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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 1.
Au die Parteigeucssen um ganzen Reiche wenden wir uns mit der Bitte, uns bei der e dieser Flugschrift unter⸗ ützen zu wollen.
5 nie Dersendurt erfolgt unsererseits kosten⸗ und portofrei, und würde sich die Verteilung in Protest⸗, Volks⸗, Wahlvereins⸗ sowie Gewerk⸗ schafts⸗Versammlungen sehr empfehlen.
Schriftliche Bestellungen oben erwähnter Vorstände oder Versa mmlungsleiter werden unter Angabe der genauen Adresse sowte der gewünschten Anzahl der Exemplare unter der Adresse: Karl Butry, Stralsunderstr. 41, III, Berlin N 31 erbeten.
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Politische Rundschau.
Gießen, den 4. Januar 1906.
Wieder 30 Millionon für Südwest⸗ Afrika.
Vom Reichstage wird wieder ein Nachtrags⸗
etat von 30 600 000 Mk. für das südwestafri⸗ kanische Abenteuer verlangt. Damit erreicht die zur Niederwerfung des Aufstandes aus⸗ gegebene Summe eine Höhe von 300 Millionen 200000 Mark. Dazu nehme man die ca. 2000 Toten und Verwundeten, die dieser allein von den Weißen verschuldete Krieg uns schon gekostet hat! Und noch ist kein Ende abzusehen! Welche Unsumme von frivol heraufbeschworenem Elend liegt in diesen trockenen Ziffern! Wie nutzbringend hätten jene 300 Millionen Mark für Zwecke der Kultur verwendet werden können! Aber solche Erwägungen kümmern die bürgerliche Mehrheit des Reichstags nicht. Von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken wird sie mit Hurra auch die neuen Forderungen bewilligen.
Zur Erkenntnis gekommen,
Ein katholischer Priester sandte unserm Augsburger Parteiorgan sein neues politisches Glaubensbekenntnis, in dem er u. a. schreibt: „Ich habe die volle Ueberzeugung, daß man in zahlreichen Kreisen den Sozialismus immer noch und nur deshalb verwirft, weil man den Sozialismus gar nicht kennt!“ Das ist ganz richtig. Und weil man in zahl⸗ reichen„besseren“ Kreisen keine Kenntnis und kein Verständnis von der wirklichen Lage der Arbeiter hat, nimmt man eine gegensätzliche Stellung zur Arbeiterbewegung im Allgemeinen ein. Die nötige Kenntnis sich zu erwerben, gestatten die entgegenstehenden Klasseninteressen sehen man will den Sozialismus nicht ver⸗
ehen.
Zum sächsischen Wahlrechtskampfe.
Vorschläge zu Wahlrechts„reformen“ schießen jetzt in Sachsen wie Pilze aus der Erde nach warmem Regen. Alle möglichen„Politiker“ zerbrechen sich die Köpfe darüber, was für ein Wahl, recht“ dem Sachsenvolke bescheert werden soll. Einer schlägt in einem Leipziger Blatte ein Projekt vor, das nach seiner Meinung ganz„gerecht“ sein soll. Die„Gerechtigkeit“ gipfelt darin, daß sechs Berufsklassen gebildet werden sollen, die in direkter Wahl wählen. Die vier ersten Klassen umfassen liebevoll alle Geldsacksgesegneten; Klasse 5 vereinigt Sub⸗ alternbeamte, eee Handlungs- gehilfen usw., und der Masse der Lohnarbeiter überläßt der gute Mann gnädigst die sechste Klasse. Eines ist all den verschiedenen von bürgerlichen„Politikern“ ausgehekten Projekten eigen— ste meiden den Vorschlag, die all⸗ gemeine, gleiche, direkte und geheime Wahl einzuführen, wie ein Kind mit verbrannten Fingern das Feuer. Sie begnügten stch mit elender Flickarbeit und meinen, durch groß⸗ mütigst gespendete Bettelpfennige den branden⸗ den Unwillen der entrechteten Massen stillen zu können. Man muß nun abwarten, ob wenigstens die Regierung die politische Situation besser begreift. Man braucht aber nach dieser Richtung hin keine großen oder überhaupt keine Er⸗ wartungen zu hegen.— Wie groß die Augst vor dem Unwillen des Volkes ist, beweist der
Umstand, daz in mehreren Stabten Sachsens am Sonntag das Militär in den Kasernen konsigniert blieb, weil man für die Sylvester⸗ nacht größere Demonstrattonen erwartete. Die Behörden hätten sich wohl sagen können, daß die Sozialdemokratie den Sylvesterrummel
nicht benutzen wird, um für die Rechte des Volkes,
für eine bitterernste Sache zu demonstrieren!
Russische Urteile in Sachsen.
Für den Schrecken, den die sächsischen Spießer bei den Wahlrechtsdemonstrationen ausgehalten haben, nehmen jetzt die Gerichte an einzelnen Demonstranten Rache. Außer dem Schmied, von dessen Verurteilung zu 3 Wochen Haft wir in letzter Nummer berichteten, fiel dem Gericht der Zimmermann Wolff zum Opfer, den es wegen„Aufruhr“ zu einem Jahre zwei Monaten Gefängnis verurteilte. Wolff hatte an den Protestversammlungen nicht teil⸗ genommen, sondern war auf dem Nachhauswege im angetrunkenen Zustande in den Zug der Demonstranten gekommen, war ein Stück mit⸗ gezogen und hatte dann in einer Wirtschaft geschimpft. Und wegen dieser Bagatelle eine so harte Gefängnisstrafe! Aber noch andere Schreckensurteile fällten die Dresdener Richter. Am Samstag wurden der 21 Jahre alte Metalldrücker Schreiter und der 45 jährige Bahnarbeiter Steuer wegen Teil⸗ nahme an der Wahlrechtsdemonstration erster zu drei letzterer zu 2½ Jahren Gefäng⸗ nis verurteilt. Das sind einfach unerhörte, skandalöse Urteile! Tätlichkeiten sind keinem der Verurteilten nachgewiesen. Drei Jahre Gefängnis für den Protest gegen die Dreiklassenschande und das volksfeindliche Regiment! Das Volk wird den Klassenhaß, der in diesen Urteilen zum Ausdruck kommt, zu würdigen wissen. Es wird desto mehr zu⸗ sammenhalten und dafür sorgen, daß die Klassenherrschaft und damit auch die Klassen⸗ justiz so schnell als möglich beseitigt wird! Der Kampf der Arbeiterklasse gegen Unter⸗ drückung und Ausbeutung wird unentwegt und unverdrossen weiter geführt werden!
Die deutsche Gerechtigkeit die in diesen Ur⸗ teilen zum Ausdruck kommt, erfährt durch einen andern Fall noch eine besondere Beleuchtung. Graf Pückler war wegen Aufreizung er hat bekanntlich in vielen seiner Reden zum Totschlagen der Juden aufgefordert— vor eini⸗ ger Zeit zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Trotz seines großen Maules hat er aber nicht den Mut, die Strafe auf sich zu nehmen, sondern er bettelte um Gnade. Und richtig, ste wurde ihm gewährt, die 6 Monate Gefängnis wurden in Festungshaft um⸗ gewandelt! Das bedeutet für den Grafen keine Strafe, sondern eine Erholung. Diese Begnadigung und die Verurteilung der Arbeiter in Dresden halte man zusammeu. Ganz richti bemerkt die Frkftr. Ztg. dazu:„Hier ein Graf mit kalten Blutes vorbereiteten aufrührerischen Reden und relativ kurzer, gemütlicher Festungs⸗ haft— dort Arbeiter mit ein paar in der Erregung ausgestoßenen Ausrufen(nicht Reden) und Gefängnis von ein, zweit, drei Jahren. Wer glaubt wohl, daß solche Tatsachen geeignet sind, das Ansehen der Justiz im Volke zu erhöhen?“— Die deutsche Justiz hat jetzt schon alles Ansehen im Volke verloren!
Gegen die Hamburger Wahlrechts⸗ räuberei
beranstalten unsere dortigen Parteigenossen am 5. Januar große Demonstrations⸗Ver⸗ sammlungen. Der. der Bürgerschaft hat die Entrechtung der Minderbemittelten fein säuberlich in Paragraphen gebracht und das Gesetzchen angenommen. Zur Annahme des⸗ selben in der Bürgerschaft ist aber Dreiviertel⸗ mehrheit der in der betreffenden Sitzung an⸗ wesenden Mitglieder der Bürgerschaft nötig, und die Sitzung selber muß ebenfalls von min⸗ destens drei Vierteln aller Mitglieder besucht sein. Das Ergebnis der Abstimmung wird von ganz wenigen Stimmen abhängen, oder wie ein Hamburger Parlamentarier sich witzi ausdrückte, von dem Magen⸗ oder Darmkatarr
des einen oder andern Weugeiedes der Bargee⸗ schaft. Hoffentlich trägt der wuchtige Volks⸗ protest dazu bei, daß möglichst viele der Wahl⸗ rechtsraub⸗„Lüsternen“ davon ergriffen werden.
Es ist eine Dreistigkeit unerhörtester Art von dem Hamburger Protzentum, der Stadt, in welcher sich 1903 mehr als 100000 Wähler von 188000 zur Sozialdemokratie bekannten, mit der Spottgeburt eines solchen„Wahlrechts“ zu kommen. Nach den Beschlüssen des Aus⸗ schusses soll nämlich zur Bürgerschaft die Ab⸗ teilung der„Notablen“ 72(also die Hälfte) Abgeordnete wählen. Die allgemeine Abteilung wählt ebenfalls 72 Abgeordnete, zerfällt jedoch in zwei Klassen, in die eine kommen alle Wäh⸗ ler mit einem Einkommen bis zu 2500 Mk., diese wählen nur 24 Abgeordnete, obwohl sie drei Fünftel der Bevölkerung bilden; die andere Klasse wird aus den Wählern mit mehr als 2500 Mk. Einkommen zusammergesetzt, die blos zwei Fünftel der Bevölkerung ausmachen, aber dennoch doppelt so viel Abgeordnete als die erstere Klasse wählen, nämlich 48! Und so etwas wagt die Gesellschaft der Pfeffersäcke als„Recht“ zu bezeichnen.
Reichstagsabgeordueter als Wein⸗ pantscher verurteilt.
Der langen Reihe gebrochener Ordnungs⸗ stützen, der Biedermänner, auf die alle möglichen gesellschaftlichen Ehren gehäuft werden, in der Oeffentlichkeit eine Rolle spielten, sonst aber auf sehr wenig ehrenhafte Weise sich zu be⸗ reichern suchten, schließt sich der freisinnige Reichs⸗ tagsabgeordnete für Kaiserslautern, Sartorius an, der wegen Weinpantscherei vom Landgerichte in Frankenthal zu der höch st zulässigen Geld⸗ strafe von 3 000 Mk. und die Kosten(die etwa 20000 Mk. betragen) verurteilt wurde. Außer⸗ dem wurde der beschlagnahmte Wein(etwa 8 Fuder) eingezogen. Nach langen Verhand⸗ lungen stellte das Gericht fest, daß Sartorius mit Zuckerlösung Weine„gestreckt“ hat, daß er in unzulässiger Weise dem Bukett des Weines nachhalf, den Weinen Schwefel wasser zusetzte, gewerbsmäßig Weißweine durch Aufguß von Zuckerwasser auf Trub herstellte, und dazu das ekelerregende Wasser des Mußbachs ver⸗ wandte, in dem Abwässer aller Art abgeführt zu werden pflegten.— Der Staatsanwalt hatte 3 Monate Gefängnis gegen den Weinpantscher beantragt. Sartorius ist der„Vater“ des neuen Weingesetzes und wurde überall als äußerst gewissenhafter Mensch und redlicher Weinproduzent angesehen.— Das ist seit 1903 schon der zweite freisinnige Abgeordnete, der mit dem Strafgesetz in sehr bedenkliche Kolission Nane Seyboth von Eschwege wurde bekannt⸗ ich wegen schmutziger Geldgeschichten verurteilt.
Herrn Sartorius soll übrigens noch ein Prozeß wegen Steuerhinterziehung bevorstehen, er habe 100 000 Mk. Einkünfte gehabt, sich aber nur mit 10000 Mk. zur Steuer eingeschätzt.
Ein Prozeß gegen eine Anzahl Antimilitaristen
wurde vorige Woche in Parts vorhandelt. Vor einiger Zeit hatte eine Gruppe 8 Anarchisten und Soztlalrevolutionäre, darunter der Sozialdemokrat Hervs einen Aufruf an die Soldaten erlassen, der sie aufforderte, im Falle eines Krieges den Militärdienst zu ver⸗ weigern und bei Streikunruhen nicht auf Vater und Mutter, sondern auf den Vorge⸗ setzten zu schießen, der zum Schießen auf das Volk kommandiere. Es wurde gegen 28 Mann der Prozeß eingeleitet; am 30. Dezember wurde das Urteil gefällt. Als schuldig wurden 26 Angeklagte befunden; 2 Angeklagte wurden frei⸗ gesprochen. Hervé wurde zu 4 Jahren Gefängnis, Nvetot zu 3 Jahren und Gohier zu einem Jahr Gefängnis verurteilt; die anderen Angeklagten wurden zu 3 Jahren bis zu 6 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Sämtliche Verurteilten wurden außerdem in eine Geldstrafe genommen.
In dem Prozeß wurde auch Gen. Jaures als Zeuge vernommen, der erklärte, daß er das Verhalten der Angeklagten billige. Die sozialistische Presse hat sich dagegen verschiedent⸗ lich gegen ihr Vorgehen ausgesprochen. Der


