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Nr. 18.

i gische Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

In Harbach begehen die Genossen r- Dus Beispiel zeigt wieder, wie gewissenlos der

feier nächsten Sonntag Nachmittag im Lokale des Gastwirts Schäfer. Beginn derselben/ 8 Uhr. Beckmann⸗Gießen wird über die Bedeutung des Welt⸗ feiertages sprechen. Nach dem Vortrage gesellige Unter⸗ haltung mit Tanz. Die Parteifreunde aus Linden⸗ struth, Ettingshausen, Saasen und selbstverständlich Harbach selbst, werden ersucht, sich recht zahl reich und rechtzeitig einzufinden.

Aus dem Rreise driedberg⸗Püdingen.

* Rechtsanwalt L. Seyd in Friedberg wurde durch Erkenntnis des Ehrengerichts der Anwaltskammer in Darustadt aus dem Rechtsanwaltsstande aus ge⸗ schlossen. Das Urteil gründet sich jedenfalls auf das Verhalten Seyds in einem vor längerer Zeit in Gießen verhandelten Prozesse mit einem Molkereipächter aus Oberwöllstadt. Damals bestritt Seyd unter Eid die ebenfalls beeioeten Angaben des Pächters, den das Gericht für glaubwürdig hielt. In dem Prozesse spielte Seyd überhaupt eine sehr eigentümliche Rolle.

b. In Rödgen bei Nauheim fand am Sonn⸗ tag eine große, sehr stark besuchte Versammlung statt, in welcher Genosse Göller-Frankfurt über die Bedeu⸗ tung des Weltfeiertags sprach. Seine Ausführungen wurden von den aus allen Orten der Umgebung herzu⸗ geströmten Arbeitern und Landleuten mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Die imposante Versammlung nahm den besten Verlauf und wurde durch nichts gestört.

Aus dem Rreise Wetzlar.

* DiePolitik der Stöckerleute, sowie der übrigen Antisemiten im Reichstage, die dort unter dem Nam enWirtschaftliche Vereinigung eine Fraktion bilden, wurde kürzlich in der von Herrn Patzig herausgegebenen nationalliberalen WochenschriftDeutsche Simmen treffend charakterisiert. Unter anderem war da gesagt:Da ist zunächst dieDeutsche Reformpartei deren geistiges Haupt früher Herr Zimmer mann aus Dresden war, jetzt aber Herr Bruhn zu werden scheint, sechs Mann an der Zahl, jeder eine Paitei für sich. Einig sind sie wenigstens im Rassenantisemi⸗ tismus... Auf dem Gebiete derMittelstandspolitik, das sie agitatorisch besonders abgrasen, schillern sie in allen Farben, vom reinsten Zünftlertum bis zur flachesten Phraseologie, aus der praktische Ziele überhaupt nicht herauszufinden sind. In allem übrigen reden und stimmen sie bald so, bald so, wies trefft. Und leben in glückseliger Programmlosigkeit dahin.

Und von derWirtschaftlichen Vereinigung, der 6 Deutschsoziale, 4Landwirtsbündler, 2 nieder⸗ bayrische Bauern bündler und die 2 Christlich⸗So⸗ zialen(Stöcker und Burckhardt) angehören, heißt es: EineVereinigung ist dies auf alle Fällewirt⸗ schaftlich ist sie wohl auch, wenigstens treibt sie poli⸗ tisch eine Wirtschaft zum Ergötzen. Daß sie den Anspruch erhebt, alsFraktion beachtet und be⸗ wertet zu werden, ist jedenfalls das Ergötzlichste.

So haben die Abgg. Dr. Burkhardt, Lattmann und Liebermann v. Sonnenberg gegen den freisinnigen Antrag auf Elnführung einer Reichs vermögen s⸗ steuer aus Anlaß der Flottennovelle gestimmt,um nachher guten Gewissens für das unverdorbene Flotten⸗ gesetz stimmen zu können. Aber die beiden Herren Vogt und Wolff von der Wirtschaftlichen Vereinigung stimmen erst für den Antrag Ablaß, nachher gleichwohl auch für das Flottengesetz. Die Herren Krösell, Staufer, Stöcker und Bachmeier fehlten ohne triftigen Grund, die Herren Graf Reventlow und Mittermeier waren durch Krankheit verhindert, Herr Raab beurlaubt, Herr von Damm entschuldigt. Also: 3 dafür, 3 dagegen, 3 grund⸗ los abwesend, 4 verhindert.

Die gemischte Gesellschaft ist da ganz richtig charak⸗ terisiert.

* Einen niederträchtigen Schwindel, der als Schwindel allgemein bekannt ist, wärmte dieser Tage das Wetzlarer Amtsblatt auf's Neue auf. Es druckte folgende Notiz nach:

In der Essener Volkszeitung war behauptet worden, 20000 Mk., die seinerzeit für die ausständigen Bergleute des Ruhrgebiets gesammelt wurden, seien von dem sozialdemokratischen Partelvorstand an die russischen Revolutionäre gesandt worden. Der Alte(sozialdemokratische) Bergarbelterverband klagte, die Klage wurde aber vom Gericht abgewiesen. Die Berufung dagegen ist dieser Tage verworfen worden. Das Interessanteste ist aber, daß, wie ver⸗ schiedentlich mitgeteilt wird, zu der Verufungsverhand⸗ lung weder die Kläger, die sozialdemokratischen Reichs⸗ tagsabgeordneten Sachse und Hus, noch deren Ver⸗ treter erschienen waren. Natürlich fällt das auf.

Katürlich fällt etwas auf. Die Dreistigkeit nämlich, mit der das Amtsblatt den gemeinen Schwindel wieder auftischt und verbreitet, obwohl es wissen muß und sicher auch weiß, daß es eine grobe Lüge ist, wie an Gerichtsstelle unzwelfelhast festgestellt worden ist. Selbst dieChristlichen selber haben die Geschichte nicht mehr aufrecht erhalten und keiner wollte es gesagt haben.

Wetzl. Anz. verfährt, wenn es gilt, die Arbeiter⸗ bewegung und die Sozialdemokratie zu verdächtigen.

h. Zur Maifeier hatten die Wetzlarer Partei⸗ genossen nachmittags einen Ausflug arrangiert, der eine recht erfreuliche Beteiligung aufwies. Unsere harmlose Zusammenkunft erfreute sich auch der Aufmerksamkeit eines Gendarmen mit dem feudalen Namen Kanitz, der sich bei den gemütlich beieinander sitzenden Männlein und Weiblein eifrig erkundigte, ob hier eine Versamm⸗ lung stattfinde! Zur Abendversammlung in der Glocke hatten sich etwa 130 Personen eingefunden, die den treffenden Ausführungen des Genossen Ständer aus Frankfurt mit Aufmerksamkeit zuhörten. Die Resolution wurde einstimmig angenommen, und ließen sich verschtedene der Anwesenden in die politische und gewerkschaftliche Organisation aufnehmen. Nach der Versammlung blieben die Genossen noch lange in der fröhlichsten Stimmung zusammen, wobei dann zahlreiche Vorträge ernster und heiterer Art abwechselten.

f. Die Versammlung in Launsbach am Sonntag nachmittag war außerordentlich stark besucht, erfreulicherweise waren auch viele Frauen anwesend. Die Ausführungen der Frau Zietz⸗Hamburg, die über Klassenkämpfe einst und jetzt sprach, fanden stürmischen Beifall. Nachdem einige Genossen aus Krofdorf und Wetzlar auf die Bedeutung des 1. Mai hingewiesen hatten und nach einem Schlußwort der Frau Zietz fand folgende Resolution einstimmig Annahme:Die heutige Voltsver⸗ sammlung erklärt sich mit den Ausführungen der Genossin Zietz einverstanden und verspricht mit aller Energie für die politische und gewerkschaftliche Organisation einzu⸗ treten, ebenso für die Ausbreitung der sozialdemokra⸗ tischen Presse. Auffallen mußte das starke Polizeiauf⸗ gebot; nicht allein, daß zwei Beamte die Versammlung überwachten, auch vor dem Lokale hielten sich noch drei Gendarmen auf. Haben die Leute soviel Zeit und der Staat soviel Geld übrig?

Aus dem Rreise Marßurg⸗Nirchhain.

Die Maifeier der Marburger Arbeiterschaft verlief aufs beste. In der am Abend stattgefundenen Festversammlung waren 250 Personen anwesend. Die Festrede hielt Genosse Dißmann-Frankfurt. Seinem stündigen Vortrage wurde stürmischer Beifall seitens der ganzen Versammlung gezollt. Die Resolution des Parteivorstandes wurde einstimmig angenommen. Für den Wahlverein wurden eine Anzahl Mitglieder, ebenso Abonnenten für die Parteipresse gewonnen.

Den 8 Uhr⸗Ladenschluß haben nun auch die Marburger Blumenhändler beschlossen. Die Kolonial⸗ warenhäudler können sich zu diesem Fortschritte noch nicht entschließen; dagegen hat der Konsumverein den 8 Uhr⸗Schluß längst eingeführt.

In der Frühjahrsgeneralversammlung der Marburger Ortskrankenkasse waren von 5000 Mitgliedern ganze 20 anwesend. Dementsprechend ge⸗ staltete sich auch die Verhandlung. Nach Ablage des Kassenberichts wurde die Versammlung geschlossen.

Die Steuerschraube wird zur Zeit in Mar⸗ burg ganz gewaltig angezogen. Fast sämtliche Steuer⸗ zahler, die bisher in der niedrigsten Klasse waren, sind in eine höhere Klasseversetzt worden. Merkwürdiger⸗ weise sind es zumeist Arbeiter, die uach dieser Rich⸗ tung höher bewertet werden, darüber aber ganz und gar nicht erbaut sind. Denn die Löhne steigen um keinen Pfennig und rechtfertigen in keiner Weise die Erhöhung der Steuer.

Ein großer Patriot.

In Benrath bei Düsseldorf wohnte ein Grundstücksspekulant Pritschau mit Namen, der jetzt mit einer Schauspielerin das Weite gesucht hat und viele trauernde Gläubiger zurückließ. Pritschau war ein von wegen seiner Körperlänge bekannter Bauernsohn, der es aber verstand, sich durch die Auszeichnungen, die ihm Wilhelm II. zuwandte, ein Relief zu geben. Er hatte als Flügelmann beim ersten Garderegiement gedient und die Palästtrareise mitgemacht, aus irgend einem Grunde hatte man ihm auch noch den Kronenorden vierter Klasse gegeben. Das be⸗ wirkte, daß seine Geschäftsfreunde ihm blind⸗ lings vertrauten. Jetzt, nachdem man erfahren hat, daß der Ueberpatriot sich mit einigen hunderttausend Mark kund einer schönen Schauspielerin auf frauzösisch entfernt hat, wird geschimpft. Viele kleine Banken und Privat⸗ leute sind schwer geschädigt.

Religiöser Wahnsinn.

Die 20 jährige hübsche Oekonomentochter Franziska Putz in Großschwand bei Mondsee zer fleischte sich in religisem Wahn in grauen⸗ voller Weise. Sie stach sich beide Augen

aus und zerschnitt sich das Gesicht völlig. Als sie das zweite Auge ausstach, brach das 1 1 ab und die Spitze blieb in der Augenhöhle stecken. Trotz der furchtbaren Schmerzen gab das Mädchen keinen Laut von sich. Das sind Folgen des pfäffischen Fanatismus!

Arbeiterbewegung.

Die Steinmetzen in Reinheim (Odenwald) Firma Frohmann u. Co. haben seit 2. Mai die Arbeit niedergelegt, nachdem Verhandlungen wegen Aufbesserung der Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen oh ge Erfolg geblieben sind. Am selben Tage wurde auch den Stein⸗ schleifern der betreffenden Firma gekündigt, wegen Zugehörigkeit des Verbandes. Zuzug nach hier streng fernzuhalten!

Partei-Nachrichten.

Sechzigjährige. Genosse Reichstagsabgeordneter Ignaz Auer, Mitglied des Parteivorstandes, feierte am 19. April seinen 60. Geburtstag, aus welchem An⸗ lasse ihm zahlreiche Glückwünsche aus Genossenkreisen zugingen. Auer war längere Zeit nicht unb denklich krank, befindet sich jetzt aber erfreulicherwesse wieder auf dem Wege der Besserung. Ein anderer Sechzigjähriger ist der Genosse Wilh. Bock, Abgeordneter für Gotha, der am 28. April das 60. Lebensjahr vollendete. Mögen die im Dienste für die Partei ergrauten Jubilare uns noch recht lange erhalten bleiben!

Zum Vorsitzenden der Kontrollkommis⸗ sion wurde an Stelle des verstorbenen Genossen Meister der Genosse August Kaden, Reichtagsabgeordneter in Gohlis bei Dresden, Post Cossebunde, gewählt.

Jersammlungskalender. Samstag, den 5. Mai.

Gießen. Wahl verein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig.

Rödgen. Wahlverein. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Balßer, wozu auch der Arbeiterverein von Trohe eingeladen ist.

Staufenberg. Volks verein. Abends 8 ¼ Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Geißler. Freie Turner chaft Abends ½9 Versammlung

Sonntag, den 6. Mai.

Krofdorf⸗Gleiberg. Wahlverein. Nachmittags

Uhr Versammlung bei Gastwirt Feu ser⸗Gleiberg. Montag, den 6. Mal.

Gießen. Schneider verband.

Versammlung bei Orbig.

Niedershausen. Sonntag, 6. Mai, 3 Uhr nachmittags Mafifeier bei Wirt Klem. Alle Freunde sind eingeladen!

Die Heuchelheimer Genossen halten ihre Matfeter diesen Sonntag im A. Rin n⸗ schen Lokale ab. Siehe Inserat!

Briefkasten.

Zuschriften aus Altenbuseck ze. mußten zurück⸗ bleiben. B. 19. Kann Aufnahme finden. W. R. Büdgn. Ein zurückgebliebenes Kind kann zu längerem als achtjährigen Schulbesuch angehalten werden.

Abends 9 Uhr

Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft A 10 Pfg.

Ratgeber für Arbeiter, eine Zusammenstellun g der wichtigsten Bestimmungen der Arbeiter⸗Versicher ungs⸗ gesetze und der bürgerlichen Gesetzgebung 1e. 20 Bogen Taschenformat. Verlag der Leipziger Buchdru dlerei⸗ Aktiengesellschaft. Preis gebunden 1,25 Mk.

Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.

Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Pe eis 20 Pfg.

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Marktbericht.

Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 1. Mali: Butter per Pfund Mk. 1,10 1,20, Hühneretier 1 St. 67 Pfg., Käse pr St. 68 Pfg., Käsematte 2 St. 56 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 0,00 6,00 Mk., Weißkraut pr. Stck. 20 30 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 6,008,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,001,60 Mk. Hahnen per St. 0,80 1,80 Mk., Enten per St. 1,80 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00 00 Pfg.

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