Ausgabe 
6.5.1906
 
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Mitteldenssche Sönilche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 18.

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5 Mnterhalkungs-Tril. N . Vaterland.

Von John Henry Mackay.

Nicht, wo der Sufall einst die Grenze zog, Soll meine Liebe sterben und erstehen! Ich will von freier Warte, weit und hoch,

Die Länder dieser Erde übersehen.

Und wo die Freiheit wohnt, dort will ich leben, Und wo die Menschen wirklich Menschen sind, Dort will ich wirken. Aber nimmer kleben An einer Scholle, ein unmündig Vind,

Ein ganzes Leben. Und wenn immer frecher

Europa ihre freien Söhne bannt,

Dann rufe kühn:Ich bin der Freiheit Sprecher, Und gern vermisse ich meinVaterland!

Die alte Geschäftsuhr. Eine Geschichte vom 1. Mai von Ludwig Gand. Aus derLeipz. Volkszeitung.

Im Kontor des Fabrikanten Gottfried Stefan Mausig hing eine alte Schwarzwälder Uhr. Hundert Jahre hing sie schon im Geschäft des Herrn Mausig. Ursprünglich freilich war das Kontor die Werkstätte des alten Herrn Mausig, der als Handwerker das Geschäft begründet hatte, und der nun mit Wohlgefallen vom Himmel auf seine Gründung herablächelte. Die jetzigen großen Fabrikgebäude waren erst in den Gründer⸗ jahren entstanden. Die 5 Milliarden der Fran⸗ zosen hatten den Vater des jetzigen Inhabers geradezu mit der Nase darauf gestoßen, sein Geschäft zu erweitern und immer wieder zu erweitern.

Gottfried Stefan Mausig war ein pietät⸗ voller Mensch, wie man so sagt, ein rechter Ge⸗ mütsmensch. Als einmal die Fabrik brannte und das ganze Gebäude der Vernichtung anheim⸗ zufallen drohte, rettete er persönlich die alte Schwarzwälder Uhr. Sie war ihm dadurch nur noch mehr ans Herz gewachsen.

Wenn die Arbeiter mit ihrem Chef zusammen⸗ kamen, ob aus freudigen oder ernsten Anlässen, immer wies Herr Mausig mit einigen Worten auf die Schwarzwälder Uhr hin:

Diese alte ehrwürdige Uhr hat der Gründer unsres Hauses, mein gottseliger Urgroßvater, schon in seiner Werkstatt hängen gehabt. Die

Werkstatt war nicht größer als dieses Kontor.

Mein Vorfahr hat ja 14, manchmal 20 Stunden den Tag gearbeitel und den Grundstock zu unsrer Fabrik gelegt. Diese alte Schwarzwälder hat es gesehen, wenn die reden könnte. Ihr aber seid unzufrieden, obwohl ihr nur noch 10 Stunden zu arbeiten braucht. Ach ja...

Die Arbeiter waren schon an diese Redens⸗ arten gewöhnt, und mancher derbe Witz auf die alte Uhr wurde in ihren Kreisen herumgesprochen. Von der Arbeitsmethode des nun längst ver⸗ moderten Krauters war keine Spur mehr vor⸗ hauden. Wo er seine Drehbank mit dem Fuße getreten hatte, da sausten heute Hunderte von Rädern, von Dampf und Elektrizität getrieben, in schwindelnder Eile herum. Seine Nachfolger nanuten sich Fabrikanten, obwohl ste nur kauf⸗ mänaische Ausbildung genossen und vom Hand⸗ werk keine Ahnung hatten.

Der alte Herr hatte, trotz seiner langen Schufteret, sein ganzes Leben lang nicht so viel verfertigt, wie heute in einer Woche aus der Fabrik kam.

Gottfried Stefan Mausig saß in seinem Kontor, rauchte eine Havanna und sah ehrfurchts⸗ voll nach der Schwarzwälder. Der Jahres⸗ überschuß war ein recht guter gewesen, und die notwendig gewordene Vergrößerung der Fabrik mußte die Ueberschüsse für spätere Jahre natur gemäß auch wieder vergrößern. Er war recht zufrieden, der Herr Fabrikant. Der Buchhalter r etwas stotternd:Die

der Arbeiterausschuß wollen Herrn Maustg sprechen. 25 5

Om, hm. Was wollen sie denn 2 war aehst. n. leder Frage:Was wollt Ihr eigentlich

Der Buchhalter zuckte die Schultern.Ich glaube, sie wollen freihaben für die Malfeier!

Was?! Für die Matfeier!? Meine Akbeite r!

Der Buchhalter erhielt den Auftrag, den Ausschuß vorzulassen. Den Blick auf die alte Schwarzwälder Uhr gerichtet, empfing Herr Gottfried Stefan Maustig den Arbeiterausschuß.

Ich habe es schon gehört, unterbrach der Fabrikant den Sprecher.Sie wollen den Sozialdemokraten Vorspanndienste leisten, Sie wollen wenig arbeiten und viel verdienen, Sie wollen zur Maifeier, Sie wollen. Seht Ihr diese alte Uhr?... Der Gründer dieses Geschäfts, mein gottseeliger Urgroßvater, hat 14 und manchmal 20 Stunden den Tag ge⸗ arbeitet! Er hat sich herausgearbeitet, den Grundstock zu unserer Fabrik gelegt. Diese alte Schwarzwälder hat es gesehen, wenn die reden könnte! Ihr aber seid unzufrieden, ob⸗ wohl Ihr nur noch 10 Stunden zu arbeiten braucht. Ach ja 8

Herr Mausig, nahm der Sprecher das Wort,die Maifeier ist eine Demonstration für 1 Achtstundentag und den Weltfrieden, und

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Ach was, Achtstundentag und Weltfrieden. Ueberhaupt sollten Sie gerade sich schämen. Ihr Vater und Großvater haben ohne Murren in unserm Geschäft gearbeitet, so lange es ver⸗ langt wurde. Diese alte Uhr ist Zeuge, wie Ihr Vater als letzter die Schlüssel abgab und ihm mein Großvater gar manchmal herzlich die Hand drückte. Heute aber, ach ja...

Ja Herr Mausig. Von diesem Händedruck haben wir Kinder nicht leben können, als mein Vater mit 40 Jahren ins Grab sank und uns Kinder nackt und bloß zurückließ. Und über⸗ haupt diese alte Uhr da. Der Perpendikel würde wohl bald still stehen, wenn nicht die Gewichte ihn antrieben. So ist auch in Ihrer Fabrik. Da sind wir Arbeiter das Schwergewicht, da⸗ rum wollen wir auch einen Tag im Jahr.

Nun aber ruhig. Acht Tage laß ich die Fabrik ruhen, wenn am 1. Mai gefeiert wird. Das Schwergewicht bin ich! Ich halte den Betrieb in Tätigkeit!!...

Die Arbeiter feierten. Herr Gottfried Stefan Mausig stand grimmig in seinem Kontor. Mit ungewöhnlicher Erregung und darum unge⸗ schickter als sonst verrichtete er seine ihm zur lieben ewohnheit gewordene tägliche Arbeit, das Aufziehen der alten Schwarzwälder Uhr.

Ein dumpfer Fall, das Gehgewicht fiel zur Erde die Uhr stand das erste⸗ mal seit undenklicher Zeit.-

Als er das Tsckeu der Uhr nicht mehr hörte, empfand Herr Mausig um so drückender die Todesstille in seiner Fabrik. Lange litt es ihn nicht in dem großen Schweigen. Er eilte in seine Villa. Im nächstfolgenden Jahre wurde die Maifeier freigegeben ohne achttägige Straf⸗ feiertage.

Der Freigeist. Erzählt bon C. Aristides.

Man nannte ihn schon als kleinen Jungen den Freigeist. Was darunter zu verstehen war, wußte er lange selbst nicht. Seine Wiege stand in einem in der Entwickelung zurückgebliebenen armen Gebirgsdorfe mit 200 Einwohnern, einer Kirche, einer Schenke und einem baufälligen Schulhaus. Seine Erziehung war wie die sämtlicher Bewohner des Dorfes eine streng religiöse, und der Herr Pfarrer galt als der unfehlbare Berater in allen Angelegenheiten.

Der Freigeist war der Sohn des Dorfstell⸗ machers Jakob Kampf. Er war das vierte Kind unter sieben Geschwistern. Der Vater hatte einst einiges Vermögen gehabt, aber Un⸗ glücksfälle in der Fumilie und seine ihm ange⸗ borene Gutmütigkeit gegen alle seine Mit menschen hatten ihn arm gemacht.

Warum die Dorfbewohner des Stellmachers ErnstFreigeist nannten, das sollte dieser endlich einmal erfahren.Du trägst den Kopf

zu hoch, mußt hübsch auf der Erde bleiben, erhielt er einst von einem Burschen zur Antwort

von mir?

Diese Worte kamen dem damals zehnjährigen Erust nicht aus dem Sinn. Was sollte das bedeuten? Glaubte man, er sei stolz? Das würde ihn peinlich berührt haben, denn er war sich der Armut seiner Eltern nur zu gut bewußt. Aber es kränkte ihn, daß man ihn etwa auf diese Weise diese Armut fühlen lassen wollte.

War ihm bisher die Bezeichnung Freigeist

gleichgültig gewesen, so erzürnte er sich jetzt

darüber, und zwar einmal derart, daß er einem ihm an Alter und Stärke weit überlegenen Burschen so kräftig auf die Nase schlug, daß dieser eine hübsche Quantität Blut lassen mußte und dabei noch froh war, nicht mit einem zer⸗ brochenen Nasenbein nach Hause gehen zu müssen.

In der Schule gehörte Ernst zu den fleißigsten Schülern, sodaß ihn der Lehrer später zum Unterrichten der jüngsten Klassen benutzte. Aber nicht allein dazu konnte der Lehrer den Ernst gebrauchen, sondern auch noch zu allerlei Haus⸗ und Hofarbeiten. Von seinem Gehalt konnte der Lehrer nicht leben, weßhalb er auch zu gleicher Zeit Bauer war und die fleißigsten Schüler waren seine unbezahlten Arbeiter.

So war Ernst eines Tages mit dem Aus⸗ misten des Kuhstalls beschäftigt, als der Lehrer an ihn herantrat und ihn also auredete:Sag Ernst, Du bist jetzt in Deinem letzten Schuljahr, hast Du Dich schon entschlossen, was Du nach Deiner Entlassung beginnst?

O ja, ich wollte Schuhmacher werden, aber mein Vater will, daß ich sein Handwerk lerne, damit er gleich Hülfe an mir hat, und so muß ich das tun, fügte Ernst etwas bitter hinzu.

Om, meinte der Lehrer,ich wollte Dir sonst vorschlagen Lehrer zu werden.

Ernst horchte hoch auf, denn trotz der ge⸗ ringen Besoldung der Dorfschulmeister schien ihm doch die Lehrerlaufbahn begehrenswerter als das Schuhmacher oder Stellmacherhandwerk. Er schüttelte aber wehmütig sein Haupt und sagte leise:Das geht nicht.

Nun, nun, ich weiß schon, was Du sagen willst, erwiderte der Lehrer,aber so schlimm ist die Sache nicht. Deinen Vater soll die ganze Geschichte gar nichts kosten, nur höchstens etwas Taschengeld muß er Dir besorgen, wenn Du auf dem Seminar bist. Ich werde mit Deinem Vater überlegen. f

Ernst sagte nichts mehr, was sollte er auch darauf erwidern!

Ernst wird Schulmeister, mit diesen Worten betrat eines Nachmittags der alte Kampf die Wohnstube.Der Pfarrer gibt ihm die Stunden und in seiner freien Zeit wird er uns zu Hause und auf dem Felde helfen. Ich habe wohl schon gemerkt, wie er in der letzten Zeit am Grübeln ist. Sein Wunsch mag in Erfüllung gehen.

* 5*ñ

Zwei Jahre später treffen wir Ernst an der Werkbank in seines Vaters Werkstelle. Der Tod der Mutter und Krankheiten unter den Kindern hatten dem Vater das letzte geraubt, was ihm an freiem Eigentum geblieben. Der christlichen Sparkasse konnte er eines Tages nicht die fälligen Zinsen nebst Amortisation zahlen, und da wäre sein Haus sicher unter den Hammer gekommen, hätte nicht der ver⸗ pönte Jude ausgeholfen, freilich gegen Wucher⸗ zinsen. Vater Kampf hoffte, es würde ihm gelingen, sich noch einmal aus den Händen des Wucherers zu befreien und diesem Streben wurde das Schulmeisterprojekt geopfert. Ernst half seinem Vater als Stellmacher. Er ver⸗ stand es auch, sich in die Verhältnisse zu schicken, kam aber die Rede auf die sozialen Verhältnisse, auf das Hoffen auf bessere Zeiten, dann spielte stets ein ungläubiges Lächeln um seine Mund⸗ winkeln. Er hatte gerade damit begonnen ge⸗ habt, aus dem Born des Geistes zu schöpfen, war aber noch nicht so weit gekommen, um selbstständig irgend welche Schlußfolgerungen ziehen zu können. f

Des Sonntags suchte er sich ein einsames

Plätzchen im Walde, lagerte sich in das g üne

Gras und bewunderte die munteren und fröh⸗

lichen gefiederten Sänger, dieweder säen noch