Ausgabe 
5.8.1906
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung

Nr. 31.

rungszulage gemacht, welche auch von Seiten der Unternehmer teilweise schon anerkannt worden ist. Der Vertrag, welchen die Maurer im Jahre 1904 mit den Arbeitgebern abgeschlossen haben, dauert bis 30. März 1908. Deshalb kann gegenwärtig keine Forderung gestellt werden, doch ein Ersatz für die Mehrausgabe, welche durch die Erhöhung der Zölle für den Arbeiter erwächst, mußte geschaffen werden. Deshalb mußte es auf diesem Wege geschehen.

Wichtige Fragen unserer Reichs⸗ politik. Ueber diese Tagesordnung sprach am Montag Abend Genosse Dr. Dabid im Wiener Hof. Das Lokal und der Garten war dicht besetzt, es waren auch eine Anzahl Frauen sowie russische Studenten anwesend. Davids Rede, die mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde, finden unsere Leser im Leitartikel. Nachdem noch Krumm zum Anschluß an die politische Organisation und zum Abonnement der Parteipresse aufgefordert hatte, wurde folgende von Vetters vorgeschlagene Resolution angenommen:

Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden und verspricht sich künftighin in diesem Sinne zu betätigen. Sie erkennt an, daß es zur Gesundung der heutigen Zustände notwendig ist. den Einfluß der Sozialdemokratie zu erhöhen, was durch Vermehrung ihrer Wahlstimmen und der Verbreitung

ihrer Presse geschehen muß. Des Weiteren spricht

die Versammlung anläßlich der neuesten zarischen Ge⸗ walttat, der Auflösung des ersten russischen Parlamentes, den russischen Freiheitskämpfern die voll ste Sympathie aus und hofft mit ihnen auf die endliche Niederwerfung der Willkürherrschaft und den Sieg der Freiheit.

Die Stadtverordneten arbeiten bei aller Hitze außerordentlich fleißig, sie hielten am vorigen Freitag und am letzten Donnerstag Sitzungen ab, also in einer Woche zwei! Am ersteren Tage wurden zunächst eine Anzahl Baugesuche genehmigt, nur das der Witwe Rothenberger nicht, deren Anwesen schon mehr⸗ fach die Versammlung beschäftigte. Die Stadt würde das Grundstück erwerben, wenn der geforderte Preis von 80 000 Mk. nicht ein viel zu hoher wäre. Man will noch einmal ver⸗ handeln. Die Laternen wärter ersuchen in einer übermäßig demütig abgefaßten Eingabe um Gewährung von einigen Urlaubstagen. Krumm und Schwall treten dafür ein; auf Antrag Gutfleischs geht die Angelegenheit an den sozialpolitischen Ausschuß. Zur Ver⸗ größerung des Exerzierplatzes wurde der Militär⸗ verwaltung bereits früher ein Stück städtisches Gelände überlassen. Jetzt wird mitgeteilt, daß wenigstens an Sonn- und Feiertagen die durch die Schießstände führenden Wege zwischen dolle. und Grünbergerstraße freigegeben werden ollen.

Am Donnerstag wurde eine Aufbesse⸗ rung der Löhne der Elektrizitätsarbeiter ab⸗ gelehnt. Der Oberbürgermeister, die Stadt⸗ verordneten Heyligenstädt und Wallen⸗ fels halten Stundenlöhne von 3233 Pfg. für angemessen, ja, der Herr Oberbürgermeister sprach sogar von einemSchrecken der Privat⸗ unternehmer bei der diesjährigen Lohnerhöhung der städtischen Taglöhner. Stadtv. Löber und unser Genosse Krumm traten für die berechtigten Arbeiterforderungen ein und wiesen namentlich auf die ausgedehnte Sonntagsarbeit hin(bis zu 18 Stunden). Dadurch kommt ein annehmbarer Jahreslohn bei niedrigen Stunden⸗ löhnen heraus. Die Arbeiter sollten ihre Forde⸗ rungen durch ihre Organisationen stellen, das macht auf die Versammlung eher Eindruck, als wenn einige Leute umWohlwollen appellieren.

Herr Heyligenstädt, Beigeordneter der Stadt Gießen und Reichstagsabgeordneter für diesen Wahlkreis, gehört auch dem Reichs⸗ verband für Sozialistenvernichtung als Mit⸗ glied an, wie aus den Veröffentlichungen des Vorwärts hervorgeht. Demnach scheint er die ruppige und schmutzige Kampfesweise zu billigen, die vom Reichsverband gegen die Sozialdemokratie beobachtet wird. Wir hätten Herrn Heyligenstädt einen besseren Geschmack zugetraut.

Frauenversammlung. Auf nächsten Dienstag, den 7. August punkt 9 Uhr ist eine Frauenversammlung nach dem oberen Lokal des

Wiener Hofs einberufen, in welcher Frau Dr. Michels⸗Marburg über:Die Frauen und die Politik reden wird. Die Frauen werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen, besonders sollen die Abonnentinnen derGleichheit an⸗ wesend sein.

Erwischt. Voriges Jahr entfernte sich Badeanstaltsbesitzer A. Rübsamen von hier, eine große Anzahl wenig angenehmer Andenken zurücklassend. Jetzt ist R. in Zürich verhaftet worden und soll hierher eingeliefert werden.

r. Der Streik auf der Gailschen Ziegelei und Tonwarenfabrik dauert unverändert fort. Eine kleine Anzahl, etwa 15, haben sich zu Streikbrecher⸗ diensten hergegeben. Jene Leute konnten es nicht mehr aushalten, sicherlich sehnten sie sich wieder nach den schönen Posten, welche sie vorher einnahmen, oder glaubten ste nun verhungern zu müssen. Wie uns berichtet wurde, haben diese treuen Schäflein ihr ganzesVerbrechen (indem sie sich am Streik beteiligten), dem Betriebsleiter gegenüber zu entschuldigen versucht, daß sieverführt worden seien. Wie man hieraus ersieht, gibt es immer noch Arbeiter, die, als der Streik begann, sich als be⸗ sonders eifrig und zuverlässig gebärdeten. Wenn es dann gilt, seinen Mann zu stellen und nachhaltig sein Juteresse zu vertreten, dann ergreifen dietapferen das Hasenpanier. Von den noch Streikenden sind 120 bis jetzt anderweitig in Arbeit untergebracht. Die noch Verbleibenden sind noch zu den zum Streik notwendigen Funktionen notwendig und deshalb haben die Arbeiter noch lange nicht nötig, sich bedingungslos zu unterwerfen oder gar sich anzubetteln. Durch die Organisations⸗ leitung wurden Verhandlungen angebahnt, dieselben wurden aber von der Firma abgelehnt. Dieser Streik zeigt wieder mal deutlich jedem Arbeiter, daß es keine Harmonie zwischen Kapital und Arbeit gibt. Nicht die geringsten Zugeständnisse will man den Arbeitern machen, um nur ja sich nicht seine Herrschaft zu schwächen. Halten die noch im Kampfe Stehenden aus und finden sich keine Streikbrecher, dann wird auch dieser Kampf einen Erfolg für die Arbeiter zeitigen.

Aus dem Rreise gießen.

Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen⸗Grünberg, die am Sonntag in Gießen stattfand, war von 43 Delegierten aus 16 Orten besucht. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Krels⸗ wahlvereins, Genossen Beckmann, gab dieser den Ge⸗ schäftsbericht. Er führte zunächst vor, was in agitato⸗ rischer Beziehung getan worden sei. Eine Anzahl Ver⸗ sammlungen wurden abgehalten; in 5 Orten wurden neue Organisationen gegründet. Doch ist noch viel Arbeit nötig, denn wir haben erst in sehr wenig Orten von den 138 zum Wahlkreise gehörigen eine feste Ver⸗ bindung. Hier und da machen sich auch die Krieger⸗ vereine bemerkbar, indem sie uns Versammlungslokale abzutreiben suchen. Kein verständiger Arbeiter dürfe daher diese arbeiterfeindlichen Gebilde in irgend einer Weise unterstützen. Demnächst solle ein Flugblatt für die zum Militär eintretenden zur Verteilung gelangen, Der Kassenbericht des Genossen Bock weist 1420.95 Mk. in Einnahme, 1205.09 Mk. in Ausgabe nach, es bleibt somit ein Kassenbestand von 215.86 Mk. In der Sterbekasse ist im verflossenen Halbzahre eine kleine Mehrausgabe zu verzeichnen: 238.93 Mk. Ein⸗ nahme, 241.40 Mk. Ausgabe. Der Kassenbestand beträgt 440 Mk. In der Diskussion, an der sich Lindenstruth, Stecker, Diehl, Häuser u. a. beteiligen, wird auf die Notwendigkeit intenstverer Agitation und Einrichtung von Bezirksorganisationen hingewiesen. Die Vor⸗ standswahl ergab die Wiederwahl der bisherigen Verwaltung. Zu dem Punkt Presse berichtet Beck⸗ mann über die Verhandlungen, die bisher wegen Schaffung eines Tagebl attes gepflogen worden sind. Es liegt eine Resolution vor, die sich im ersten Teile für baldmögliche Herausgabe eines solchen ausspricht und weiter der Preßkommission aufgibt, die nötigen Schritte dazu zu tun. Gegen den Vorschlag spricht sich kein Redner aus und es erfolgt die Annahme der Resolution gegen 2 Stimmen; im zweiten Teile einstimmig. Ueber den Parteitag und seine Aufgaben hält Genosse Vetters ein kurzes Referat. Als Delegierter wird Häuser⸗ Steinberg einstimmig gewählt. Ein Antrag des Genossen Vetters, der die Herausgabe kurz gefaßter kritischer Berichte über die Reichstagstätigkeit wünscht, die als Flugblätter verbreitet werden sollen, wird merk⸗ würdigerweise abgelehnt. Das nächstjährige Kreis fest wünschen Lollar und Rödgen. Mit 22 gegen 14 Stimmen wird Lollar dazu bestimmt. Hierauf wurde die Kon⸗

ferenz mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen.

1. Heuchelheim. Das 1. Stiftungsfest des Deutschen Tabakarbeiter⸗Verbandes aller in den Kreisen Gießen und Wetzlar liegenden Zahl⸗ stellen hatte sich eines sehr starken Besuches Eitrka 2000 Personen) zu erfreuen. Dasselbe war auch vom herrlichsten Wetter begünstigt.

Nachmittags bewegte sich ein langer Festzu

durch die Straßen Heuchelheims, von der En wohnerschaft überall freundlichst begrüßt. Sehr viele Einwohner hatten durch Schmückung ihrer Häuser wesentlich zur Festesstimmung beige⸗ tragen. Nach Rückkehr des Zuges auf den Festplatz begrüßte der 1. Bevollmächtigte die auswärtigen Gäste, allen ein fröhliches Fest wünschend, worauf der Gauleiter Schnell die Festrede hielt, die trotz der großen Hitze mit lautloser Stille angehört und am Schluß mit starkem Beifall belohnt wurde. Bei Konzert und Tanz vergnügten sich alle Teilnehmer bis zu vorgerückter Stunde. Allen Teilnehmern wird der sehr gute Verlauf des Festes in schöner Erinnerung bleiben; es war ein wahres Fest der Kollegialität und Solidarität.

k. In Großen⸗Linden sprach Abg. Dr. David am Samstag in gut besuchter Versammlung über Wichtige Fragen der Reichspolitik.(Die Ausführungen des Redners wolle man im heutigen Leitartikel nach⸗ lesen. D. R.) Am Schlusse der Versammlung for⸗ derte der Vorsitzende zum Anschluß an die Organisation und zum Abonnement unserer Presse auf. Hoffen wir, daß diese Versammlung fördernd auf die Entwickelung unserer Partei in Großen⸗Linden einwirkt.

Aus dem Rreise sriedherg⸗Büdingen.

Kreiskonferenz. In Assenheim halten am Sonntag die Parteigenossen des Wahlkreises Fried⸗ berg⸗Büdingen ihre Generalversammlung ab. Die Partei⸗ organisation hat in diesem Kreise recht gute Fortschritte aufzuweisen und es dürfte daher die Konferenz zahlreich besucht werden. Alle Parteiorte sollten es auch für ihre Pflicht halten, Delegierte zur Konferenz zu entsenden. Ihre Tagesordnung wurde schon wiederholt bekaunt gegeben. Hoffentlich wird unsere Sache im Kreise durch die Konferenz wieder um ein gutes Stück gefördert werden.

Woran die Liebe hängt! In einem Ein⸗ gesandt desBad⸗Nauheimer Anzeiger ist Folgendes zu lesen:

Unser Kriegerverein 1870ũ1 wollte am morgigen Sonntag in der Turnhalle durch eine kleine Feier die Weihe seiner neuen Fahne begehen. Doch der Mensch denkt und die Polizei lenkt. Es sollte am Abend nach der Einweihungsfeier Konzert und Tanzunterhaltung stattfinden, wozu also die behördliche Genehmigung er⸗ forderlich ist. Diese wurde von der hiesigen Polizei⸗ verwaltung versagt, weil für die Satson bis Ende August keine öffentlichen Tanzmusiken statt⸗ finden dürfen). Eine Vorstellung von Mitgliedern des Kriegervereins bei Großh, Kreisamt Friedberg hatte ebenfalls keinen Erfolg!... Es hat dieses Vor⸗

gehen viel böses Blut gesetzt und ist auch

nicht geeignet, den Patriotismus zu fördern, welcher uns so häufig in Vereins⸗ und Be⸗ zirksversammlungen gepredigt wird.

So tief also wurzelt in diesen edeln, vaterländischen Kriegerherzen derPatriotismus, daß er durch eine ihm unangenehme, durchaus gesetzliche und vielleicht auch notwendige Maßnahme wegen eines öffentlichen Tanz⸗ klimbims ins Wackeln gerät! Aber es ist ganz natür⸗ lich: verhätschelte Kinder schrelen schon, wenn sie einmal nicht vorgezogen werden. Andere wären schon froh, wenn sie nur mit Gerechtigkeit behandelt würden.

Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterb ach.

* Kreiskonferenz für Alsfeld⸗Lauterbach⸗ Die am vorigen Sonntag in Alsfeld stattgehabte Konfe⸗ renz für den dritten hessischen Wahlkreis war von 13 Delegierten aus 5 Orten besucht. Genosse Dr. Da vid gab zunächst einen Bericht über seine Agitationstour im Kreise. Das erfreuliche Ergebnis derselben war die Kräftigung der Organisation in Alsfeld und Lauterbach, wo im Anschluß an die dort abgehaltenen Versammlungen 25 resp. 21 neue Mitglieder aufgenommen wurden. Außerdem wurden die Vertrauensmänner in den kleineren Orten aufgesucht und einige neue gewonnen. Die Abrechnung der Kreiskasse wurde hierauf gegeben und für richtig anerkannt. In Zukunft sollen die Kreis⸗ kassen, sowie die Lokalkassen nach den neuen, für das ganze Land einheitlich hergestellten Büchern geführt werden. Bei der Neuwahl des Kreisvorstandes wurde als Vorsitzender Genosse Joh. Reining in Lauterbach, als Kassierer Genosse Balthasar Wahl in Lauterbach, als Schriftführer Genosse Konrad Heberling in Obersorg einstimmig gewählt. In längerer Diskusston wurde sodann über die Förderung der Agitation in der Arbeiter⸗ und Kleinbauernbevölkerung des Kreises verhandelt. Genosse David entwickelte die dabei zu berücksichtigenden Momente. Die Genossen Graulich⸗Lauterbach und Karl Rasch⸗Ilbeshausen ergänzten seine Ausführungen

) Aus notwendiger Rücksicht auf den Kurbetrieb! (Anm. d. Red. d. M. S.⸗Ztg.)