eine bedrohliche geworden.
Nr. 31.
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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
erheblichen Stimmenzuwachs der Sozialdemo⸗ kratie und bemerkt dazu naiv:
„Zweifellos haben auch die neuesten Leist⸗ ungen der Reichs steuerpolitik die Schar der sozialdemokratischen Mitläufer verstärkt.“
Damit gibt das führende Freistnunsblatt offen zu, daß es mit der Werbekraft des Freisinns Matthäi am letzten ist und daß die Opponenten gegen die wahnsinnigen Steuergesetze in der Sozialdemokratie ihre Vertretung erblickten und nicht im Freisinn, der sich immer weiter nach rechts gemausert hat, immer bewilligungs⸗ eifriger geworden und vom Nattonalliberalismus kaum noch zu unterscheiden ist.
Kriegervereinliches.
Kürzlich kam die lustige Meldung aus Wiesdorf bei Solingen, daß in dem dortigen Kriegervereine die evangelische Minderheit vergeblich gegen das Mitführen der Vereins⸗ fahne bei katholischen Prozesstonen Einspruch erhoben habe. Nunmehr sind, wie gemeldet wird, sämtliche Evangelische aus dem Krieger⸗ verein ausgetreten und haben einen neuen Verein gegründet, der lediglich aus evange⸗ lischen Mitgliedern besteht. Sie kämpfen jetzt nur noch für den evangelischen Patriotismus und schreiben auf ihre Fahnen:„Gegen Papst und Sozialdemokratie!“
Der vorige Woche in Wolfstein abgehaltene 36. Pfälzische Kriegertag hat kolgenden Be⸗ schluß gefaßt:
„Das Zusammengehen der Mitglieder der Kriegervereine mit der Sozialdemokratie ist unzulässig. Wer Aufrufe zu Gunsten der Sozialdemokratie unterschreibt oder nachweis⸗ lich einen Sozialdemokraten wählt, hat aus unserem Verband auszuscheiden.“
Wieder ein Beweis für die„unpolitische“ Haltung der Kriegervereine. Doch in gewissem Sinne müssen wir dem Beschluß beistimmen: Sozialdemokraten und überhaupt aufgeklärte Arbeiter gehören nicht in die Kriegervereine!
Revolution in Rußland.
Einen Aufruf zum Kampfe er⸗ ließen die ehemaligen Dumaabgeordneten der verschiedenen revolutionären Fraktionen ge⸗ meinsam mit den außerhalb des Parlaments stehenden revolutionären Organisationen an die Bauern, in dem ste diese auffordern, stich Land zunehmen und eine gewaltsame Revolution zu beginnen. Der Aufruf zirkuliert bereits handschriftlich.
Die Revolution im Heere. Zwei Kriegsschiffe der Schwarzemeerflotte mußten wegen einer unter der Mannschaft ausgebrochenen Meuterei desarmiert werden. Der Marine⸗ minister hat den Kommandanten der russischen Panzerschiffe, die sich in ausländischen Häfen befinden, Befehl gegeben, nicht nach Kronstadt zurückzukehren, wegen der dort unter den Ma⸗ trosen herrschenden Unzufriedenheit.
Eine Festung von den Nevolutio⸗ nären gewonnen! Ein großer militärischer Aufruhr wird aus der Festung Sveaborg(Fin⸗ land) gemeldet. Am Dienstag meuterte ein Teil der Besatzungstruppen, die Artillerie ging zu den Aufrührern über und beschoß die In⸗ fanterie, welche der Regierung treu blieb, mit Kanonen. 500 Mann wurden getötet oder verwundet. Es verlautet, daß ein großer Teil der Festung in den Händen der Aufrührer ist. In Skatuden, einem Stadtteil von Sveaborg, in dem sich Kasernen befinden, brach früh morgens ebenfalls eine Meuterei aus. Die Offiziere wurden gefangen genommen, einer derselben ge⸗ tötet,ein anderer verwundet, worauf die Sol⸗ daten sich selbst Führer wählten.— Neueren Nachrichten zufolge wäre die Meuterei unter Beihilfe mehrerer Kreuzer unterdrückt worden. Die Meuterer wären entwaffnet. Dagegen ist die Haltung der Arbeiterschaft in Helfingfors Die Arbeiter er⸗ klärten, keine Truppentransporte nach Helfing⸗ fors mehr zu dulden und haben infolgedessen
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die Elsenbahnstation Richinjaki besetz.—
Was ist Aufreizung?
Millionen wunde Herzen seh' ich bluten,
So viele Tränenströme seh' ich fluten,
Von frecher Willkür weit die Welt zerrüttet,
Der Menschheit Freudenschlösser rings verschüttet,
Ich seh' gepeitscht von hochgestellten Zwergen
Gefangne Riesen, knirschend ihren Schergen. Lenau, die Albigenser.
Soeben brachte der Junge die neueste Nummer des Parteiblattes. Wir sehen ste flüchtig durch, und natürlich fällt unser Blick sofort auf den Bericht über zwet neue Aufreizungspro⸗ zesse, die gegen Parteigenossen anhängig ge⸗ macht wurden. Indem wir die Zeitung zu Ende lesen, verfolgt uns hartnäckig die eine Frage: was ist wohl der etgentliche Sinn des Wortes„Aufreizung“? Schließlich nehmen wir Stock und Hut und begeben uns auf die Straße.—
Wenige Minuten später befinden wir uns in dem Wirrwarr von engen, krummen Gassen, wie ste in der Großstadt dem Viertel eigen sind, das von den schlechtbezahltesten Arbeitern, sowie von dem Lumpenproletariat bewohnt ist. Da wir diesen Stadtteil noch nie besucht haben, setzt uns sein ganz eigentümlicher Charakter in Erstaunen. Aus den schmutzigen, schiefen Häusern, die zu beiden Seiten der Gasse stehen, schlägt dem Passanten eine feuchte, stinkende Luft ent⸗ gegen. Zahlreiche Kinder sitzen auf dem schmutzigen, mit allerhand Gegenständen be⸗ deckten Straßenpflaster, mit den mageren Händ⸗ chen in die fragwürdige Flüssigkeit der Gosse patschend. Wieder andere laufen umher, weinend, schimpfend und zankend. Aber in den Gesichts⸗ zügen aller liegt etwas entsetzlich Greisenhaftes, ihre Wangen sind welk und blaß, ihre Kleider zerlumpt... Aus dunklen Fensterlöchern schielen Dirnen, auf den geschminkten Lippen ein un⸗ zweideutiges Lächeln. Sonst bekommen wir nur wenige Frauen zu Gesicht— es arbeiten ja so viele in der Fabrik—; auch sie tragen den Stempel der Qual und der Ver⸗ zweiflung, wenn nicht des Stumpfsinnes, der jedem Bewohner dieser Gassen aufgedrückt ist.—
Nach längerer Wanderung liegt endlich jener grauenhafte Ort hinter uns, das Gewoge unserer Empfindungen klärt sich, und nur noch ein starkes Gefühl beherrscht uns: das der Empörung.
Ein Blick in den Abgrund D55 Menschen⸗ leides hat genügt, unser innerstes Wesen zu erregen, und indem wir unseren Weg fortsetzen, fühlen wir den Schmerz der Menschheit mit, den wir uns vergegenwärtigen. Wir führen uns die Opfer der heutigen Ordnung vor Augen: die ausgemergelten Lohnsklaven, das Elend in den Arbeiterquartieren,— Arbeitslosigkeit— Krankheit.— Die verkrüppelten Opfer der Arbeit, die verwahrlosten der Prostitution, die unter die Räder des Schicksals gekommenen Insassen der Gefängnisse und Zuchthäuser ziehen an unserem geistigen Auge vorüber. Und über all' dem Grauenhaften thront der Geldsack, der Götze der Bourgeoiste!— Wir sehen die dunklen Kutten des herrschenden Muckertums sich bemühen, die Sonne des Geistes und des Fortschrittes zu verhängen, wir sehen den blutigen Polizeisäbel über unserem Haupte und wir spüren den Gifthauch der Reaktion. Tief in uns aber glüht die Leidenschaft, lodert hell auf die Flamme der Empörung
Wir sind von unserem Ausgange zurück⸗ ekehrt. Ermüdet sinken wir in einen Stuhl.
n unserem Herzen leben gleichzeitig Trauer und frohe Kraft. Wir haben jetzt Antwort gefunden auf die Frage: was ist Auf⸗ zünde C. K,
Von Nah und Lern. Hessisches.
— Ueber die Steuer,reform“ und den nattonalliberalen Steuersucher Becker⸗ Sprendlingen fällte kürzlich, wie unser Mainzer Parteiblatt mitteilt, ein Lehrer an der techni⸗ schen Hochschule ein scharfes, aber treffendes
Urteil. Er erklärte in einer Vorlesung über Natlonal⸗ Oekonomie:„Die ganze Steuerreform, die kürzlich der Reichstag beschlossen, trifft nur das breite Volk. Der einzige Anteil, der auf den Reichen fällt, macht diesem gar nichts aus. Ganz ungeheuerlich waren dabei die Vorschläge des Reichstagsabgeordneten Dr. Becker. Wer aber glaubt, daß er diese ausgedacht, der irrt sich, denn seine 14 jährige Landpraxis bot dazu keine Veranlassung, gerade das Gegenteil hätte er dort lernen können. Er hat ein Brüderlein im Ministerium, dieses sagt es ihm in die Ohren und er ist nur die Trompete.“
— Uebernahme sämtlicher Volks⸗ schullasten auf den Staat fordert ein Antrag an die Zweite Kammer, der vom Ab⸗ geordneten Schönberger eingebracht und von 16 Abgeordneten unterstützt wird. Es wird darin verlangt, daß die Regierung ersucht werden soll, dem Landtage alsbald ein dementsprechendes Gesetz vorzulegen, auf der Grundlage, daß sämtliche persönliche Volksschullasten durch pro⸗ pues abgestufte Zuschläge zur staatlichen Ein⸗ ommensteuer für das ganze Land gleichmäßig aufgebracht würden. Der Antrag bewegt sich in der Richtung der von der Sozialdemokratie schon seit Langem aufgestellten Forderungen, meint dazu das„Offenbacher Abendblatt“, nur will die Sozialdemokratie die Kosten nicht bloß auf die Einkommen-, sondern auch auf andere Formen der Staatssteuern abwälzen.— Die Herren„Vertreter der Landwirtschaft“ haben bei ihrem Antrage offenbar die Nebenabsicht, die Kosten der Schulunterhaltung mehr den Städten aufzuhalsen und das Land zu entlasten.
5 Gießener Angelegenheiten.
— Die Fahrkartensteuer wird seit dem 1. August erhoben. Das ist eine recht duftige Blume im neuesten Steuerbudget. Ge⸗ rade der sogenannte„Mittelstand“ und die minderbemittelten Schichten der Bevölkerung werden durch diese Steuer belastet, wie im Reichstage unsere Genossen bei Beratung der Steuervorlagen darlegten und worauf auch Genosse David in der Versammlung am Mon⸗ tag wieder eindringlich hinwies. Denn die dritte Klasse bringt die stärksten Ein⸗ nahmen, ste wird von den kleinen Geschäfts⸗ leuten, Beamten ꝛc., den Mittelstandsleuten, am meisten benutzt.— Die Steuer wird von jeder Fahrkarte 1.—3. zum Preise von 60 Pfg. und mehr erhoben. Die Verteuerung beträgt
demnach: von über 3. Klasse 2. Klasse 1. Klasse 0.60— 2 Mk. 5 Pfg. 10 Pfg. 20 Pfg. VVV F 40 80„ 1 e,, ee e VVT VVV 40 0%„, 0,, über 50 2.— 4.— 6.—
Herr Heyligenstaedt,„unser“ Abgeordneter im Reichstage, der bei der Wahl auch in Mittelstandsrettung machte, hat für diese famose Steuer gestimmt, ebenso sein Fraktionskollege v. Oriola von Friedberg, Krämer von Wetzlar, Buchsieb vom Limburger Kreise. Die Wähler mögen sich das merken!
— Direktor Schädel geht. Der Di⸗ rektor des Gießener Gymnasiums, Herr Schädel, ist beurlaubt worden, wie wir hören, gegen seinen Willen. Damit hat die Regierung der Affaire Schädel den Abschluß gegeben, den ste nach Lage der Sache finden mußte. Wie fiel man damals über den Abg. David von Seiten der Regierung, der bürgerlichen Abgeordneten und der Amtsblattpresse her, als er diese Dinge im Landtage zur Sprache brachte! Es hat sich erwiesen, daß er Recht hatte. Was sagen nun die Herren, was sagt die Amtspresse dazu?
p. Die Organisation der Maurer hat in letzter Zeit wieder gute Fortschritte zu verzeichnen. Am Schlusse des 2. Quartals war ein Mitgliederbestand von 1079 vorhanden, und gegenwärtig ist die Zahl von 1100 über⸗ schritten. In Gießen, Wetzlar und Umgebung sind bis auf eine geringe Zahl alle organistert. Die Leitung des Verbands hat auch an die Herrn Arbeitgeber eine Eingabe wegen Teue⸗
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