veröffentlichten Anträgen
seien noch folgende hinzugefügt: Armenwesen.
Die Armenlasten sollen vom Staat übernommen werden unter Beseitigung aller an öffentliche Unterstützung geknüpfte Beschrän⸗ kungen der staatsbürgerlichen Rechte. Allgemeine wirtschaftliche und soziale
Aufgaben.
1. Eine obligatorische staatliche Mobi⸗ ltarversicherung soll errichtet werden.
2. Die Aufhebung sämtlicher Brücken⸗ gelder über Rhein und Main soll veran⸗ laßt werden.
3 Ueberführung der Apotheken in Staatseigentum, wonach neue oder heimfallende Konzessionen fernerhin an Private nicht zu erteilen und die bestehenden Apotheken auf dem Wege allmählichen Ankaufs vom Staate zu erwerben find.
— Einen ungetreuen Stadt⸗ kassenrech ner hatte die Stadt Baben⸗ hausen. In der Spar- und Darlehenskasse hat sich bis jetzt schon ein Fehlbetrag von 51000 Mk. ergeben, obwohl die Prüfung aller Bücher noch nicht beendet ist. Da Altvater — so heißt der Rechner— außer dieser Kasse auch noch die Stadtkasse und die Kirchen⸗ kasse führte, so vermutet man einen noch be⸗ deutend höheren Fehlbetrag. Das gesamte Vermögen Altvaters wurde mit Beschlag be⸗ legt und über das Geschäft der Konkurs erklärt. Die Unterschlagungen Altvaters reichen, wie verlautet, zwölf volle Jahre zurück; sie er⸗ scheinen als unbegreiflich, wenn man bedenkt, daß Altvater ein Gesamtjahreseinkommen von etwa 10000 Mk. hatte. Die Aufregung über den entgleisten Ordnungsmann ist natürlich eine nicht geringe im Orte.
Gießener Angelegenheiten.
— Der Gießener Kreisschulin⸗ spektor als Kriegs hetzer. In der Nummer vom letzten Freitag veröffentlicht der Gießener Anzeiger ein Gedicht unter der Ueberschrift:„Jung ⸗Deutschlands Meinung.“ Als Verfasser des Poëms zeichnet Albert Kleinschmidt. Zum Be⸗ weise dafür, bis zu welchem Unsinn sich die Flottenfexerei versteigt, seien folgende Verse zitiert. Vorausgeschickt sei, daß das Gedicht schildert, wie zwei Soldaten, ein Grenadier und ein Seekadett, auf ihrem Weihnachtsurlaub am Bahnhofe sich treffen. Und die beiden Helden führen eine hochpolitische Unterhaltung, in der sich der Einjährigen⸗Infanterist so vernehmen läßt:
„Ja, Fritz mich bringt der Aerger um, Daß wir nicht an die Beefsteaks können, Die uns die Lebenslust nicht gönnen,
Bürger meister abgewiesen mit der Begründung,
Die überall gegen uns schüren und hetzen,


