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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 18.
spricht sich die Mehrheit des Ausschusses in bejahendem Sinne aus, wobei sich die Minorität allerdings die Schwierigkeit bei der Durchführung dieses Antrages nicht verhehlt.
— Der älteste hessische Landtags- abgeordnete, der Nattonalliberale Möl⸗ linger, ist am Dienstag in seinem Heimats⸗ orte Pfeddersheim gestorben. Er ist reich⸗ lich 82 Jahre alt geworden und vertrat den 1. rheinhessischen Wahlkreis Pfeddersheim schon seit etwa 40 Jahren. Gelernt hat er freilich in der langen Zeit nichts, seine Rückständigkeit hielt mit seinem zunehmenden Alter gleichen Schritt. Er war einer von den fünfen, die sich prinzipiell gegen das direkte Wahlrecht erklärten. e
— Die Stichwahl in Darmstadt findet diesen Freitag(4. Mai) statt. Das Frei⸗ sinnige Wahlkomitee hat eine recht gewundene Erklärung erlassen, in der zum Schluß zur Wahl Berthold's aufgefordert wird. Ob die Wähler dieser Aufforderung eutsprechen, wird sich ja zeigen; wir fürchten, daß ein großer Teil zum agrarisch⸗nationalliberalen Mischmasch überlaufen wird. Von dieser Seite werden auch nicht geringe Anstrengungen gemacht, die freisinnigen Wähler herüber zu ziehen, trotzdem man sie vorher in den Versammlungen ver⸗ prügelte! Die Reaktionäre hoffen stark, uns den Kreis zu entreißen, was ihnen nicht gelingen wird, wenn unsere Genossen ihre Schuldigkeit tun. Sämtliche Reserven müssen herangezogen werden, dann muß der Sieg uns auch ohne die Unterstützung des Freisinns zufallen.
Ueber das Wahlergebnis ist sehr viel ge⸗ schrieben worden und auch unsere Parteipresse äußerte zum Teil Unzufriedenheit damit. Das „Hamburger Echo“ z. B. sagt, nachdem es darauf hingewiesen, daß im Gegensatz zu früher, die Nachwahlen jetzt vielfach Stillstand, sogar Rückgang zeigten, Folgendes:„Das darf in der Weise nicht weitergehen, denn die Sozial⸗ demokratie verliert ihre Hauptstoßkraft, wenn sie nicht auf ein ständiges Fortschreiten ihres Einflusses auf die Wählermassen sich ver⸗ lassen kann. Eine sich so oft wiederholende Erscheinung hat nicht zufällige, sondern gene⸗ relle Ursachen. Sich über diese völlig klar zu werden, wird die Aufgabe der allernächsten Zeit für die Partet sein, damit sie beseitigt werden und die Partei sich bei den allgemeinen Wahlen im Jahre 1908 wieder in alter Kampf⸗ kraft bewährt.“ Uns wäre eine Stimmenzu⸗ nahme gewiß auch lieber, als ein, wenn auch nur geringer Rückgang. Aber man muß doch berücksichtigen, was wir schon öfter betonten, daß wir 1903 einen ganz ungewöhnlichen Zuwachs zu verzeichnen hatten. 1898 brachten wir in diesem Kreise 9013 Stimmen auf, also am 25. April 4800 Stimmen mehr! Vergleicht man diese Zahlen, so haben wir keine Ver⸗ anlassung über Rückgang zu klagen.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Maifeier durch Arbeitsruhe
7 begehen, dazu konnte sich die Gießener rbetterschaft bisher noch nicht aufschwingen. Man hegte die irrtümliche Meinung— auch in den Kreisen der Parteileitung— daß dies in Gießen nicht durchführbar sei und agttierte des⸗ halb auch nicht dafür. Diesmal jedoch wurde der Beweis geliefert, daß es hier auch möglich ist, was in andern Orten seit Jahren geübt wird. Der erste Mai wurde zum ersten mal durch Arbeitsruhe gefeiert! Und von nun ab wird das alljährlich geschehen. Was bisher noch nicht möglich war, brachte der Katserbesuch fertig. Deswegen schlossen nämlich manche Betriebe, damit die Arbeiter die bekannte„freudig bewegte Menge“ vermehren und dann sich schön wieder ins Joch spannen sollten. Das taten aber viele nicht, sondern begaben sich in das Orbig'sche Lokal, das bald überfüllt war. Man forderte den Genossen
Vetters auf, eine Mairede zu halten, wozu sich dieser mit Vergnügen bereit erklärte. In seinen beifällig aufgenommenen Ausführungen betonte er, daß der Arbeiter endlich seiner Menschenwürde bewußt werden müsse, er solle sich nicht als willenlosen Sklaven behandeln
lassen, dem man sage:„um 9 Uhr gehst du,
um 11 Uhr kommst du wieder.“ Das Unter⸗ nehmertum hänge mehr von der Arbeiterschaft ab, als umgekehrt. Mit Annahme der Reso⸗ lution des Parteivorstands schloß die Versamm⸗ lung.— Recht gut besucht war auch die Abend⸗ versammlung auf Lonys Bierkeller. Genosse Fuhrmann legte hier die Ideale der Arbeiter⸗ bewegung in markigen Zügen dar und forderte schließlich zur Stärkung der Organisation und der Parteipresse auf. Der Redner fand reichen Beifall, ebenso Genosse Krumm, der noch einige begeisternde Worte an die Versammlung richtete. Auch diese Versammlung schloß mit Annahme der Resolution des Parteivorstands. 22 neue Mit⸗ glieder wurden der Parteiorganisation gewonnen, 21 als Abonnenten der Mitteldeutschen Sonn⸗ tags⸗Zeitung.
— Das Maisfest findet, wie alljährlich, im Walde an der Licherstraße statt. Nur wenn allzu unfreundliches Wetter eintreten sollte, wird das Fest auf den nächsten Sonntag ver⸗ schoben, wenn irgend möglich, wird es abge⸗ halten. Hoffentlich verläßt uns aber auch diesmal unser bekanntes„Schweineglück“ nicht und wir bekommen prächtiges Maiwetter! Im andern Falle heißt's eben warm angezogen, was bei kühlerem, zweifelhaftem Wetter beson⸗ ders für die Kinder zu empfehlen ist. Wie aus dem Inserat ersichtlich, geht der Festzug ½2 Uhr vom Oswalds Garten ab. Da die Aufstellung immer längere Zeit in Anspruch nimmt, ist es notwendig, daß alles um 1 Uhr zur Stelle ist. Vor allem ist eine zahlreiche Beteiligung notwendig! Die Gießener Arbeiterschaft muß in Masse öffentlich ihr Ein⸗ verständnis mit den Maiforderungen bekunden! — Im Uebrigen brauchen wir unsere Genossen nicht aufzurordern, dafür zu sorgen, daß unser Fest den besten Verlauf nimmt, das werden sie, wie immer, von selbst tun. Es ist auch darauf zu sehen, daß der Wald geschont wird, Zweige nicht abgerissen, Gläser oder Scherben nicht herumgeworfen werden, weil dadurch leicht andere Personen verletzt werden können.
—„Männerstolz vor Königs⸗ thronen“ gibts in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr. Wenigstens nicht bei den Deutschen. Das zeigt der von geradezu hündischem Servilismns trlefende Artikel, den der„Gieß. Anz.“ zum Kaiserbesuch brachte. Jedem Menschen von einiger Selbstachtung muß beim Lesen solcher sklavischen, würdelosen Kriecherei der gesamte Mageninhalt nach oben steigen! Daß die Gießener Bürgerschaft damit nicht einverstanden ist— wenigstens zu einem großen Teile nicht— hatten wir Gelegenheit wahrzunehmen. Ueberall erregte der lakaien⸗ hafte Bombast verdientes Gelächter! Die Ar⸗ beiterschaft wird noch verhöhnt, daß sie ihre Maifeier nur bei Käs und Bier begehen könne. Allerdings, eben deswegen, weil das arbeitende Volk entbehrt und darbt, kann die besitzende Klasse an reich besetzten Tafeln schwelgen!
— Der Konflikt in der Gail! schen Tabakfabrik beschäftigte am Mittwoch Abend eine sehr stark besuchte Tabakarbeiter⸗ Versammlung, die in Lony's Bierkeller stattfand. Gauleiter Schnell legte eingehend dar, wie es zu diesem Streik gekommen sei, der bei geringem Entgegenkommen der Firma vermieden werden konnte. Bet der heutigen Preissteigerung aller Lebensmittel könnten sich die Arbeiter nicht Abzüge von 50—60 Pfg. pr. Woche gefallen lassen und Strafen von 65 Pfg. und das bei einem Wochenverdienst von 11—12 Mark. Die hohen Löhne, die in den Arbeitergesuchen in den hiesigen Zeitungen aufgeführt würden, seien nur in vereinzelten Fällen verdient worden, und fallen im Ganzen nicht ins Gewicht. Ein⸗ stimmig wurde eine Resolution beschlossen, in welcher den Ausständigen tatkräftige Unter⸗ stützung zugestchert wird.
— Die Lohn bewegung der Brauereiarbekter ist, wie wir hören, durch Entgegenkommen sowohl der Arbeitgeber wie Arbeitnehmer zu einem einigermaßen be⸗ friedigenden Abschluß gekommen. Die Not⸗ wendigkeit der Lohnaufbesserung wurde seitens der Arbeitgeber allgemein anerkannt. Ohne die
Organisation würde diese Erkenntnis wohl noch nicht gekommen sein. Für die Brauereiarbeiter ist es deshalb Pflicht, Mann für Mann zur Organisation zu halten und die etwa noch fern stehenden herbeizuholen. Ein ausführlicher Be⸗ richt folgt später.
— Die Glasergehilfen hatten ihren Arbeitgebern einen neuen Lohntarif vorgelegt, über den am 25. April beide Teile in einer gemeinsamen Versammlung berieten. Es kam darüber zu einer Verständigung, da die Arbeit⸗ geber den wesentlichsten Punkten des Tarffs zustimmten. Statt der geforderten Lohnerhöhung von 10 Prozent wurden allerdings nur 7 Pro⸗ zent bewilligt. Wurde also nicht viel erreicht, so ist doch wenigstens ein kleiner Fortschritt zu verzeichnen. Von 14 Arbeitgebern haben 13 den Tarif angenommen.
Aus dem Rreise gießen.
f. Lollar. Mit den Maß regelungen und den Mißständen im Buderus⸗Werk beschäftigte fich eine am Freitag(27. April) im„Schwanen“ stattge⸗ fundene, von etwa 500 Personen besuchte Versammlung. In eingehender Weise schilderte der Bezirksleiter des Metallarbeiterverbandes, Fuhrmann, die Zustände, wie sie sich in dem Betriebe entwickelt haben. Die Behandlung der Arbeiter ist derart, daß diese sich wie im Zuchthause vorkommen. Es wird ihnen sogar das Sprechen untereinander verboten! Redner ging dann auf die Maßregelungen ein, die er entschteden verurteilte. Offenbar sei es darauf abgesehen, die Organisation zu sprengen oder doch zu schädigen, indem man die Arbeiter einzuschüchtern und vom Beitritt abzuhalten sucht. Man werfe diejenigen hinaus, welche von ihrem guten Rechte Gebrauch machten und sich die Förderung des Verbandes angelegen sein ließen. Mit diesen Praktiken wird man aber heutzutage keine Erfolge mehr haben. Die Ar⸗ beiterschaft weiß heute, daß sie es ist, die den Aktio⸗ nären hohe Dividende erarbeitet und sie verlangt des⸗ halb mindestens eine menschenwürdige Behandlung. Nur eine starke Organisation könne die Rechte der Arbeiter schützen, deshalb müsse jeder Metallarbeiter dem Verbande beitreten.— Schopferer ging besonders auf die Miß⸗ stände im Betriebe ein und schilderte das Vorgehen der Betriebsleiter und Meister. Infolge der mangelhaften Betriebselnrichtungen kämen viele Fehlgüsse vor die die Former nicht bezahlt bekommen. Veranlaßt wird das Mißlingen der Arbeit durch zu kaltes oder unsaub res Eisen oder fehlerhafte Modelle. Oft genug ist eine ganze Tages⸗Arbeit des Formers umsonst; Entschädigung gibts dafür nur ganz ausnahmsweise. Die begeistert versaufene Versammlung beschloß eine längere Resolution, die folgenden Wortlaut hat:
„Die heutige von 500 Arbeitern ver Main⸗Weser⸗ Hütte besuchte Versammlung nimmt Kenntnis von den in letzter Zeit sich dort abspielenden Vorgängen. Sie bedauert diese und betrachtet die stattgefundenen Kündi⸗ gungen organisierter Arbeiter als Maßrege lungen, welche zweifellos den Zweck haben sollen, die Arbeiter einzuschüchtern, um ste ihrer Organisation zu entfremden. Die Versammlung ist ferner der Ansicht, daß das durch nichts gerechtfertigte Vorgehen der Firma und ihrer Vertreter geeignet ist, die leider vorhandene Mißstimmung der Arbeiter noch zu verschärfen und ein gedeihliches Verhältnis derselben zur Werksleitung sehr in Frage zu stellen. Sie bebauert lebhaft, daß von Seiten der Direktion bisher noch nichts geschehen ist, das Vertrauen der Arbeiter auf den Gerechtigkeitssinn ihrer Vorgesetzten zu rechtfertigen durch Beseitigung der krassesten Mißstände im Werke als da sind: Nichtbezahlung von solchem Fehlguß, welcher durch Verschulden der Firma entsteht, unfreundliche herausfordernde Behandlung der Arbeiter durch Meister und Betriebsleiter, Fehlen ausreichender Ventilation in der Gußputzerei, lungenügende Beihslse bei Ausführung von Gußstücken usw. Die Versammlung spricht die Hoffnung aus, daß im Interesse eines ge⸗ deihlicheren Zusammenarbeitens beider Faktoren die Maßregelungen organisierter Arbeiter zukünftig unter⸗ bleiben und Abhilfe in Bezug auf die angeführten Miß⸗ stände geschaffen wird. Anderseits aber versprechen alle Versammelten einmütig, dem Deutschen Metallarbeiter Verband treu zu bleiben, und unausgesetzt für dessen Ausbreitung und Stärkung zu wirken.“
— Der Volksverein Staufen: berg veranstaltet am Sonntag, den 13. Mat in dem Lokale des Gastwirts Geißler eine nach⸗ trägliche Maifeler und hat dazu Frau Dr. Michels ⸗Marburg als Rednerin gewonnen. Der Gesangverein Staufenberg und der Ar⸗ beiter⸗Gesangverein„Vorwärts“. Lollar werden durch Gesangsvorträge die Feier verschönern helfen, zu der alle Freunde ünserer Sache— besonders aber die Frauen!— in Staufenberg und Umgebung freundlichst eingeladen sind.
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