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Nr. 1.
Gießen, den 7. Januar 1906.
13. Jahrgang.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
tags⸗ Zeitung.
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Steuern die„man nicht merkt“.
Eine der gangbarsten politischen Unwahr⸗ heiten, mit denen das geduldige Volk in der Dummheit erhalten wird, ist die Behauptung der reaktionären Volksbedrücker, daß man die indirekten Steuern„nicht merkt“, und daß ste deßhalb die besten Steuern darstellen. Schon Lassalle hat diesen Humbug der Reaktion in seiner klassischen Abhandlung über die indirekten Steuern aufs bündigste zurückgewiesen. Nur ein vollkommen gedankenloser Mensch, der nie über eine national⸗ökonomische Frage auch nur oberflächlich nachgedacht hat, läßt sich heute noch von dem reaktionären Geschwätz betölpeln, daß die indirekten Steuern das Ideal einer Steuer überhaupt bedeuten. Auf diese gedankenlosen Nachbeter reaktionärer Weisheit, die allerdings nur in den Reihen der Leser reaktionärer oder „unpolitischer“ Blätter zu finden sind, rechnet aber gerade die Klasse der reaktionären Inte⸗ ressenten, die aus politischer Blindheit anderer für sich Kapital schlägt. Immer wieder müssen wir demgegenüber betonen, daß eine politische Aufklärung des Volkes über seine Lebensinte⸗ ressen, eine Unschädlichmachung des reaktionären Verdummungssystems nur möglich ist durch die denkbar weiteste Verbreitung der unab⸗ hängigen Presse. Nur ste öffnet dem Volke die Augen über das Gespinnst von falschen An⸗ schauungen, in das man es einzuwickeln ver⸗ sucht, um es mit ruhiger Sicherheit für reak⸗ tionäre Zwecke ausbeuten zu können.
Was für ein Unsinn die unwahrhaftige Be⸗ hauptung ist, daß man die indirekten Skeuern nicht merkt, das weiß jede Hausfrau, die auf ein festes Wirtschafts geld angewiesen ist und die in den letzten Jahren, besonders aber seit Beginn der letzten Fleischteuerung, nur zu sehr gemerkt hat, daß die indirekten Steucrn auf alle Lebensbedürfnisse ein mächtiges Loch in alle Berechnungen und in alle Sparsamkeits⸗ absichten reißen. Außerdem werden die Er⸗ fahrungen der einzel nen Haushaltungen durch die Statistik durchaus bestätigt. Wie könnte es auch anders sein! Für eine Anzahl von Städten hat man neuer dings die Wirkungen der Erhöhung der Lebens mittelpreise auf die breite Masse der Konsumenten festgestellt. Es ergibt sich daraus, daß die Kosten der Ernähr⸗ ung im Durchschnitt für eine Familte mit vier Köpfen betrugen in Mark:
pro Woche: 1900 1901 1902 1903 1904 1905 20.44 20.56 20.72 21.15 21.29 21.98 pro Jahr: 1062.88 1069.12 1077.44 1099.80 1106.98 1142.96
Eine Familie, die für die Nahrungsmittel⸗ menge im Jahre 1900 1062.88 Mark zu be⸗ zahlen hatte, mußte im Jahre 1905 80.08 mehr oder 1142.96 Mark aufwenden. Es ergibt sich also eine Verteuerung von beinahe 8 Prozent gegen das Jahr 1900. Die Steigerung des Kostenaufwandes für die Ernährung wirkt aber um so empfindlicher, als im allgemeinen das Einkommen der Arbeiter den Stand des Jahres 1900 noch nicht wieder erreicht hat.
„Gegen 1904 ist die Steigerung der Nahrungs⸗ mittelpreise im Vergleich zu den früheren Jahren geradezu sprunghaft. Sie beträgt jahr⸗ lich rund 36 Mark, während die Steigerung
in den vier Jahren 1901 bis 1904 zusam men 44 Mark, von 1900 Ausgangspunkt genommen, beträgt. Die starke Steigerung der Haushal⸗ tungskosten im Jahre 1905 ergibt sich in der Hauptsache aus den Preiserhöhungen für Fleisch. Und angesichts dieser höchst beträchtlichen Er⸗ schwerung der Lebenshaltung des deutschen Ar⸗ beiters, die mit dem Inkrafttreten der neuen Handelsverträge abermals gesteigert wird, schlägt die Reichsregierung neue in⸗ direkte Steuern vor!
Man darf heute schon als sicher annehmen, dat bei einem Jahresverbrauch von 1000 bis 1200 Mark mindestens 80 Mark auf die in den Lebensmittelpreisen steckenden in direk⸗ ten Steuern kommen. Nach dem Inkraft⸗ treten der neuen Handelsverträge mit ihren horrend erhöhten Zöllen und nach Annahme der neuen indirekten Steuern wird sich dieser Satz für viele Familien verdoppeln. Und gerade für die wirtschaftlich schwächsten Kreise, für den Arbeiter, für den Mittelstand, für den kleinen und mittleren Beamtenstand sind die indirekten Steuern besonders drückende weil ihr Druck mit der Kleinheit des Ein⸗ kommens zunimmt. Ein Mann mit 100,000 Mark Einkommen zahlt an indirekten Steuern uicht hundert Mal soviel wie ein Mann mit 1000 Mark Einkommen, weil er nicht hunderi Mal so viel Brot, Fleisch und andere Konsum⸗ artikel verbraucht, wie der kleine Mann. Darin eben liegt die ungeheuerliche Ungerech⸗ tigkeit der indirekten Steuern, daß sie außer jeder wirksamen Beziehung stehen zu dem Steigen des Einkommens. Und dabei wagt man immer noch den alten, durch die Praxis und die nationalökonomische Wissenschaft taufendmal widerlegten groben Schwindel aufrecht zu er⸗ 1 man die indirekten Steuern„nicht merkt“!
Hoffentlich sorgt gerade die maßlose Ueber— spannung dieses Steuersystems dafür, daß auch dem Blödesten die Augen über das Unheilvolle und Wohlstandsverwüstende, über das Kultur⸗ feindliche und Ungerechte dieser Steuer allmäh⸗ lich geöffnet werden.
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Obige Ausführungen, die wir einem Partei⸗ blatte entnehmen, finden ihre Bestätigung durch eine Verteuerung der Schuhwaren, die von den Fabrikanten jetzt angekündigt wird, und die Familienväter recht sehr„merken“ werden. Es war ja vorauszusehen, daß der Vieh⸗ und Fleischnot notwendigerweise eine Steigerung der Leder⸗ und damit der Schuh⸗ warenpreise folgen muß. Bereits vor Monaten ist eine solche erfolgt und schon wird eine neue angekündigt. So veröffentlicht der Verein der Tuttlinger Schuhfabrikanten folgende Mit⸗ teilung:
„Höhere Schuhpreise!
Der seit langer Zeit empfindlich fühlbare Mangel an rohen Häuten und Fellen und die damit verbundene Produk⸗ tionseinschränkung in der gesamten Lederindustrie haben auf dem Ledermarkte derart hohe Ver⸗ kaufspreise hervorgerufen, wie sie die Schuh⸗ industrie seit Jahrzehnten, abgesehen von der rasch verlaufenen Hausse des Jahres 1895, nicht gekannt hat. Die Berechtigung dieser Preisbe⸗ wegung ist durch die Tatsache erwiesen, daß
zur Zett die rohe ungegerbte Ware mindestens ebenso hohe und teils noch höhere Preise erreicht hat, als gegerbte, fertige Leder zu normalen Zeiten erzielen konnten.
Diese Verhältnisse veranlassen die Tuttlinger Schuhindustrie, deren Mehraufwand an Materkal sich auf 20 bis 30 pzt. beziffert, zu einer so⸗ fortigen weiteren Er höhung threr M de um 10 pgi. In Anbetracht der heutigen Marktlage werden weitere Steigerungen in absehbarer Zeit folgen müssen. Der reelle Schuhhändler, welcher seinen Kunden die seitherigen guten Qualitäten liefern will, ist daher gleichfalls ge⸗ zwungen, seine Verkaufspreise zu erhöhen.“
Das deutsche Volk wird also, zu Nutz und Frommen der„notleidenden“ Ostelbier, nicht nur den Hungerriemen enger schnallen, sondern auch neben vielem anderem sein Schuhwerk teuer bezahlen müssen. Kartoffeln essen und barfuß gehen— das ist das„Kultur“ Ideal des preußisch⸗deutschen Junkerkurses. Diese Entwickelung wird auch dem kleinen Bauer, der aufgestachelt durch bezahlte Agitatoren des Junkerbundes die Zollpolitik„zum Schutze der Landwirtschaft“ unterstützte, recht fühlbar werden und die Denkenden unter der„ werden einsehen, wie töricht und wie sehr gegen ihr eigenes Interesse sie handelten, wenn sie den Großagrariern Heerfolge leisteten und den Bund der Landwirte— den Bauern⸗ fängernbund, wie Herr Hirschel ihn früher ganz richtig nannte— womöglich gar noch durch ihre Beitragsgroschen stärkten! Mögen sie sich von solcher zum Schaden des kleinen Mannes betriebenen Ausbeuterpolitik abwenden, ehe es zu spät ist!
Gegen die Tabaksteuer⸗Erhõhung!
Einen neuen Aufruf richtet die Zentralkommission der Tabakarbeiter Deutschlands an alle Wahl vereine, Ge⸗ werkschaftskartelle und Gewerk⸗ schaften. Unter Hinweis auf die drohende Erhöhung der Tabaksteuer richtet die Kommission das Ersuchen an die erwähnten Vorstände, dem Kampfe gegen die neue Belastung des Tabaks ihre Unterstützung zu leihen. Es heißt in dem Aufrufe: 175
Sollten diese Vorlagen Gesetz werden, würden nicht nur viele Zehntausende von Ta⸗ bakarbeitern brotlos und mit ihren Familien dem Elend preisgegeben werden, in der Wechselwirkung würde es sich nicht nur um Hunderttausende geschädigter Personen handeln, sondern diese Schädigung würde sich auf alle Industriezweige erstrecken und diese ebenfalls in Mitleidenschaft ziehen. Die Kommission hat in ihrer Flugschrift Nr. 3 die Bedeutung dieser Gefahren für die ganze Ar⸗ beiterschaft klargelegt. ö
Die sozialdemokratische Partei hat bei den früheren Projekten ähnlicher Art (Entwurf zur Einführung des Tabakmonopols 1882, Einführung einer Tabakfabrikatsteuer 1893-1895) in den ersten Reihen der Kämpfer zur Bekämpfung dieser Projekte gestanden. Wir rechnen auch jetzt darauf, daß alle Arbeiter Schulter an Schulter stehen werden, um diese Entwürfe zu Fall zu bringen.
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